18.01.2018 Dr. Markus Fielder

Die Kriegsethik des muslimischen Saladin – ein Vorreiter der Genfer Konventionen?


Saladin - Verkörpert von dem syrischen Schauspieler Ghassan Massoud im dialog-packenden Hollywoodstreifen "Königreich der Himmel".

Saladin - Verkörpert von dem syrischen Schauspieler Ghassan Massoud im dialog-packenden Hollywoodstreifen "Königreich der Himmel".

Der Fernsehsender „kabel eins Doku“ brachte in seiner Reihe „Die großen Geheimnisse der Geschichte“ eine Dokumentation über den legendären Sultan Saladin, in dem dessen ritterliche Kriegsführung in der Zeit der Kreuzzüge gewürdigt und er nicht nur als ein Herrscher auf einer Stufe mit den Großen der Weltgeschichte wie Alexander der Große oder Caesar genannt wird, sondern mit seiner Kriegsethik sogar als Vorläufer des modernen Völkerrechts in Verbindung gebracht wird. Eine solche Sichtweise mag für viele überraschend sein, denn ein muslimischer Herrscher mit einer so hohen Kriegsethik steht im diametralen Gegensatz zum gegenwärtig - durch das Vorgehen solcher Banden wie der IS-Gang - verbreiteten Bild von einer Religion, die auch im Kampf keinerlei ethische Richtlinien und Prinzipien kennt.

Saladin und Richard Löwenherz

Wohl kaum ein muslimischer Herrscher des Mittelalters erregte im christlichen Abendland im Laufe der Jahrhunderte mehr Aufmerksamkeit und Interesse als der um das Jahr 1137 n. Chr. im heutigen Irak geborene kurdischstämmige Sultan von Ägypten und Syrien, Salah Al Din Yusuf, zumeist auch einfach als „Sultan Saladin“ bekannt.

Im Jahr 1187 n. Chr. eroberte Sultan Saladin das von den Kreuzfahrern kontrollierte Jerusalem. Da die Kreuzfahrer nach dem Fall Jerusalems nun nur noch wenige Städte im „heiligen Land“ kontrollierten, rief Papst Gregor VIII. noch im selben Jahr zum dritten Kreuzzug auf, der 1189 unter der maßgeblichen Führung von Richard Löwenherz, der König von England, begann.

Obwohl sich im Laufe der Zeit viele Legenden bildeten, kann man davon ausgehen, dass der etwa drei Jahre dauernde dritte Kreuzzug vom gegenseitigen Respekt der führenden Akteure geprägt war. Offenbar hat Sultan Saladin trotz der christlichen Belagerung von Akkon dem erkrankten König Löwenherz die Dienste seines eigenen Leibarztes angeboten und ihm Mittel zu seiner Genesung übersandt. Die Ritterlichkeit des muslimischen Sultans sei auch daran deutlich geworden, dass er bei der Schlacht von Jaffa inmitten des Gefechts den christlichen König zwei Pferde bringen ließ, als dessen Pferd während des Kampfes getötet wurde. Weiterhin gab es ungeachtet der anhaltenden Kriegszustand diplomatische Kontakte und es wurden überdies Geschenke ausgetauscht. Die gegenseitige Wertschätzung der verfeindeten Anführer der Muslime und Christen mündete sogar darin, dass Richard Löwenherz Saladins Bruder anbot, seine eigene Schwester zu ehelichen - ein für die damalige Zeit ungeheuerlicher Vorgang.

Der dritte Kreuzzug endete schließlich ohne die Eroberung Jerusalems im Jahr 1192. Richard musste um seinen Thron in England fürchten und vereinbarte einen Waffenstillstand, woraufhin Saladin unter anderem christlichen Pilgern den freien Zugang nach Jerusalem zusicherte. Sultan Saladin verstarb nicht einmal ein Jahr nach diesem Waffenstillstand.

Das positive Saladinbild im Abendland

Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß die Person des Sultans Saladin Eingang in die abendländische Literatur fand - im Folgenden sollen nur die bekanntesten Beispiele erwähnt werden.

Das Interesse an ihm erlosch im Okzident bis in die Neuzeit de facto nie. Gerühmt an ihm wurden zunächst seine Freigiebigkeit und Ritterlichkeit. Schon der deutsche Lyriker Walther von der Vogelweide (etwa 1170 - 1230) stellte den arabischen Sultan in seiner "Löwenherz-Mahnung" aus dem Jahr 1201, also nur ein Jahrzehnt nach dem Beginn des englischen dritten Kreuzzugs, als milden Herrscher und zusammen mit Richard Löwenherz als Vorbild dar.

Dem positiven Bild von Saladin konnte sich offenbar auch Dante Alighieri (1265 - 1321) nicht entziehen, denn er verbannt Saladin in seiner „Göttlichen Komödie“ nicht etwa in die Hölle, wo er mitunter den islamischen Propheten Mohammed ansiedelt, sondern lediglich in den Limbus, in dem sich nach katholischer Theologie Seelen aufhalten, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen sind, also nicht in die Hölle geworfen werden.

Die Aufklärer betonten insbesondere seine religiöse Toleranz, da er zum Beispiel Zwangsbekehrungen abgelehnt habe. Der französische Philosoph Voltaire (1694 - 1778) rühmte in seinem "Essay über die allgemeine Geschichte und die Sitten und den Geist der Nationen" Jahr 1756 die Milde und Toleranz des muslimischen Sultans bei der Einnahme der Stadt Jerusalem, nachdem die christlichen Kreuzfahrer bei ihrer Eroberung der Stadt dort ein Blutbad veranstaltet hatten. In Gotthold Ephraim Lessings (1729 - 1781) Drama „Nathan der Weise“, das in der Zeit des dritten Kreuzzugs spielt, wird Saladin als freigiebig und in seinen religiösen Ansichten als liberal dargestellt.

Das positive Saladinbild wirkte in der Folge noch lange nach. Kein geringerer als der Deutsche Kaiser Wilhelm II. schloss 1898 seine Orient-Reise mit einem Besuch am Grab Saladins in Damaskus ab, wobei er ihn als den „ritterlichsten Herrscher aller Zeiten“ bezeichnete.

Saladinbild und Islambild

Die historische Persönlichkeit Saladins wurde im Lauf der Zeit sicherlich auch romantisch verklärt und von Legenden überwuchert. Es kann konstatiert werden, dass das positive Bild Saladins im Abendland bis zur Aufklärung im Widerspruch zum negativen Islambild stand. Das lässt sich nur so erklären, dass die Handlungsweise Saladins, den die zeitgenössischen Quellen als frommen Muslim beschreiben, gerade nicht durch seinen islamischen Glauben erklärt und zurückgeführt wurde. Mit der Aufklärung änderte sich das Bild des Islams im Okzident. Nicht wenige Dichter, darunter Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832), und Philosophen, darunter Immanuel Kant (1724 - 1804) standen dem Islam sogar positiv gegenüber. Nun konnte das Handeln Saladins gerade auch mit seiner muslimischen Frömmigkeit begründet werden.

Obwohl das Islambild im Abendland heutzutage fast wieder so negativ wie zu Zeiten des Mittelalters ist, erscheint Saladin weiter im positiven Lichte. So wird er in der am Anfang erwähnten Fernsehdokumentation sogar als eine Art Vorstreiter des modernen Völkerrechts bezeichnet.

Eine Vorwegnahme der Genfer Konventionen?

Im Handbuch des Bundesministeriums der Verteidigung „Humanitäres Völkerrecht in bewaffneten Konflikten“ wird Sultan Saladin bei der geschichtlichen Entwicklung bis hin zu den Genfer Konventionen wie folgt erwähnt:

„Unter Führerpersönlichkeiten wie Sultan Saladin im 12. Jahrhundert wurden Regeln der Kriegführung jedoch vorbildlich eingehalten. Saladin ließ vor Jerusalem die Verwundeten beider Seiten versorgen und gestattete dem Johanniter-Orden, seinen Pflegedienst auszuüben.“

Das besagte Handbuch geht im Hinblick auf die Entwicklung in der islamischen Welt noch bis auf Abu Bakr, der Gegenschwager des Propheten Mohammed, zurück, der dort wie folgt zitiert wird:

„Das Blut der Frauen, Kinder und Greise beflecke nicht euren Sieg. Vernichtet nicht die Palmen, brennt nicht die Behausungen und Kornfelder nieder, fällt niemals Obstbäume und tötet das Vieh nur dann, wenn ihr seiner zur Nahrung bedürft."

Das Handbuch des Bundesverteidigungsministeriums vermeidet in diesem Zusammenhang allerdings den Bezug auf den islamischen Religionsstifter Mohamed selbst, der gemäß der Überlieferungswissenschaften diese Kriegsethik begründete und letztlich an seinen Nachfolgern weitergab.

Das würde - erst recht nach den Untaten von IS & Co. - wohl auch die meisten Menschen im Westen überraschen, „gibt es doch wohl kaum ein negatives Urteil, dass im Westen im Lauf der Jahrhunderte noch nicht über den islamischen Religionsstifter gefällt worden ist“, wie es die renommierte deutsche Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel einst ausdrückte.

Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam und Muslime in der europäischen Wahrnehmung.

 

 

 


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