MultiPerspektivisch http://www.multiperspektivisch.de/ Beschreibung de MultiPerspektivisch http://www.multiperspektivisch.de/typo3conf/ext/tt_news/ext_icon.gif http://www.multiperspektivisch.de/ 18 16 Beschreibung TYPO3 - get.content.right http://blogs.law.harvard.edu/tech/rss Wed, 21 Nov 2018 16:57:04 +0100 Causa Asia Bibi – Befreit den Islam! http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/54.html Die vom Tod bedrohte Asia Bibi gehört der christlichen Minderheit in Pakistan an. Sie hat, aufgrund... Die vom Tod bedrohte Asia Bibi gehört der christlichen Minderheit in Pakistan an. Sie hat, aufgrund umdefinierter und zum Machtmissbrauch umgedeuteter Blasphemie-Gesetze, angeblich den Propheten Mohammed beleidigt. Das ist etwas, das im islamisch geprägten Pakistan einem Kapitalverbrechen gleichkommt. Zunächst erwartete sie die Todesstrafe, sie wurde dann jedoch nach jahrelanger Haft freigesprochen, was wiederum den Zorn einer sunnitisch–puritanischen Sekte erweckte, welche - in der Minderheit und als geförderter Vasall des Westens - in den 1980ern gegen die UdSSR in Afghanistan kämpfte, einen Genozid an den Schiiten in Pakistan durchführte, die Ahmadiyya-Muslime zu Freiwild erklärte, den Sufi–Islam, dem die meisten Sunniten angehören, verachtet und nun am liebsten Asia Bibi hängen sehen möchte.

Doch fangen wir zunächst an einem Punkt an, welcher die Verkettung verschiedener Ereignisse zusammenbringen soll, die uns zur jetzigen Situation führten. Untermauert mit den faktischen Gegebenheiten, die es, wenn man sich der Thematik annimmt, zurückblickend zu beachten gilt.

In diesem Zusammenhang ist die Frage zu stellen, welchen Islam es in Pakistan überhaupt gibt. Bezogen auf meine vielen Reisen und den intensiven Austausch mit meinen Kontakten innerhalb der verschiedenen Strömungen des Islams, war ich doch recht überrascht über die Tatsache, dass trotz der immensen Diversität eine militante Minderheit den Ton im theologischen Diskurs vorgibt. Die Überraschung wich allerdings, als ich die Gründe für die ultra-halsstarrige Auslegung des Islams erkundete und einen stringenten Faden vorfand, der militärisch im Sinne der asymmetrischen Form der Kriegsführung in den letzten 100 Jahren immer wieder erkennbar war und zu der „Terrorkatastrophe“ führte, die die Welt bis heute plagt. Und sie wird weiterhin geplagt werden, wenn wir nicht endlich begreifen, dass kurzfristiges Profitdenken, Machtstreben und ein Freund–Feind-Denken unwillkürlich dazu führen werden, dass es zukünftig noch mehr Fälle wie die Causa „Asia Bibi“ geben wird.

Bereits nach der Unabhängigkeit des Landes war die Politik darum bemüht, die Quadratur des Kreises zu vollbringen. Der Versuch eine religiöse Doktrin, die die Übereinstimmung aller Gesetze mit den islamischen Quellen fordert, mit den demokratischen Maßstäben, auch eine nicht-islamische Religion frei ausüben zu können, in Einklang zu bringen, erzeugte im Rückblick eine diffuse Situation, die weder „Fisch“ noch „Fleisch“ ist. 1973 erhielt das Land zunächst eine Verfassung, die jedem Bürger das Recht zugesteht, an das zu glauben was er möchte, der Sekte anzugehören, der man angehören möchte, und sie schützt die Bürger vor der religiösen Besteuerung. Eben jene in der Verfassung verankerte Religionsfreiheit führt nun zum Konflikt mit einem religiösen Dogmatismus, dem sich ultra-halsstarrige Salafisten / Wahhabiten seit den 1980ern hingeben.

Im Zusammenspiel mit den Intentionen US-amerikanischer Interessen und der finanziellen und theologischen Unterstützung aus Saudi-Arabien empfing in jenem Jahrzehnt die stark wahhabitisch geprägte "Deobandi-Bewegung" eine immense Aufwertung, welche im Afghanistan-Krieg gegen die Sowjetunion zum Einsatz kam - und später zur Stärkung der Taliban, der Entstehung von Al–Qaida, zu den Anschlägen in Washington, New York und Shanksville am 11. September 2001 und dem Entstehen des sogenannten „Islamischen Staates“ führte. Der Bogen wird sich sicherlich zu möglichen Entstehungen weiterer Terrorgruppen im Nahen Osten, in Asien, auf dem indischen Subkontinent und in Afrika zukünftig weiter spannen lassen. Eine Entwicklung, die nicht von der Hand zu weisen ist und der man sich, mit Lösungskonzepten im Zentrum, wird stellen müssen.

Im Wettbewerb um die Wahrheit, Reinheit und Deutungshoheit über den wahren Islam kam es im Laufe der Zeit zwischen den einzelnen Fraktionen islamischer Prägungen immer wieder zu Auseinandersetzungen, bei denen Tausende Schiiten - man spricht hier auch vom „Völkermord“ an den Schiiten -, zahlreiche Sufis, Ahmadiyya-Muslime und auch Christen ums Leben gekommen sind. Anfangs zu Eigenzwecken durch den pakistanischen Geheimdienst gefördert, nach dem Afghanistankrieg verstärkt als Gegenpart zum schiitischen, aber panislamisch geprägten Iran genutzt, manifestierte sich die Dominanz der „Deobandi–Bewegung“ mit ihrer extrem intoleranten Auslegung der Scharia im Land.

Nach wie vor wird diese Bewegung unterstützt durch private Finanziers aus dem Mutterland des Wahhabismus, Saudi-Arabien, vor den Augen der Weltgemeinschaft. Die „Deobandi–Ideologie“, die als Minderheit einer Mehrheit das gesellschaftliche Leben vorschreibt, hat zum Beispiel ab dem Moment, an dem sie Einfluss gewann, durch die Einführung der „Hudud–Strafen“ salafistischer Prägung, das Trinken von Alkohol und außerehelichen Geschlechtsverkehr kriminalisiert und unter strenge Strafe gestellt. Ihre Scharia-Gerichte wurden eingeführt. Die Blasphemie-Gesetze, die ironischerweise Hasspredigern Einhalt gebieten sollten, wurden nun einem strengen Diktat untergeordnet, welches durch eben jene Gesetze eine Mehrheit gefügig macht, Bürger diskriminiert, Menschen in Angst und Schrecken versetzt, mehrheitlich davon Muslime, zum Tod an alle anders denkenden Muslimen, Christen, Atheisten und so weiter aufruft, da sie keine (wahren) Muslime sind und den Tod der Christin Asia Bibi fordert. Und als Krönung der ganzen Tragödie, die auf die gesamte muslimische Welt abfärbt, versagt das justiziable System in Pakistan, und die Regierung lässt sich erpressen.

Warum? Weil die Menschen Angst haben. Sie haben Angst vor einer gewaltbereiten, militanten und äußerst aggressiven wahhabitisch–salafistisch geprägten Bewegung, die im Afghanistan–Krieg der 1980er Jahre nützlich war und durch den Westen wie auch Saudi-Arabien gleichermaßen gefördert wurde. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie immer noch gefördert - durch private Geldströme aus dem saudischen Königreich, dessen religiöse Auslegung des Islams der des sogenannten „Islamischen Staates“ und der „Deobandi–Bewegung“ nicht unähnlich ist.

Was ist die Lösung? Wie kann man die Dominanz einer Minorität durchbrechen?

Indem man sich gegen sie stellt und nicht auf ihre Forderungen eingeht. Indem man seitens muslimischer Institutionen, angefangen in Saudi-Arabien, von Kairo bis nach Qom, aufsteht und sich in aller Deutlichkeit gegen die stellt, die gerade unter Muslimen Angst und Schrecken verbreiten und in dem man sich demonstrativ, unter den Augen der weltweiten Öffentlichkeit, sich für eine Christin einsetzt, die für eine Machtdemonstration über die Deutungshoheit des Islams missbraucht wird und Leid erfährt.

Ihr Leid ist auch das Leid der Bürger in Pakistan und weltweit derer, die muslimischen Glaubens sind und genug von der Unterdrückung durch die Fanatiker in der eigenen Religion haben, die sich aber dennoch nicht trauen, endlich eine Bewegung loszutreten, die den Gedanken der Freiheit im Islam aufgreift und daraus einer Weltanschauung macht, in der jeder frei und ohne Zwang glauben kann, was er will oder nicht will.

Das Überleben Asia Bibis in einem freien Pakistan ist gleichzusetzen mit der Befreiung aller Muslime, die sich von den Fesseln extremistischer Auslegungen losgelöst in einem selbstbestimmten Leben sehen möchten. Und das sind nicht wenige.

Dieses Recht steht ihnen, wie allen anderen Menschen weltweit, verbrieft durch die universellen Menschenrechte, zu.

Dieses Recht steht auch Asia Bibi zu!


Simon JacobSimon Jacob ist Buchautor, Politikberater und Vorsitzender des „Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland e.V. – ZOCD“. Im Rahmen des von ihm initiierten Projektes Peacemaker-Tour war er 2015/2016 als Friedensbotschafter des Zentralrats und freier Journalist im Nahen Osten unterwegs. In gut fünf Monaten legte Simon Jacob rund 40.000 km zurück und besuchte neben der Türkei, Georgien, Armenien und Iran auch die Krisengebiete in Nordsyrien und Nordirak. Seine Beobachtungen und Erfahrungen dokumentierte er in seinem Buch "Peacemaker - Mein Krieg. Mein Friede. Unsere Zukunft.", das im April 2018 im Herder Verlag erschienen ist.


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simon.jacob@oannes-consulting.com Wed, 21 Nov 2018 16:57:04 +0100
Die Aktivitäten von Ayatollah Alavi Borujerdi und die Annäherung zwischen Sunniten und Schiiten http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/53.html Die Rolle und Funktion der Geistlichkeit in Iran wird in allen wissenschaftlichen und politischen... Die Rolle und Funktion der Geistlichkeit in Iran wird in allen wissenschaftlichen und politischen Diskursen unserer Gesellschaft diskutiert. Was wir oft dabei beobachten, sind Haltungen, die mit Vorurteilen und Stereotypen arbeiten. Was die schiitische Geistlichkeit in Iran ist, möchte ich hier aber nicht eingehend diskutieren, stattdessen konzentriere ich meine Aufmerksamkeit auf das dialogische Anliegen von Ayatollah Seyyed Mohammad Javad Alavi Boroujerdi (geb. 1954) im Hinblick auf das Verhältnis zwischen dem sunnitischen und schiitischen Islam.

Gewiss hat in der Geschichte des Islam die schiitische Geistlichkeit einen großen Einfluss ausgeübt - und zwar nicht nur auf islamische Theologie, Philosophie und Rechtswissenschaften, sondern sie hat auch zahlreiche andere Gebiete mit geformt. Diese Erkenntnis, die in der islamischen Welt ein Allgemeinplatz ist, kann in den westlichen Gesellschaften nicht genug hervorgehoben werden, weil wir Menschen aufgrund der Umstände der Zeit gerne die Errungenschaften anderer Kulturen kleinreden oder geradezu übersehen. Die schiitisch-iranische Geistlichkeit ist von Mannigfaltigkeit geprägt. Es ist zu beobachten, dass im Westen das negative, im Hinblick auf politische Weltereignisse dargestellte Bild nur eine angenommene Seite der Geistlichkeit repräsentiert.

Darüber hinaus wird bei der Darstellung von politischen Konflikten im Nahen Osten häufig betont, dass es sich angeblich um religiöse Rivalitäten zwischen den Konfessionen der Sunniten und Schiiten handeln würde. Die Realität - jenseits aller journalistischen Oberflächlichkeit und Fake-News - spricht hingegen eine völlig andere Sprache. Die schiitisch-iranische Geistlichkeit hat bereits vor der Islamischen Revolution im Jahr 1979 einen breiten Diskurs mit Sunniten entfaltet, der bis in unsere Tage hinein vertieft worden ist. Dabei werden die vielen Gemeinsamkeiten und die wenigen Differenzen, die politischer Natur sind, sensibel diskutiert.

Großayatollah Borujerdi als früher Vermittler zwischen Sunniten und Schiiten

Bahnbrechende Erfolge im Diskurs zwischen diesen Konfessionen erzielte bereits Großayatollah Seyyed Hussein Borujerdi (1875-1961), der Großvater von Ayatollah Alavi Borujerdi. In dem damaligen theologischen Zentrum des Schiitentums, in der religiösen Hochschule von Najaf im Irak, entwickelte sich Großayatollah Borujerdi als ein erfolgreicher Schüler von Akhund-e Khorasani (1839-1911). Lehrmeister Khorasani ist zum einen anerkannt aufgrund seines rechtswissenschaftlichen Nachschlagwerks (der Kifāya), das in den religiösen Hochschulen als Unterrichtsgrundlage verwendet wird, zum anderen gilt er als eine der Hauptfiguren in der iranischen Geistlichkeit, welche die Verfassungsrevolution (1905-1911) mit unterstützt haben. Großayatollah Borujerdi eröffnete einen Diskurs mit der sunnitischen Geistlichkeit, um eine Annäherung zwischen beiden Glaubensgemeinschaften zu initiieren. Ein Erfolg dieses dialogischen Diskurses ist die Anerkennung der schiitischen Rechtsschule durch den Großmufti von al-Azhar, Scheich Mahmud Schaltut (1893-1963).

 Die Kindheit und Jugend Ayatollah Borujerdis

Der Enkelsohn des Großayatollah Borujerdi, Ayatollah Alavi Borujerdi, ist in einer geistlich geprägten Familie aufgewachsen, sein Vater war ebenfalls Geistlicher.

Ayatollah Alavi Borujerdi besuchte zunächst eine staatliche Schule, dann das Gymnasium. Bereits in dieser frühen Zeit beschäftigte er sich mit der Lektüre religiöser Bücher und dem Erlernen der arabischen Sprache. Die Möglichkeit zur Teilnahme an theologischen Sitzungen vermittelte dem Jungen die Bekanntschaft mit religiösen Akademikern sowie mit Geistlichen, die sich aktiv gegen die Monarchie von Mohammad Reza Pahlavi engagierten. Dies bedeutete für den Jugendlichen die Einführung in die Gedankenwelt von sogenannten „Traditionalisten“ und „Modernisten“. Seine Überlegungen wurden im Lauf seines Lebens von Strömungen beider politischer Lager geprägt.

Nach dem Abitur nahm Ayatollah Alavi Borujerdi ein Jurastudium an der staatlichen Universität in Teheran auf. Obwohl er sehr gute Englischkenntnisse vorweisen konnte und einem Studium im Ausland nichts im Wege stand, zog er es vor, weiter in seinem Heimatland zu studieren. Nach einiger Zeit, in welcher der junge Alavi Borujerdi einen Wandel im Denken durchlebte, brach er dieses Studium ab und traf die Entscheidung, den Weg seines Vaters und seines Großvaters zu wählen. Er begab sich nach Qom, wo sich die wichtigste religiöse Hochschule für schiitische Theologie, Philosophie, Jurisprudenz, Koran- und Überlieferungswissenschaften befindet. In Ghom, wo er bis heute lebt und wirkt, setzte er sein Studium bis zum höchsten Grad des Ijhtihads, der Erlaubnis zur selbständigen Rechtsfindung des Rechtsgelehrten, fort.

Borujerdi und seine Bedeutung für die Annäherung zwischen Sunniten und Schiiten in der Gegenwart

Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Denkrichtungen war für das Leben von Ayatollah Alavi Borujerdi prägend. Seine Überlegungen im Hinblick auf Theologie und Jurisprudenz, die er als Erbe seines Großvaters fortsetzte, bringt er auf dem Gebiet der Annäherung zwischen Sunniten und Schiiten mit Erfolg ein. Die Errungenschaften des Großvaters, nämlich das "Institut zur Annäherung zwischen islamischen Rechtsschulen" ist der Grundstein, auf dem Ayatollah Alavi Borujerdi aufbaut. Seiner Auffassung nach sind Sunniten und Schiiten durch zahlreiche Gemeinsamkeiten verbunden: für beide sind der Koran (das heilige Buch der Muslime und die wichtigsten Geistesquelle des Islams) und die Sunna (die prophetischen Überlieferungen) grundlegend. Im Hinblick auf religiöse Überzeugungen, die sowohl sunnitische als auch schiitische Gelehrten in ihren Werken erwähnen und worin sie auseinandergehen, wie die theologische und damit einhergehend die politische Nachfolge des Propheten, müssen beide nach einer neuen gemeinsamen hermeneutischen Betrachtung suchen.

Für Ayatollah Alavi Borujerdi ist es grundlegend, zwischen Sunniten und deren Rechtsschulen auf der einen Seite und Wahhabiten auf der anderen Seite eine klare Grenze zu ziehen, da der Wahhabismus dem Geist des Islam und dessen Lehren fremd sei. Anzumerken ist hier, dass der Wahhabismus weniger eine religiöse, sondern vielmehr eine politische Bewegung darstelle, die den Islam zu ihren Gunsten auslege und ausnutze. Ayatollah Alavi Borujerdi hält die Annäherung zwischen den islamischen Rechtsschulen in der Gegenwart für eminent bedeutsam, da jede Meinungsverschiedenheit zwischen Muslimen von extremistischen Gruppierungen ausgenutzt und besetzt werden könne.

Weitere Aktivitäten von Ayatollah Alavi Borujerdi

Neben seinen Verpflichtungen in Forschung und Lehre gründete Ayatollah Alavi Borujerdi das Institut "Großayatollah Seyed Hussain Borujerdi" in Qom. Er setzt sich zudem für die Restaurierung der großen Kuppel und der Minarette der Azam-Moschee in Qom ein, die von seinem Großvater gebaut worden ist. In Zentralasien, in der Türkei und im Kaukasus werden mit seiner Hilfe religiöse Werke für Schiiten veröffentlicht.

Es bleibt zu hoffen, dass die Maxime von Großayatollah Borujerdi, der sich mit Leib und Seele für den innerislamischen Dialog eingesetzt hat, heute durch dessen Enkel, der in Iran eine große Anerkennung genießt, fortgesetzt werden möge.


Dr. phil. Sedigheh Mousavi Dr. phil. Sedigheh Mousavi Khansari arbeitet an der Philosophischen Fakultät "Orient- und Islamwissenschaft" der Eberhard Karls Universität Tübingen und ist die Autorin des Buchs "Molla Sadras Handlungstheorie im historischen Kontext". Ihre Forschungsgebiete sind unter anderem die Schiitische Philosophie vom 13. bis ins 17. Jahrhundert, Handlungstheorie und die Geschichte der Safawiden.


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sedigheh.mousavi@aoi.uni-tuebingen.de Fri, 09 Nov 2018 12:14:16 +0100
Trotz Neutralitätsgebot: Religion wird von Staat bewertet und beeinflusst http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/52.html Aleviten, Ahmadis und Millî Görüş: Wer ist „richtiger“ Moslem? Auch wenn dies für viele eine... Aleviten, Ahmadis und Millî Görüş: Wer ist „richtiger“ Moslem? Auch wenn dies für viele eine wichtige Frage ist, so muss sie für den Staat irrelevant sein. Der Staat muss die Beantwortung letzter Fragen seinen Bürgern überlassen und darf keine Position zum Wahrheitsanspruch von Religionen und religiösen Personen beziehen. Darüber hinaus muss jeder Einzelne seine Religion oder Nichtreligion privat und öffentlich so leben können, wie er es für richtig hält. Das schließt öffentliche Diskussionen über Religion und Religionszugehörigkeiten nicht aus. Aber der Staat darf die Grenzen von Religionszugehörigkeiten nicht definieren, das dürfen nur die religiösen Gemeinschaften selbst.

Das ist das Ideal der Offenen Religionspolitik. Verwirklicht ist es nur in sehr wenigen Staaten der Welt. Auch dem deutschen Staat ist religiös-weltanschauliche Neutralität vom Grundgesetz aufgegeben und dennoch wertet und beeinflusst er Religion. Das Problem ist dabei nicht, dass der Staat religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften fördert. So ermöglicht der deutsche Staat Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, den Einzug der Kirchensteuer, Theologie an staatlichen Universitäten, die Finanzierung religiöser Wohlfahrt und vieles mehr. Das Problem ist, dass die Förderung selektiv erfolgt und dadurch einzelne Gruppen gegenüber anderen gestärkt werden.

Desinteresse der Politik

Das Höchstmaß an staatlicher Förderung erreichen die römisch-katholische Kirche, die evangelischen Landeskirchen und der Zentralrat der Juden in Deutschland. Der Staat kooperiert und unterstützt diese Gemeinschaften gern. Es ist für diese in der Regel kein Problem, Schulen und Krankenhäuser zu errichten und Religionsunterricht an öffentlichen Schulen zu erteilen. Essentiell ist für den Status dieser Gemeinschaften, dass ihre Lehren als glaubhaft, glaubwürdig und förderungswürdig gelten.

Dahinter zurück stehen Gemeinschaften, die zwar niemandem schaden, aber dennoch als weniger glaubhaft, glaubwürdig und förderungswürdig angesehen werden. Dazu gehört eine ganze Reihe christlicher Kirchen wie die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage und die Neuapostolische Kirche, aber auch Gemeinschaften wie die Bahai, der Humanistische Verband, unitarische Christen und die Aleviten. Manchmal ist es die tatsächliche oder vermeintliche Fremdheit, die eine engere Kooperation mit dem Staat verhindert, manchmal sind es schlicht die fehlende Größe oder fehlende Strukturen, häufig schlicht Desinteresse seitens der Politik.

Ziel des Staates: „Moderater“ Islam

Erstaunlich groß ist das politische Interesse bei denjenigen Gemeinschaften, die als gefährlich eingestuft werden. Dies betrifft heutzutage insbesondere die drei Millionen Muslime in Deutschland, darunter mehr als eine Million Deutsche. Ausgrenzung (allein) halten viele Politiker gegenüber Muslimen für die falsche Strategie. Stattdessen müsse der Islam integriert, zivilisiert und demokratisiert werden. Entsprechend werden große staatliche Programme aufgesetzt, um einen „moderateren“ Islam hervorzubringen.

Um eines ganz klar zu sagen: Der deutsche Staat verfolgt keine Minderheiten. Aber er schafft Anreizstrukturen, mit deren Hilfe sich einzelne Gemeinschaften und einzelne Strömungen in Religionen besser behaupten können als andere. Diese Lenkungswirkung kann die Gemeinschaften vor ungewollte – und in meinen Augen unnötige – Probleme stellen.

Beispiel: Die Aleviten

Deutlich wird das am Beispiel der Aleviten. Während sie im Osmanischen Reich als Häretiker verfolgt wurden, sind sie in der Türkei einem Sunnitisierungsdruck ausgesetzt. Wenig überraschend ist daher, dass die Auffassungen unter Aleviten weit auseinandergehen, ob sie Muslime sind oder nicht. In diese inneralevitische Diskussion hinein wirken nun die Anreizstrukturen des deutschen Staates. Die bis in die Politik verbreitete Islamophobie macht es für Aleviten attraktiv, sich nicht als Muslime zu verstehen. Durch die Betonung des eigenen humanistischen Erbes kann es gelingen, sich als die „guten Einwanderer“ aus der Türkei zu präsentieren – im Gegensatz zu den muslimischen – was dann von der Politik honoriert wird.

Andererseits investiert der deutsche Staat große Mittel in die „Integration“ des Islam und eben nicht in die Gleichberechtigung aller Religionen und Weltanschauungen. Für Aleviten und ihre Verbände stellt sich daher die Frage, ob sie auf der Seite der Muslime stehen und von Förderprogrammen profitieren wollen oder ob sie auf der Seite der anderen kleineren Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften stehen wollen, die viel weniger von staatlicher Förderung profitieren. Wer zum Beispiel intensiv mit dem Staat über die Förderung von Religionsunterricht, Theologie und Wohlfahrt sprechen will, sollte tunlichst Mitglied der Deutschen Islam Konferenz sein. Entsprechend sind die Aleviten Mitglied der Deutschen Islam Konferenz – trotz der eigenen Zweifel an der Zugehörigkeit zum Islam. Es gibt schlicht keine bessere religionspolitische Plattform.

Gleichberechtigung statt Integration

In meinen Augen hat die Frage, ob Aleviten Muslime sind oder nicht, eine viel zu hohe politische Bedeutung. Der deutsche Staat sollte sich befreien von der „Integration“ der Muslime und stattdessen an der Gleichberechtigung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften arbeiten. Die Ausweitung der Deutschen Islam Konferenz in eine Deutsche Konferenz für Religion und Weltanschauung (DKRW) wäre dafür ein wichtiger Schritt. Bei der DKRW könnten alle Gemeinschaften mit dem Staat diskutieren, wie sie die Kooperation mit diesem verbessern können – ohne dass irgendjemand ein Bekenntnis für oder gegen den Islam (oder beides zugleich) abgeben müsste. Durch die DKRW würden auch endlich säkulare Humanisten, Mormonen, Bahai und viele andere einbezogen werden. Bislang ist das Forum Offene Religionspolitik die einzige Institution die eine Deutsche Konferenz für Religion und Weltanschauung fordert, aber wir bemühen uns um Mitstreiter.

Für einen derartigen Kurs der konsequenten Öffnung, eine Offene Religionspolitik werbe ich weltweit – alle religiösen und nichtreligiösen Minderheiten betreffend. Offene Religionspolitik respektiert die Religiosität des Einzelnen. Ihr sind sowohl staatliche Missionierung als auch staatliche Säkularisierung verwehrt. Sie lässt die Antwort auf letzte Fragen offen und gibt keine Wahrheiten vor. Die Entscheidung für oder gegen eine Religion überlässt eine offene Religionspolitik dem einzelnen Bürger.

Kopftuchverbot macht Bürgerinnen zu Fremden im eigenen Land

Offen muss der Staat auch für das gelebte Bekenntnis seiner Bürger sein. Zwar ist Religion Privatsache, aber dennoch hat jeder Bürger das Recht, seine Religion oder Weltanschauung in das öffentliche Leben einzubringen. In der geschlossenen Religionspolitik hingegen kann nicht jeder Bürger sein religiöses oder weltanschauliches Bekenntnis öffentlich leben. Ein Beispiel dafür ist das so genannte Kopftuchverbot: Einige Bundesländer untersagen muslimischen Lehrerinnen, ihre Religiosität mit einem Kopftuch auszudrücken. Das gleiche galt für Frauen an türkischen Universitäten. Durch ein derartiges Verbot macht der Staat Bürgerinnen zu Fremden im eigenen Land.

Konflikte sind bei der aus der Offenheit hervorgehenden oder sichtbar werdenden Vielfalt vorprogrammiert. Aber wenn wir in einer religiös-weltanschaulich vielfältigen Gesellschaft friedlich leben wollen, müssen wir uns auf die Andersartigkeit des Anderen einlassen. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, die Bürger eines Landes alle gleich machen zu können (und das damit irgendetwas gewonnen wäre). Das gleiche gilt für die Vorstellung, alle Anhänger einer Religion oder Tradition in einem Land gleich machen zu können. Wir müssen lernen, für die Vielfalt offen zu sein.

Staat hat Ziel einer einzigen Organisation aufgegeben

In Deutschland hat die Politik endlich das Ziel aufgegeben, alle Muslime in einer einzigen Organisation zusammenfassen zu wollen. Ausdruck dafür ist die Anerkennung der Ahmadiyya Muslim Jamaat als Körperschaft des öffentlichen Rechts und der Einrichtung von Religionsunterricht für Ahmadis. Auch die DITIB steht kurz vor einer derartigen Anerkennung. Die gleiche organisatorische Vielfalt muss auch im Alevitentum möglich sein und vom Staat anerkannt werden. Es darf für den Staat keine Rolle spielen, ob sich Aleviten als Muslime verstehen oder nicht – oder ob sie sich nicht festlegen. Der Staat sollte mit allen Gemeinschaften ganz gleich welcher Ausrichtung freundschaftlich kooperieren. Das gilt nicht nur für die alevitische Gemeinschaften, sondern auch für (andere) muslimische Gemeinschaften, christliche Kirchen, humanistische Organisationen usw. Und das gilt für Deutschland wie für die Türkei wie für jedes andere Land der Welt.


Mit freundlicher Genehmigung von IslamiQ.


Sven SpeerDr. phil. Sven Speer ist Vorsitzender des Forums Offene Religionspolitik (FOR) seit dessen Gründung 2011. Als Mitarbeiter und im Rahmen von Vorträgen und Gutachten berät er Regierungsorganisationen, Abgeordnete, Religionsgemeinschaften und Verbände zum Verhältnis von Staat und Religion – u.a. in Berlin, Jerusalem, Beirut, Kairo, Washington D.C., Houston und Salt Lake City. Speer hat Politikwissenschaft und Geschichte studiert und am Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘, am German Marshall Fund of the United States und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien zur politischen Regulierung von Religion geforscht.


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sven.speer@offene-religionspolitik.de Thu, 01 Nov 2018 10:53:14 +0100
Theologisierung von Problemen und ihre Auswirkungen auf Muslime und Nicht-Muslime http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/51.html Der Sozialwissenschaftler Murat Gümüş ist Generalsekretär des Islamrates für die Bundesrepublik... Der Sozialwissenschaftler Murat Gümüş ist Generalsekretär des Islamrates für die Bundesrepublik Deutschland und stellvertretender Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Er war davor in der Jugendorganisation der IGMG und zuletzt in ihrer Studierendenabteilung aktiv. Das Interview führte Ali Mete von IslamiQ.

IslamiQ: Es wird öfter über „Islamismus“, „Dschihadismus“ und „Salafismus“ gesprochen als über den Islam, Dschihad und über die Salaf. Teilen Sie diese Einschätzung? Welche Gründe hat das Ihrer Meinung nach?

Murat Gümüş: Der 11. September, andere Anschläge auch auf europäischem Boden und die zunehmende Radikalisierung allgemein haben zu zwei getrennten Diskursräumen geführt.

Der erste und dominierende Diskursraum ist der weite öffentliche Raum, die politische und mediale Ebene. In ihm gehören die Begrifflichkeiten „Islamismus“, „Dschihadismus“ und „Salafismus“ zum Standardrepertoire der Erklärungsversuche von Radikalisierungserscheinungen. Überraschend ist, dass dieser von unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Akteuren geteilt wird: die Minderheit derjenigen Muslime, die den Islam auf eine Ideologie reduzieren einerseits und die „Islamkritiker“ andererseits. Beide Seiten etablieren und reproduzieren bestimmte Begriffe und deren Deutungen. Unter Dschihad/„Dschihadismus“ oder Islam/„Islamismus“ verstehen beide Seiten in etwa das Gleiche. In der Auslegungsmethodik der Primärquellen des Islams unterscheiden sie sich nicht wesentlich, beide haben Zugang zu diversen modernen Kommunikationsmitteln und können sich dementsprechend gut platzieren.

Der zweite Diskursraum beinhaltet die gelebte muslimische Praxis der überwältigenden Mehrheit der Muslime. Dort geht es nicht um die Frage, ob der Islam Gewalt befürwortet. Diese Frage ist in der gelebten Praxis bereits geklärt. Hier geht es vielmehr um eine gottgefällige Lebensführung im Alltag. Im Raum stehen praktische Fragen wie Halal-Lebensmittel, Zinsen beim Erwerb von Immobilien oder Organtransplantationen. Den Muslimen geht es um die gleichberechtigte Teilhabe im öffentlichen Raum – sozial, kulturell, intellektuell. Also auch ihre Existenz und Sichtbarkeit als Muslime. Das ist, was sie unter gelebtem Islam oder Dschihad auch verstehen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Muslime irritiert sind, wenn sie immer wieder gefragt werden, wie sie diese und jene extremistische Gruppen einschätzen. Denn für sie lässt sich Extremismus islamisch nicht legitimieren.

IslamiQ: In öffentlichen Debatten werden Ismen gerne zur Abgrenzung verwendet: Nicht der Islam sei gefährlich, sondern der „Islamismus“. Nicht der Bezug zur Salaf sei gefährlich, sondern der „Salafismus“. Solche Unterscheidungsbestregungen sind zwar verständlich, führen aber nur selten zu einer ausreichenden Differenzierung in der Wahrnehmung. Wie sehen Sie das?

Murat Gümüş: Das ist in der Tat ein großes Problem. Auf der einen Seite existiert der nachvollziehbare Bedarf nach Erklärung und Benennung. Auf der anderen Seite stößt man bei solchen Versuchen auf seine Grenzen, wenn sie über den eigentlich fokussierten und klar abzugrenzenden Forschungsgegenstand hinaus noch andere Subjekte miterfassen.

Aufgrund des aktuellen Kontextes erleben wir das Problem bei den Begriffen „Islamismus“, „Salafismus“ und „Dschihadismus“. Die Begriffe Islam, Salaf und Dschihad sind für Muslime zentral und durchweg positiv konnotiert; sie sind konstitutiv für ihre Selbstdefinition. Durch das Suffix „ismus“ wird etwas ursprünglich Positives zu etwas grundsätzlich Negativem, „Bösem“. Wenn selbst Behörden hier manchmal nicht klar unterscheiden können, kann man eine Differenzierung auch von der Gesellschaft nicht erwarten. Hier muss etwas geschehen, es muss zu einem Umdenken kommen.

Die islamischen Religionsgemeinschaften versuchen bei jeder Gelegenheit hierauf aufmerksam zu machen und ein Umdenken anzustoßen. Die Politik zeigt zum Teil auch eine gewisse Bereitschaft, gemeinsam nach Alternativen zu suchen. Sie erkennen das Problem mittlerweile auch. Jedoch wird diese Sorge dem Anschein nach leider nicht von allen relevanten Akteuren getragen. Akademiker an den islamisch-theologischen Instituten müssen sich der Sorge der Muslime über die Zweckentfremdung islamisch-theologischer Begrifflichkeiten wie im Fall „Dschihadismus“, durch wen auch immer, stärker annehmen. Momentan ist es leider eher so, dass sie – sicherlich ungewollt – bei Tagungen oder Projekten diese Begriffe und Deutungen reproduzieren und verfestigen.

IslamiQ: Das Problem ist also ein sprachliches und kein theologisches.

Murat Gümüş: Ja, aber mit gravierenden Folgen für die islamische Theologie. Denn durch die Verwendung theologischer Begriffe zur Kennzeichnung von problematischen Phänomenen wird auch das Problem selbst theologisiert. Viele Studien und Interviews mit Rückkehrern aus Syrien haben ergeben, dass diese Menschen über wenig bis kaum islamisch-theologisches Grundwissen verfügen. Vielmehr entsteht ein diffuses Bild alternierender, vielfältiger, potenzieller Ursachen, die sich zum erheblichen Teil auch aus unterschiedlichen Lebenssituationen ergeben, die mit ausschlaggebend für ihre Radikalisierung gewesen ist. Die Hinwendung zu problematischen und von der überwältigenden Mehrheit der Muslime abgelehnten Auslegungen islamischer Quellen ist dann häufig nicht der Auslöser der Radikalisierung, sondern das Ergebnis der Verquickung von hauptsächlich sozialen oder psychologischen Faktoren. Dies wird durch die Verwendung der Begriffe „Islamismus“, „Dschihadismus“ und „Salafismus“ häufig übermalt.

IslamiQ: Muslime werden aufgefordert, die Deutungshoheit über ihre Begriffe, die sie an extremistische Gruppen verloren zu haben scheinen, wiederzuerlangen. Wann und warum haben sie diese Ihrer Einschätzung nach verloren?

Murat Gümüş: Die traditionellen Orte des Wissenserwerbs über die islamische Theologie waren lange Zeit islamische Bildungseinrichtungen wie Madrasas, Stiftungen, Moscheen und – wenn es um die Religionspraxis geht – die Familie oder Gesprächskreise. Das Internet ist in den letzten Jahren als neue Quelle hinzugekommen. Während bei den Ersteren eine systematische Einordnung der Quellen und der Zugang zu ihnen von einem Gelehrten oder nachweislich Fachkundigen beigebracht wurde bzw. wird, fehlt diese Instanz im Internet. Hier ist jeder sein eigener Herr. Das Internet bietet eine unüberschaubare und nur schwer überprüfbare Palette an Angeboten über die islamische Theologie. Hier ist man gänzlich auf sich selbst und dem bis dahin erworbenen oder nicht erworbenen Fachwissen überlassen. Wie bei allem anderen auch kann das Internet als Wissensquelle für den Kenner ein Segen sein, für den Laien hingegen ein Fluch.

Vor diesem Hintergrund kann kaum von einem Verlust der Deutungshoheit gesprochen werden. Denn zum einen werden spätestens seit dem 11. September im internationalen Kontext fast schon jährlich theologische Positionierungen vorgenommen. Auf der anderen Seite haben die islamischen Religionsgemeinschaften in Deutschland schon vor Jahren begonnen, dieses Thema auf ihre Agenda zu nehmen und dazu Positionierungen zu veröffentlichen. Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) hat in ihren jährlichen Panels und Publikationen das Thema der problematischen Auslegung islamischer Quellen mehrfach aufgegriffen. DITIB hat zu diesem Thema eine ausführliche Stellungnahme veröffentlicht.

Ich denke, dass die Deutungshoheit auf lange Sicht nicht wesentlich gefährdet sein wird, auch wenn man diese Entwicklungen ernst nehmen muss. Es wäre aber verkehrt zu erwarten, dass es ausreichend sein könnte, wenn islamische Religionsgemeinschaften ihre Inhalte stärker im Internet platzieren. Das Internet kann – sinnvoll genutzt – nur eine ergänzende Funktion beim Wissenserwerb über den Islam einnehmen. Die eigentlichen und authentischen Institutionen und Instanzen beim Wissenserwerb waren, sind und werden weiterhin die traditionellen Orte wie Moscheegemeinden, Bildungseinrichtungen und das Zuhause sein. Hier müssen wir und sind wir aus einem islamischen Bewusstsein heraus bestrebt, mehr Menschen zu erreichen.

IslamiQ: Muslime müssen mit der Spannung zwischen ihrem Glauben und den Folgen der Taten Einzelner leben. Wie wird sich Ihrer Meinung nach die belastende Atmosphäre in Deutschland auf die muslimische Jugend auswirken?

Murat Gümüş: Es wird sehr viel über den Islam gesprochen und diskutiert. Im europäischen Kontext ist das nichts Neues. Mit ähnlichen Herausforderungen sahen und sehen sich auch Christen konfrontiert. Jedoch sind Muslime in Europa eine Minderheit – eine von immer mehr Menschen weniger akzeptierte Minderheit. Minderheiten, egal ob religiöse oder ethnische, sehen sich stets vor der Situation, sich erklären zu müssen. Gerade vor dem Hintergrund terroristischer Anschläge – angeblich im Namen des Islams – sehen sich Muslime unter einer Doppelbelastung: sich aufgrund ihrer Minderheitsposition erklären zu müssen und unter Beweis stellen zu müssen, dass man eine andere Überzeugung vom Islam hat als die Terroristen. Insbesondere junge Muslime und hier vor allem kopftuchtragende Musliminnen sind dieser Situation besonders stark ausgesetzt.

Unter dem ständigen Rechtfertigungsdruck wird der Islam für Muslime nicht selten zu einem Sammelsurium von apologetischen Argumenten – und keine Religion, die man einfach lebt. Die Religion wird zu einem Kasten von Argumenten, aus dem man sich je nach Bedarf bedienen kann. Darunter leidet das Verhältnis zur Religion.

Oft lässt sich auch eine Trotzreaktion beobachten. Jugendliche, die sich auch aufgrund ihrer Religion nicht aufgenommen und akzeptiert fühlen, können mit der Zeit neben der bestehenden Barriere weitere eigene Barrieren aufbauen. Das kann in Extremfällen zur Abkapselung von der Gesellschaft führen. Uns werden aus unseren Gemeinden immer häufiger Fälle herangetragen, in denen Kinder in der Schule von LehrerInnen skeptisch und verdächtig beäugt werden oder LehrerInnen im Unterricht abschätzige Bemerkungen über den Islam machen. Solche Fälle werden jedoch leider weitestgehend tabuisiert. Kritik an solch einem Verhalten verhallt. Ich möchte nicht alle LehrerInnen über einen Kamm scheren, denn wir kennen auch sehr viele positive Beispiele. Aber die Problemfälle finden kaum Beachtung im öffentlichen Diskurs.

IslamiQ: Die entscheidende Frage: Gibt es alternative Begriffe und Ansätze?

Murat Gümüş: Es ist einfacher, Kritik an Begriffen wie „Dschihadismus“, „Salafismus“ oder „Islamismus“ zu üben als nach alternativen Begrifflichkeiten zu suchen. Wie bereits erwähnt, belegen Studien zu Rückkehrern oder zum Klientel in Deradikalisierungsstellen, dass es sich bei diesen Personen um theologische Analphabeten handelt. Ich möchte damit keineswegs sagen, dass dieses Phänomen nichts mit dem Islam zu tun hat, sondern versuchen einzuordnen, welche Rolle die Religion hier spielt. Denn immerhin rekurrieren extremistischen Organisationen in ihrer Argumentation, Sprache und Symbolik auch auf den Islam als Referenz. Das kann nicht ausgeblendet werden. Auch kann nicht ausgeblendet werden, dass sie des Islams instrumentell bedienen. Vor diesem Hintergrund sollte statt von „Salafismus“, „Dschihadismus“ oder „Islamismus“ eher vom „den Islam instrumentalisierendem Extremismus “ gesprochen werden.

Außerdem ist es fahrlässig, eine jahrhundertealte islamische Bedeutungsgeschichte, die z. B. hinter dem Begriff Salaf oder Dschihad steht, für gewaltbereite Strömungen zu entfremden, um so einen schnellen Referenzrahmen für Rezipienten zu bieten. Die Beschreibung „den Islam instrumentalisierender Extremismus“ ist eine faktisch korrekte Begrifflichkeit, weil sie den Referenzrahmen umfassend und zutreffend berücksichtigt. Dieser soll keineswegs dazu dienen, eine neue Definition von zu formulieren. Er umfasst auch weiterhin nur die Personengruppen oder Phänomene, die versuchen, das Grundgesetz zielgerichtet aktiv kämpferisch zu beseitigen.

Mit freundlicher Genehmigung von IslamiQ.

Ali Mete ist Chefredakteur von IslamiQ und Geschäftsführer des PLURAL Verlags.


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a.mete@islamiq.de Tue, 30 Oct 2018 19:21:48 +0100
Ukraine: Mafia statt Euromaidan http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/50.html Vor rund sieben Jahren logierte ich einige Nächte in einem Hotel der ukrainischen Hauptstadt Kiew.... Vor rund sieben Jahren logierte ich einige Nächte in einem Hotel der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Die ukrainische Hauptstadt - historisch die Mutter aller russischen Städte - bot dem Besucher in diesem Frühjahr 2011 sehr unterschiedliche Impressionen.

Auf dem Maidan waren die Orangen schon verschimmelt, nach denen die "Revolution" von 2004/2005 - eher sollte man von einem kurzlebigen Umsturzversuch sprechen - benannt worden war. Denn die politischen Führer von damals, allen voran der im Westen gefeierte Präsident Wiktor Andrijowytsch Juschtschenko, waren durch die Wahlen 2010 längst wieder von der Macht verdrängt worden. Und der gewählte neue, eher pro-russische Präsident Wiktor Fedorowytsch Janukowytsch sollte selbst einige Jahre später, im Februar 2014, durch einen abermals pro-westlichen Regime-Change seine Macht verlieren, nachdem er das angestrebte Assoziierungsabkommen mit der EU aussetzen ließ.

Gegen Abend setzte ich mich gerne an die Bar, um dabei mein Umfeld zu beobachten. In der Hotellobby lungerten Sicherheitsbeamte - schlecht getarnt als Geschäftsleute - neben grell geschminkten Huren, die dort nach Einbruch der Dunkelheit auf ihre potentiellen Kunden warteten und dabei ihre weiblichen Reize demonstrativ zur Schau stellten, herum. Merkwürdige Männer undefinierbarer Nationalität, die sich in exotischen Idiomen verständigten, tuschelten mit zusammengesteckten Köpfen. Die Atmosphäre war von einer beklemmenden Spannung geprägt.

"Sie sollten jetzt lieber gehen", raunte mir der Barkeeper zu, als zwei „Stiernacken“ neben mir Platz genommen hatten. "Das sind Angehörige der Mafia, der ukrainischen Mafia", fügte er leise - kaum hörbar - hinzu. Während ich meinen Drink leerte, musterte ich noch einmal die anwesenden Gäste. Ob an diesem Ort wirklich lukrative Geschäfte getätigt wurden, wagte ich zu bezweifeln. Dafür waren die Visagen doch zu grob, die Verhaltensweisen zu schmierig. Trotzdem nahm ich den Rat des Barkeepers an und begab mich auf mein Zimmer.

In jenen Tagen wurde in Kiew bei Gesprächen, die um den Einfluss der organisierten Kriminalität kreisten, regelmäßig der Namen eines Mannes genannt, der an der Schnittstelle zwischen Politik und Mafia als eine Art Pate angesehen wurde - ein gewisser Oleksandr Romanowytsch Onyschtschenko.

Heute, sieben Jahre später, vier Jahre nach dem Machtwechsel in Kiew - flankiert von dem neuen Kalten Krieg zwischen dem Westen und Moskau - ist Oleksandr Onyschtschenko wieder ins öffentliche Rampenlicht zurückgekehrt.

Onyschtschenko, zwischen 2014 und 2016 einer der engsten Mitarbeiter des amtierenden ukrainischen Präsidenten Petro Oleksijowytsch Poroschenko, lebt heute im Exil in den USA. Anfang des Jahres erschien seine literarische Abrechnung mit seinem Ex-Vorgesetzten in Form eines Tatsachenromans, der - wenn die Berichte nur ansatzweise der Wahrheit entsprechen - einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.

"Peter der Fünfte: Die wahre Geschichte des ukrainischen Diktators" heißt das Werk, in dem Onyschtschenko beschreibt, wie er im Auftrage Poroschenkos Abgeordnete bestechen ließ, um Mehrheiten im Parlament zu erlangen und wie er bei Oligarchen um Geld bettelte und dieses beiseite schaffte. In jenen zwei Jahren an der Seite des Präsidenten wurden die Oligarchen immer reicher, während die Bevölkerung weiter verarmte.

Bürgerkrieg, Wirtschaftskrise, bewaffneten Neonazis und Korruption sind das Kennzeichen der Amtszeit jenes Mannes, den Onyschtschenko heute "Diktator" nennt und der im Westen lange als demokratischer Hoffnungsträger gehandelt wurde. Würde Poroschenko von den Machthabern in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und der Europäischen Union (EU) nicht gestützt, wäre dieses Regime schon längst bankrott, der Präsident und seine Clique erledigt - so schreibt er es wütend in seiner Abrechnung.

Die Antwort aus Kiew ließ nicht lange auf sich warten. Präsident Poroschenko erklärte Onyschtschenko zum Staatsfeind Nr. 1 - nur dumm, dass dieser in den USA lebt, dem großen Bruder des Kiewer Regimes.

Der Staatsfeind hat unterdessen angekündigt, für die Wahlen im nächsten Jahr kandidieren zu wollen, während im Westen niemand mehr die ukrainische Regierung als demokratische Alternative zu loben wagt. Der 2014 großspurig verkündete Weg in die EU, welchen man der Ukraine allen Ernstes zu ebnen gedachte, scheint inzwischen verschlossen. Die Ukrainer verlassen ihr Land in immer größeren Ausmaßen.

Ob es sich bei Onyschtschenko um einen geläuterten Ex-Mafiosi handelt, darf bezweifelt werden. Spannend ist allerdings, wie man im Westen mit der Konstellation umzugehen gedenkt. Soll Onyschtschenko die Rolle eines ukrainischen Fethullah Gülen spielen?

Sicher ist auf jeden Fall, dass der Westen nicht nur im Nahen Osten auf korrupte und menschenverachtende Regime setzt und diese aufrüstet sowie unterstützt, sondern auch in Osteuropa - vor der eigenen Haustür. Man fragt sich, welche Werte wir eigentlich noch zu verkörpern gedenken. Auf jeden Fall nicht jene, die wir propagieren.

In diesen Wochen, wo in Norwegen - unmittelbar an der russischen Grenze - ein weiteres NATO-Großmanöver am stattfinden ist und unsere Bundeskanzlerin morgen auf Staatsbesuch in der Ukraine sein wird, darf auf diesen Skandal hingewiesen werden.


Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen. Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Porträt von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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ramon_schack@yahoo.de Tue, 30 Oct 2018 16:29:51 +0100
Fukuyamas Identitätsfrage und was hält die Gesellschaft noch zusammen? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/49.html Im Sommer 1989 erschien in der Fachzeitschrift "The National Interest" ein Beitrag des im... Im Sommer 1989 erschien in der Fachzeitschrift "The National Interest" ein Beitrag des im US-Außenministerium arbeitenden Politikwissenschaftlers Yoshihiro Francis Fukuyama, der weltweit für großes Aufsehen sorgte und sich wie ein Flächenbrand verbreitete.

Der Zeitpunkt für die Thesen Fukuyamas war äußerst günstig gewählt, der Lauf der Weltpolitik jener Tage schien ihn zu bestätigen. "Das Ende der Geschichte" lautete der Titel dieses Essays, in welchem der Autor (der zuvor bei der Pentagon nahe Denkfabrik RAND Corporation tätig war) das Debakel der sozialistischen Utopie, in diesem Fall der realsozialistischen sowjetischer Prägung, analysierte und zu dem Schluss kam, dass mit dem Erfolg der liberalen Ordnung die denkbaren ideologischen Alternativen erschöpft und der evolutionäre Prozess der Gesellschaftsform zum Abschluss gekommen sei.

Fukuyama bestätigte seine Thesen einige Jahre später. 1992, als er weiterhin für die US-Regierung beschäftigt war, erschien sein Buch "Das Ende der Geschichte", ja und es schien auch so, nach dem Untergang der UdSSR, dass sich nunmehr die liberale westliche Ordnung weltweit durchsetzen würde, da jedwede Alternative gescheitert sei. Doch der Politikwissenschaftler und  seine Anhänger irrten, sie irrten von Anfang an.

Heute sieht es nicht mehr nach dem Endsieg des Liberalismus, der totalen Verwestlichung der Welt aus. Im Gegenteil: Zwar löste der Markt die Planwirtschaft ab, aber statt freiheitlicher Demokratie erstarkte Oligarchie. Das westliche Ideal konkurriert heute mit dem Moskauer Modell der „gelenkten Demokratie" oder mit dem eines zunehmend konfuzianisch geprägten Staatsverständnisses Pekings. Aber auch im alten Westen halten Lobbyisten den Parlamentarismus im Griff, werden Bürger von Suchmaschinen und Geheimdiensten auf eine Weise überwacht, welche die Schreckensvisionen George Orwells bald eingeholt haben dürfte. Überall wachsen antiliberale Bewegungen heran. Sie offenbaren eine Kluft zwischen den politischen Eliten und der breiten Bevölkerung. Sie reagieren auf gesellschaftliche Konflikte. Wo Menschen mit dem Komplexen einer freien Welt nicht fertig werden, sehnen sie sich nach „bewährtem Vergangenen", nach „alter Übersichtlichkeit" zurück. Entladen sich politische Spannungen, fegen sie alte Ordnungen hinweg, stürzen Regierungen und tauschen Eliten aus. Sie schaffen Neues oder auch nur Anderes, nicht immer Ideales. Vielleicht hilft der Ökonom Joseph Alois Schumpeter das Phänomen besser zu verstehen, wenn er von „schöpferischer Zerstörung" spricht.

Ins Wanken geraten ist zum einen nach dem Kalten Krieg die entstandene liberale Weltwirtschaftsordnung, die sich auf die NATO, die westlichen Finanzinstitu­tio­nen und die volle Liberalisierung des Welthandels stützt. Nein, der Ostwind hat bisher nicht über den  Westwind gesiegt, so hatte es Mao Tse-tung einst prognostiziert - doch eine geopolitische Umstrukturierung ist ohne Zweifel feststellbar. Rund drei Jahrzehnte seit Mauerfall in Berlin, ist der chinesische Staatskapitalismus stärker als jemals zuvor. Flankiert vom wachsenden Wohlstand, einer aufsteigenden Mittelschicht, setzt die „sozialistische Marktwirtschaft" Chinas ganz auf die fortschreitende Globalisierung der Märkte, worunter in den meisten westlichen Ländern die verarbeitende Industrie zu leiden hat – vor allem auch die US-amerikanische, die Präsident Donald Trump in seiner ersten offiziellen Rede vor dem „Massaker" zu bewahren versprach.

Wir befinden uns in der seltsamen globalen Ausgangslage, dass die Volksrepublik China zu den Protagonisten des Freihandels avanciert, während die USA auf protektionistische Instrumente zurückgreift. Angesichts dieser für den Westen eher düsteren innen- und außenpolitischen Ausgangslage, hat sich der Verkünder des „Ende der Geschichte" wieder zu Wort gemeldet. Nachdem seine historische Prognose vom Ende der Geschichte sich in den Trümmern von 9/11 und dem darauffolgenden "Krieg gegen den Terror" verflüchtigte - dann 2008 im Rahmen der globalen Finanzkrise sich vollständig in Luft auflöste - klagt der Politikwissenschaftler, der mittlerweile an der forschungsstarken Standford-Universität lehrt, heute darüber, dass die Gesellschaft, er bezieht sich natürlich auf die westliche Gesellschaft, durch Identitätspolitik gefährdet ist. Diese Identitätspolitik, von Fukuayama als Tribalismus bezeichnet, führe zur Fragmentierung der Gesellschaften. Gemäß der Postulate von Multikulturalismus, Antirassismus, Feminismus und anderen Formen dieses Tribalismus beschreibe diese jedoch nicht einen geordneten Zustand des Zusammenlebens unterschiedlicher Gruppen in einer Gesellschaft und deren gemeinsames Streben nach dem Gemeinwohl. Vielmehr führe dieser Kult der Vielfalt zwangsläufig zur Balkanisierung, so Fukuyama.

Unabhängig davon, was man von dem neuen Versuch Fukuyamas halten mag, die Gesellschaft zu erklären und historische Prozesse vorherzusagen, so mag es doch lohnenswert sein darüber nachzudenken, angesichts  der Realitäten die Frage aufzuwerfen, was unsere Gesellschaften eigentlich zusammenhält, bzw. welche Entwicklungen den diagnostizierten Zustand erst herbeigeführt haben. Man wird diese Frage nicht befriedigend beantworten, wenn man die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen  außer Acht lässt, von denen unsere Epoche geprägt wird, vom Börsenkapitalismus, der nicht nur die alten Marktwirtschaften außer Kraft gesetzt hat, sondern auch Grenzen schleift, Waren und Dienstleistungen in Bewegung setzt und Menschen zum Wandern motiviert, beziehungsweise zwingt. Im Westen selbst hat die Frage nach Partizipation und Gerechtigkeit in den liberalen Demokratien, besonders nach der Finanzkrise 2008, einen neuen Höhepunkt entfacht. „Es wurde kein einziges Verfahren gegen jemanden aus den Führungsetagen des Finanzsektors eingeleitet", stellt der  britische Journalist John Lanchester diesbezüglich fest. Das Volk wählt, aber das Kapital entscheidet, nicht die Politik reagiert, sondern die Wirtschaft, so lautet das Urteil, einer wachsenden Anzahl von Wählern, über ihre liberalen Demokratien.  

Fukuyama widmet sich diesen Themen nicht, und verwechselt so Ursache und Wirkung der von ihm nicht zu Unrecht  festgestellten Entwicklung - aber die ökonomische Entmachtung des Staates findet bei ihm nicht statt. Die Beantwortung der Frage, was unsere Gesellschaften  zusammenhält, ist von ihm nicht zu erwarten. "Die Eliten haben ihre Schäfchen ins Trockene gebracht und die Risiken vollständig sozialisiert", erklärte der weltweit führende Rechtspopulist Stephen Kevin Bannon, früher selbst Investmentbanker bei Goldman Sachs. Und das ist das beunruhigende an der Zeit in der wir leben. Nämlich das solche  Aussagen von rechts getätigt werden, während die Linken sich in ihre Lebensstilenklaven zurückziehen oder schon zurückgezogen haben.


Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen. Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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ramon_schack@yahoo.de Thu, 25 Oct 2018 14:46:00 +0200
Versuch einer Annäherung: Demokratie und ihre verschiedenen Lesarten im Dialog http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/48.html Die Geschichte der Menschheit legt Zeugnis ab von unterschiedlichen Regierungsformen. Vor etwa... Die Geschichte der Menschheit legt Zeugnis ab von unterschiedlichen Regierungsformen. Vor etwa 3.000 Jahren suchte Hammurabi eine Antwort auf die Frage, wie Menschen in einem Gemeinwesen zusammenleben können. Dabei kodifizierte er als "Vater der Legislative" das Straf-, Zivil- und Handelsrecht. Spätestens seit Platon wird die Frage gestellt, wie ein Idealstaat aussehen könnte. Ähnliche und konkretere Versuche finden wir auch bei Abu Nasr Farabi, einem bedeutenden Philosophen der islamischen Welt. Welche Staatsform ist nun die vortrefflichste? Autokratie, Theokratie, Technokratie oder Demokratie? Letztlich hält jede Regierungsform sich für die vortrefflichste. Thema des vorliegenden Beitrags ist die kritische Würdigung der zwei Modelle bzw. Lesarten: iranisch-islamisches Volksprimat und westlich-liberale Demokratie.

In vielen Diskursen geht man davon aus, dass der Islam erst gemäß dem europäischen Welt- und Menschenbild „umgekrempelt“ werden müsse, um ihn "demokratiekompatibel" zu machen. Andere denken, dass Islam und Demokratie im Grunde keine Gegensätze sind und keine Notwendigkeit eines „Umkrempelns“ nach westlichem Muster besteht.

Der Islam war jedenfalls in der Geschichte des Westens oft ein Forschungsobjekt von Philosophen, Historikern, Orientalisten, Islamwissenschaftlern oder Ethnologen. Die Ergebnisse solcher Art „Forschungen“ sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Unterstellungen, auf die hier kurz eingegangen werden soll:

- Seit der ersten Koranübersetzung auf Initiative des Abtes von Cluny, Petrus Venerabilis im 11. Jahrhundert, wird über den Islam ein "Verunglimpfungsdiskurs" geführt. Den Islam bezeichnet er als „tödlichen Virus“ und „gottlose Irrlehre des ruchlosen Muhammad“. Selbst Nikolaus von Kues, ansonsten durchaus Vater der europäischen Toleranz, teilt Jahrhunderte später die gleiche Auffassung.

- Seit Beginn des 18. Jahrhunderts wird über den Orient und die Muslime paradoxerweise zusätzlich ein "Romantisierungsdiskurs" geführt. Schwärmerisch-exotische Vorstellungen karikieren Muslime als Haremsbesitzer und Märchenprinzen aus 1001 Nacht. Irrationales und tyrannisches Wesen wird für eine „orientalische“ Konstante gehalten.

- Mit dem Kolonialismus tritt ein weiteres Moment hinzu: der "Bevormundungsdiskurs". Man weiß alles besser und bekämpft alles, was nicht ins eigene Weltbild passt.

- Parallel dazu wird ein „Abwertungsdiskurs“ geführt. Sie werden verblüfft sein, aber selbst der große Immanuel Kant hat in mehreren Werken wiederholt betont, Orientalen seien „nicht vollkommen“ wie die Europäer. Sie hätten keinen „Begriff von Moral und Ästhetik“. Weiter sagt Kant, Afrikaner müsse man es mit dem Knüppel geben, weil sie eine dicke Haut hätten. Das war nicht ironisch oder metaphorisch gemeint.

- Ähnlich wird auch ein "Fanatismusdiskurs" geführt. Friedrich Wilhelm Hegel schreibt in seinem Werk „Weltgeschichte der Religionen“, dass das Thema Islam nicht würdig sei, in den Text aufgenommen zu werden - man solle nur in einer Fußnote auf ihn verweisen. Der Islam hätte außer Rohheit und extremem Fanatismus nichts zu bieten.

Generationen sind im Westen mit diesem Welt- und Menschenbild ausgebildet und geprägt worden.

Aber die These des Autors dieser Zeilen ist, dass Islam und Demokratie in gewisser Weise zwei Seiten derselben Medaille darstellen. Dies soll wie folgt diskutieren werden. Die Fragen sind:

  • Was bedeutet Demokratie?
  • Welches Menschenbild wird einerseits im Islam und andererseits im Westen zugrunde gelegt?
  • Was sind Grundzüge eines islamischen Volksprimats?
  • Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede weist jenes mit der westlich-liberalen Demokratie auf?

Im Anschluss wird eine Hermeneutik der Lesarten vorschlagen, um diese beiden Positionen miteinander ins Gespräch zu bringen. Dabei versteht sich unter Lesart die subjektive Betrachtung oder Interpretation eines Sachverhaltes.

Was ist das Wesen der Demokratie?

Freie und geheime Wahlen, Stimmrecht für alle, Gewaltenteilung, Versammlungs- und Pressefreiheit. Die Grundlage einer jeden Demokratie ist eine vom Volk direkt oder indirekt gewählte Verfassung. Alle Demokratien sind sich darüber einig, dass die Mehrheit die Regierung stellen soll. Minderheiten haben dabei ihre Vertreter im Parlament und können ihren Interessen auch in einer oppositionellen Partei Ausdruck verleihen.

Das islamische Volksprimat stützt sich auf den Koran: „Es gibt keine Nötigung in der Religion“ (2:257), um die Menschenwürde zu schützen, um religiösen Minderheitenschutz zu garantieren. Allerdings gibt es, wie hier bei uns auch, eine Grenze der Toleranz. Diese Grenze wird überschritten, wenn gewisse Aktivitäten die demokratisch legitimierte Grundordnung des Staates gefährden. Dies sind Einschränkungen, die es in allen Demokratien gibt und geben muss.

Allerdings gibt es in strafrechtlicher Hinsicht in allen Demokratien deutliche Unterschiede. Während die Todesstrafe in den USA ein Bestandteil ihrer Verfassung ist, wird sie bei uns in Deutschland verurteilt.

Grundsätzlich gilt: Die Werte, auf denen eine Verfassung beruht, können durchaus säkular, aber eben auch sakral begründet sein. Auch Mischungen von beiden sind möglich. Die westlich-liberale Demokratie beansprucht ausschließlich säkular zu sein, während das islamische Volksprimat eine Mischung von beiden ist. Hieraus ergeben sich Unterschiede, die im Folgenden reflektiert werden sollen.

Die Verfassung eines Staates begründet sich nicht aus sich selbst: Sie gründet auf einem bestimmten Welt- und Menschenbild

Nach islamischem Verständnis gilt der Mensch als Geschöpf Gottes und besitzt, jenseits seiner Herkunft und Hautfarbe, eine naturgegebene Würde. Letztere resultiert aus seinem Verhältnis zu Gott.

Nach diesem Menschenbild besitzt der Mensch nicht nur Vernunft und Verstand, worauf in zahlreichen Stellen im Koran verwiesen wird, sondern auch Würde. So heißt es: „Und wahrlich wir haben den Kindern Adams Würde verliehen…“ (Sure 17:70). Deshalb garantiert der 6. Paragraph des 2. Artikels der iranischen Verfassung: „Ehre und Würde des Menschen und seine mit Verantwortung verbundene Freiheit vor Gott.“

Um ein sinnvolles Leben im Alltag zu gestalten, benötigt der Mensch eine Orientierungsinstanz, welche in Iran, neben der Verfassung, die Religion ist. Dies soll sein Refugium sein, aus dem sich sein Menschsein und seine Würde speisen. So wird durch Gebote und Verbote der Mensch zum Nachdenken aufgefordert, um in ihm den Sinn für das Menschsein zu wecken. Das Menschsein umfasst Elemente wie Gerechtigkeit, Vergebung, Barmherzigkeit und Liebe. Sie gehören nicht nur zu den Prinzipien eines islamischen Volksprimats, wie sie in der iranischen Verfassung zu finden sind, sondern sie sind Grundbegriffe der islamischen Ethik überhaupt.

Die Präambel der iranischen Verfassung garantiert dem Menschen als Geschöpf Gottes seine Rechte. Ein solches Menschenbild schließt allerdings eine extreme Individuation des Menschen, wie bei uns in Europa, aus. Dagegen nimmt das Kollektiv, also die Gemeinschaft der „Ummah“, in der iranischen Verfassung hohe Priorität ein.

Im Gegensatz dazu hat sich im Westen ein reduktionistisches Menschenbild durchgesetzt, d.h., dass man alle Komponenten des Menschseins rein biologisch und transzendenzfrei erklärt, sozusagen von unten - aus der Eigengesetzlichkeit der Materie und ihren Interaktionen. Hier wird der Mensch ganz im Sinne der Evolutionstheorie Darwins verstanden und dies als eine moderne Religion verteidigt. Wer diese Theorie ablehnt, wird als Traditionalist oder gar bornierter religiöser Extremist stigmatisiert. Im Grunde wäre der Mensch der Höchste aller Affen, der edelste aller Primaten, das Maß aller Dinge. Folgerichtig definiert er selbst seinen ethisch-moralischen Weg nach eigenem Belieben. Religion gilt nach diesem reduzierten Menschenbild als ein zu überwindender historischer Atavismus.

Nach einem solchen Menschenbild nimmt sich der Mensch - frei von jeglichem Gottesbezug - als Makrokosmos wahr. Hier wird von einer autarken Freiheit und völligen Individuation ausgegangen. Der Mensch wird zum Maskenbildner seiner selbst und bestimmt, wie er in der Gesellschaft auftreten möchte.

Wie wir sehen, liegt eine Kluft zwischen dem Welt- und Menschenbild der beiden Gesellschaftsmodelle vor. Aber der Ausdruck „islamisch“, ähnlich dem Ausdruck „christlich“, beschreibt die Essenz, während der Ausdruck „Demokratie“ die strukturelle Form des Staates artikuliert. Von der Essenz her ist das islamische Volksprimat eine auf Gottesbeziehung fußende Herrschaft der „Ummah“ mit demokratischen Methoden.

Rechtslogik im Islam und im Westen im Kontext der Demokratie

Um beide Rechtslogiken zu verstehen, werden im Folgenden zwei Beispiele angebracht:

Ein abgewiesener Liebhaber in Iran hatte seiner Angebeteten, Ameneh Bahrami (s. Foto), einen Kübel Säure übergeschüttet, was zu schlimmen, entstellenden Verletzungen und sogar zur ihrer Erblindung geführt hat. Nach dem islamischen Strafgesetzbuch ist bei einer solchen Tat eine gleichwertige Vergeltung vorgesehen. Dieses Prinzip ist allerdings kein Staatsrecht, sondern ein Bürgerrecht.

Auf Vermittlung der Justiz verhandelten die Familien von Opfer und Täter lange über den vom Prinzip der Gleichwertigkeit angemessenen monetären Schadenersatz. Sie konnten sich aber nicht einigen. Da beantragte die junge Frau vor Gericht die Blendung des Täters. Dieses Recht wurde ihr zugesprochen und sollte von Medizinern vollzogen werden. Erst im Operationssaal und unter dem Ernst der Lage hat der Täter in glaubhafter Weise um Vergebung gebeten. Die Frau hat daraufhin auf ihren Anspruch verzichtet.

Dieser Edelmut hat den damaligen iranischen Präsidenten veranlasst, sie persönlich zu besuchen und ihr seine Hochachtung auszusprechen. Sie sei eine Heldin der islamischen Barmherzigkeit. Sämtliche Kosten einer optimalen chirurgischen Gesichtswiederherstellung für sie wurden durch die Regierung übernommen. Dies ist ein Beispiel dafür, dass die Menschenrechte in Iran, wie gesagt, kein Staats-, sondern ein Bürgerrecht sind.

Nun zu uns in Europa. Als in Norwegen ein Mann mehr als 70 Jugendliche planmäßig und vorsätzlich erschossen hatte, verlangten die Familien der Opfer die Todesstrafe. Der Staat hat aber anders entschieden.

Wenn sich nach iranischem Strafgesetzbuch jemand wie Anders Breivik das Recht herausnimmt, das Leben eines anderen Menschen vorsätzlich auszulöschen, so haben die Familien der Opfer das Recht, über Leben und Tod des Täters mitzuentscheiden.

An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Während in der iranischen Verfassung ein Menschenrecht ein Bürgerrecht darstellt, wird dieses bei uns im Westen automatisch zum Staatsrecht gemacht. Also der Staat entscheidet alleine, ohne Berücksichtigung des Mitbestimmungsrechtes der Bürger, in diesem Falle das der Opfer. Freilich ist die Würde des Menschen unantastbar. Nach iranischer Rechtslogik hat man allerdings selbst seine Würde zur Disposition gestellt, wenn man in dieser Dimension mordet. Demokratie bedeute demnach weder die Freiheit des Fuchses im Hühnerstall noch unbedingter Täterschutz.

Dies soll kein Urteil darstellen, in welchem Land mehr Volkswille und Basisdemokratie herrscht. Es ist viel mehr ein Plädoyer für eine nicht diskriminierende, also für eine echte Verständigung unterschiedlich gewachsener Rechtskulturen und ihrer Lesarten von Demokratie.

Weiterer Unterschied zwischen beiden Herrschaftssystemen

Das islamische Volksprimat iranischer Prägung erhebt den Anspruch, barmherzige Gerechtigkeit zu verwirklichen. In diesem Gesellschaftsmodell ist Politik ohne Moral nicht möglich. Moral aber hinkt wiederum ohne Religion. Eine solche Grundordnung erlaubt nicht, sich willkürlich zu allem oder zu nichts zu bekennen und sich in beliebigen Lebensformen zu entfalten.

In der westlich-liberalen Demokratie hingegen wird der Mensch als ein Individuum verstanden und kann sein Leben gestalten, wie er will. Gleichgeschlechtliche Lebensführung oder öffentliche Prostitution gehören zu diesem Gesellschaftsmodell. Ist die Prostitution mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde im Grundgesetz vereinbar? Hier bei uns würde man sagen: "Ja, es ist nun mal so." In Iran hingegen würde man sagen: "Nein, es ist nun mal nicht so."

Wie wir sehen, sind es die Welt- und Menschenbilder, die die beiden Gesellschaftsmodelle trennen. Diese Tatsache darf man weder kleinreden noch ignorieren. Um es auf den Punkt zu bringen: Durch eine liberal-demokratische Brille westlicher Prägung betrachtet, beraubt das islamische Volksprimat den Menschen seiner Freiheitsrechte. Betrachten wir die Dinge von der anderen Seite her, so beraubt die westlich-liberale Demokratie den Menschen seiner gottgegebenen Würde.

Diese Beispiele machen deutlich, dass diejenigen Lesarten, die verabsolutiert werden, in gewisser Weise gewalttätig werden. Es wird beansprucht, dass die westlich-liberale Demokratie die einzig wahre und menschenwürdige Lesart der Demokratie überhaupt ist. Dieser Anspruch ist bei genauem Hinsehen der Anspruch einer alleinseligmachenden Heilslehre mit missionarischem Charakter. Daher wird konsequenterweise gefordert, andere Religionen aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Eine solche Mentalität versperrt den Weg zu einem echten Dialog zwischen den verschiedenen Lesarten von Demokratie und demokratischer Gesinnung.

Der Ausschluss der Religion hat nach islamischem Volksprimat nicht nur negative Auswirkungen auf die Moral der Gesellschaft, sondern ist auch anti-demokratisch. Iran, um nur ein Beispiel zu bringen, ist ein traditionsbewusstes Land, und die Mehrheit der Menschen in Iran schätzt die Religion. Traditionelle Werte, wie die Familie zu verteidigen, heißt also für sie, Religion und Demokratie zu verteidigen.

Wie lassen sich aber westlich-liberale Demokratie und islamisches Volksprimat miteinander versöhnen?

Beide Gesellschaftsmodelle mit zwei verschiedenen Welt- und Menschenbildern verursachen dann einen Kampf der Lesarten, wenn sie sich verabsolutieren und missionarischen Anspruch erheben

Eine Hermeneutik der Lesarten, um eine argumentative Dialogbrücke zwischen beiden Gesellschaftsmodellen zu bauen, ist unabdingbar. Grundlegend ist es, den gesamten Diskurs kontextuell zu gestalten. Dies bedeutet, beide Gesellschaftsmodelle mit ihren jeweils eigenen Terminologien und Fragestellungen von ihren verschiedenen Positionen her zur Sprache kommen zu lassen.Eine solche Praxis setzt Folgendes voraus: Immerwährende Bereitschaft, sich mit den Augen des Anderen und durch dessen Brille zu betrachten, und der Verzicht auf asymmetrische Vergleiche nach dem Motto: "Ich oben, Du unten!"Abschließend sei gesagt, dass derjenige, der sein Gesellschaftsmodell als den Königsweg der Weltzivilisation betrachtet, keinen Dialog sucht, sondern gehorsame Vasallen. Die Aufgabe ist und bleibt also die Suche nach einer gemeinsamen Sprache und letztlich die Anerkennung verschiedener Lesarten von Demokratie - mit oder ohne Religion.

Mit freundlicher Genehmigung von IranAnders.

Hamid Reza YousefiProf. Dr. Hamid Reza Yousefi lehrt interkulturelle Philosophie und Geschichte der Philosophie als Privatdozent an der Universität Koblenz-Landau und ist Gründungspräsident des Instituts zur Förderung der Interkulturalität in Trier. Seine Forschungsbereiche sind - neben der islamischen Philosophie und den Fragen nach Menschenrechten – u. a. moderne Theorien der Toleranz, Ethik und Hermeneutik sowie angewandte Konzepte der Religionswissenschaft als auch diskurshistorische Kommunikationsforschung.


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hryousefi@uni-potsdam.de Sun, 30 Sep 2018 19:49:51 +0200
Wird über die Wirtschaft der Türkei Schwarzmalerei betrieben? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/47.html Mevlüt Tatlıyer ist Wirtschaftsprofessor und Analyst beim einflussreichen türkischen... Mevlüt Tatlıyer ist Wirtschaftsprofessor und Analyst beim einflussreichen türkischen Forschungszentrum SETA, das auch die türkische Regierung in wirtschaftlichen, politischen und sozialen Fragen als wissenschaftliche Instanz berät. İbrahim Kalın, der Gründungsdirektor von SETA, ist Chefberater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seit 2014 auch Sprecher des Präsidenten.

Ali Özkök: Glauben Sie, dass die Konfrontation mit den USA weitergehen wird und ist der Fall Andrew Brunson ein Vorwand, um die Türkei daran zu hindern, einen unabhängigen politischen Kurs in ihrer Region einzuschlagen?

Mevlüt Tatlıyer:  Während sich das Zentrum der Weltwirtschaft auf das asiatische Festland und gen Osten verlagert, werden die USA immer ärgerlicher und feindseliger gegen fast alle und sogar gegen ihre sogenannten Verbündeten in Europa. Die Türkei befand sich so lange im Orbit der USA. Diese Situation änderte sich jedoch seit den 2000er Jahren mit den aufeinanderfolgenden Regierungen der AK-Partei dramatisch, da die Türkei sowohl wirtschaftlich als auch politisch, sowohl in absoluten Zahlen als auch in relativen Zahlen, mächtiger geworden ist.

Viele in der Türkei und auf der ganzen Welt denken, dass die USA versuchen, die Türkei sowohl politisch als auch wirtschaftlich zu destabilisieren, um die Türkei wieder von sich abhängig zu machen. Auf der anderen Seite will Erdoğan eine unabhängige und starke Türkei, aus offensichtlichen und verständlichen Gründen. Für viele ist dies der Grund, warum die US-amerikanischen und westlichen Medien grundlegend und manchmal hysterisch im Clinch mit Erdoğan stehen.

Ali Özkök: Im westlichen Mainstream erklärt sich der Zusammenbruch der türkischen Währung durch schlechte wirtschaftliche Grunddaten und die Intervention des türkischen Präsidenten in die Arbeit der Zentralbank. Was ist Ihre Meinung?

Mevlüt Tatlıyer: Die wirtschaftlichen Grundlagen der Türkei waren und sind stark. Wenn man sich die Wirtschaftsdaten über die Türkei ansieht, kann man deutlich erkennen, wie gesund die türkische Wirtschaft ist. Andererseits ist die türkische Wirtschaft für die meisten westlichen Medien in keiner guten Verfassung. Allerdings scheitern diese Medien, wenn sie versuchen, ihre Behauptungen zu unterstützen und zu untermauern. Sie greifen meist auf irgendeine politische Rhetorik zurück, nicht auf relevante "Zahlen". Sie versuchen kaum, ihre Argumente bezüglich der Türkei mit relevanten Wirtschaftsdaten zu untermauern.

Wenn sie Wirtschaftsdaten über die Türkei liefern, was sie selten tun, dann erfolgt dies meist im Stile des Rosinenpickens. Ein gutes Beispiel dafür sind die Daten der "kurzfristigen Devisenverbindlichkeiten von Nicht-Finanzunternehmen". Westliche Medien und Ratingagenturen zitieren dieses Verhältnis, um zu zeigen, wie "verwundbar" die türkischen Unternehmen und die türkische Wirtschaft gegenüber externen Schocks wären. Sie erwähnen jedoch nicht die "kurzfristigen Devisenanlagen" dieser Nicht-Finanzunternehmen in der Türkei.

Was ist also dann die Realität? Das kurzfristige Finanzvermögen der Unternehmen in der Türkei, die nicht im Finanzsektor tätig sind, ist um 6,5 Milliarden US-Dollar höher als ihre kurzfristigen Finanzverbindlichkeiten! Die Haltung der westlichen Medien und Ratingagenturen ist, gelinde gesagt, völlig absurd.

Ali Özkök: Welche wirtschaftlichen oder finanzpolitischen Faktoren sprechen Ihrer Meinung nach gegen die Aussage, dass die türkische Wirtschaft am Rande des Zusammenbruchs steht?

Mevlüt Tatlıyer: Dieses Narrativ hat nichts mit ökonomischen Grundlagen zu tun. Wenn wir uns die relevanten Wirtschaftsindikatoren für die Türkei anschauen, werden die Fakten ganz klar. Nehmen wir die öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), vielleicht der wichtigste Indikator für die Fähigkeit eines Staates, seine Schulden zu begleichen. Diese Quote liegt in der Türkei bei nur 28 Prozent. Mit dieser Leistung ist die Türkei eines der am wenigsten verschuldeten Länder der Welt. Zum Beispiel ist dieses Verhältnis in den meisten Ländern um ein Vielfaches höher. In den USA liegt diese Quote bei 105 Prozent. Sie beträgt 132 Prozent für Italien und 253 Prozent für Japan.

Ein weiterer wichtiger Indikator, die allgemeine Auslandsverschuldung im Verhältnis zum BIP, liegt in der Türkei bei 53 Prozent. Dieses Verhältnis ist eindeutig nicht zu hoch, wenn auch nicht sehr niedrig. Diese Quote beträgt 141 Prozent in Deutschland, 167 Prozent in Spanien und 213 Prozent in Frankreich.

Wie ich bereits sagte, ist die kurzfristige Devisenposition der türkischen Unternehmen, die nicht im Finanzsektor operieren, recht gut. Und auch der türkische Bankensektor ist stabil. Die Banken weisen kein Fremdwährungsrisiko aus.

Anders als im westlichen Schnitt hat die Türkei eine sehr dynamische Bevölkerung und Wirtschaft. Die türkische Wirtschaft ist 2017 um 7,4 Prozent gewachsen. Diese Entwicklung setzte sich auch im ersten Quartal 2018 fort. Das ist zwar eine bemerkenswerte Leistung, vor allem gemessen an den weltweit schwachen Wachstumsraten. In dem Sinne erscheint es geradezu ironisch, dass in vielen westlichen Medien die Rede von einer "drohenden" Wirtschaftskrise in der Türkei ist. Es scheint so, als wenn diese Behauptungen über die türkische Wirtschaft nur Teil eines Wunschdenken sind.

Ali Özkök: Wo sehen Sie die größten mittelfristigen Herausforderungen für die türkische Wirtschaft aus rein ökonomischer Sicht?

Mevlüt Tatlıyer: Die türkische Wirtschaft hat ihre eigenen Schwächen wie andere Länder auch. Die größte Schwäche der türkischen Wirtschaft ist das hohe Leistungsbilanzdefizit. In den letzten Jahren hat sich das Leistungsbilanzdefizit der Türkei jedoch tatsächlich leicht verbessert. Niemand in den westlichen Medien sprach von einem wirtschaftlichen Zusammenbruch in jenen Jahren, in denen das Leistungsbilanzdefizit höher war.

Die größte Herausforderung für die türkische Wirtschaft ist die Falle des mittleren Einkommens, und die Türkei ist sich dessen wohl bewusst. Die Türkei muss ihre technologische Lücke schließen und ihr "Energieproblem" lösen. In den letzten Jahren gab es wichtige Entwicklungen zu diesen Themen, insbesondere über die Entwicklung der Verteidigungsindustrie.

Ali Özkök: Was ist Ihrer Meinung nach das Kalkül für die meist westliche Auslegung, wonach Präsident Erdogan die Zentralbank mit eiserner Hand kontrolliert?

Mevlüt Tatlıyer: Das Eintreten für "billiges Geld", also niedrige Zinsen, ist bekannt. John Maynard Keynes, vielleicht der wichtigste Ökonom des 20. Jahrhunderts, ist auch ein leidenschaftlicher Befürworter der niedrigen Zinsen, weil die Realwirtschaft nur so gesund sowie robust sein und bleiben kann, ich zitiere Keynes aus seinem Werk "The General Theory of Interest, Employment and Money", Seite 376. Für eine gut funktionierende, faire und nachhaltige Wirtschaft braucht also nicht nur die Türkei, sondern die ganze Welt niedrigere und nicht höhere Zinsen. Erdogan und Keynes haben in dieser Frage die gleiche Meinung.

Andererseits liegt es auf der Hand, dass die Inflationsraten für eine gut funktionierende Wirtschaft in Schach gehalten werden sollten. Die Zentralbanken auf der ganzen Welt versuchen, dies sicherzustellen. Doch gerade seit den 1990er Jahren wird das Ziel der Preisstabilität zusammen mit der Finanzialisierung der Weltwirtschaft zum Nachteil der Realwirtschaften weltweit überbetont, da die "Marktmacht" dramatisch zunahm und die Märkte gewissermaßen zu Herren über die Staaten wurden, wie die prominente International Relations (IR)-Wissenschaftlerin Susan Strange betont. Dies war unter anderem ein wichtiger Grund für das Auftreten der globalen Finanzkrise 2008/09. Deshalb will Erdoğan einfach nur, dass unnötig hohe Zinsen der Realwirtschaft nicht schaden. Diese Sorge ist völlig verständlich, da er als Präsident den Wählern gegenüber die Verantwortung für die Wirtschaft trägt.

Andererseits ist sich Erdoğan bewusst, dass Zinssätze nicht minimiert oder "eliminiert", sondern "optimiert" werden sollen. Nicht zu hoch, aber auch nicht zu niedrig. Während die Finanzmärkte versuchen, sich für höhere Zinssätze nur zu ihrem eigenen Vorteil einzusetzen, versucht Erdoğan auch einfach, sich für niedrigere Zinssätze im Sinne der Realwirtschaft und der Menschen in der Türkei einzusetzen.

Erdoğan kontrolliert die Zentralbank auch nicht mit einer "eisernen Hand". Wenn es so wäre, würde er nicht für niedrigere Zinsen plädieren, sondern diese einfach "diktieren".

Wie in vielen Ländern ist die türkische Zentralbank unabhängig und verfolgt die Preisstabilität im Rahmen des Inflationszielregimes. Es gibt also keinen Platz zum Diktieren. Dies wird offensichtlich, wenn man sieht, dass die türkische Zentralbank ihren Leitzins in den letzten Monaten um 500 Basispunkte erhöht hat und Erdoğan das nicht kommentiert hat. Bei Bedarf sind Zinserhöhungen willkommen. Man sollte nicht vergessen, dass das Wirtschaftswachstum in der Türkei in der Ära Erdoğan, also seit 2002, durchschnittlich 5,7 Prozent pro Jahr beträgt. Unter der Führung von Erdoğan ist die türkische Wirtschaft um mehr als 100 Prozent und die türkische Industriebasis um mehr als 160 Prozent gewachsen. Diese spektakuläre Leistung wäre mit einer irrationalen Wirtschaftspolitik nicht möglich gewesen, wie uns die westliche Auslegung glauben lassen will.

Ali Özkök: US-Präsident Trump kündigte Sanktionen gegen die Türkei an, während Finanzminister Albayrak einen neuen Aktionsplan zur Reform der türkischen Wirtschaft vorlegte. Wie wurde das vom türkischen Volk und den Entscheidungsträgern aufgenommen?

Mevlüt Tatlıyer: Das türkische Volk ist der Meinung, dass die USA versucht haben, die Türkei zu destabilisieren. Sie wissen, dass dieser letzte Schritt der US-Regierung überhaupt nicht fair und völlig inakzeptabel ist. Also haben sie sich auf die Seite ihrer Regierung gestellt. Dazu gehören auch viele im Oppositionslager in der Türkei. Wir können also sagen, dass das türkische Volk gegen diesen offensichtlich irrationalen und feindseligen Schritt der USA große Solidarität zeigt.

Ali Özkök: Russland, Iran und Deutschland haben sich in dem Streit auf die Seite der Türkei gestellt. Könnte dies der Beginn eines verstärkten regionalen Integrationsprozesses sein? Gibt es bereits konkrete Schritte?

Mevlüt Tatlıyer: Viele Menschen sind der Meinung, dass Geografie Schicksal ist. Es ist klar, dass dieser Satz wichtige Verdienste hat. Sie wollen nicht, dass Ihr Nächster destabilisiert wird oder in Trümmern liegt, weil auch Sie mit diesen Krankheiten "infiziert" werden können, schon aus reiner Nähe im Raum. Ich glaube, hier gehen die Wege der USA und Europas auseinander. Was wir brauchen, ist ein stabiles, integriertes und florierendes Umfeld für die Verbesserung und Weiterentwicklung Westasiens und Europas. Dies ist zum allgemeinen Nutzen aller Länder und Menschen in diesen Regionen.

Ali Özkök: Herzlichen Dank Herr Tatlıyer.

Ali ÖzkökAli Özkök ist Nahost-Experte und Redakteur bei RT.


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aoezkoek@rt-tv.de Sun, 23 Sep 2018 16:21:01 +0200
Donald Trump in den außenpolitischen Fußstapfen Hillary Clintons? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/46.html Es ist Zeit, einen kritischen Blick auf die nun tatsächlich vollzogene Außenpolitik des... Es ist Zeit, einen kritischen Blick auf die nun tatsächlich vollzogene Außenpolitik des umstrittenen US-Präsidenten Donald John Trump zu werfen, nachdem dieser vor rund zwei Jahren, während des Wahlkampfes um den Einzug ins Weiße Haus, vor seiner Konkurrentin Hillary Clinton mit folgenden Worten: "Der Syrienkonflikt wird in einem Dritten Weltkrieg enden, wenn wir auf Hillary Clinton hören" warnte.

Zu jener Zeit bezog sich Donald J. Trump auf die Pläne Clintons, in Syrien Flugverbotszonen einzurichten. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters appellierte Trump damals leidenschaftlich, sich auf die Bekämpfung des sogenannten Islamischen Stasts (IS) zu konzentrieren und nicht auf die Beseitigung des Assad-Regimes. Sonst kämpfe man nicht nur gegen Syrien, sondern auch gegen Iran und Russland, ergänzte er vor seinem Wahlsieg.

Und heute? Zwei Jahre nach seinem Einzug ins Weiße Haus führt der Milliardär die von ihm damals zu Recht kritisierte Politik in einer Weise fort, dass Hillary Diane Rodham Clinton sicherlich stolz auf ihn macht. Der damaligen trumpschen Logik folgend, müsste sich die Welt also am Rande eines Dritten Weltkrieges befinden.

Dieser Tage, wo die syrischen Regierungstruppen dabei sind, die territoriale Integrität Syriens wiederherzustellen, am Vorabend der Offensive auf die von Rebellen gehaltene Region um die Stadt Idlib, praktiziert Trump das, was er damals an Clinton kritisierte, er versendet Drohungen an Syrien, Iran und Russland, flankiert von den obligatorischen Warnungen vor Giftgaseinsätzen, die dann in der Regel auch tatsächlich stattfinden, meist in den Gegenden, die von den Rebellen beherrscht wurden oder werden.

Trump eine Marionette?

Nun sind gebrochene Wahlkampfversprechen wahrlich kein Alleinstellungsmerkmal der Präsidentschaft von Donald Trump. Die radikalen Kehrtwendungen in seinen außen- und verteidigungspolitischen Konzeptionen werfen aber die Frage auf, ob er in diesen Themengebieten etwas zu sagen hat, oder gar wie eine Marionette an den Fäden von Michael Richard "Mike" Pompeo - ehemalige Chef der CIA und jetziger Außenminister - und John Robert Bolton - Falke und Nationaler Sicherheitsberater - hängt, die sich als abgehalfterte und von der Geschichte schon widerlegte Strategen Zugang zu den relevanten Machtpositionen erschlichen hatten, freilich mit der Billigung von Trump selbst.

Ein Psychopath im Weißen Haus?

In diesem Zusammenhang lohnt es sich die Vorkommnisse zu studieren, die sich dieser Tage um die Veröffentlichung eines neuen Enthüllungsbuches offenbaren, direkt aus dem Herzen der Macht Washingtons. Der mehrfach ausgezeichnete Reporter-Legende Robert Upshur „Bob“ Woodward schreibt in seinem neu erschienen Buch „Fear: Trump in the White House" (Zum Fürchten: Trump im Weißen Haus), dass ein Großteil der Trump-Mitarbeiter_innen damit beschäftigt sei, den Präsidenten davon abzuhalten, das Welthandelssystem zu zerstören, die nationale Sicherheit zu untergraben und Kriege anzuzetteln.

Die „Washington Post", für die Woodward seit 1971 schreibt, hatte vorab Auszüge veröffentlicht, die alles andere als Schmeichelhaft für den Präsidenten sind. Trump wird als wütender Psychopath präsentiert, der sich vollkommen der Kontrolle seiner Mitarbeiter_innen entzieht.

Das Weiße Haus sei ein Hort des Chaos, und Trump dränge ständig zu Aktionen, die schwere Konflikte zur Folge hätten – welche nur von seinem heldenhaften Umfeld verhindert werden könnten - so lautet der Tenor. In dem Buch behauptet Woodward auch, dass Trump gefordert haben soll, den syrischen Machthaber Baschar al-Assad zu töten. „Lasst uns Assad verdammt noch einmal töten. Lasst uns ganz viele von denen töten", soll Trump während eines Telefonats gebrüllt haben, was er selbst aber bestritt.

Ein anonymer Beitrag in der "New York Times"

Die Vorwürfe gegen Trump wurden letzte Woche noch verstärkt, durch einen anonymen Beitrag in der "New York Times". Der Autor begann seinen Beitrag mit den Worten: "Ich bin Teil des Widerstands innerhalb der Trump-Regierung". Der Autor, der sich in dem Text als ranghohes Mitglied der Regierung outet, führt aus: "Das Dilemma – welches er (Trump, Anm.) nicht ganz begreift – ist, dass viele ranghohe Beamte seiner eigenen Regierung unablässig daran arbeiten, Teile seiner Politik und seiner schlimmsten Einfälle zu vereiteln", schrieb der Autor oder die Autorin. „Ich sollte das wissen, ich bin einer/eine von ihnen.

Unabhängig davon, ob diese Vorwürfe einen wahren Kern haben, ist es doch interessant zu lesen, dass die eigene Regierung gegen Trump arbeitet, wie behauptet. Liegt es also daran, dass Trump seinen Wahlversprechen nicht mehr folgt, oder folgen kann? Und warum sollten hohe Regierungsbeamte daran interessiert sein, die Krise mit Iran, Russland und Syrien zu verschärfen?

Wer auf diese Frage eine Antwort sucht, dem sei das neue Buch von dem renommierten Nahost-Experten Michael Lüders empfohlen: "Armageddon im Orient - wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt."

In seinem Werk schreibt Lüders: "Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien kreisen wesentlich um Erdöl, Waffengeschäfte und fragwürdige Deals im Dunstkreis der Finanzindustrie, zum Nutzen einer kleinen Gruppe milliardenschwerer Investoren hier wie dort."

Man muss diese Zeilen, deren Inhalt und Aussagekraft, sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, um zu verstehen, wieso der republikanische US-Präsident Trump sich in keinster Weise mehr an seine Versprechen aus dem Wahlkampf erinnern möchte oder kann.

Bei Lüders heißt es weiter: "Gleichzeitig ist die Versorgung mit billigem oder wenigstens doch günstigem Öl und Benzin der Schmierstoff westlicher Konsumgesellschaften, insbesondere in den USA. Das Auto als Fetisch. Der American way of life, beide sind undenkbar ohne bezahlbare Energiepreise. Die Kehrseite dieses Geschäftsmodells, gewissermaßen sein siamesischer Zwilling, sind religiöser Fundamentalismus und islamistischer Terror - der Wahhabismus hatte sich nicht in Luft aufgelöst. 15 der 19 Attentäter des 11. September 2001 stammten aus Saudi-Arabien, auch Osama bin Laden. Al Qaida hat dort seine ideologischen Wurzeln: der dramatische Höhepunkt einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung, eines möglicherweise unlösbaren Problems."

Hier erklärt sich, weshalb die Außenpolitik des Geschäftsmanns Trump lediglich alter Wein in alten Schläuchen ist. Um die dadurch hervorgerufene Gefährdung des Weltfriedens zu beenden, sind fundamentale Lösungen erforderlich, als lediglich ein Machtwechsel im Weißen Haus.


Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen. Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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ramon_schack@yahoo.de Thu, 13 Sep 2018 17:59:26 +0200
Iran – Eine hybride Kultur http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/45.html In meinen Leben habe ich viele Länder bereist. Die Kulturen kennengelernt. Versucht, nicht neben... In meinen Leben habe ich viele Länder bereist. Die Kulturen kennengelernt. Versucht, nicht neben den Menschen, sondern mit den Menschen zu leben. Skandinavien mit seinen unterschiedlichen Völkern bot mir die Möglichkeit, Wahrnehmungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Japan steht mit seinen Tradition, dem immer noch existierenden Ehrenkodex der Samuraikaste und seinem feudal – gesellschaftlichen System, im schweren Kontrast zum großen Drachen China.

„China breitet seine Flügel aus“, wurde mir immer wieder gesagt. Unterschiedlicher können die Kulturen zwischen Japaner und Chinesen, wenn man den Begriff für diese Vielvölkerstaaten überhaupt so verwenden kann, nicht sein.

Südostasien, buddhistisch, konfuzianisch, muslimisch und auch christlich geprägt, ist ein Schmelztiegel der Kulturen, welcher eines gemeinsamen Nenners bedarf, um gesellschaftlich klar zu kommen. In Singapur sind es die strengen Normen des Konfuzianismus, nach dem sich alle richten müssen. In Thailand, Laos und Kambodscha die Lebensweise des Buddhismus, welcher auch mal radikale Formen annehmen kann.

Der arabisch geprägte Nahe Osten, mehrheitlich religiös verankert in den verschiedenen Strömungen des sunnitischen Islam, Israel und Teile des Libanon bilden hier eine Ausnahme, ist von zahlreichen Konflikten durchsetzt und sucht seinen Weg. Die Region befindet sich im Wandel und der Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen.

Ein Land, welches ich noch nie zuvor besucht habe, bildet der schiitisch geprägte Iran. Wie geht man nun mit einer Region um, der Menschenrechtsverletzung und aggressive Expansion vorgeworfen wird? Unter anderem auch der Wille Israel zu vernichten und welches bist vor kurzen, laut Medien, darin bestrebt war, zu einer nuklearen Macht heranzuwachsen.

Meine Lösung dazu wie folgt:

Man nehme ein weißes Blatt. Suchend nach dem Inhalt. Wenn keiner zu finden ist, was die logische Konsequenz bei einem leeren Blatt ist, sollte man zunächst das bereits in Erfahrung gebrachte, sei es nun durch die Politik oder die Medien, erst einmal ausblenden. Nun tauche man ein in die Welt des Landes, vertiefe sich in die Grundpfeiler der Gesellschaft, welche ein staatliches Gebilde ausmachen. Dazu zählen die Religion, die Kultur und Tradition, die Wirtschaft, Kunst und Literatur, Geschichte, Architektur sowie das soziale Leben, und fange an zu schreiben. Zunächst aus dem Blickwinkel des anderen, dann ergänzt um die eigene, mit Logik und Vernunft verwobene Sichtweise.

Tut man das was ich in ungefähr drei Wochen mit einem sehr engen Zeitplan, Besuchen bei religiösen Führern, Politikern, staatlichen Stellen, wirtschaftlichen Vertretern und vor allem einfachen Bürgern gemacht habe, entsteht ein Bild, welches anders ist als die Vorstellung, die man im europäischen Kontext kennt.

Und damit komme ich auf ein wesentliches Problem, welches der Westen immer wieder mit einem Gebilde wie dem Iran hat und wahrscheinlich, wenn man nicht die eigene Denkweise hinterfragt, immer wieder haben wird. Aus der westlichen Perspektive betrachtet ist der Iran ein theokratisches Gebilde, welches bestrebt ist im religiösen Rahmen Kontrolle über die Bürger auszuüben. Das Leben der Iraner, jedenfalls nach außen, ist auch durch eine intensive Ausrichtung nach religiösen Regeln geprägt. Allerdings verbirgt sich bei einer tieferen Sicht mehr dahinter, als augenscheinlich zu sehen ist. Viele Verhaltensweisen sind das Resultat traditioneller Werte, welche die verschiedenen Ethnien des Irans, besonders durch die Lebens- und Verhaltensweisen der Frau zum Ausdruck bringen. Die Gesellschaftsform ist, wie in anderen Regionen des Nahen Ostens und Asiens ebenfalls, stark patriarchalisch geprägt. Mit unterschiedlich starken Facetten, die wiederum in Abhängigkeit zur Volk- und Clanzugehörigkeit stehen. Bei der Ethnie der „Luren“ z.B. muss sich das weibliche Geschlecht dem Diktat des Mannes beugen. Die Frauen der „Kaschgai“ genossen und genießen, als traditionelles Überbleibsel, verhältnismäßig viele Freiheiten.

Aus dem Blickwinkel des Orientalen betrachtet ist der Iran ein in seiner Jahrtausende alten Kultur, Tradition und Religion verankertes Staatswesen, welches die Religion zum dominierenden Faktor erhoben hat, um einen möglichst gleichen Nenner in einem Vielvölkerstaat zu definieren. Die Gesellschaft, gerade wegen der vorhanden Vielfalt, konsumierte und konsumiert weiterhin, aus der Gewohnheit heraus, andere Kulturen und deren Traditionen und Werte, um einen begrenzt – multiplen Weg gehen zu können. Dabei kristallisiert sich heraus, dass und das ist eine besondere Eigenschaft der Iraner, gerade philosophische Akzente, die ebenfalls aus der Jahrtausende alten Tradition kommen, den Ausschlag für einen eigenen Weg geben, der der Maßstab für diese Region ist.

Egal ob nun im religiösen, im wirtschaftlichen, kulturellen oder gesellschaftlichen Rahmen. Der philosophische Diskurs und damit auch das Hinterfragen des eignen Handelns spielen eine vordergründige Rolle bei allen Entscheidungen des Landes.

Dabei stellt sich einem die Frage, was der Iran überhaupt ist.

Iran, vollständig Islamische Republik Iran genannt (in Anlehnung an das altpersische Wort „Aryanam“, bedeutet so viel wie Land der Arier), hat ca. 75 Millionen Einwohner bei der vierfachen Fläche Deutschlands und zählt damit zu den 20 bevölkerungsreichsten Ländern der Erde. Ca. 36 % der Bevölkerung fühlen sich der persischen Ethnie zugehörig. 7 % bis 10 %, angesiedelt im Norden des Landes, sind Kurden die dem sunnitischen Islam angehören. 6 % der Bevölkerung zählen zu den Luren, während die Belutschen mit 2 % eine recht kleine Minderheit darstellen. 17 % gehören zu den Aserbaidschanern, die ebenfalls schiitisch geprägt sind und teilweise in Spannung zu den sunnitischen Kurden leben. Weiterhin gibt es in den nördlichen Steppenregionen einige Angehörige turkmenischer Stämme. Interessanterweise macht der Anteil der arabischen geprägten Bevölkerung nur gut 2 % aus. Künstlich angesiedelt, vor allem in der Region um Isfahan herum, lebten früher 300.000 Armenier.

Und die einst zahlreich vertretene indigene Bevölkerung im Iran, die noch vor der Ankunft der Perser im Land lebte, so z.B. die Assyrer, heute eine der letzten verbliebenen christlichen Minderheiten, macht nur noch einen verschwindend geringen Anteil aus. Von hier aus fand die Expansion der nestorianischen Kirche statt, die ihre Fühler bis zum fernen Japan und Malaysia ausstreckte, doch nach dem Einfall der Mongolen fast der vollständigen Vernichtung unterlag.

Mit Kyros dem Großen, Begründer der Dynastie der Achämeniden, entstand das größte Reich der Weltgeschichte, welches seinen Einfluss bis ins heutige Mazedonien ausgedehnt hatte. 330 v. Chr. wurde es von Alexander dem Großen zerstört. Um später durch die Sassaniden, zwischen dem 3. und 7. Jahrhundert, neben dem byzantinischen Reich wieder eine machtvolle Größe in der Region zu erreichen. Bedingt durch die islamische Expansion wurde die frühere Hauptreligion, der Zoroastrismus, abgelegt und durch den Islam ersetzt. Die facettenreiche persische Kultur absorbierte den kulturellen Kodex der arabischen Eroberer und veränderte den Islam in seiner Ausführung entscheidend. Hin zu einem starken philosophischen Akzent, in dem die Bildung, die Philosophie, die Kunst und der Wert der Kultur im Allgemeinen einen hohen Stellenwert besaßen. In dieser Zeit, unter Einflussnahme persischer Gelehrter, manifestierte sich der Begriff des „Goldenen Zeitalters des Islams“. Eine Epoche, in der z.B. den Wissenschaften sehr viel Spielraum in den Bildungseinrichtungen gegeben wurde. Dies ist insofern wichtig, weil man nur mit diesem Hintergrundwissen die aktuellen Entwicklungen auch verstehen kann. Der schiitische Islam dieser Zeit war und ist immer noch offener als z.B. der wahhabitisch geprägte sunnitische Islam auf der arabischen Halbinsel. Ein wesentlicher Unterschied bildet der Umgang mit anderen Minderheiten, sogenannten Dhimmis, die nicht der gängigen Auslegung des Islams angehörten. Imam Ali, nach schiitischer Sichtweise der legitime Nachfolger des Propheten Mohammeds, trat für die Abschaffung der Benachteiligung ein. Wahrscheinlich war gerade dieser Punkt, wenn es um die Gleichberechtigung der Religionen ging, der ausschlaggebende Faktor für die Spaltung des Islams in Schiitentum und Sunnitentum.

Mit dem Einfall der Mongolen unter Dschingis Khan im Jahre 1219 n. Chr. endete die Hochblüte des Islams. Die Mongolen plünderten und zerstörten die iranischen Städte. Die Anzahl der Bevölkerung schrumpfte dramatisch. Einige Regionen konnten sich nie wieder erholen. Das Hochland schaffte dennoch ein Erblühen. Nur um erneut 1381 n. Chr. von den mongolischen Horden Tamerlans, des Weltenzerstörers, abermals überrannt zu werden.

Es folgten zahlreiche weitere Eroberer mit all ihren politischen und kriegerischen Konflikten. Osmanen, Briten, Russen wollten jeweils ein Stück des Landes haben. Eine Region mit den weltweit größten Gasvorkommen und den viertgrößten Erdölvorkommen, erweckt besonders im industriellen Zeitalter Begehrlichkeiten. Die amerikanische CIA trug zum Sturz einer Regierung bei, Monarchen kamen und gingen. Religiöse Führer übernahmen das Zepter und bilden bis heute die entscheidende Macht in einem Land, welches viele Ethnien und Religionen beherbergt.

In einem Land, welches mehr ist als die Energievorkommen, die es weltweit strategisch ins Zentrum geopolitischer Ereignisse rücken lässt. Der Iran ist Geschichte, Bildung, Kunst, Philosophie und architektonisch, geprägt durch die Epochen der Zeit, von immenser Bedeutung.

Sumerer, Babylonier, Assyrer, Perser, Griechen, Römer, Osmanen und noch viele andere Völker haben ihre Spuren in dem Land hinterlassen. Tiefes und breitgefächertes Wissen hinterlassen. Mündend in einem Satz, den mir ein junger Student in Teheran mitgab.

Er sagte: „Der Iran ist eine hybride Kultur. Wir werden nie den Westen kopieren. Aber können und werden von allen Kulturen das Beste übernehmen, um unseren eigenen Weg zu definieren.“

Der junge Mann, der mir dies sagte, hat jüdische, zoroastrische, assyrisch – christliche und mandäische Vorfahren, auf die er stolz ist. Er selbst sieht sich als Muslim und vergöttert buchstäblich Hegel, Freud und Augustinos von Hippo. Außerdem hat er extra Deutsch gelernt, um sich in die deutsche Literatur vertiefen zu können.

Meine drei Wochen waren, wie eingangs erwähnt, sehr intensiv. Ich besuchte Teheran, mehrmals Ghom, die Heilige Stadt der Schiiten, Isfahan, die künstlerisch bedeutendste Stadt in der Region, die ich jemals zu Gesicht bekam, Urmia, eine uhrchristliche Metropole im Norden sowie die Umgebung Urmias, mit ihren zahlreichen uralten nestorianischen Kirchen...

Wenn ich in den ersten Tagen nach meiner Rückkehr meine Eindrücke am besten beschreiben könnte, so würde ich das folgende Bild verwenden.

Es zeigt die armenische Vank – Kathedrale in Isfahan. Die Kuppel wurde von schiitischen Architekten erbaut. Das prachtvolle Mosaik geht auf das Schaffen isfahaner Künstler zurück. Die wunderschönen Fresken wurden von italienischen Künstlern zum Leben erweckt.

Ich begebe mich nun dazu, das weiße Blatt zu füllen.


Mit freundlicher Genehmigung von Oannes Consulting.


Simon JacobSimon Jacob ist Buchautor, Politikberater und Vorsitzender des „Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland e.V. – ZOCD“. Im Rahmen des von ihm initiierten Projektes Peacemaker-Tour war er 2015/2016 als Friedensbotschafter des Zentralrats und freier Journalist im Nahen Osten unterwegs. In gut fünf Monaten legte Simon Jacob rund 40.000 km zurück und besuchte neben der Türkei, Georgien, Armenien und Iran auch die Krisengebiete in Nordsyrien und Nordirak. Seine Beobachtungen und Erfahrungen dokumentierte er in seinem Buch "Peacemaker - Mein Krieg. Mein Friede. Unsere Zukunft.", das im April 2018 im Herder Verlag erschienen ist.


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simon.jacob@oannes-consulting.com Wed, 05 Sep 2018 13:14:52 +0200
Konstruktive Reformen sind im Sinne des Islams http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/42.html „Der Islam muss reformiert werden“. „Der Islam ist reformunwillig.“ „Der Islam muss abgeschafft... „Der Islam muss reformiert werden“. „Der Islam ist reformunwillig.“ „Der Islam muss abgeschafft werden.“ […]

Das sind Statements, mit denen wir sowohl in sozialen Netzwerken als auch in der etablierten Medienwelt konfrontiert werden. Der Islam erscheint kontroverser denn je und dies in all seinen Facetten. Er ist als Diskussion in einem reinen religiösen Zusammenhang kaum mehr vorstellbar. Um so dringender ist es deshalb, theologisch kurz aufzuarbeiten, was eigentlich Reform aus islamischer Sicht bedeutet.

Gott als der erste Reformer

Tatsächlich tritt Gott selbst im Koran als Reformer auf, indem er Gesandte und Propheten auf die Welt entsendet, die die jeweiligen Gesellschaften, ja selbst von Gott begründete monotheistische Gesellschaften, zu reformieren haben. Folglich sind muslimische Reformbestrebungen keineswegs Ideen, die dem Islam von außen zugetragen werden, sondern sie sind inhärent islamisch.

Gesellschaftliche Basis als Voraussetzung

Nach islamischer Vorstellung basiert eine Reform auf zwei Säulen, zum einen auf der Idee, zum anderen auf die Umsetzung. Das heißt, dass die Methode der göttlichen Reformierung versucht, durch die Umsetzung einer vorausgegangenen Idee eine Reform herbeizuführen.

Doch wer kann im islamischen Kontext eine konstruktive Reform durchführen?

Ein Beispiel ist der islamische Prophet Muhammad ibn Abdullah, der vielmehr ein Reformer als ein Revolutionär war. Die Berufung Muhammads zum Propheten geschah in einer Zeit, als dieser in seinen ersten vierzig Lebensjahren bereits sehr viel Vertrauen in seiner Heimatstadt Mekka gesammelt hatte. Dieses Vertrauen durchbrach jegliche konfessionelle und tribale Trennlinien im pluralistischen Mekka, galt er doch unisono als „der Vertrauenswürdige“ und erhielt dementsprechend den arabischen Beinamen Al-Amin. Durch seine charakterlichen Vorzüge hatte er eine starke Basis, womit er seine kriegsgeschüttelte Gesellschaft zum Frieden reformieren und vereinigen konnte.

Demzufolge ist klar, dass Reformen im Islam nicht durch Islamkritiker oder Menschen, die keine Basis in der muslimischen Gemeinschaft haben, zu bewerkstelligen sind. Allenfalls könnten sie Impulsgeber sein, insofern es sich um konstruktive Kritik und nicht um absichtlich polarisierende Effekthascherei handelt.

Reformen müssen mit den Faktoren Ort und Zeit harmonisieren

Der Begriff „Reform“ findet sich im heiligen Buch der Muslime und der wichtigsten Geistesquelle des Islams, nämlich im Koran, als Islah wieder. Dieses arabische Wort ist semantisch gesehen als Verbesserung, aber interessanterweise auch als Aussöhnung zu verstehen. Es ist von der Wortwurzel ṣ-l-ḥ abgeleitet, die die Bedeutung gut, richtig, rechtschaffen, redlich, brauchbar und passend hat. Islah ist das Substantiv dieser Wortwurzel und hat die Bedeutung von „eine Aussöhnung herbeiführen“, „in Ordnung bringen“ oder „für geordnete Verhältnisse sorgen“.

Damit wird schon rein semantisch deutlich, dass eine Reform, wenn sie eine islamische sein will, einerseits islamische Ziele von gut, richtig, rechtschaffen und redlich zu beinhalten hat, aber andererseits auch mit der jeweiligen Zeit zu harmonisieren hat. Sie muss brauchbar und passend sein und mit der neuen Situation eine Aussöhnung herbeiführen, um Missstände in Ordnung zu bringen und geordnete Verhältnisse wiederherzustellen.

Das Leben existiert auf dem Fundament der Zeit. Und diese ist in einem stetigen Wandel, sie erneuert und entwickelt sich fortwährend weiter. Oder wie es der unter Sunniten und Schiiten verehrte Dichter und Gelehrte Dschalal ad-Din ar-Rumi sagt: „Mit jedem Atemzug verändert sich die Welt und wir.“ Wenn also Regelwerke und Bestimmungen nicht mit dem Wandel der Zeit Schritt halten, verlieren sie den Bezug zum zeitgemäßen Leben. Dabei verliert sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft die Möglichkeit zur Weiterentwicklung. Gleichwohl kann eine islamische Reform selbstredend nicht die Abschaffung von islamischen Grundsätzen und -regeln zum Ziel haben, sondern vielmehr werden diese unter Berücksichtigung von Ort und Zeit mit Hilfe der islamischen Rechtsfindung (im Fachjargon: Ijtihad) modifiziert.

Die gescheiterte Reform: Der Wahhabismus

Abschließend möchte ich auf ein Beispiel einer Reform des Islam hinweisen, die die Faktoren Ort und Zeit nicht berücksichtigt: der Wahhabismus.

Der Wahhabismus ist eine junge, seit dem 18. Jahrhundert entstandene islamische Reformbewegung - ausgehend von der Arabischen Halbinsel, später mit saudischen Petrodollars weltweit exportiert - die aus ihrer Sicht eine Reinigung von "verhunzten" muslimischen Praktiken anstrebt.

Demnach müsste jede religiöse Handlungsnorm aus dem Koran und den prophetischen Überlieferungen (im Fachjargon: Sunna) direkt entnommen werden. Der Denkfehler, der hierbei begangen wird, ist der, dass man meint, das religiöse Bestimmungen, die zu Lebzeiten des Propheten im 7. Jahrhundert erlassen wurden, eins zu eins in die Gegenwart zu übertragen sind und jede Abweichung davon als verdammenswerter Bruch mit dem Islam verstanden wird.

Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Wenn auf religiösen Bestimmungen bestanden wird, deren ursprüngliche Sinnhaftigkeit während des Erlasses nicht mehr in einer anderen oder gegenwärtigen Gesellschaft vorliegt, vollzieht sich der Bruch mit dem göttlichen Willen. In der deutschen Sprache spricht man in diesen Fällen passend von "nicht im Sinne des Erfinders" oder mit anderen Worten: "nicht im Sinne des göttlichen Gesetzgebers".

Eine Rechtslogik, die vergeblich versucht, mit aller Kraft überkommene Normen wiederherzustellen, führt bestenfalls zu Frust und schlimmstenfalls zu Gewalt. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass sich heute die meisten islamisch gefärbten Terrororganisationen (IS, Al-Qaida, Taliban, Boko Haram usw.) auf die Lehre des Wahhabismus berufen, die weder mit westlichen noch mit islamischen Normen und Werten vereinbar sind. Diese Reform des Islam ist keine Erneuerung auf den islamischen Grundlagen von Vernunft, Ort und Zeit, sondern ein "verdammenswerter Bruch mit dem Islam" - mit katastrophalen Folgen.

Um so ärgerlicher ist daher die weitverbreitete Vorstellung in diversen Medienhäusern, dass der Wahhabismus den "wahren Islam" ausmachen würde und seine Anhänger "wahre Muslime" wären.

Mohammad Razavi RadDr. phil. theol. Mohammad Razavi Rad ist spezialisiert auf Religionswissenschaft und Religionsphilosophie und ist Autor von mehreren Büchern, Publikationen und Aufsätzen und ist Direktor des Instituts für Human- und Islamwissenschaften in Hamburg.


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rad@multiperspektivisch.de Thu, 24 May 2018 13:19:01 +0200
Die westliche Unterwerfung vor Saudi-Arabien und die Möglichkeit seiner Truppenunterhaltung in Syrien http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/41.html Nach seiner Tingeltangel-Tour durch Washington, London und Paris - flankiert von lukrativen... Nach seiner Tingeltangel-Tour durch Washington, London und Paris - flankiert von lukrativen Geschäften - unter anderem für die Rüstungsschmieden der USA, Großbritanniens und Frankreichs, versucht der Kronprinz und faktischer Machthaber Saudi-Arabiens, Mohammed Bin Salman, immer stärker Einfluss auf die Nahost-Politik der westlichen Staaten zu nehmen. Nicht ohne Erfolg.

Der französische Präsident Emmanuel Macron war sich nicht zu schade, seine Militärschläge gegen Syrien, aufgrund bisher nicht bewiesener Giftgasangriffe von Seiten des Assad-Regimes, in Paris im Beisein Bin Salmans zu verkünden.

Macrons Unterwerfung

Dabei sollte es gerade der Präsident Frankreichs besser wissen. Immerhin wurde das Hexagon - wie die Franzosen Ihr Land aufgrund seiner geographischen Ausprägung gerne zu nennen pflegen - in der jüngsten Vergangenheit Schauplatz blutiger Terroranschläge in Paris und Nizza, denen hunderte Menschen zum Opfer fielen, welche ideologisch inspiriert waren, von jenem radikalsunnitischen Islam, in seiner salafistischen Extremvariante, welche mit saudischen Geldern und saudischen Ideologen neben Erdöl in alle Welt exportiert wurde und wird.

Aber davon sprach Macron nicht, ebenso wenig von dem Verbrechen, welches die Saudis in Jemen mit den Waffen des Westens anrichten. Wenn der Präsident von Menschenrechtsverletzungen sprach, dann lediglich in Richtung Damaskus. Angesichts dieses Auftretens erscheint der Buchtitel des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq „Soumission" - „Die Unterwerfung"- von beklemmender Aktualität. 

Das Gleiche gilt natürlich für das Verhalten der britischen Premierministern Theresa May, von deren politischen Fähigkeiten sowieso überhaupt nichts zu halten ist, vor allem aber auch für US-Präsident Donald Trump. Kronprinz Bin Salman kann diesbezüglich unbesorgt sein, die Führer der sogenannten „Freien Welt" haben nicht vor, ihren Kurs zu ändern.

Schnelle Rendite dominiert über langfristige Sicherheitsinteressen, das Shareholder Value steht über dem Citoyen, nicht die Herrschaft des Volkes - die Demokratie - wird ausgeübt, sondern die Herrschaft des Geldes – die Plutokratie.

Bin Salmans Angebot

Demzufolge hat der saudische Kronprinz den USA angeboten, wohl wissend dass die US-Amerikaner sich schnell zurückziehen möchten, ein eigenes Truppenkontingent nach Syrien zu senden, natürlich alles ohne Absprache mit der Regierung in Damaskus.

Statt der 2.000 GIs, die im äußersten Nordosten Syriens, im ehemaligen Herrschaftsgebietes des sogenannten Islamischen Staates (IS), stationiert sind, sollen dort saudische Truppen die Region stabilisieren, also Truppen aus jenem Land, wo der IS einst ideologisch geboren wurde. Neben den Truppen Bin Salmans, sollen auch ägyptische und Soldaten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten mit von der Partie sein.

Zweifel an der Schlagkraft der saudischen Armee

Unter US-Militärs wird von diesem Plan, den Präsident Trump zunächst begeistert aufnahm, wenig bis gar nichts gehalten. Die militärischen Fähigkeiten der Saudis werden von US-Generälen generell in Zweifel gezogen, als Fallbeispiel wird Riads Aggression gegen Jemen zitiert, wo die Truppen des Kronprinzen nicht von der Stelle kommen - trotz modernster Aufrüstung durch den Westen und einer brachialen Vorgehensweise gegen das ärmere, schwächere und kleinere Nachbarland.

Auch hegt kein Experte einen Zweifel daran, dass im Falle einer Konfrontation mit seinem Erzrivalen Teheran, die Saudis den Iranern heillos unterlegen wären.

Die britische Tageszeitung „Guardian" zitiert diesbezüglich Experten, wonach die saudischen Truppen daher Söldner einsetzen würden, was sie zum Teil schon im Jenen praktizieren.„Ich bin sicher, dass die Saudis bereit sind, in Syrien bis zum allerletzten sudanesischen Soldaten zu kämpfen", ließ ein britischer Nahost-Experte daher zynisch verlautbaren.

Da trifft es sich gut, dass der Trump-Vertraute Eric Prince im Hintergrund die Strippen zieht. Prince ist der Gründer der berüchtigten amerikanischen Sicherheitsfirma Blackwater, die wie für keine andere das weltweite Söldnertum und die Privatisierung von Kriegen betreibt.

Das alles klingt wieder nach einer gefährlichen Schnapsidee, die neues Leid und Unheil hervorrufen wird und ist Ausdruck für die moralische Bankrotterklärung des Westens und seiner Verbündeten im Nahen Osten, im Jahr 17 des „War on Terror".

Der Aufruhr von 1979 und seine Folgen

Um noch einmal auf die militärischen Fähigkeiten der Saudis zu sprechen zu kommen. Im November 1979 kam es in dem Königreich zu einem Aufruhr, welcher in der Erstürmung der Heiligen Stätten von Mekka gipfelte. Die Heiligen Stätten wurden von Fanatikern besetzt. Als Motiv gaben die Aufrührer an, sich gegen die Prunksucht des Hauses Saud auflehnen zu wollen.

Hier wird die Story hochaktuell. Der Anführer war ein gewisser Juhayman al-Otaybi, der seinen Schwager Mohammed al-Qahtani als den unter sowohl Sunniten als auch Schiiten erwartenden Messias, den al-Mahdi, ausrief und der eine Menge von Mitstreitern um sich scharrte. Das Könighaus reagierte geschockt. Seit diesem Tag verfolgt man in Riad die Strategie, den wahhabitischen Gedankengut weltweit zu fördern, um von seinem Prunk- und Verschwendungssucht abzulenken.

Der weltbekannte Schriftsteller Salman Rushdie äußerte vor einigen Jahren, in einem Interview mit dem Verfasser dieses Artikels: „Mithilfe des enormen Wohlstands, den unsere Petro-Dollars brachten, haben die Saudis ihre sehr fundamentalistische Version des Islam verbreitet, die zuvor innerhalb der islamischen Welt nur den Status einer Art Sekte besaß. Dadurch - durch die Verbreitung der saudischen Form - hat sich die ganze Natur des Islam zum Nachteil verändert."

Wie der Aufruhr in Saudi-Arabien damals zu Ende ging?

Da die saudische Armee nicht in der Lage war, diese Revolte niederzuschlagen, wandte sich Riad verzweifelt an Paris und bettelte um den Einsatz der französischen Antiterror-Einheit der GIGN. So kam es dazu, dass „Ungläubige aus dem Abendland" den Hütern der Heiligen Stätten des Islams zur Seite standen, bis zur Vernichtung dieses frühsalafistischen Aufruhrs.

Aus der Perspektive der islamischen Geschichtsschreibung, hatte es seit dem 10. Jahrhundert, als die ketzerischen Qarmaten die heiligen Stätten heimsuchten, keine solche Entweihung mehr gegeben.

Seit jenem Tag, im November 1979, ist eine Rückkehr des Hauses Al-Saud zu einer fundamentalistischeren Interpretation der islamischen Gesetzgebung festzustellen. Seit jenem Tag kann man auch die militärischen Fähigkeiten der Saudis beobachten. In diesem Zusammenhang ist es als Warnung und Mahnung zu betrachten, was eines Tages geschieht, wenn ein ähnlicher Aufstand dort gelingen sollte, denn heute sind die Waffenkammern Riads prall gefüllt, mit den modernen Waffentechniken des Westens.


Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen. Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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ramon_schack@yahoo.de Wed, 09 May 2018 13:05:44 +0200
Die sogenannte Kopftsteuer diskriminiert keine Christen http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/40.html Es vergeht keinen Monat, in dem nicht in einem etablierten Medium verkündet wird, dass überall da,... Es vergeht keinen Monat, in dem nicht in einem etablierten Medium verkündet wird, dass überall da, wo der Islam politisch herrsche, Christen durch die sogenannte Kopfsteuer diskriminiert würden.

Keine Frage: In einem Islamischen Staat nach dem Vorbild des Propheten Muhammad ibn Abdullah würden Christen nicht die gleichen Rechte wie die Angehörigen des Islams haben, da in solch einem Staat die Staatsangehörigkeit anhand der Religionszugehörigkeit definiert würde und Nichtmuslime demzufolge als Ausländer betrachtet würden. Und vermutlich in keinem Staat der Welt genießen Staatsangehörige eines fremden Staates die gleichen Rechte wie die Menschen mit der Angehörigkeit des Staates, in dem beide leben.

Wir möchten in diesem Artikel daher ausschließlich der Frage nachgehen, ob die sogenannte Kopfsteuer als Alibi dafür herhalten kann, dem Islam vorzuwerfen, die religiösen Minderheiten zu diskriminieren, wie es von Seiten der Islamkritiker - aber sogar selbst von einer Reihe unwissend anmutender Denker, die dem Islam als gegenüber wohlwollend gesinnt gelten - absichtlich bzw. irrtümlicherweise erhoben wird.

Die Dschizya befreit vom Militärdienst

Da die Angehörigkeit bzw. Bürgerschaft des Staates nach dem islamischen Ideal entlang der religiösen - und nicht der ethnischen oder anderen Trennlinien - verläuft, stellt sich die Frage, ob Nichtmuslime in einem solchen islamischen Land an der brisantesten hoheitlichen Aufgabe des Staates, nämlich an der aktiven Gewährleistung der inneren und äußeren Sicherheit sowie am Gewaltmonopol, mit partizipieren dürfen. Während wohl in allen Staaten der Welt, Ausländer nicht Polizisten, Geheimdienstler oder Armeeangehörige werden können, ist dies jedoch im übertragenen Sinn in jenem idealen islamischen Staat möglich.

Falls es aber nicht zu solch einer interreligiösen kollektiven Sicherung kommt, haben die Nichtmuslime erst dann den Muslimen die Dschizya, die sogenannte Kopfsteuer, zu zahlen, damit ihre Sicherheit an Leib und Eigentum exklusiv von den Muslimen übernommen wird. Diese Sicherungsübernahme nennt man im Fachjargon Dhimma, was Schutz heißt. Und die Nichtmuslime, die eine Dhimma mit den Muslimen eingehen, nennt man in der Fachterminologie Ahl adh-Dhimma, das wiederum Schutzbefohlene bedeutet.

Die unumstrittene islamische Autorität Imam Ali ibn Abi Talib - der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, der vierte rechtgeleitete Kalif der Sunniten und erste Imam der Schiiten - äußerte sich zu diesem Sicherungsvertrag wie folgt: „Ihre Zustimmung [der Nichtmuslime] zum Abschluss eines Dhimmas erfolgt eindeutig unter der Voraussetzung, dass ihr Eigentum soviel gilt wie unser Eigentum und ihr Blut soviel wie unser Blut.“ Demnach kommt ein Angriff auf sie einem Angriff auf die Muslime gleich! Und folgerichtig wird das Thema Dschizya in den islamischen Rechtswissenschaften nicht etwa unter den Kapiteln Steuern und Abgaben, sondern im Zusammenhang von Verteidigung des Landes und Militärdienst behandelt.

Die Zahlung der Dschizya gleicht letztlich die Kosten und Mühen der Muslime für den Schutz der Nichtmuslime aus. Sie erscheint als eine Notwendigkeit im Hinblick auf eine gerechte Lastenverteilung und ist eher als eine Ausgleichszahlung zu bezeichnen.

Die Dschizya ist keine Kopfsteuer

Tatsächlich ist die Dschizya aber nicht einmal von allen Mitgliedern der Ahl adh-Dhimma zu zahlen - weder auf noch von Frauen, Kindern, Armen, Mönchen, Geistlichen usw. - und sie bleiben allesamt dennoch Schutzbefohlene, für deren Sicherheit die Muslime sorgen. Somit ist die für die Dschizya übliche deutsche Bezeichnung Kopfsteuer unzutreffend und irreführend.

Die Frage der Religionsfreiheit ist unabhängig von der Dschizya

Oft wird fälschlicherweise angenommen, dass erst durch die Ausgleichszahlung der Dschizya die Religionsfreiheit der Nichtmuslime geschützt wird. Dies ist ein weit verbreiteter Irrtum. Die Religionsfreiheit ist unabhängig vom Abschluss eines Dhimmas und fällt unter anderen Bedingungen. Nichtmuslime, die die Dschizya nicht entrichten und gemeinsam mit Muslimen für die Sicherheit im Land sorgen, genießen die gleiche Religionsfreiheit wie Nichtmuslime, die sich davon befreien und die Dschizya entrichten.

Dass die Dschizya keine Strafe für Konversionsunwillige oder nicht der Preis dafür ist, dass man Nichtmuslime überhaupt am Leben lässt, wird auch daran deutlich, dass unter anderem Mönche, Frauen, Kinder und Arme von der Ausgleichszahlung befreit sind und trotzdem ihre Religion frei und geschützt leben können.

Die Dschizya diskriminiert eher Muslime und bemächtigt Nichtmuslime

Anders als Muslime haben Nichtmuslime die Wahlfreiheit beispielsweise zwischen der Ableistung des Wehrdiensts oder der Befreiung davon - durch die Zahlung des Augleichs. Das ist ein Recht, das Muslime „im eigenen" Land per se nicht haben.

Die Dschizya ist eine Ausgleichszahlung und keine Sondersteuer

In modernen Gesellschaften und Staaten würde für den Schutz von Ausländern keine Sonderabgabe verlangt, so könnte der aufmerksame Leser einwenden.

Das mag richtig sein. Aber in modernen Gesellschaften und Staaten werden in der Regel auch fremde Staatsangehörigen wie die eigenen Staatsangehörigen gleich besteuert. In der Ära der islamischen Herrschaft des Propheten wurden hingegen nur Muslime mit Khums (Einkommenssteuer) und Zakat (Vermögenssteuer) besteuert, Nichtmuslime dagegen nicht. Des Weiteren ist die Khums- und Zakat-Abgabe eine verbindliche Pflicht für alle vermögenden beziehungsweise verdienenden muslimischen Männer ab spätestens 15 Mondjahre und für Frauen ab frühestens 9 Mondjahre wie auch für Geistliche und anderen. Die Dschizya wird im Gegensatz dazu, wie bereits oben erläutert, nur für wehrfähige Männer, die sich von der Beteiligung an der Sicherheit im Land befreien wollen, erhoben. Weder auf noch von Frauen, Kindern, Armen, Mönchen und Geistlichen ist die Dschizya zu entrichten - Schutzbefohlene aber sind sie alle!

Nun könnte allerdings eingewandt werden, dass Nichtmuslime ebenso ihre eigene religiöse Abgaben zu leisten hatten wie den Zehnten bei den Christen und daher Nichtmuslime Dank der Zahlung der Dschizya doch doppelt belastet würden.

Unabhängig davon, dass nicht abklärend durchforscht ist, inwiefern die Zahlung des Zehnten für die Christen in der muslimischen Diaspora obligatorisch und umsetzbar war, zumal kirchliche Einrichtungen und Dienstleistungen teilweise auch von Muslimen mit finanziert wurden, ist - wenn man unbedingt die Dschizya als Sondersteuer und damit als Mehrbelastung für Nichtmuslime deuten möchte - zu sagen, dass eine Mehrbelastung von Ausländern kein islamisches Spezifikum ist. So müssen selbst in den hochgepriesenen modernen Staaten und Gesellschaften des Westens die Angehörigen anderer Bürgerschaften beispielsweise nach gewissen kurzen oder langen Intervallen, nach Monaten oder Jahren, ihre kostenpflichtigen Aufenthaltsgenehmigungen verlängern, die ebenfalls als eine Sondersteuer ausgelegt werden können. Eine solche Steuer gab es freilich während der Regentschaft des Propheten für die Nichtmuslimen, also Angehörigen anderer Bürgerschaften nicht. Darüber hinaus passte sich die Höhe der Ausgleichszahlung nicht einmal zwingend an die Verteidigungsausgaben der Muslime, sondern auch an die finanziellen Verhältnisse der Nichtmuslime an - anders als die in aller Regel pauschal kostenpflichtigen Aufenthaltsgenehmigungen der modernen Welt.

Fazit

Wie so oft gibt es bei der Bewertung und Übernahme von Gesetzen, Mechanismen und Regelwerken aus einer Epoche, in der die Gesellschaft, ja die ganze Welt, ganz anders aufgebaut, geordnet und strukturiert war als unsrige gegenwärtige, zu Diskrepanzen, Reibereien und Missverständnissen. Ein exemplarisches Beispiel dafür ist die Islamische Republik Iran, die auf der einen Seite ideell von dem Primat der Religionszugehörigkeit ausgeht und daher Rechte entlang der konfessionellen Trennlinie vergibt, aber anderseits als unzertrennbarer Bestandteil der hiesigen Welt zwangsläufig die Frage der Abstammung nicht unberücksichtigt lassen kann, was dazu führt, dass auf der einen Seite nicht jeder Muslim automatisch die iranische Staatsbürgerschaft erhält und auf der anderen Seite einheimische Anders- oder Nichtgläubige die iranische Staatsbürgerschaft haben und diese offiziell auch nicht verlieren. In dieser Hinsicht ist der jüdische Staat Israel konsequenter, der Juden aus aller Herren Länder seine Staatsangehörigkeit verleiht und sie damit in den Genuss kommen lässt, Bürger erster Klasse zu sein, ungleich der einheimischen nicht-jüdischen Bewohner des Landes.

Shayan ArkianShayan Arkian ist unter anderem Medien- und Politikberater und studierte Politik, Philosophie, Pädagogik und Theologie in Hamburg und Qom.


Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam und Muslime in der europäischen Wahrnehmung.


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Mon, 30 Apr 2018 17:00:23 +0200
Exklusiv: Nahost-Experte Robert Fisk besichtigt den Ort des mutmaßlichen Chemiewaffenangriffs in Duma http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/39.html Das ist die Geschichte einer Stadt namens Douma, einem verwüsteten, übelriechenden Ort von... Das ist die Geschichte einer Stadt namens Douma, einem verwüsteten, übelriechenden Ort von zertrümmerten Wohnblöcken - und von einer Untergrundklinik, deren Bilder des Leids drei westliche Großmächte letzte Woche dazu brachten, Syrien zu bombardieren. Und es ist die Rede von einem freundlichen Arzt in grüner Jacke, der, als ich ihn in derselben Klinik aufspürte, mir heiter erzählte, dass die Videoaufnahme über den mutmaßlichen Giftgasangriff, welche die Welt allen Zweifeln zum Trotz entsetze, vollkommen authentisch sei.

Kriegsgeschichten haben jedoch die Angewohnheit, das Graue weiter zu schwärzen. Das gilt auch hier alsdann der 58-jährige syrische Arzt etwas zutiefst Unbehagliches hinzufügte: Die Patienten, sagt er, seien nicht durch Gas überwältigt worden, sondern durch Sauerstoffmangel, indem sie in den mit Müll gefüllten Tunneln und Kellern lebten und in der Nacht durch Wind und starken Beschuss ein Staubsturm ausgelöst wurde.

Während Dr. Assim Rahaibani diese außergewöhnliche Schlussfolgerung verkündet, ist es wichtig zu wissen, dass er einerseits selbst einräumt, kein Augenzeuge gewesen zu sein, und andererseits zweimal im guten Englisch die bewaffneten Dschihadisten von Jaysh al-Islam in Douma als "Terroristen" bezeichnet - eine Wortwahl, die das Regime für seine Gegner verwendet, aber auch ein Begriff, der von vielen Menschen quer durch Syrien benutzt wird. Nun, höre ich richtig? Welche Version der Ereignisse haben wir zu glauben?

Zu meinem Unglück waren alle Ärzte, die in dieser Nacht des 7. Aprils hier Dienst hatten, gerade in Damaskus und wurden von einem C-Waffen-Untersuchungsteam befragt, das bestrebt ist, in den kommenden Wochen eine definitive Antwort darüber zu geben, ob C-Waffen eingesetzt wurden oder nicht.

Mittlerweile sagt Frankreich, dass es "Beweise" für den Einsatz von chemischen Waffen habe, und US-Medien zitieren Quellen, die besagen, dass Urin- und Bluttests dies ebenfalls aussagen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt ferner, dass ihre Partner vor Ort 500 Patienten behandelt haben, die "Anzeichen und Symptome aufweisen, die mit toxischen Chemikalien in Zusammenhang stehen".

Zur selben Zeit werden die Inspektoren der „Organisation für das Verbot chemischer Waffen“ (OPCW) daran gehindert, hier den mutmaßlich mit chemischen Waffen angegriffenen Ort zu besichtigen, angeblich weil ihnen die korrekte UN-Erlaubnis fehlten.

Bevor wir das Thema über den Giftgasangriff weiter erörtern, sollten die Leser wissen, dass dies nicht die einzige Geschichte in Douma ist. Es gibt sehr viele Menschen, mit denen ich inmitten der Ruinen der Stadt sprach, die gesagt haben, dass sie "nie geglaubt haben an" die Gas-Berichte - die immer wieder im Umlauf gebracht wurden, wie sie behaupten, von militanten islamistischen Gruppen. Diese sonderbaren Jihadis überlebten unter einem Schneesturm von Granatfeuer, indem sie in den Wohnungen anderer Menschen lebten sowie in riesigen, breiten Tunneln mit unterirdischen Straßen, die von Gefangenen mit Spitzhacken auf drei Ebenen unterhalb der Stadt durch gewachsenen Felsen gehauen wurden. Ich bin gestern durch drei von ihnen gegangen, riesige Korridore aus anstehendem Gestein, in denen immer noch russische - ja, russische - Raketen und ausgebrannte Autos geborgen sind.

Die Geschichte von Douma ist also nicht nur eine Geschichte von Gas - oder eben kein Gas, wie immer es sein mag. Es ist auch eine Geschichte über Tausende von Menschen, die sich letzte Woche nicht dazu entschieden haben, mit den Bussen Seite an Seite mit den Bewaffneten, mit denen sie ohnehin monatelang wie Höhlenbewohner leben mussten, um zu überleben, sich aus Douma evakuieren zu lassen. Ich bin gestern ziemlich frei durch diese Stadt gelaufen, nicht mit einem Soldaten, Polizisten oder Aufpasser, der mich auf Schritt und Tritt verfolgen würde, sondern nur mit zwei syrischen Freunden, einer Kamera und einem Notizbuch. Manchmal musste ich über 20 Fuß hohe Befestigungsmauern erklimmen, hoch und runter - sogar fast steile Erdwälle. Glücklich, Ausländer unter sich zu sehen, noch glücklicher, dass die Belagerung endlich vorbei ist, lächeln sie meistens; zumindest diejenigen, deren Gesichter man sehen kann, weil eine überraschende Anzahl von Doumas Frauen weiterhin schwarze Hijabs in Lebensgröße tragen.

Ich fuhr zunächst als Mitglied eines eskortierten Konvois von Journalisten nach Duma. Aber als ein langweiliger General vor einer zerstörten Sozialwohnung die Ansage machte, dass er keinerlei Informationen habe - war das schon das Hilfreichste vom Schutthaufen der arabischen Bürokratie - und da bin ich einfach gegangen. Mehrere andere Reporter, hauptsächlich Syrer, taten dasselbe. Selbst eine Gruppe russischer Journalisten - alle in Militärkleidung - seilten sich ab.

Es war ein kurzer Fußweg bis zu Dr. Rahaibani. Von der Tür seiner unterirdischen Klinik - "Punkt 200" heißt sie in der unheimlichen Geologie dieser teilweise unterirdischen Stadt - führt ein Korridor hangabwärts, wo er mir sein bescheidenes Krankenhaus und die wenigen Betten zeigt, worin ein kleines Mädchen am weinen war, als Krankenschwestern einen Schnitt über ihrem Auge behandelten.

"Ich war in der Nacht mit meiner Familie im Keller meines Hauses dreihundert Meter entfernt von hier, aber alle anderen Ärzte wissen, was passiert sei. Es gab eine Menge Beschuss [von Seiten der Regierungstruppen] und nachts flogen stets die Flugzeuge über Douma - aber in dieser Nacht gab es diesmal Wind und riesige Staubwolken begannen, in den Untergeschossen und Kellern, in denen die Menschen lebten, zu gelangen. Die Menschen, die hier ankamen, begannen daraufhin unter Hypoxie, also Sauerstoffmangel, zu leiden. Dann schrie jemand von den Weißhelmen an der Tür: 'Gas!' Und die Panik brach aus. Die Leute fingen an, sich gegenseitig mit Wasser zu überschütten. Ja, das Video wurde hier gedreht, es ist echt, aber was Sie darin sehen, sind Menschen, die an Hypoxie leiden - und nicht an einer Gasvergiftung."

Nachdem ich mit mehr als 20 Leuten geplaudert hatte, konnte ich seltsamerweise keinen einzigen finden, der das geringste Interesse an Dumas Rolle als Auslöser für die westlichen Luftangriffe zeigte. Zwei sagten mir sogar, dass sie den Zusammenhang nicht kennen.

Es war eine seltsame Welt, in die ich mich hineinbegab. Zwei Männer, Hussam und Nazir Abu Aishe, sagten, sie seien unwissend darüber, wie viele Menschen überhaupt in Duma getötet worden seien, obgleich der Letztere zugab, dass er einen Cousin hatte, der "aufgrund seiner angeblichen Nähe zum Regime von Dschaisch al-Islam [der Armee des Islams] hingerichtet wurde". Als ich nach den 43 Leuten fragte, die bei dem berüchtigten Angriff auf Douma gestorben sein sollen, zuckten sie mit den Schultern.

Die Weißhelme - im Westen als medizinischen Ersthelfer bereits legendär geworden, aber mit einigen interessanten Verschneidungen in ihrer eigenen Geschichte - spielten eine gewohnte Rolle während der Kämpfe. Sie werden teilweise vom [britischen, Anm. d. Übers.] Außenministerium finanziert und ihre meisten lokalen Büros waren mit Männern aus Duma besetzt. Ich fand ihre zerstörten Büros unweit von Dr. Rahaibanis Klinik. In einem Raum wurden ein Haufen liegende schmutziger Uniformen des Militärs zum Ablenkungsversuch und draußen vor einem Essensbehälter eine Gasmaske mit durchbohrtem Visier zurückgelassen. "Untergejubelt?", fragte ich mich. Ich bezweifle es. Der Ort war voll mit Patronenhülsen, kaputten medizinischen Geräten sowie Akten, Bettzeug und Matratzen.

Natürlich müssen wir ihre Sicht der Ereignisse auch hören, aber das wird hier nicht geschehen: Eine Frau erzählte uns, dass als der endgültige Waffenstillstand vereinbart wurde, jedes Mitglied der Weißhelme in Douma ihr Hauptquartier verlassen und sich dafür entschieden habe, die von der Regierung organisierten und von Russland geschützten Busse mit den bewaffneten Gruppen in Richtung der Rebellenprovinz Idlib zu nehmen.

Es gab Imbissstände und eine Patrouille der russischen Militärpolizei - ein mittlerweile freiwilliges Extra für jeden Waffenstillstand in Syrien - und es kümmerte niemanden, in das furchteinflößende islamistische Gefängnis in der Nähe des Märtyrerplatzes zu stürmen, in dessen Kellern Insassen vermutlich enthauptet wurden. Das Gegenstück der Stadt, die Zivilpolizisten des syrischen Innenministeriums - die schaurige militärische Kleidung tragen - werden von den Russen bewacht, die wiederum vermutlich oder vermutlich auch nicht von den Zivilisten beobachtet werden. Abermals wurden meine ernsten Fragen zum Gasangriff mit einer echt anmutenden Verwirrung begegnet.

Wie hätte es geschehen können, dass Flüchtlinge aus Duma, die die Flüchtlingslager in der Türkei erst erreicht hatten, bereits über einen Gasangriff erzählt haben können, an den sich heute aber niemand mehr in Duma zu erinnern scheint? Als ich mehr als eine Meile durch diese erbärmlichen und von Gefangenen gewölbte Tunnel lief, kam mir in den Sinn, dass die Bürger von Duma so lange voneinander isoliert lebten, dass "Neuigkeiten" in unserem Sinne für sie einfach nicht zutrafen. Syrien bringt es nicht zu einer „Jeffersonschen Demokratie“ - wie ich es zynisch meinen arabischen Kollegen zu sagen pflege - und es handelt sich in der Tat um eine rücksichtslose Diktatur, die aber diese Menschen nicht genug einschüchtern konnte, glücklich zu sein, Ausländer unter sich zu sehen, mit denen sie wenige Worte der Wahrheit austauschen. Also was haben sie mir berichtet?

Sie sprachen über die Islamisten, unter denen sie gelebt hatten. Sie sprachen darüber, wie die bewaffneten Gruppen Unterkünfte der Zivilisten beschlagnahmt hatten, um den Bombenangriffen der Russen und der syrischen Regierung zu entgehen. Die Jaish el-Islam hatten ihre Büros vor ihrer Abreise niedergebrannt, aber die massiven Gebäude innerhalb der Sicherheitszonen, die sie gebaut hatten, waren fast alle durch Luftschläge in den Boden gestampft worden. Ein syrischer Oberst, dem ich hinter einem dieser Gebäude begegnet bin, fragte, ob ich sehen wolle, wie tief die Tunnel seien. Ich blieb nach gut einer Meile stehen, als er hintersinnig vermerkte, dass "dieser Tunnel bis nach Großbritannien reichen könnte". Ach ja, Frau May, an sie erinnerte ich mich, deren Luftangriffe doch so eng mit diesem Ort von Tunneln und Staub verbunden waren. Aber Gas?

Erstmals veröffentlicht am 17. April 2018 in der britischen Zeitung "The Independent". Übersetzt von Shayan Arkian.


Robert FiskRobert Fisk ist ein britischer mehrfach ausgezeichneter Journalist, der seit 1976 in der libanesischen Hauptstadt Beirut lebt. Er ist einer der wenigen westlichen Journalisten, die Osama bin Laden dreimal interviewten.



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Fri, 20 Apr 2018 15:11:54 +0200
Vier Gründe, warum die Medien nicht islamfeindlich sind http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/38.html Viele wundern sich, warum Medien ein überwiegend negatives Bild des Islam vermitteln. Manche... Viele wundern sich, warum Medien ein überwiegend negatives Bild des Islam vermitteln. Manche kritische Muslime haben auch eine Erklärung dafür: Die Medien/Deutschen/Christen sind islamfeindlich. Ich arbeite nun seit zwei Jahren bei einer Tageszeitung und kann sagen: Das stimmt nicht.

Ich höre jetzt schon die ersten vor meinem gedanklichen Auge sagen: „Ok, du sagst also, dass die Medien  nicht islamfeindlich sind. Wie erklärst du dir dann die vielen negativen Nachrichten über den Islam?“

Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Aber ich glaube, einige Ursachen erkannt zu haben. Im Folgenden ein Versuch, der Sache auf den Grund zu gehen

1. Kriminelle verüben üble Dinge und benutzen den Islam als Ausrede

Zuallererst müssen wir (Muslime) anerkennen, dass Böses geschieht – auch durch Muslime. Es fängt bei rüdem und aggressivem Benehmen an, sei es im Straßenverkehr oder im Alltag, und geht bis hin zu Terrorismus. Es gibt leider zahlreiche Terrorgruppen, die ihre Gräueltaten mit dem Islam rechtfertigen (wollen). Und wenn diese einen Anschlag verüben oder sich Leute in Deutschland mit extremistischem Gedankengut befinden, dann ist das zunächst einmal eine wichtige Meldung für die Tageszeitung. Also berichtet man darüber.

Und ja, man berichtet öfter über Dinge, die mit Schmerzen, Leid, Hass und vor allem mit ANGST zu tun haben. Das ist nicht per se böse von „den Medien“, im Gegenteil, so funktionieren „die Medien“, so funktioniert gar der Mensch. Die Leser – also auch du und ich – möchten davon wissen, wenn Außergewöhnliches in ihrem Umfeld geschieht. Insbesondere möchten die Leser wissen, ob von einer Sache oder von einer Person (un)mittelbar Gefahr für sie und für ihre Kinder ausgeht. Das ist eine natürliche menschliche Reaktion. Und die bedienen Medien.

Den Islam als Ausrede für kriminelles Verhalten zu benutzen, geht nur in einem Umfeld, wo die Menschen wenig Wissen über den Islam besitzen. Ein Krimineller kann einem nicht-muslimischen Richter etwas von „Ehrenmord“ erzählen, und wie das mit seinen „religiösen Gefühlen“ zusammenhängen würde – der glaubt es ihm vielleicht, weil er über das Islamische Recht kein substanzielles Wissen hat. Ein „Ehrenmörder“ kann ja die gleiche Argumentation vor einem muslimischen Richter ausprobieren, der sich mit dem Islamischen Kodex auskennt – er wird kläglich scheitern und womöglich für den widerwärtigen Versuch schärfer bestraft werden. Vom Wissen hängt auch die Bewertung etwa von „Ehrenmorden“ ab. Wenn man nicht weiß, dass das Konzept in der Gegenwart sowie in der 1400-Jahre-umfassenden-Geschichte des Islam von ausnahmslos allen Theologen verurteilt worden ist, dann kann es passieren, dass man annimmt, dass „Ehrenmorde“ tatsächlich eine religiöse Daseinsberechtigung hätten. Dem ist nicht so.

Damit ein positiveres Bild über den Islam gezeichnet werden soll, müssen Muslime die Kriminalität in ihren Vierteln und aus ihrer Mitte angehen und archaische Konzepte, die fälschlicherweise dem Islam zugerechnet werden, theologisch auseinandernehmen. Muslimische Gelehrte haben diese Themen schon behandelt – Muslime müssen es nur noch kommunizieren und im Guten vorangehen. Es gibt ausreichend viele gute Nachrichten aus der muslimischen Community – diese müssen Muslime nach außen kommunizieren und professionalisieren. Wir bekommen in der Redaktion täglich hunderte Pressemitteilungen, vom Alpensteiger- bis zum Kleingärtnerverein. Und eben keine von den Moscheen, wo diese über ihre Arbeit sprechen.

2. Journalisten sind auch nur Menschen. Sie wissen nicht alles. Und über den Islam zumeist nur sehr wenig.

Viele Journalisten waren noch nie in einer Moschee und haben wenige gläubige Muslime als Freunde, mit denen sie sich über ihre Religion unterhalten. Während meines Volontariats fragte mich eine Kollegin etwa, ob sie neben mir im Büro ihr Schinkensandwich essen könne, oder ob ich mich dadurch angegriffen fühlen würde. Ich war erstaunt über die Frage und habe geantwortet: „So lange ich nicht abbeißen muss, guten Appetit.“ Und sie hat gelacht, weil sie gemerkt hat, wie absurd ihre Frage war. Aber nicht aus Boshaftigkeit, sondern Unbeholfenheit. Das ist ein kurioses Beispiel, aber bei bedeutenden theologischen Themen könnt ihr euch vorstellen, wie die Wissenslage ist.

Etwa: Was ist der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten? Eine wichtige Frage. Oder: Wer oder was sind Salafisten? Was unterscheidet sie von den anderen Sunniten? Die Unklarheit besteht nicht nur bei theologischen Themen (etwa die Position des Kopftuchs, der Beschneidung und des Schächtens im Islam), sondern auch bei institutionellen Fragen. Wie sind Muslime organisiert? Gibt es eine Kirche? Welche Autoritäten/Ansprechpartner gibt es? Warum haben die Islamverbände nur so wenige Mitglieder? Wie sind die Verbände ausgerichtet? Was sind ihre Unterschiede und Ziele?

Weil Otto-Normal-Journalisten keine bedeutenden Berührungspunkte mit dem Islam haben, kommt es leider vor, dass Journalisten den IS als sunnitisch bezeichnen – was grober Unfug ist. Sunniten haben eine  gewachsene Methodologie, einen klaren Katechismus, eine vielfältige Literatur und mehr als tausend Jahre Entwicklungsgeschichte. Der IS und Konsorten hingegen sind eine Erscheinung der Moderne, ihre Methodik erinnert stark an die der Khawaridsch – eine geschichtliche Gruppe unter den Muslimen, die durch die theologische Widerlegung seitens der Sunniten bedeutungslos geworden sind. Eine systematische Abarbeitung der Scheinargumente der Khawaridsch von heute seitens der Islamverbände in Deutschland ist längst überfällig. Das authentische Wissen über den Islam findet sich in der Tradition, es muss nur vermittelt werden.

Auch ein neuer Muslim tut sich schwer, Informationen über den Islam zu erlangen, denn im Internet treiben Extremisten und Laienprediger ihr Unwesen. Ein neugieriger Nicht-Muslim könnte auf die Idee kommen, sich ein Buch über den Islam zu kaufen, um etwas mehr darüber zu lernen, oder, wie es ein Kollege tat, im Internet auf Wikipedia nachzulesen. Letzteres ist keine gute Idee, denn die Qualität der Informationen ist mangelhaft und sie sind nicht verlässlich. Und Bücher, die sind grundsätzlich gut. Aber geh‘ einmal in ‘ne Buchhandlung und halte Ausschau nach Literatur über den Islam. Wenn du danach nicht plötzlich Angst oder Paranoia vor Muslimen entwickelt hast, dann: Respekt!

Die nach wie vor beste Methode etwas über den Islam zu lernen, ist, sich mit gläubigen Muslimen zu unterhalten. Und nach ihrer Motivation zu fragen. Außerdem wäre es eine Aufgabe der Islamverbände, mehr über den Islam zu kommunizieren. Doch diese sprechen lieber ausschließlich darüber, was sie nicht sind, als darüber, wofür sie stehen und was sie ausmacht. Mehr dazu in Punkt 4.

3. Selbsternannte Islam-Experten üben ihre „Expertise“ aus.

Es gibt sie wie Sand am Meer und jeden Tag entdeckt ein neuer seine “wahre” Berufung: Islam-Experten. Wer kennt sie nicht, die Experten, die einem die eigene Religion erklären wollen, ganz nach dem Motto: “Das Kopftuch steht gar nicht im Koran!”. Abgesehen davon, dass gemäß Bundesverfassungsgericht jeder seine eigene religiöse Auffassung selbstständig bilden kann bzw. Religionsgemeinschaften ihren Normenkodex selbst festlegen können, stimmt die Behauptung einfach nicht. “Ich habe ja auch einen Koran zu Hause…” ist eben nicht genug, um Muslimen ihre Religion zu erklären. Und zwei Bücher von dem gegenwärtig angesagten Islamkritiker (von Jahr zu Jahr ändern sich die Hauptakteure) gelesen zu haben, macht einen auch nicht zu einem Experten.

Man hört: “Der Islam braucht eine Aufklärung, einen Martin Luther -”, eventuell auch einen Calvin, aber lieber keinen Zwingli. Dass so viele “Islam-Experten” zu Tage treten, hat auch den Grund, dass die Islamverbände die Bühne diesen überlassen. Jeder kann sich zum Experten ernennen, es gibt nämlich keine Bestrebung der Verbände, eine deutschsprachige (!) theologische Autorität zu etablieren und als Ansprechpartner zu definieren. Es gibt schlicht keine Alternative zu den selbsternannten Experten.

Journalisten wissen, dass sie nicht alles wissen, und gehen deshalb auf Experten zu. Wenn ein Journalist einen Ansprechpartner zum Islam sucht, dann versucht er es eventuell aus gutem Willen erstmal bei den Verbänden. Warum das nicht klappt, kannst du in Punkt 4 lesen. Anschließend kommen jene Experten in Frage, die schlicht verfügbar sind. Und wer diese sind, das kann man in den Zeitungen lesen. Und was diese von sich geben, auch. Daran stören sich die meisten Muslime und auch die Islamverbände – aber sie ändern nichts am Status Quo. Stattdessen beschwert man sich darüber, warum die Zeitung XYZ schon wieder den selbsternannten Experten XY befragt. Und solange die Muslime in Deutschland durch ihre Verbände keine nennenswerten religiösen Autoritäten etablieren (denkbar wäre eine föderale Struktur proportional zur Anhängerschaft diverser Ausrichtungen, um die Vielfalt passend auszudrücken), wird sich das Problem nicht von selbst in Luft auflösen.

4. Die Öffentlichkeitsarbeit der Islamverbände ist erbärmlich

Versuche einmal als Journalist (oder auch als Normalsterblicher) eine der Pressestellen der islamischen Verbände zu erreichen. Für den äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass du es schaffen solltest, jemanden auf der anderen Seite der Leitung zu erwischen – glaub’ mir, ich habe es mit Wohlwollen immer wieder versucht, es gleicht einer Mudschiza (Wunder) – dann musst du alle dir bekannten Bittgebete sprechen, damit etwas Produktives bei dem Gespräch herauskommt. Muslime bieten sich nicht als Ansprechpartner für Medien an, obwohl sie die theologische, praktische und gesellschaftliche Expertise besitzen. Islamverbände sind in puncto Öffentlichkeitsarbeit in einem desolaten Zustand.  Pressestellen der islamischen Verbände reagieren nur, wenn es unausweichlich ist, weil etwas wirklich Übles passiert ist.  Oder, um sich als Opfer zu stilisieren. Sonst nicht. Public Relations ist ein Fremdbegriff. Weder bietet man sich Medienhäusern als Ansprechpartner an, noch wird man proaktiv in Imagepflege tätig. Um es noch klarer zu sagen: Die Öffentlichkeitsarbeit der Islamverbände ist erbärmlich.

Eine Ausnahme ist der Zentralrat der Muslime (ZMD). Der ist medial recht aktiv und ansprechbar, was an sich gut ist. Aber was der ZMD veröffentlicht, ist erwartbar und unbrauchbar.  Der ZMD ist in einer paradoxen Opferrolle gefangen. Er äußert sich mahnend über den Hass gegen Muslime, fordernd gegenüber der Politik und nur selten produktiv – paradox deshalb, weil er versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben und auf reale Probleme in der Gesellschaft, wie den Islamhass, hinzuweisen. Doch das misslingt phänomenal. Statt sich wie ein Religionsvertreter zu äußern und auch so zu handeln, kommentiert er fast ausschließlich politisch. So vermittelt er nicht den Eindruck einer Religionsgemeinschaft, sondern einer unprofessionellen Lobbyorganisation.

Notwendig wäre eine proaktive Öffentlichkeitsarbeit der islamischen Verbände. Folgende Fragen müssten die Verbände (auch theologisch) klären: Was wünschen sich Muslime für unsere deutsche Gesellschaft? Muss man Angst haben, wenn gläubige Muslime im Bundestag, in der Bundesregierung, auf der Richterbank, im Lehrerzimmer, in den Kindergärten oder in der Bundeswehr-Kommandozentrale sitzen? Was würden gläubige Muslime in diesen Positionen tun? Wie würde sich das auf meine Freiheit als Christ, Jude, Atheist oder Homosexueller auswirken? Welche Vision haben Muslime für Deutschland? Welche Lösungen hat der Islam für die Herausforderungen unserer Gesellschaft in der  Gegenwart? Etwa bei der Flüchtlings- oder Bankenkrise? Wie könnte die Mehrheitsgesellschaft von den Muslimen profitieren?

Die christlichen Kirchen tun das bereits. Und Deutschland ist explizit kein laizistisches Land, bei dem Staat und Kirche strikt getrennt sind. Nein, Deutschland ist ein säkulares Land. Das ist ein großer Unterschied. Die Kirche kontrolliert zwar den Staat nicht, aber christliche Werte prägen und beeinflussen die deutsche Politik und das Rechtssystem. Und das ist gut so. Und so wie einst die muslimischen Philosophen in Andalusien  die christliche Gelehrsamkeit in Europa beflügelten und bedeutend beeinflussten, gar ihr die griechische Philosophie wieder schmackhaft machten, die im Mittelalter der Kirche als häretisch galt, so könnten heute muslimische Philosophen (wer sind diese?) in Deutschland über die modernen ethischen Herausforderungen mitdenken. Wie sollte man Sterbehilfe bewerten? Oder Embryonenforschung? Big Data? Monopolisierung wichtiger Güter wie Wasser oder Nahrungsmittel?

Aber davon scheinen wir in Deutschland noch weit entfernt zu sein. Die Verbände nutzen das intellektuelle Potenzial der muslimischen Jugend nicht aus, nicht annähernd. Doch das wird sich künftig ändern. Falls Muslime sich wünschen, dass mehr Positives über den Islam in den Medien berichtet werden soll, dann müssen sie ihren institutionellen Leerlauf beenden. Das ist unausweichlich.

Muslime müssen sich gemeinschaftlich engagieren und diesen Einsatz öffentlich machen. Sie müssen raus aus den Hinterhöfen und rein in die Innenstädte. Sie müssen zeigen, wofür sie stehen, was sie sich für unsere Gesellschaft und unser Land wünschen. Muslime müssen als gutes Vorbild vorangehen, denn so tat es schon der Prophet Mohammed, Friede sei mit Ihm. Es wird Zeit für einen Aufbruch.

Mit freundlicher Genehmigung von TugendBlog.

Hasan-Hüseyin KadiogluHasan-Hüseyin Kadioglu ist Absolvent der Politikwissenschaft und des Öffentlichen Rechts. Derzeit macht er ein Volontariat bei einer regionalen Tageszeitung und bloggt nebenbei auf TugendBlog.


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info@tugendblog.de Fri, 13 Apr 2018 16:21:49 +0200
Religiöse Neutralitätspflicht begünstigt den nicht-neutralen Atheismus http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/37.html Der säkulare beziehungsweise laizistische Staat gilt heutzutage nicht nur als das politische Ideal... Der säkulare beziehungsweise laizistische Staat gilt heutzutage nicht nur als das politische Ideal im Westen, sondern wird von ihm global als der Weisheit letzter Schluss beziehungsweise das Ende der Geschichte gefeiert. Wir möchten hier nicht die Frage diskutieren, ob ein Staat oder eine Verfassung überhaupt weltanschaulich neutral sein könnten, was unseres Erachtens unmöglich ist, da auch der laizistische oder säkulare Staat zwingend auf einer Weltanschauung basiert.

Uns geht es hier um die deutliche Akzentverschiebung, um die anwachsende Uminterpretation und den Missbrauch des Säkularismus. Wir erleben zunehmend, dass der Säkularismus mit der Notwendigkeit eines Vorgehens gegen das Religiöse gleichgesetzt wird. Ein solcher antireligiös interpretierter Säkularismus kommt nicht von ungefähr.

Der Säkularismus von Rechts

Der britische Historiker Dr. Jim Wolfreys, der an der in Europa hochangesehnen Universität „King’s College London" Europäische Studien lehrt, weist in seinem Werk „Republic of Islamophobia - The Rise of Respectable Racism in France" darauf hin, dass der Säkularismus beziehungsweise der Laizismus ursprünglich ein Projekt der politischen Linken gewesen sei, man heute aber durchaus von einem „Säkularismus von Rechts“ sprechen könne. Am Beispiel Frankreichs hat er aufgezeigt, wie die politische Rechte - unter anderem bei getrennter Wassergymnastik, beim Schwimmunterricht für muslimische Mädchen, beim Tragen von Burkinis am Strand und so weiter - immer wieder im Namen des Säkularismus argumentiere, um gegen religiöse Symbole oder religiös bedingte Kleidung vorzugehen.

Ein herausragendes Beispiel dabei ist für ihn eine getrennte Wassergymnastik für Frauen in einem Schwimmbad im französischen Lille, wobei sich nur eine einzige Muslima unter den Teilnehmern der Wassergymnastik befunden habe. Das Thema sei von der Rechten aufgegriffen und zu einer landesweiten anti-islamischen Kampagne gemacht worden, sodass sich sogar der damalige Präsident Hollande dafür stark gemacht habe, dass „die Unantastbarkeit gemischter republikanisch-säkularer Schwimmbäder“ gewährleistet werden müsse.

Auch hier ist eine radikale Akzentverschiebung zu konstatieren: Heute begeistern sich viele Konservative beispielsweise für den Kampf um Frauenrechte (ebenfalls ursprünglich eine Forderung der politischen Linken), weil sie fast alle ihre früheren Positionen im Laufe eines langen Rückzugsgefechts geräumt haben und offenbar nur die Feindschaft gegen den Islam als verbindendes Element erhalten blieb. Und so ist es auch möglich, dass eine Frau wie Alice Weidel zum einen eine Spitzenfunktion bei der rechtskonservativen Partei AfD einnehmen kann und zum anderen sogar mit einer aus Sri Lanka stammenden Frau in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebt. Kritikern der Homo-Ehe, die Muslime sind, werden von der AfD vorgeworfen, sie würden eben noch im Mittelalter leben. Offenbar gelten nun auch gleichgeschlechtliche Ehen bei vielen Konservativen als eine abendländische Errungenschaft, die es gegen den Islam zu verteidigen gilt.

In dem Moment, wo jedoch Konservative erkennen, dass sich viele tatsächliche oder vermeintliche religiöse Werte des Islams mit ihren ursprünglichen Werten decken, kann dies zu einer Art Erweckungserlebnis und sogar zur Konversion führen, wie es kürzlich um den AfD-Politiker Arthur Wagner geschah oder zuvor um den Front National-Stadtrat Maxence Buttey.

Dieser „Säkularismus von Rechts“ würde jedenfalls Wolfreys zufolge eben hauptsächlich dazu benutzt, um eine anti-islamische Politik zu verdecken. Und so kommt es, dass sich der neue konservative „Säkularismus von Rechts“ letztlich auch gegen die Religion überhaupt wendet, was sich auch an der zunehmenden Zahl von Atheisten bei der AfD zeigt.

Der Atheismus unter dem Deckmantel des Säkularismus

Heute haben wir es meistens mit dem „voraussetzungslosen Atheismus“ zu tun. Und die Bezeichnung Atheismus leitet sich vom griechischen Wort „theos“ (Gott) ab, ebenso wie etwa die Begriffe „Theismus“ oder „Theologie“. Der Begriff „Atheismus“ ist jedoch ein verneinender Begriff – und als ein solcher ist somit bereits eine Festlegung verbunden, auch wenn ein Atheist es ablehnen mag, mit einem Gläubigen auf eine Stufe gestellt zu werden.

Um zu verstehen, warum auch der Atheismus ein Glaube ist, muss man sich zum Beispiel den Unterschied zwischen Agnostizismus und Atheismus vergegenwärtigen. Während der Agnostizist die Erkennbarkeit des Göttlichen oder einer (oder mehrerer) göttlichen Instanz leugnet, leugnet der Atheist die Existenz. Ein Atheist gibt somit vor zu wissen, dass es keinen Gott gebe, obwohl dass natürlich ebenso wenig wissenschaftlich nachzuweisen ist wie die Existenz Gottes empirisch zu beweisen ist.

Der Atheismus ist deshalb nicht nur zweifellos eine Weltanschauung, er ist daher ebenfalls ein Glaube wie jede Religion. Er ist ein Glaubenssystem, und so wie bei jedem anderen Glaubenssystem gibt es Menschen, die sich für diesen Glauben begeistern. Sie arbeiten an Büchern, Zeitschriften und auch im Internet hart daran, andere Menschen davon zu überzeugen, wenn nicht sogar zu missionieren, dass der Atheismus der richtige Glaube sei. Dabei ist auch eine zunehmende Aggressivität zu konstatieren. Religion wird aus dieser Sichtweise als gesellschaftlich unproduktive Spinnerei angesehen, die nur den Einzelnen betreffe, gesellschaftlich nicht nur keinen Nutzen bringe, sondern als Ursache für Spaltung und Konflikte angesehen und daher keineswegs als förderungswürdig betrachtet.

Für Atheisten ist der Atheismus eben die normale Einstellung. Eine Vorgehensweise ist es hierbei, den Atheismus als den natürlichen Zustand des Denkens darzustellen. Das heißt, man geht bei einem neugeborenen Kind davon aus, dass bei diesem kein Glaube an Gott vorhanden sei. Der Glaube an Gott sei demnach kein Teil der natürlichen Bewusstseinsreife und werde von der Gesellschaft (Eltern, Freunde, Gesellschaft usw.) aufgedrängt, wenn es auch andererseits schwer zu erklären sei, warum der Glaube an Gott ein in allen Gesellschaften zu allen Zeiten vorzufindender Archetyp ist.

Dieser „voraussetzungslose Atheismus“ will nur auf die empirischen Erfahrungen beziehen und sich damit ein positivistisch-wissenschaftliches Mäntelchen umhängen, womit man „neutral“ erscheinen mag. Dieses Konzept erinnert stark an den französischen Philosophen und Religionskritiker Auguste Comte (1798-1857), den Begründer des Positivismus, und sein Dreistadiengesetz, nach dem die Menschen im positiven beziehungsweise wissenschaftlichen Stadium ihrer Entwicklung (nach Überwindung des religiösen und metaphysischen Stadiums) jede Frage nach Gott verwerfen und nur noch Phänomene untersuchen, um Gesetzmäßigkeiten festzustellen. Doch es war ausgerechnet Comte, der seinen Positivismus ausdrücklich als „neue Religion“ bezeichnete und schließlich sogar eine bis heute existierende „Positivistische Kirche“ mit Tempeln und eigenem Kultus in unter anderem Frankreich, Rumänien und den USA gründete. Das Eingeständnis, dass diese Form des Atheismus eben auch nur ein Glaube ist, könnte nicht deutlicher ausfallen!

Nun, was hat das alles mit Säkularismus zu tun? Nach Wolfreys müsse sich ein säkularer Staat sowohl gegenüber Gläubigen als auch gegen Atheisten neutral verhalten und als eine Art Vermittler fungieren. Wäre der Staat tatsächlich neutral, dann dürfte er nicht einseitig nur gegen religiöse Symbole oder religiös bedingte Kleidung zu Felde ziehen. Stattdessen müsse er für die religiös-weltanschauliche Vielfalt offen sein. Im Namen des Säkularismus mache der Staat aber Front gegen die gläubigen beziehungsweise religiösen Menschen, nicht jedoch gegen die Atheisten, weil diese vermeintlich „neutral über allem" stünden. Wenn beispielsweise eine katholische Ordensfrau nicht unterrichten dürfte, indes eine Lehrkraft ohne sichtbar religiöse Symbole schon, würde so ausschließlich die klassisch-religiöse Seite benachteiligt. Die gesamte Gesellschaft bekommt in der Folge eine neo-religiöse Schlagseite. Insofern wird keine Neutralität hergestellt, wenn man der Lehrerin das Kopftuch, der Staatsanwältin den Kruzifix-Anhänger und dem Richter die Kippa abnimmt, sondern vielmehr wird dadurch die "neo-religiös"-weltanschauliche Position des Atheismus der Gesellschaft aufgedrückt.

Dies ist selbst dann so, wenn der Atheismus nicht als eine "neue Religion" verstanden wird, denn er bleibt nichtsdestotrotz eine inhärent weltanschauliche Position. Infolgedessen ist die Argumentation, dass Beamten_innen nicht mit religiösen Symbolen für den Staat nach Außen agieren dürften, da sie auf diese Weise ihre individuellen Weltanschauungen auf den Staat projizieren würden, widersprüchlich, denn dies würde ebenso vollumfänglich auf atheistische Beamten_innen ohne religiöse Symbole zutreffen - dabei sei die Bundesrepublik Deutschland nach ihrem Selbstbild nicht atheistisch, sondern weltanschaulich und religiös neutral.

Folgerichtig kann eine religiöse Neutralität für den demokratisch-freiheitlichen Staat nicht bedeuten, einzig und allein eine gesellschaftliche Gruppe vorzuziehen, während er andere ausschließt, sondern er hat eine offene Neutralität zu formulieren, die gegenüber dem Pluralismus in der Gesellschaft offen ist und ihm einräumt, auch an dem Staat aktiv zu partizipieren.

Dr. phil. Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam und Muslime in der europäischen Wahrnehmung.



Shayan ArkianShayan Arkian
ist unter anderem Politik- und Medienberater und studierte Politik, Philosophie, Pädagogik und Theologie in Hamburg und Qom.


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Fri, 02 Mar 2018 20:27:27 +0100
Ein Plädoyer für eine globale Ethik http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/36.html Vergleicht man den Menschen mit anderen Lebewesen, so ist das Wesen des Menschen voller... Vergleicht man den Menschen mit anderen Lebewesen, so ist das Wesen des Menschen voller Widersprüche. Er vermag nach islamischer Vorstellung qualitativ integrer, moralischer und wahrhaftiger sein als die Engel, so dass selbst diese sich gewünscht hätten, Menschen zu sein. In seiner Selbstbestimmtheit und Freiheit könne er sich aber auch von seinem edlen Menschsein entfernen und vom höchsten zum niedrigsten Wesen herabsinken.

Das Bild, das wir uns vom Menschen, von der Schöpfung und vom Leben formen, sagt viel darüber aus, wie wir selbst sind. Stets gilt es zu fragen: Was ist der Mensch, was sind seine Bedürfnisse und welche Wege gibt es, diese Bedürfnisse zu befriedigen? Wir sollten uns bewusst sein, dass unser Lebensstil nicht anders ist als unsere Wahrnehmung und unser Bild vom Leben. Unser Weltbild ist ausschlaggebend für unser Selbstbild.

Nach dem Koran, dem heiligen Buch der Muslime und der wichtigsten Geistesquelle des Islam, könne der Mensch das Ebenbild Gottes werden. In dieser Funktion als Gottes Ebenbild - oder besser gesagt als Gottes Repräsentant (Khalif) - würde der Mensch das Gute, das Erhabene und das Schöne verkörpern. Jeder sei in der Lage, diese Stufe zu erreichen, jedoch müsse er all seinen Einsatz einbringen, um auf dem Pfad dieser Tugenden voranzuschreiten. Das Bestreben, die eigene Persönlichkeit zu einer göttlichen Stufe reifen zu lassen, sei letztendlich mit dem Ergebnis verknüpft, Gelassenheit und Frieden zum Wohle der gesamten Menschheit zu bringen.

Die Quelle eines solchen Friedens sei in Gott zu finden und in dem, was das Göttliche verkörpere. Im Koran wird darauf verwiesen, dass es der Glaube und das Gedenken an Gott sei, der dem Menschen Gelassenheit schenke. Je mehr wir uns dieser göttlichen Quelle nähern würden, um so erfolgreicher kämen wir auch der ersehnten Gelassenheit näher. Ruhelosigkeit, Krieg und Blutvergießen würden daher rühren, dass wir uns von dieser Quelle entfernt hätten. Diese Entfremdung vom Göttlichen sei die Ursache der gegenwärtig herrschenden Maßlosigkeiten rund um den Globus.

Unveränderliche und unbeständige Bedürfnisse der Menschen

Der Islam nimmt an, dass der Mensch zwei Arten von Bedürfnissen habe, die ihn seit seiner Schöpfung begleiten. Dies seien zum einen unveränderliche Bedürfnisse und zum anderen unbeständige Bedürfnisse. Unveränderliche Bedürfnisse seien das Streben nach Vollkommenheit, Gelassenheit und letztlich Glückseligkeit. Diese seien bei allen Menschen in jeder Epoche gleich. Selbst derjenige, der Selbstmord begehe, tue dies demnach, um Frieden zu erlangen. Unbeständige Bedürfnisse seien hingegen nicht nur von Mensch zu Mensch unterschiedlich, sondern sie könnten sich je nach individuellen oder gesellschaftlichen Umständen ändern. Sie würden beispielsweise den individuellen Geschmack, den Zeitgeist oder die von der jeweiligen Kultur oder Sozialisation geprägten Interessen umfassen.

Die Unterschiedlichkeit der beiden Arten von Bedürfnissen lege nah, dass ihre jeweilige Befriedigungen in unterschiedlichen Kontexten festzulegen seien. Nach islamischer Anschauung fänden sich die Regelung der unveränderlichen Bedürfnisse in den eindeutigen Grundlagen des Koran, wie der Glaube und das Gelassenheit spendende Gedenken an einen absolut vollkommenen Gott, Der in allen Schönheiten der Existenz manifestiert sei, ohne dass Er selbst materiell und damit beschränkt sei. Die Regelung der unbeständigen Bedürfnisse könne dagegen nicht allein in den Heiligen Schriften festgelegt sein, da ihrer Wechselhaftigkeit Rechnung getragen werden müsse. Solche Weisungen fänden sich im Islamischen Recht (im Fachjargon: Scharia), das unter Berücksichtigung von Zeit und Ort veränderbar sei. Betrachten wir andere Religionen, so begegnet uns dasselbe Konzept: Die Regelungen der unveränderlichen menschlichen Bedürfnisse finden sich in den jeweiligen eindeutigen Grundlagen der Heiligen Schriften, während Weisungen als Beschlüsse von Konzilien oder ähnlichen Gremien in veränderbaren Regelwerken zu finden sind.

Ergänzen die unbeständigen Bedürfnissen die unveränderlichen, so garantieren sie Harmonie und Gelassenheit. Stehen sie aber im Widerspruch, so hat dies weitreichende Konsequenzen für die menschliche Lebensführung. Leider ist es eine weit verbreitete Praxis geworden, die beiden Kategorien der unveränderlichen Glaubensgrundsätze und der veränderbaren Gesetzlichkeit vermischt zu denken und sie sogar zu verwechseln. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn auf religiöse Bestimmungen bestanden wird, deren ursprüngliche Sinnhaftigkeit während des Erlasses nicht mehr in einer anderen oder gegenwärtigen Gesellschaft vorliegen. In der deutschen Sprache spricht man in solchen Fällen passend von "nicht im Sinne des Erfinders".

Die Hauptmisere unserer Zeit: Maßlosigkeit

Mir geht es nicht darum festzulegen, welches Menschenbild das richtige oder das falsche sei. Es erscheint allerdings, dass unsere praktische Definition von der Welt, den Menschen und das Leben grundlegenden Irrtümern unterliegt, die uns daran hindern, ein besseres Leben zu führen. Die immer schneller handelnde, ruhelose gegenwärtige Welt, ihre rastlosen Menschen mit instabilen Lebensbeziehungen sind ein Indiz für diese Annahme. Die unglaublich schnell fortschreitende Digitalisierung unserer Welt und Lebensweise und das Auseinanderdriften von gesellschaftlichen Schichten, die Zerrüttung von Familien und die damit einhergehende zunehmende Einsamkeit und diverse andere Probleme sind Indizien einer Zukunft, die sich immer schwieriger gestalten könnte.

Warum ist der Mensch, trotz der nahezu unermesslichen technologischen Fortschritte sowie Konformisierungen, in allen Bereichen ruheloser und unzufriedener denn je geworden? Sicher ist Gelassenheit eine verlorene Tugend des Menschen, welche diese Unruhe hervorruft. Dieser Verlust ist auch eine Quelle der alltäglichen Hetze und  Pöbeleien im World Wide Web. Die gleichen hetzenden und pöbelnden Menschen sehnen sich aber in Wirklichkeit nach Gelassenheit, im gleichen Augenblick trauern sie jedoch ihren unerfüllten Bedürfnissen nach und suchen krampfhaft nach einer Erfüllung dieser Bedürfnisse.

Ohne damit eine detaillierte wissenschaftlich Analyse des Sachverhaltes zu liefern, möchte ich unmittelbar darauf hinweisen, dass Maßlosigkeit ein Hindernis für die Gelassenheit geworden ist, die der Mensch braucht, um inneren Frieden zu erlangen. Wir sind gefangen im Strudel unserer selbstverschuldeten Ruhelosigkeit. Und diese Ruhelosigkeit hat nicht nur individuelle und gesellschaftliche Auswirkungen, sondern auch ökologische, ökonomische und politische Folgen: Die Eingriffe des Menschen in die Natur haben uns so weit gebracht, dass es heute in bestimmten Gegenden kaum mehr brauchbares Trinkwasser, saubere Luft oder gesunde Nahrungsmittel gibt. Wir treten unsere Zukunft mit Füßen, wenn die Ärmsten in den unterschiedlichen Winkeln unserer Welt nicht über das Lebensnotwendige verfügen, während sie massenweise Waffen in der Hand haben, um sich gegenseitig zu bekämpfen. Immer gibt es Menschen, die sich ihren vermeintlichen Frieden durch den Krieg in anderen Gegenden der Welt erkaufen.

Es wird immer dringender, dass sich Entscheidungsträger, Meinungsmacher und Intellektuelle gemeinsam aktiv für Rahmenbedingungen einsetzen, die eine moralische Genesung der Menschen begünstigt. Von Bedeutung ist die Einsicht, dass es für die Welt kein besseres Rezept als ein moralisches Menschsein gibt. Ich spreche nicht im Namen einer bestimmten Ideologie, sondern von einer Ethik, die im pluralistischen Sinne moralische Verhaltensweisen, die in allen Religionen und Weltanschauungen eine starke Verankerung haben, als ein Manifest für eine moralische Welt wirbt. Eines dieser ethischen Prinzipien, das in der Lage ist, auf der einen Seite viele Probleme des Individuums und somit der Welt zu lösen und auf der anderen Seite ein Grundkonsens nahezu aller Anschauungen darstellt, ist die Mäßigung.

Ja, wir brauchen mehr denn je Mäßigung, sei es auf der individuellen, der gesellschaftlichen, der ökologischen, der ökonomischen oder der politischen Ebene. Mäßigung ist der Schlüssel für die Lösung vielerlei gegenwärtige Probleme.

Von der Realisierbarkeit einer globalen Ethik

Man mag der Auffassung sein, dass ich ein Tagträumer sei oder einer Utopie nachjagen würde. Dabei denke ich weder politisch noch philosophisch, sondern eigentlich nur praktisch:

Durch die Globalisierung sitzen wir alle im selben Boot und sind darauf angewiesen, uns alles zu teilen. Wir haben auf andere Rücksicht zu nehmen und sind angehalten, Verantwortung zu übernehmen. Schließlich haben wir einen Fahrplan des gemeinsamen Zusammenlebens zu gestalten. Wir sind alle gemeinschaftlich verantwortlich für den Frieden, die Sicherheit und die Stabilität in unserer Welt. Wer diese in Gefahr bringt, gefährdet auch sich selbst, denn die Grenzen unseres globalen Dorfes liegen eng beieinander. Der beißende Rauch aus dem einen Dorf reicht so weit, dass er die Augen der Bewohner aller anderen Dörfer zu Tränen reizen kann.

Das Wissen darum bedarf nicht viel Einsicht. Und Einsicht ist der Motor für die Etablierung einer globalen Ethik - wie die Einsicht darüber, dass alle Menschen das unveränderliche Bedürfnis nach Glückseligkeit haben und wenn die Voraussetzungen zur Befriedigung dieses Bedürfnis nicht hergestellt werden, es sich massiv rächen wird. Leider ist jedoch zu beobachten, dass selbst Gläubige - teils aus Unwissenheit, teils aus Halbwissen - aus der Vermischung von unveränderlichen und unbeständigen Bedürfnissen der Menschen eine Religion propagieren, die sie und andere zum Sklaven ihrer eigenen religiösen Illusion werden lässt. Sie präsentieren einen verstümmelten Glauben, der niemandem nützlich ist. Sie orientieren sich nicht am Maßstab der Vernunft, um religiöse Inhalte und Grundlagen zu verstehen, sondern sie setzen ihr religiöses Halbwissen mit eigensinnigen Interpretationen absolut.

Viele Persönlichkeiten haben auf die anstehenden Probleme hingewiesen und globale Lösungsperspektiven aufgezeigt und vorgeschlagen, wie zuletzt der Dalai Lama. Gewiss ist eine globale Ethik nicht einfach zu etablieren, diese kann jedoch erreicht werden, wenn wir deren Verwirklichung mit Tatkraft und Willen fördern. Ein solches Projekt kann nicht die Tat eines Einzelnen sein, sondern es bedarf einer globalen Bewegung. In unserem globalisierten Zeitalter sollte der Mensch so weit gereift sein, um eine solche Einheit in der Vielfalt herbeiführen zu können. Meine Hoffnung ist die Blüte einer globalen Menschheit und einer menschlichen Globalität auf der Grundlage der Moral.


Mohammad Razavi RadDr. phil. theol. Mohammad Razavi Rad ist spezialisiert auf Religionswissenschaft und Religionsphilosophie und ist Autor von mehreren Büchern, Publikationen und Aufsätzen und ist Direktor des Instituts für Human- und Islamwissenschaften in Hamburg.


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rad@multiperspektivisch.de Tue, 27 Feb 2018 16:02:41 +0100
Das Thema repräsentative US-Umfragen in Iran und die letzte Enthüllung: Wie ist die Stimmung nach den Protesten? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/35.html Als nach den Unruhen um die Wiederwahl des damaligen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad in Iran 2009... Als nach den Unruhen um die Wiederwahl des damaligen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad in Iran 2009 die erneute wunschdenkerische Erwartung im Westen über einen baldigen Sturz der Islamischen Republik abermals sich nicht erfüllte, begannen eine Reihe von US-Instituten (Word Public Opinion, University of Maryland, International Peace Institute, Charney Research, Pew Research Center, Information and Public Opinion Solutions usw.) vermehrt damit, repräsentative Umfragen darüber durchzuführen, wie die Menschen in Iran eigentlich denken, statt beispielsweise wie sonst üblich iranische Analysten im Exil darüber auszufragen oder tatsächlich oder vermeintlich aus Iran stammende Tweets als repräsentativ zu behandeln.

Anfänglich wurden diese repräsentative Studien in englischsprachigen Medien (von den deutschsprachigen Medien ganz zu schweigen) fast systematisch ignoriert, widersprachen sie doch nahezu alle im Westen gehegten Vorstellungen über Iran und zeigten vor allem eine absolute mehrheitliche Unterstützung des hierzulande verhassten einstigen Präsidenten Ahmadinejad.

Erst im Zuge der Präsidentschaftswahl von 2013 erhielten repräsentative Erhebungen über das Denken der Menschen in Iran allmählich einen breiteren publizistischen Raum, wenn diese auch noch kaum in der Analysefindung der bekannten Iran-Experten eingeflossen sind und ernst genommen wurden - sahen sie doch meist den sogenannten „Hardliner“ Saeed Jalili (natürlich ohne irgendwelche handfeste Argumente) als den künftigen Präsidenten der Islamischen Republik, obwohl sämtliche repräsentative Umfragen dem widersprachen.

Inzwischen hat sich die Situation in der Forschung und Berichterstattung über die iranische Politik signifikant verändert, bedingt einerseits durch eine neue Generation von Iran-Experten, die im Vergleich zu ihren Vorgängern weniger aus einem voreingenommenen Exilantenmilieu kommen und deshalb auch gegenüber Meinungsumfragen aufgeschlossener sind, deren Ergebnisse ihr weniger vorgefertigtes Iran-Bild zuwiderlaufen, und andererseits durch die kommunikative Globalisierung, die es im Gegensatz zur Vergangenheit schwer macht, bei der Recherche von iranischen Stimmen und Perspektiven den konservativen Teil aus Iran völlig zu übersehen.

Die Objektivierung hat mittlerweile einen Grad erreicht, in dem es in englischsprachigen Medien nicht mehr unüblich ist, repräsentative Befragungen in der Bewertung von iranischen Verhältnissen als Grundlage zu übernehmen. Was den deutschsprachigen Bereich angeht, war IranAnders bis kürzlich vermutlich das einzige Medium, dass immer wieder auf die vorhandenen demoskopischen Untersuchungen hinwies und diese - statt gängige unsubstantiierte Behauptungen - als Basis seiner Analysen nahm. Nun aber hat - nach einer andauernden Zeit einer systematischen Unterschlagung - erstmals auch ein sogenanntes etabliertes Qualitätsmedium im deutschsprachigen Raum über eine jüngst veröffentlichte repräsentative Meinungsforschung berichtet, die die hiesigen bizarren Analysen über die regierungskritischen Proteste um die Jahreswende stark widersprechen.

Es handelt sich um die repräsentative Umfrage der US-Universität Maryland (Center for International and Security Studies at Maryland) in Zusammenarbeit mit dem kanadischen Institut IranPoll, die vom 16. bis 24. Januar 2018, das heißt, nach den Protesten in Iran durchgeführt worden war. Der Fehlerbereich liegt hier bei +/- 3,1 Prozent.

Im Folgenden werden nun einige Zahlen der Erhebung aufgelistet und teilweise kurz erläutert.

Nicht Armut und fehlende Freiheitsrechte, sondern Arbeitslosigkeit und sinkender Lebensstandard seien die dringendste Probleme

  • Nur 1,7 Prozent der Menschen in Iran seien der Meinung, dass die Armut das dringendste Problem sei.

Diese sehr geringe Zahl hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass es in Iran - neben dem staatlichen sozialen Sicherungssystem - zahlreiche karitative und religiöse Sozialstiftungen gibt, die teils unter der Aufsicht des religiös-politischen Staatsoberhaupts, Ayatollah Ali Khamenei, stehen. Gerade diese seien aber nach Angaben einiger Analysten in der westlichen Hemisphäre ein Beweggrund für die Proteste gewesen, weil deren Budgets sich angeblich massiv erhöht hätten, ohne aber etwas dafür zu leisten.

  • Die relative Mehrheit von 49,5 Prozent seien der Ansicht, dass die Arbeitslosigkeit das dringendste Problem sei.

Dieses Empfinden deckt sich mit der aktuellen Arbeitslosenrate, die unter dem amtierenden moderaten Präsidenten Hassan Rouhani sich höher beläuft als unter seinem Vorgänger Ahmadinejad.

  • Im Mai 2015 habe nur die kleinste Minderheit von 21,2 Prozent in Iran die allgemeine wirtschaftliche Situation als "sehr schlecht" bezeichnet und entsprechend die relative Mehrheit von 49,3 Prozent sei der Auffassung gewesen, dass sie im Begriff sei, auch noch besser zu werden.

  • Diese Zahlen haben sich sukzessiv und dramatisch umgekehrt. Nun sei die relative Mehrheit von 40,7 Prozent in Iran der Ansicht, dass die allgemeine wirtschaftliche Situation des Landes "sehr schlecht" sei. Und die absolute Mehrheit von 58,4 Prozent gehe sogar davon aus, dass sie im Begriff sei, noch schlechter zu werden.

  • Eine sehr knappe relative Mehrheit von 41,4 Prozent in Iran sei der Auffassung, dass die wirtschaftliche Situation ihrer Familie in den letzten vier Jahren sich verschlechtert habe. 41,3 Prozent dächten, dass sie unverändert sei und nur 17,3 Prozent würden meinen, dass sie sich verbessert habe.

Die aktuellen Ergebnisse stellen einen Tiefstwert dar. Sie stimmen mit den Wirtschaftszahlen überein, die besagen, dass der Lebensstandard in Iran unter Hassan Rouhani sich insgesamt verschlechtert habe - selbst unter dem hart sanktionierten Iran während der Präsidentschaft Mahmoud Ahmadinejads sei der Lebensstandard insgesamt besser gewesen. Auch der vom US-Außenministerium mitfinanzierte britische Auslandssender BBC Persian, dem keinerlei Sympathie für die vorherigen Ahmadinejad-Regierungen vorzuwerfen ist, räumt diesen Umstand ein: Der Lebensstandard der Bevölkerung in Iran unter den Regierungen Ahmadinejads sei zusammengefasst nicht nur eindeutig besser als unter den Regierung Rohanis, sondern sogar unter der des reformorientierten Präsidenten Mohammad Khatami gewesen.

  • Bloß 0,3 Prozent der Menschen in Iran würden fehlende bürgerliche Freiheiten als das dringendste Problem betrachten. Zudem seien 56,2 Prozent der Meinung, dass sie ein ziemlich richtiges Maß an politischen Freiheiten genießen.

  • Maximal nur 26,3 Prozent seien mehr oder minder der Meinung, dass sich die Regierung zu stark in das Privatleben der Menschen einmische. Hingegen würden mindestens 57,7 Prozent das Ausmaß der Kontrolle für ziemlich angemessen halten und mindestens 17,9 Prozent sogar für "zu wenig".

Wirkliche Experten würden von diesen Befunden nicht überrascht sein, gibt es doch mehrere demoskopische US-Untersuchungen, die zum gleichen Ergebnis kommen. Hier ist auch zu berücksichtigen, dass so etwas wie allgegenwärtige Sittenwächter in Iran nicht existieren, auch wenn dieses Mythos im Westen weiterhin falsch tradiert wird. In der Tat wird der deutsche Iran-Reisender erkennen können, dass die Präsenz von Sicherheitskräften in der deutschen Hauptstadt Berlin dichter und größer ist, als in der iranischen Hauptstadt Teheran. Und der französische Iran-Reisender wird angesichts der in Iran kaum präsenten Militär den Eindruck bekommen, dass Frankreich - und nicht Iran - unter einer Militärherrschaft stünde.

Mehrheit gegen fundamentale Veränderung des politischen Systems

  • 76,7 Prozent der Iraner_innen widersprächen der Meinung, dass das politische System eine fundamentale Veränderung benötige. Davon seien sogar 53,5 Prozent "stark dagegen".

  • Des Weiteren sei die absolute Mehrheit von 59,3 Prozent dafür, dass die Regierung das Islamische Recht implementiere - die relative Mehrheit von 33,3 Prozent ist sogar dafür, dass dies "strikt" geschehe. Ferner seien 77 Prozent der Auffassung, dass die politischen Entscheidungsträger des Landes zumindest die religiösen Lehren in ihren Entscheidungsprozessen beachten sollen.

Ebenfalls sind die Resultate dieser Erhebungen nicht erstaunlich, decken sie sich gleichwohl mit anderen repräsentativen US-Studien, darunter mit einer aufwendigen persönlichen Befragung in privaten Wohnsitzen in Iran. An dieser Stelle ist anzumerken, das die Vorstellungen über das islamische Recht oder islamische Lehren different sein können, ermittelt indes die selbige Befragung, dass die relative Mehrheit von 45 Prozent der muslimischen Iraner_innen die iranischen Gesetze für nur mittelmäßig konform mit dem Islam ansehen.

Mehrheit für Freilassung von regierungskritischen Demonstranten, jedoch für strafrechtliche Belangung von systemkritischen Protestlern

  • Auf der einen Seiten seien die absolute Mehrheit von 74,2 Prozent der Menschen in Iran der Ansicht, dass die meisten derjenigen friedlichen Protestierenden, die in Gewahrsam genommen wurden und die gegen den Islam oder die religiösen Gesetze Parolen skandierten, strafrechtlich belangt werden sollen.

  • Auf der anderen Seite seien aber die absolute Mehrheit von 64,5 Prozent der Meinung, dass die meisten derjenigen friedlichen Demonstranten, die in Gewahrsam genommen wurden und gegen die Regierungspolitik Parolen skandierten, entlassen werden sollen.

  • Allerdings seien die absolute Mehrheit von 68,3 Prozent wiederum dafür, dass die meisten derjenigen friedlichen Protestlern, die in Gewahrsam genommen wurden und gegen das politische System Irans Parolen skandierten, strafrechtlich belangt werden sollen.

Diese bedeutungsvolle Daten widersprechen die karikativen Annahmen im Westen, die einfach davon ausgehen, dass Mensch in Iran nicht unterscheiden könnten zwischen Kritik an bestimmten Entscheidungsträgern oder Verhältnissen von der Kritik an der Islamischen Republik als solche und somit oftmals alle Form einer Unzufriedenheit in Iran als systemkritisch auslegen.

  • Die meiste Zustimmung mit 63,9 Prozent für eine harte Bestrafung erhielt die Auswahl derjenigen Protestler, die in Gewahrsam genommen wurden und die Polizei attackierten. So sei auch eine geringfügig größere absolute Mehrheit von 66,3 Prozent der Auffassung, dass die Polizei die Proteste mehr oder weniger gut gehandhabt habe und dabei dächten 63,9 Prozent, dass die Polizei ein angemessenes Maß an Gewalt angewendet habe.

Freilich sind bei den sieben Tage anhaltenden Protesten über 20 Menschen auf beiden Seiten gestorben. Diese Anzahl gilt jedoch in der Region für gewaltsame Auseinandersetzungen in solch einem Zeitraum bedauerlicherweise als eher gering als hoch.

Mehrheit für weiteres militärisches Engagement in Syrien

  • Ungeachtet des erklärten Siegs gegen den IS in Syrien befürworte die relative Mehrheit von 48,5 Prozent in Iran das weitere militärische Engagement Teherans, bis Assad die volle Kontrolle über das ganze Land gewonnen habe. Ergänzend seien 84 Prozent der Meinung, dass über die Fortsetzung der Präsidentschaft Assads das syrische Volk zu entscheiden habe.

Hier ist zu bemerken, dass Teheran sein Engagement unter anderem eben damit begründet, dass syrische Volk zu bemächtigen, über sein eigenes Schicksal zu entscheiden, indem militärisch verhindert wird, dass Assad - bei von Teheran plädierten faire und freie Wahlen unter internationaler Aufsicht - von vornherein ausgeschlossen wird, wie dies gerade von Teilen des Auslands und der Exil-Opposition militärisch versucht und beabsichtigt wird.

Mehrheit für weiteres militärisches Engagement im Irak

  • 61,2 Prozent in Iran seien der Ansicht, dass das aktuelle Engagement im Irak und in Syrien die nationalen Interessen ihres Landes nicht wirklich verletze. So seien 54,8 Prozent auch dafür, dass Teheran seine Unterstützung im Kampf gegen terroristische Gruppierungen - wie gegen den IS - erhöhen solle, wobei 31,7 Prozent der Meinung seien, dass der jetzige Grad an Unterstützung beibehalten werden solle.

  • Analog dazu sei die Mehrheit von 51,1 Prozent im Großen und Ganzen dagegen, dass die Regierung weniger Geldmittel im Irak und in Syrien ausgeben soll. Und 77,6 Prozent seien der Auffassung, dass Iran seinen Einfluss im Irak nutzen solle, um eine Politik zu unterstützen, die sowohl Schiiten als auch Sunniten zugutekommt.

An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass in der Selbstwahrnehmung der Islamischen Republik Iran keine sektiererische Politik - weder im Irak noch anderswo in der Region – verfolgt werde. Laut dem renommierten Iran-Experten Dr. Walter Posch habe Teheran selbst den ehemaligen Ministerpräsident Nuri al-Maliki stets zur Einbindung der Sunniten gedrängt.

Popularität von Rohani und Zarif auf Tiefstwerte, von Soleimani auf neuem Spitzenwert

  • In der repräsentativen Meinungsumfrage geht die libanesische Hisbollah als die populärste ausländische Entität (Akteur/Staat) mit insgesamt 64,7 Prozent Zustimmung hervor. Und die Popularität des Generals der al-Quds-Einheit für exterritoriale Operationen, Qasem Soleimani, erlangt mit insgesamt 82,7 Prozent Zustimmung einen neuen Spitzenwert.

  • Dagegen erreichen die Werte des iranischen Präsidenten Hassan Rohani mit insgesamt 65,5 Prozent Zustimmung und des Außenministers Mohammad Javad Zarif mit insgesamt 68,4 Prozent Zustimmung die niedrigsten Werte seit Juli 2014.

  • Dies gilt ebenfalls für den einst populären Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad, der nach anhaltenden Auseinandersetzungen - unter anderem mit der Justiz und der darauffolgenden wirklichen erstmaligen Kritik Ayatollah Khameneis - mit nunmehr insgesamt 47,1 Prozent die wenigste Zustimmung seit diesen Erhebungen erzielt.

Diese Zahlen sind bemerkenswert, versuchten doch eine Reihe von westlichen und arabischen Medien und Journalisten die Proteste als Anlass zu nehmen, um das militärische Engagement Irans in der Region als innenpolitisch unpopulär zu brandmarken. Nach diesen Befunden  seien aber gerade die Höchstwerte an Popularität für diejenigen Akteure, die eng mit diesem Engagement verknüpft sind, gar gestiegen und im Gegensatz dazu sei die Popularität für diejenigen Akteure, die partiell als Vertreter einer konzessiven Politik wahrgenommen werden, gesunken. In diesem Sinne passen ebenso folgende zwei Ergebnisse:

Mehr denn je für Autarkie und gegen Konzessionen

  • 67,4 Prozent der Menschen in Iran seien der Auffassung, dass die Erfahrungen mit dem Atomabkommen zeige, dass es für ihr Land grundsätzlich nicht erstrebenswert sei, Konzessionen zu machen, da ihr Land kein Vertrauen haben könne, dass die Weltmächte ihren Part der Vereinbarung auch einhalten werden. So sei eine immer größere absolute Mehrheit von nun 67,3 Prozent der Meinung, dass das Land sich selbst versorgen müsse, statt den Handel mit dem Ausland zu intensivieren. Das ist ein neuer Spitzenwert, der im Juli 2014 noch auf 53 Prozent betrug.

Mehrheit für eigene Raketenentwicklung trotz Sanktionsandrohungen

  • 94,9 Prozent in Iran würden es für wichtig halten, eigene Raketen herzustellen, darunter seien 73,8 Prozent, die es für "sehr wichtig" halten. Hinzu kommen 85,2 Prozent, die die Ansicht verträten, dass ballistische Raketen auch trotz der Sanktionsandrohungen der USA und selbst Europas weiterhin getestet werden sollen. Und die absolute Mehrheit von 64,9 Prozent widerspräche prinzipiell der Meinung, dass die Regierung weniger Geld in die Raketenentwicklung stecken solle.

  • 70,1 Prozent in Iran seien der Meinung, dass ihr Land gar weiter fortgeschrittene Raketen entwickeln solle, selbst dann, wenn die USA damit drohen würden, die aufgehobenen Sanktionen aus dem Atomabkommen wieder zu verhängen. Nur 24,0 Prozent seien bereit, die Entwicklung von fortgeschrittenen Raketen zu beenden, falls umgekehrt die USA zustimmen würden, mehr Sanktionen aufzuheben.

Für Deutsche mag die militaristisch anmutende Einstellung der Iraner_innen befremdlich wirken, dabei würde aber verkannt werden, dass die Deutschen sich aufgrund der Erfahrungen des 2. Weltkrieges nach wie vor zu einem großen Teil als "Tätervolk" betrachten und aufgrund dessen eher pazifistische Präferenzen haben, wogegen die Iraner_innen aufgrund des 8-jährigen Verteidigungskriegs gegen Saddam Husseins Irak - in dem sie weitestgehend von der restlichen Welt allein gelassen worden sind - sich als "Opfervolk" wahrnehmen und infolgedessen wehrhafte Präferenzen haben. Diese zwei grundlegend unterschiedlichen kollektiven Erfahrungen bringen beide Völker dazu, entsprechend anders über Pazifismus, Wehrhaftigkeit und Militär zu denken.

"Geschrumpfte" Mehrheit für eigenes Atomprogramm, zumal Anerkennung durch internationale Gemeinschaft

  • Da der Atomkonflikt seit mehr als zweieinhalb Jahren gelöst ist, seien "nur" noch 85,8 Prozent in Iran größtenteils der Meinung, dass es "sehr wichtig" sei, dass ihr Land ein Nuklearprogramm unterhalte. Aber nur maximal 26 Prozent von ihnen sähen dies aus militärischen Gründen als wichtig an. Die absolute Mehrheit von ihnen von mindestens 58,2 Prozent befänden dies aus Gründen der Wissenschaft, der Forschung, des technologischen Prestiges, der Wirtschaft und der Energiegewinnung für wichtig. Und 58,1 Prozent dächten eine friedliche Koexistenz zwischen der Islamischen Welt und dem Westen für möglich.

Anders als in Deutschland, wird in Iran die Atomtechnik - wie vermutlich auch in der restlichen Welt - als eine fortschrittliche Technologie betrachtet. Jedenfalls wird in Iran das Nuklearprogramm nicht als ein Mittel betrachtet, um westliche Verbündete oder Nationen auszulöschen.

Staatliche Fernsehsender weiterhin die Hauptquelle für Nachrichten

  • Die allermeisten Menschen  in Iran, nämlich 82,7 Prozent würden sich überwiegend über die staatlichen Fernsehsender über nationale und internationale Angelegenheiten informieren. An zweiter Position sei dies mit 65,5 Prozent die sozialen Netzwerke wie die Messanger-App Telegram der Fall und auf den dritten Rang mit 58,4 Prozent das Internet.

Der Konsum von Nachrichten über soziale Netzwerke und über das Internet verbucht damit im Vergleich zu 2012 einen rasanten Anstieg. Allerdings ist in diesem Zusammenhang zu sagen, dass staatliche und selbst konservative Medien und Akteure in dieser Hinsicht schon längst ihre Hausaufgaben gemacht haben und nicht mehr wie in der Vergangenheit versuchen, allein den Zugang zum Netz einzuschränken, sondern sie bieten eher massiv ihre Inhalte im Internet und bei Telegram an. Anders als noch im Jahr 2009, wo im Internet fast nur reformorientierten Wähler_innen des damaligen unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mousavi vorzufinden waren und dadurch im Westen ein völlig falscher Eindruck der Realitäten vor Ort entstand, sind heute immer mehr konservative Experten_innen, Journalisten_innen, Aktivisten_innen und Nutzer_innen vertreten, die sogar teils Englisch sprechen und beispielsweise bei Twitter bei dem einen oder anderen westlichen Journalisten_innen als Korrektiv wirken.

Fazit

Die repräsentative Studie führt noch weitere aufschlussreiche Befunde an, wie beispielsweise die Befragungen über den Haushaltsentwurf der Regierung, der in Iran und im Westen als eine Ursache der Proteste thematisiert worden ist, und deren neoliberale Eckpunkte gemäß den Ergebnissen dieser repräsentativen Umfrage im diametralen Widerspruch zu den absolut mehrheitlichen linken Wirtschaftsansichten der Bevölkerung stehen. Wegen des ohnehin in Iran bekannten Wissens über diese starken linken Vorstellungen in der Bevölkerung, wurde der Haushaltsentwurf vom konservativen* Parlament inzwischen teilweise revidiert und verabschiedet.

Dank der kommunikativen Globalisierung erhielt diese US-amerikanische demoskopische Untersuchung auch in Iran zum ersten Mal einen großen Raum für Debatten und Diskussionen. Indes reagiert der iranische Präsident Rouhani auf die sichtbar aufkeimende Unzufriedenheit über seine Wirtschaftspolitik und -leistung mit teils populistischen Forderungen nach mehr Freiheiten, um zum einen von seinem Misserfolg in der Wirtschaft abzulenken und zum anderen diese wirtschaftsmotivierte Unzufriedenheit im Sinne seiner engsten Verbündeten die Reformer hin zu mehr Demokratie zu kanalisieren. Wie erfolgreich diese Taktik sein wird, ist fraglich. Die herkömmliche Meinung besagt, dass sich Menschen weniger für mehr Demokratie begeistern lassen, wenn sie den Eindruck haben, dass es ihnen ökonomisch nicht gut gehe. Dazu kommt, dass nach mehreren repräsentativen Umfragen die meisten Iraner_innen bei den letzten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen ohnedies Entscheidungsträger - einschließlich Rohani - gewählt haben, nicht weil sie mit ihrer Wahl etwa den Wunsch nach liberalen Freiheiten verknüpft hätten, sondern mit der Hoffnung und Erwartung auf einer bessere wirtschaftliche Entwicklung.

So oder so zeigt diese aktuellste US-Studie abermals, dass die Menschen in Iran keinen Wechsel des politischen Systems anstreben, sondern allenfalls eine inneriranische Reform jenseits von politischen Intervention aus dem Ausland. Die vom Wunschdenken motivierten Analysen über die angebliche Unzufriedenheit über das militärische Engagement des Landes in der Region einerseits und die angebliche Unzufriedenheit über fehlende liberale Freiheiten in der Islamischen Republik andererseits, müssten mit dieser gemäß den Regeln der Sozialforschung durchgeführten Umfrage in das Reich der Märchen verbannt sein. Gerade in Deutschland sollte man spätestens seit den Querelen um Stuttgart 21 skeptisch sein, Proteste und Kundgebungen als Belege dafür heranzuziehen, was die Mehrheit denke.

*Tatsächlich vertreten die konservativen Kräfte und insbesondere die sogenannten Hardliner in Iran weitgehend eine linke Wirtschaftspolitik, mitunter aus diesem Grund wird die Bezeichnung "Konservative" von ihnen selbst zurückgewiesen. Sie selbst bezeichnen sich "Prinzipialisten" und so werden sie auch in Iran genannt.

Nachtrag:

Inwieweit repräsentative Befragungen in Iran - sei es über Telefon oder persönlich vor Ort - ein echtes Meinungsbild der iranischen Gesellschaft abspiegelt wird häufig von Kritikern derer Ergebnisse in Zweifel gezogen. Einer der Haupteinwände ist der Vorwurf, dass die Befragten aus angeblicher Furcht vor Konsequenzen in ihrer ehrlichen Meinungswiedergabe behindert sein könnten. Dies ist angesichts der zahlreichen Schreckensmeldungen über Iran ein berechtigter Einwurf. Etliche Meinungsforschende haben sich jedoch bereits dazu geäußert. Einige Gegenargumente lauten inhaltlich wie folgt:

  • Der ehemals in Iran inhaftierte Soziologe und Exilant Dr. Hosein Ghazian, selbst Leiter des US-Meinungsforschungsinstituts iPOS gewesen, hält Repräsentativerhebungen in Iran für solide. Die ausgebildeten Interviewenden seien darauf geschult, das Vertrauen der Befragten zu erlangen, indem beispielsweise zunächst einfache und vertrauensbildende Fragen gestellt würden und erst, wenn das Vertrauen hergestellt worden sei, würden die heikleren Fragen gestellt. Ein anderer führender Meinungsforscher, Dr. Ebrahim Mohseni von der US-Universität Maryland, weist darauf hin, dass die Fragen und Antwortmöglichkeiten auf eine Weise bestehen, die eine authentische Auskunft der Befragten gewährleisten, ohne dass diese sie in eine vermeintliche Gefahr bringen könnte.

  • Niemand der Meinungsforschenden und Interviewenden zwinge die Befragten zur Teilnahme, jeder könne jederzeit auflegen bzw. das Gespräch beenden oder die Antwort auf eine Frage überspringen. Die Rate der Verweigerung der Teilnahme an diesen Meinungsumfragen beziehungsweise die Weigerung, Auskunft auf Fragen zu geben, sei allerdings bei den Menschen in Iran geringer als beim US-amerikanischen Volk. So werde innerhalb einer Umfrage sogar die in der veröffentlichten Meinung bzw. in offiziellen Iran kaum behandelten, aber heiklen Fragen nicht auffällig häufiger übersprungen als andere heikle oder triviale Fragen, die offiziell und inoffiziell heiß und kontrovers in Iran diskutiert würden. Alles in allem ergäben die Ergebnisse der Erhebungen eine in sich plausible und schlüssige Meinungsabbildung.

  • Es sei vom US-Institut World Public Opinion festgestellt worden, dass die Resultate von telefonischen und persönlichen Vorort-Umfragen sehr ähnlich seien. Würden die Befragten sich jedoch fürchten, ihre wahre Antworten anzugeben, müsste es Unterschiede und Auffälligkeiten geben.

  • Die Befragten in Iran gäben nicht bloß "ja" und "nein" als Antworten an, sie würden ihre Antworten begründen, die Fragen kommentieren und schlügen gar vor, wie man sie besser formulieren könnte, und sie würden sogar die Interviewenden fragen, was deren Antworten wären und möchten demnach eine politische Diskussion mit ihnen führen. Eine der großen Herausforderungen sei es daher, die Interviewenden beizubringen, wie man mit einer solchen grundsätzlich politisch engagierten Bevölkerung umzugehen hat.

  • Die gleichen Umfragen mit der gleichen wissenschaftlichen Methodik würden auch Ergebnisse liefern, die nicht im Sinne der Islamischen Republik sind. Interessanterweise würden teilweise die gleichen Umfragen-Kritiker diese Ergebnisse herauspicken, um sie für ihre eigenen irankritischen Argumente zu verwenden.

  • Last but not least ist anzuführen, dass Befragte während des Interviews die Ergebnisse durch die sogenannte „Soziale Erwünschtheit“ verzerren können, das heißt, sie könnten sich aufgrund einer Erwartungshaltung gegenüber einem westlichen Forschungsinstitut liberaler oder westlicher geben, als sie es eigentlich sind.

Iran-Experte Shayan ArkianShayan Arkian ist Chefredakteur von IranAnders und Autor von zahlreichen Analysen über die iranische Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.


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shayan.arkian@irananders.de Mon, 19 Feb 2018 17:07:26 +0100
Führt eine geschlechtslose Sprache zu einer Entdiskriminierung? Fallbeispiel: Persisch http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/33.html Es gibt wahrscheinlich keine Debatte in Deutschland, die so kontrovers und hitzig geführt wird -... Es gibt wahrscheinlich keine Debatte in Deutschland, die so kontrovers und hitzig geführt wird - und gleichzeitig alle Menschen betrifft - wie die Debatte über die geschlechtergerechte  Sprache. Darunter ist eine Sprachlenkung zu verstehen, die bewusst bestimmte Aspekte der Sprache mit Argumenten aus der feministischen Sprachkritik beziehungsweise der Geschlechterforschung ("Gender Studies") umändern will. Es steht also eine feministische respektive linksliberale Denkhaltung dahinter. Selbst aus der Perspektive der Befürworter kann man daher ruhigen Gewissens von bewusster Sprachkorrektur sprechen.

Die Befürworter dieses sogenannten Gender-Sprache argumentieren im Sinne der Philosophin Judith Butler (geb. 1956), dass Geschlechtsidentität nichts natürlich Gegebenes, sondern etwas sozial, kulturell und sprachlich Konstruiertes sei. Man könne und dürfe also den Menschen bzw. dessen Kultur ändern. Deshalb ist es ihr erklärtes Ziel, eine sprachliche Gleichstellung von allen Menschen - unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung - herzustellen, denn es bestehe eine Notwendigkeit, die uralte männliche Dominanz in der Sprache aufzuheben.

Von der Unsichtbarkeit zur Sichtbarmachung bis Neutralisierung der Geschlechtsfrage

Seit den 1990ern zieht das Thema der geschlechtergerechten Sprachverwendung in breiterem Maße die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich und wird erstmals angewandt, insbesondere in den öffentlichen Einrichtungen und Schulen. Ebenso wurde die Gesetzeslage EU-weit dementsprechend geändert. Rechtlich handelt es sich beim amtlichen Sprachgebrauch seitdem nicht mehr bloß um eine beliebige Wahl, die man nach Ermessen treffen kann, sondern in der Regel um eine Pflicht. So steht beispielsweise im zweiten Paragraphen der „Gemeinsamen Geschäftsordnung der Berliner Verwaltung“ (GGO I): „Die sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern ist zu beachten.“

Den Ausgangspunkt der Debatte bildete die Kritik an der Verwendung von maskulinen Nomen im Plural ("Liebe Leser"), die aber auch Frauen mit meinen, jedoch nicht sichtbar machen. Seither ist ein regelrechter Kampf um das politisch korrekte Ansprechen von Menschengruppen mit ungleichem Geschlecht ausgebrochen: Die einen plädieren für die explizite Nennung beider Geschlechter ("Liebe Leser und Leserinnen"), die anderen machen sich die wiederum stark für die Verwendung von Gap ("Liebe Leser_innen"), um auch die queeren Geschlechtsidentitäten miteinzubeziehen. Und eine weitere Gruppe hingegen möchte das Geschlecht mit Xen ("Liebx Lesex") völlig aus der Sprache verbannen. Es gibt noch gefühlte Dutzende sich widerstreitende Vorschläge, Empfehlungen und Konstellationen, um das neu erkannte Problem zu lösen.

Geschlechtslosigkeit im Persischen

All diese Debatten und Querelen sind in der persischen Sprache fremd, obzwar sie als indogermanische Sprache mit der deutschen Sprache verwandt ist und die altpersische Sprache kongruent die drei grammatischen Geschlechter Maskulinum, Femininum und Neutrum hatte - die allerdings im Laufe der Evolution bereits um 300 v. Chr. verschwanden.

Das heutige Persisch kennt infolgedessen weder den bestimmten Artikel (der/die/das/den/dem/des) noch irgendein grammatisches Geschlecht, womit Nomen mit Artikeln ("das Auto"/"die Sonne"/"der Mond") oder Adjektive (schöne/-r/-s) geschlechtlich markiert werden könnten. Das heißt, ebenfalls sind sämtliche Variation der Pronomen, wie er, sie, es, sein, ihr, diese, dieser, dieses, diejenigen, derjenigen, dasjenige, welche, welcher, welches, wen, wem, wessen etc. pp. geschlechtsneutral. Anders als im Falle des in den Gender-Sprachkreisen hochgefeierten Finnischen sind im Persischen sogar keine Geschlechtsendungen von Subjektiven vorgegeben, die Leser, Kollegen oder Freunde in männlich oder weiblich unterscheiden!

Dieser Umstand macht es gerade für Deutsch-Iraner und -Iranerinnen sehr attraktiv, im Gespräch mit Gleichsprachigen auf Persisch zu kommunizieren, wenn es zum Beispiel darum geht, zu erzählen, dass man mit einem "geschlechtsneutralen" Mitarbeiter oder Freund unterwegs war und somit das Geschlecht offen lassen möchte. An diesem Beispiel ist gut sichtbar, wie spielerisch das alltägliche Sprachhandeln ohne geschlechtsspezifische Suffixe gestaltet werden kann.

Insgesamt ist zu konstatieren, dass im Persischen schon längst die Gleichstellung der binären Geschlechter vollzogen wurde und es sich auch aufgrund dessen um eine erkennbar leicht erlernbare Sprache handelt.

Fazit

Natürlich kann man die sprachstrukturelle Geschlechtslosigkeit des Persischen (selten Iranisch und zunehmend Farsi genannt) als großen Segen betrachten, sich nicht - wie im deutschsprachigen Raum - in extrem mühsame, scheinbar endlose Debatten zur Gender-Sprache verwickeln zu lassen. Nebenbei führen die Auswirkung dieser Debatten meines Erachtens bereits dazu, die deutsche Sprache unästhetisch und unfunktional zu machen.

Im Hinblick auf das Persische und dessen exemplarischem Kernland Iran muss man hier aber auch sagen, dass das reine Fehlen des grammatischen Geschlechts nicht automatisch einem Fehlen von soziokulturell bedingten problematischen Sprach- und Denkweisen über Geschlechter und Machtverhältnisse gleichkommt. Die hartnäckigen Spuren der männlichen Sprachdominanz ungrammatischer Natur und gar sexistischen Sprachgebrauchs im bewussten sowie unbewussten Sprachverhalten vieler Iraner und ja auch Iranerinnen, unabhängig von ihrem Alter, ihrem Bildungsgrad und ihrer sozialen Stellung, konnten nämlich in den letzten Jahren in mehreren wissenschaftlichen Studien innerhalb der Islamischen Republik Iran und von iranischen Soziolinguisten selbst belegt werden. Für die Debatte in Deutschland könnte dies bedeuten, dass selbst eine etwaige absolut geschlechtsneutrale Sprache nicht zwingend eine Entdiskriminierung des weiblichen oder sonstigen Geschlechts zur Folge haben wird.

Mehrdad SaeediMehrdad Saeedi ist Sprach- und Kulturforscher mit Schwerpunkt auf den persischen Sprachraum (Iran, Afghanistan und Tadschikistan). Er studierte Germanistik und Iranistik an der Universität Potsdam und an der Freien Universität Berlin (FU) und promovierte in Zentralasien-Studien an der Humboldt Universität Berlin (HU).


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saeedimehrdad@yahoo.de Mon, 29 Jan 2018 19:13:57 +0100
Die Kriegsethik des muslimischen Saladin – ein Vorreiter der Genfer Konventionen? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/32.html Der Fernsehsender „kabel eins Doku“ brachte in seiner Reihe „Die großen Geheimnisse der Geschichte“... Der Fernsehsender „kabel eins Doku“ brachte in seiner Reihe „Die großen Geheimnisse der Geschichte“ eine Dokumentation über den legendären Sultan Saladin, in dem dessen ritterliche Kriegsführung in der Zeit der Kreuzzüge gewürdigt und er nicht nur als ein Herrscher auf einer Stufe mit den Großen der Weltgeschichte wie Alexander der Große oder Caesar genannt wird, sondern mit seiner Kriegsethik sogar als Vorläufer des modernen Völkerrechts in Verbindung gebracht wird. Eine solche Sichtweise mag für viele überraschend sein, denn ein muslimischer Herrscher mit einer so hohen Kriegsethik steht im diametralen Gegensatz zum gegenwärtig - durch das Vorgehen solcher Banden wie der IS-Gang - verbreiteten Bild von einer Religion, die auch im Kampf keinerlei ethische Richtlinien und Prinzipien kennt.

Saladin und Richard Löwenherz

Wohl kaum ein muslimischer Herrscher des Mittelalters erregte im christlichen Abendland im Laufe der Jahrhunderte mehr Aufmerksamkeit und Interesse als der um das Jahr 1137 n. Chr. im heutigen Irak geborene kurdischstämmige Sultan von Ägypten und Syrien, Salah Al Din Yusuf, zumeist auch einfach als „Sultan Saladin“ bekannt.

Im Jahr 1187 n. Chr. eroberte Sultan Saladin das von den Kreuzfahrern kontrollierte Jerusalem. Da die Kreuzfahrer nach dem Fall Jerusalems nun nur noch wenige Städte im „heiligen Land“ kontrollierten, rief Papst Gregor VIII. noch im selben Jahr zum dritten Kreuzzug auf, der 1189 unter der maßgeblichen Führung von Richard Löwenherz, der König von England, begann.

Obwohl sich im Laufe der Zeit viele Legenden bildeten, kann man davon ausgehen, dass der etwa drei Jahre dauernde dritte Kreuzzug vom gegenseitigen Respekt der führenden Akteure geprägt war. Offenbar hat Sultan Saladin trotz der christlichen Belagerung von Akkon dem erkrankten König Löwenherz die Dienste seines eigenen Leibarztes angeboten und ihm Mittel zu seiner Genesung übersandt. Die Ritterlichkeit des muslimischen Sultans sei auch daran deutlich geworden, dass er bei der Schlacht von Jaffa inmitten des Gefechts den christlichen König zwei Pferde bringen ließ, als dessen Pferd während des Kampfes getötet wurde. Weiterhin gab es ungeachtet der anhaltenden Kriegszustand diplomatische Kontakte und es wurden überdies Geschenke ausgetauscht. Die gegenseitige Wertschätzung der verfeindeten Anführer der Muslime und Christen mündete sogar darin, dass Richard Löwenherz Saladins Bruder anbot, seine eigene Schwester zu ehelichen - ein für die damalige Zeit ungeheuerlicher Vorgang.

Der dritte Kreuzzug endete schließlich ohne die Eroberung Jerusalems im Jahr 1192. Richard musste um seinen Thron in England fürchten und vereinbarte einen Waffenstillstand, woraufhin Saladin unter anderem christlichen Pilgern den freien Zugang nach Jerusalem zusicherte. Sultan Saladin verstarb nicht einmal ein Jahr nach diesem Waffenstillstand.

Das positive Saladinbild im Abendland

Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß die Person des Sultans Saladin Eingang in die abendländische Literatur fand - im Folgenden sollen nur die bekanntesten Beispiele erwähnt werden.

Das Interesse an ihm erlosch im Okzident bis in die Neuzeit de facto nie. Gerühmt an ihm wurden zunächst seine Freigiebigkeit und Ritterlichkeit. Schon der deutsche Lyriker Walther von der Vogelweide (etwa 1170 - 1230) stellte den arabischen Sultan in seiner "Löwenherz-Mahnung" aus dem Jahr 1201, also nur ein Jahrzehnt nach dem Beginn des englischen dritten Kreuzzugs, als milden Herrscher und zusammen mit Richard Löwenherz als Vorbild dar.

Dem positiven Bild von Saladin konnte sich offenbar auch Dante Alighieri (1265 - 1321) nicht entziehen, denn er verbannt Saladin in seiner „Göttlichen Komödie“ nicht etwa in die Hölle, wo er mitunter den islamischen Propheten Mohammed ansiedelt, sondern lediglich in den Limbus, in dem sich nach katholischer Theologie Seelen aufhalten, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen sind, also nicht in die Hölle geworfen werden.

Die Aufklärer betonten insbesondere seine religiöse Toleranz, da er zum Beispiel Zwangsbekehrungen abgelehnt habe. Der französische Philosoph Voltaire (1694 - 1778) rühmte in seinem "Essay über die allgemeine Geschichte und die Sitten und den Geist der Nationen" Jahr 1756 die Milde und Toleranz des muslimischen Sultans bei der Einnahme der Stadt Jerusalem, nachdem die christlichen Kreuzfahrer bei ihrer Eroberung der Stadt dort ein Blutbad veranstaltet hatten. In Gotthold Ephraim Lessings (1729 - 1781) Drama „Nathan der Weise“, das in der Zeit des dritten Kreuzzugs spielt, wird Saladin als freigiebig und in seinen religiösen Ansichten als liberal dargestellt.

Das positive Saladinbild wirkte in der Folge noch lange nach. Kein geringerer als der Deutsche Kaiser Wilhelm II. schloss 1898 seine Orient-Reise mit einem Besuch am Grab Saladins in Damaskus ab, wobei er ihn als den „ritterlichsten Herrscher aller Zeiten“ bezeichnete.

Saladinbild und Islambild

Die historische Persönlichkeit Saladins wurde im Lauf der Zeit sicherlich auch romantisch verklärt und von Legenden überwuchert. Es kann konstatiert werden, dass das positive Bild Saladins im Abendland bis zur Aufklärung im Widerspruch zum negativen Islambild stand. Das lässt sich nur so erklären, dass die Handlungsweise Saladins, den die zeitgenössischen Quellen als frommen Muslim beschreiben, gerade nicht durch seinen islamischen Glauben erklärt und zurückgeführt wurde. Mit der Aufklärung änderte sich das Bild des Islams im Okzident. Nicht wenige Dichter, darunter Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832), und Philosophen, darunter Immanuel Kant (1724 - 1804) standen dem Islam sogar positiv gegenüber. Nun konnte das Handeln Saladins gerade auch mit seiner muslimischen Frömmigkeit begründet werden.

Obwohl das Islambild im Abendland heutzutage fast wieder so negativ wie zu Zeiten des Mittelalters ist, erscheint Saladin weiter im positiven Lichte. So wird er in der am Anfang erwähnten Fernsehdokumentation sogar als eine Art Vorstreiter des modernen Völkerrechts bezeichnet.

Eine Vorwegnahme der Genfer Konventionen?

Im Handbuch des Bundesministeriums der Verteidigung „Humanitäres Völkerrecht in bewaffneten Konflikten“ wird Sultan Saladin bei der geschichtlichen Entwicklung bis hin zu den Genfer Konventionen wie folgt erwähnt:

„Unter Führerpersönlichkeiten wie Sultan Saladin im 12. Jahrhundert wurden Regeln der Kriegführung jedoch vorbildlich eingehalten. Saladin ließ vor Jerusalem die Verwundeten beider Seiten versorgen und gestattete dem Johanniter-Orden, seinen Pflegedienst auszuüben.“

Das besagte Handbuch geht im Hinblick auf die Entwicklung in der islamischen Welt noch bis auf Abu Bakr, der Gegenschwager des Propheten Mohammed, zurück, der dort wie folgt zitiert wird:

„Das Blut der Frauen, Kinder und Greise beflecke nicht euren Sieg. Vernichtet nicht die Palmen, brennt nicht die Behausungen und Kornfelder nieder, fällt niemals Obstbäume und tötet das Vieh nur dann, wenn ihr seiner zur Nahrung bedürft."

Das Handbuch des Bundesverteidigungsministeriums vermeidet in diesem Zusammenhang allerdings den Bezug auf den islamischen Religionsstifter Mohamed selbst, der gemäß der Überlieferungswissenschaften diese Kriegsethik begründete und letztlich an seinen Nachfolgern weitergab.

Das würde - erst recht nach den Untaten von IS & Co. - wohl auch die meisten Menschen im Westen überraschen, „gibt es doch wohl kaum ein negatives Urteil, dass im Westen im Lauf der Jahrhunderte noch nicht über den islamischen Religionsstifter gefällt worden ist“, wie es die renommierte deutsche Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel einst ausdrückte.

Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam und Muslime in der europäischen Wahrnehmung.


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dr.markusfiedler@hotmail.de Thu, 18 Jan 2018 19:30:55 +0100