MultiPerspektivisch http://www.multiperspektivisch.de/ Beschreibung de MultiPerspektivisch http://www.multiperspektivisch.de/typo3conf/ext/tt_news/ext_icon.gif http://www.multiperspektivisch.de/ 18 16 Beschreibung TYPO3 - get.content.right http://blogs.law.harvard.edu/tech/rss Mon, 29 Jan 2018 19:13:57 +0100 Führt eine geschlechtslose Sprache zu einer Entdiskriminierung? Fallbeispiel: Persisch http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/33.html Es gibt wahrscheinlich keine Debatte in Deutschland, die so kontrovers und hitzig geführt wird -... Es gibt wahrscheinlich keine Debatte in Deutschland, die so kontrovers und hitzig geführt wird - und gleichzeitig alle Menschen betrifft - wie die Debatte über die geschlechtergerechte  Sprache. Darunter ist eine Sprachlenkung zu verstehen, die bewusst bestimmte Aspekte der Sprache mit Argumenten aus der feministischen Sprachkritik beziehungsweise der Geschlechterforschung ("Gender Studies") umändern will. Es steht also eine feministische respektive linksliberale Denkhaltung dahinter. Selbst aus der Perspektive der Befürworter kann man daher ruhigen Gewissens von bewusster Sprachkorrektur sprechen.

Die Befürworter dieses sogenannten Gender-Sprache argumentieren im Sinne der Philosophin Judith Butler (geb. 1956), dass Geschlechtsidentität nichts natürlich Gegebenes, sondern etwas sozial, kulturell und sprachlich Konstruiertes sei. Man könne und dürfe also den Menschen bzw. dessen Kultur ändern. Deshalb ist es ihr erklärtes Ziel, eine sprachliche Gleichstellung von allen Menschen - unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung - herzustellen, denn es bestehe eine Notwendigkeit, die uralte männliche Dominanz in der Sprache aufzuheben.

Von der Unsichtbarkeit zur Sichtbarmachung bis Neutralisierung der Geschlechtsfrage

Seit den 1990ern zieht das Thema der geschlechtergerechten Sprachverwendung in breiterem Maße die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich und wird erstmals angewandt, insbesondere in den öffentlichen Einrichtungen und Schulen. Ebenso wurde die Gesetzeslage EU-weit dementsprechend geändert. Rechtlich handelt es sich beim amtlichen Sprachgebrauch seitdem nicht mehr bloß um eine beliebige Wahl, die man nach Ermessen treffen kann, sondern in der Regel um eine Pflicht. So steht beispielsweise im zweiten Paragraphen der „Gemeinsamen Geschäftsordnung der Berliner Verwaltung“ (GGO I): „Die sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern ist zu beachten.“

Den Ausgangspunkt der Debatte bildete die Kritik an der Verwendung von maskulinen Nomen im Plural ("Liebe Leser"), die aber auch Frauen mit meinen, jedoch nicht sichtbar machen. Seither ist ein regelrechter Kampf um das politisch korrekte Ansprechen von Menschengruppen mit ungleichem Geschlecht ausgebrochen: Die einen plädieren für die explizite Nennung beider Geschlechter ("Liebe Leser und Leserinnen"), die anderen machen sich die wiederum stark für die Verwendung von Gap ("Liebe Leser_innen"), um auch die queeren Geschlechtsidentitäten miteinzubeziehen. Und eine weitere Gruppe hingegen möchte das Geschlecht mit Xen ("Liebx Lesex") völlig aus der Sprache verbannen. Es gibt noch gefühlte Dutzende sich widerstreitende Vorschläge, Empfehlungen und Konstellationen, um das neu erkannte Problem zu lösen.

Geschlechtslosigkeit im Persischen

All diese Debatten und Querelen sind in der persischen Sprache fremd, obzwar sie als indogermanische Sprache mit der deutschen Sprache verwandt ist und die altpersische Sprache kongruent die drei grammatischen Geschlechter Maskulinum, Femininum und Neutrum hatte - die allerdings im Laufe der Evolution bereits um 300 v. Chr. verschwanden.

Das heutige Persisch kennt infolgedessen weder den bestimmten Artikel (der/die/das/den/dem/des) noch irgendein grammatisches Geschlecht, womit Nomen mit Artikeln ("das Auto"/"die Sonne"/"der Mond") oder Adjektive (schöne/-r/-s) geschlechtlich markiert werden könnten. Das heißt, ebenfalls sind sämtliche Variation der Pronomen, wie er, sie, es, sein, ihr, diese, dieser, dieses, diejenigen, derjenigen, dasjenige, welche, welcher, welches, wen, wem, wessen etc. pp. geschlechtsneutral. Anders als im Falle des in den Gender-Sprachkreisen hochgefeierten Finnischen sind im Persischen sogar keine Geschlechtsendungen von Subjektiven vorgegeben, die Leser, Kollegen oder Freunde in männlich oder weiblich unterscheiden!

Dieser Umstand macht es gerade für Deutsch-Iraner und -Iranerinnen sehr attraktiv, im Gespräch mit Gleichsprachigen auf Persisch zu kommunizieren, wenn es zum Beispiel darum geht, zu erzählen, dass man mit einem "geschlechtsneutralen" Mitarbeiter oder Freund unterwegs war und somit das Geschlecht offen lassen möchte. An diesem Beispiel ist gut sichtbar, wie spielerisch das alltägliche Sprachhandeln ohne geschlechtsspezifische Suffixe gestaltet werden kann.

Insgesamt ist zu konstatieren, dass im Persischen schon längst die Gleichstellung der binären Geschlechter vollzogen wurde und es sich auch aufgrund dessen um eine erkennbar leicht erlernbare Sprache handelt.

Fazit

Natürlich kann man die sprachstrukturelle Geschlechtslosigkeit des Persischen (selten Iranisch und zunehmend Farsi genannt) als großen Segen betrachten, sich nicht - wie im deutschsprachigen Raum - in extrem mühsame, scheinbar endlose Debatten zur Gender-Sprache verwickeln zu lassen. Nebenbei führen die Auswirkung dieser Debatten meines Erachtens bereits dazu, die deutsche Sprache unästhetisch und unfunktional zu machen.

Im Hinblick auf das Persische und dessen exemplarischem Kernland Iran muss man hier aber auch sagen, dass das reine Fehlen des grammatischen Geschlechts nicht automatisch einem Fehlen von soziokulturell bedingten problematischen Sprach- und Denkweisen über Geschlechter und Machtverhältnisse gleichkommt. Die hartnäckigen Spuren der männlichen Sprachdominanz ungrammatischer Natur und gar sexistischen Sprachgebrauchs im bewussten sowie unbewussten Sprachverhalten vieler Iraner und ja auch Iranerinnen, unabhängig von ihrem Alter, ihrem Bildungsgrad und ihrer sozialen Stellung, konnten nämlich in den letzten Jahren in mehreren wissenschaftlichen Studien innerhalb der Islamischen Republik Iran und von iranischen Soziolinguisten selbst belegt werden. Für die Debatte in Deutschland könnte dies bedeuten, dass selbst eine etwaige absolut geschlechtsneutrale Sprache nicht zwingend eine Entdiskriminierung des weiblichen oder sonstigen Geschlechts zur Folge haben wird.

Mehrdad SaeediMehrdad Saeedi ist Sprach- und Kulturforscher mit Schwerpunkt auf den persischen Sprachraum (Iran, Afghanistan und Tadschikistan). Er studierte Germanistik und Iranistik an der Universität Potsdam und an der Freien Universität Berlin (FU) und promovierte in Zentralasien-Studien an der Humboldt Universität Berlin (HU).


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saeedimehrdad@yahoo.de Mon, 29 Jan 2018 19:13:57 +0100
Die Kriegsethik des muslimischen Saladin – ein Vorreiter der Genfer Konventionen? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/32.html Der Fernsehsender „kabel eins Doku“ brachte in seiner Reihe „Die großen Geheimnisse der Geschichte“... Der Fernsehsender „kabel eins Doku“ brachte in seiner Reihe „Die großen Geheimnisse der Geschichte“ eine Dokumentation über den legendären Sultan Saladin, in dem dessen ritterliche Kriegsführung in der Zeit der Kreuzzüge gewürdigt und er nicht nur als ein Herrscher auf einer Stufe mit den Großen der Weltgeschichte wie Alexander der Große oder Caesar genannt wird, sondern mit seiner Kriegsethik sogar als Vorläufer des modernen Völkerrechts in Verbindung gebracht wird. Eine solche Sichtweise mag für viele überraschend sein, denn ein muslimischer Herrscher mit einer so hohen Kriegsethik steht im diametralen Gegensatz zum gegenwärtig - durch das Vorgehen solcher Banden wie der IS-Gang - verbreiteten Bild von einer Religion, die auch im Kampf keinerlei ethische Richtlinien und Prinzipien kennt.

Saladin und Richard Löwenherz

Wohl kaum ein muslimischer Herrscher des Mittelalters erregte im christlichen Abendland im Laufe der Jahrhunderte mehr Aufmerksamkeit und Interesse als der um das Jahr 1137 n. Chr. im heutigen Irak geborene kurdischstämmige Sultan von Ägypten und Syrien, Salah Al Din Yusuf, zumeist auch einfach als „Sultan Saladin“ bekannt.

Im Jahr 1187 n. Chr. eroberte Sultan Saladin das von den Kreuzfahrern kontrollierte Jerusalem. Da die Kreuzfahrer nach dem Fall Jerusalems nun nur noch wenige Städte im „heiligen Land“ kontrollierten, rief Papst Gregor VIII. noch im selben Jahr zum dritten Kreuzzug auf, der 1189 unter der maßgeblichen Führung von Richard Löwenherz, der König von England, begann.

Obwohl sich im Laufe der Zeit viele Legenden bildeten, kann man davon ausgehen, dass der etwa drei Jahre dauernde dritte Kreuzzug vom gegenseitigen Respekt der führenden Akteure geprägt war. Offenbar hat Sultan Saladin trotz der christlichen Belagerung von Akkon dem erkrankten König Löwenherz die Dienste seines eigenen Leibarztes angeboten und ihm Mittel zu seiner Genesung übersandt. Die Ritterlichkeit des muslimischen Sultans sei auch daran deutlich geworden, dass er bei der Schlacht von Jaffa inmitten des Gefechts den christlichen König zwei Pferde bringen ließ, als dessen Pferd während des Kampfes getötet wurde. Weiterhin gab es ungeachtet der anhaltenden Kriegszustand diplomatische Kontakte und es wurden überdies Geschenke ausgetauscht. Die gegenseitige Wertschätzung der verfeindeten Anführer der Muslime und Christen mündete sogar darin, dass Richard Löwenherz Saladins Bruder anbot, seine eigene Schwester zu ehelichen - ein für die damalige Zeit ungeheuerlicher Vorgang.

Der dritte Kreuzzug endete schließlich ohne die Eroberung Jerusalems im Jahr 1192. Richard musste um seinen Thron in England fürchten und vereinbarte einen Waffenstillstand, woraufhin Saladin unter anderem christlichen Pilgern den freien Zugang nach Jerusalem zusicherte. Sultan Saladin verstarb nicht einmal ein Jahr nach diesem Waffenstillstand.

Das positive Saladinbild im Abendland

Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß die Person des Sultans Saladin Eingang in die abendländische Literatur fand - im Folgenden sollen nur die bekanntesten Beispiele erwähnt werden.

Das Interesse an ihm erlosch im Okzident bis in die Neuzeit de facto nie. Gerühmt an ihm wurden zunächst seine Freigiebigkeit und Ritterlichkeit. Schon der deutsche Lyriker Walther von der Vogelweide (etwa 1170 - 1230) stellte den arabischen Sultan in seiner "Löwenherz-Mahnung" aus dem Jahr 1201, also nur ein Jahrzehnt nach dem Beginn des englischen dritten Kreuzzugs, als milden Herrscher und zusammen mit Richard Löwenherz als Vorbild dar.

Dem positiven Bild von Saladin konnte sich offenbar auch Dante Alighieri (1265 - 1321) nicht entziehen, denn er verbannt Saladin in seiner „Göttlichen Komödie“ nicht etwa in die Hölle, wo er mitunter den islamischen Propheten Mohammed ansiedelt, sondern lediglich in den Limbus, in dem sich nach katholischer Theologie Seelen aufhalten, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen sind, also nicht in die Hölle geworfen werden.

Die Aufklärer betonten insbesondere seine religiöse Toleranz, da er zum Beispiel Zwangsbekehrungen abgelehnt habe. Der französische Philosoph Voltaire (1694 - 1778) rühmte in seinem "Essay über die allgemeine Geschichte und die Sitten und den Geist der Nationen" Jahr 1756 die Milde und Toleranz des muslimischen Sultans bei der Einnahme der Stadt Jerusalem, nachdem die christlichen Kreuzfahrer bei ihrer Eroberung der Stadt dort ein Blutbad veranstaltet hatten. In Gotthold Ephraim Lessings (1729 - 1781) Drama „Nathan der Weise“, das in der Zeit des dritten Kreuzzugs spielt, wird Saladin als freigiebig und in seinen religiösen Ansichten als liberal dargestellt.

Das positive Saladinbild wirkte in der Folge noch lange nach. Kein geringerer als der Deutsche Kaiser Wilhelm II. schloss 1898 seine Orient-Reise mit einem Besuch am Grab Saladins in Damaskus ab, wobei er ihn als den „ritterlichsten Herrscher aller Zeiten“ bezeichnete.

Saladinbild und Islambild

Die historische Persönlichkeit Saladins wurde im Lauf der Zeit sicherlich auch romantisch verklärt und von Legenden überwuchert. Es kann konstatiert werden, dass das positive Bild Saladins im Abendland bis zur Aufklärung im Widerspruch zum negativen Islambild stand. Das lässt sich nur so erklären, dass die Handlungsweise Saladins, den die zeitgenössischen Quellen als frommen Muslim beschreiben, gerade nicht durch seinen islamischen Glauben erklärt und zurückgeführt wurde. Mit der Aufklärung änderte sich das Bild des Islams im Okzident. Nicht wenige Dichter, darunter Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832), und Philosophen, darunter Immanuel Kant (1724 - 1804) standen dem Islam sogar positiv gegenüber. Nun konnte das Handeln Saladins gerade auch mit seiner muslimischen Frömmigkeit begründet werden.

Obwohl das Islambild im Abendland heutzutage fast wieder so negativ wie zu Zeiten des Mittelalters ist, erscheint Saladin weiter im positiven Lichte. So wird er in der am Anfang erwähnten Fernsehdokumentation sogar als eine Art Vorstreiter des modernen Völkerrechts bezeichnet.

Eine Vorwegnahme der Genfer Konventionen?

Im Handbuch des Bundesministeriums der Verteidigung „Humanitäres Völkerrecht in bewaffneten Konflikten“ wird Sultan Saladin bei der geschichtlichen Entwicklung bis hin zu den Genfer Konventionen wie folgt erwähnt:

„Unter Führerpersönlichkeiten wie Sultan Saladin im 12. Jahrhundert wurden Regeln der Kriegführung jedoch vorbildlich eingehalten. Saladin ließ vor Jerusalem die Verwundeten beider Seiten versorgen und gestattete dem Johanniter-Orden, seinen Pflegedienst auszuüben.“

Das besagte Handbuch geht im Hinblick auf die Entwicklung in der islamischen Welt noch bis auf Abu Bakr, der Gegenschwager des Propheten Mohammed, zurück, der dort wie folgt zitiert wird:

„Das Blut der Frauen, Kinder und Greise beflecke nicht euren Sieg. Vernichtet nicht die Palmen, brennt nicht die Behausungen und Kornfelder nieder, fällt niemals Obstbäume und tötet das Vieh nur dann, wenn ihr seiner zur Nahrung bedürft."

Das Handbuch des Bundesverteidigungsministeriums vermeidet in diesem Zusammenhang allerdings den Bezug auf den islamischen Religionsstifter Mohamed selbst, der gemäß der Überlieferungswissenschaften diese Kriegsethik begründete und letztlich an seinen Nachfolgern weitergab.

Das würde - erst recht nach den Untaten von IS & Co. - wohl auch die meisten Menschen im Westen überraschen, „gibt es doch wohl kaum ein negatives Urteil, dass im Westen im Lauf der Jahrhunderte noch nicht über den islamischen Religionsstifter gefällt worden ist“, wie es die renommierte deutsche Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel einst ausdrückte.

Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam und Muslime in der europäischen Wahrnehmung.


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dr.markusfiedler@hotmail.de Thu, 18 Jan 2018 19:30:55 +0100
Interview mit dem Experten Ahmed Rashid: "Taliban kein monolithischer Block" http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/31.html Ahmed Rashid, 1948 in Pakistan geboren und in Großbritannien aufgewachsen, gilt als international... Ahmed Rashid, 1948 in Pakistan geboren und in Großbritannien aufgewachsen, gilt als international anerkannter Taliban-Experte, sein im Jahr 2000 veröffentlichtes Buch "Taliban - Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad" stand über einen Monat auf der Bestsellerliste der „New York Times“ und wurde 1,5 Millionen Mal verkauft und ist in 26 Sprachen erhältlich. Sein Buch wird außerdem an rund 200 US-amerikanischen Universitäten als Lehrbuch verwendet.

Ramon Schack: Herr Rashid, 15 Jahre nach dem Beginn des "Krieges gegen den Terror", wie man es damals im Westen formulierte, sind weder Krieg noch Terror beseitigt worden, weder in Ihrem Teil der Welt, noch im Westen. Afghanistan stand damals im Mittelpunkt des militärischen Engagements des Westens, flankiert von der Operation "Enduring Freedom". Wie lautet diesbezüglich Ihre Bilanz?

Ahmed Rashid: Kürzlich wurde ich von einem US-amerikanischen Magazin danach befragt, weshalb die Taliban nicht versessen darauf sind, an die Verhandlungstische zurückzukehren. Ich antwortete, dass dies darauf zurückzuführen sei, dass die Taliban in den vergangenen Monaten so viele militärische Erfolge zu verzeichnen hatten, dass sie selbstbewusst die militärische Linie fortführen, anstatt Verhandlungen zu führen. Diese Ausführung beantwortet auch Ihre Frage nach meiner Bilanz bezüglich des "Krieges gegen den Terrors". Wenn die Taliban im Afghanistan in der Lage sind, militärische Erfolge zu erzielen, dann ist dieser Krieg gescheitert, dessen ursprüngliches Ziel es ja 2001 war, die Taliban zu vernichten.

Ramon Schack: Stellen die heutigen Taliban in Afghanistan denn einen monolithischen Block dar, wie 2001, oder gibt es verschiedene Fraktionen?

Ahmed Rashid: Auch 2001 waren die Taliban kein monolithischer Block - weder in Afghanistan, noch in Pakistan, auch wenn es in den internationalen Medien so dargestellt wurde. Die Unterschiede zwischen afghanischen und pakistanischen Taliban wurden nicht reflektiert. Die heutige Taliban in Afghanistan sind zerstrittener denn je. Das ist ja auch der Grund, weshalb der vormalige Talibanführer, Akhtar Mohammed Mansur, aufgrund der damaligen Teilnahme an Verhandlungen nicht noch mehr Konfliktpotential innerhalb der Taliban entstehen lassen wollte.

Nach seinem Tod ist durch die Machtübernahme des neuen Führers, Haibatullah Achundsada, der ja ein Hardliner ist, der interne Machtkampf verstärkt worden. Es gibt innerhalb der Taliban eine Friedenslobby, aber auch eine Kriegslobby. Darüber hinaus kommt es zu Streitereien innerhalb der Führung und zu Angriffen von Seiten des sogenannten "Islamischen Staates", der ihnen den Rang streitig machen möchte und Taliban-Kämpfer rekrutiert. Und obwohl die afghanischen Taliban abhängig von Pakistan sind, gibt es Streit mit Islamabad, weil man dort die Taliban an den Verhandlungstisch drängen möchte.

Ramon Schack: Sie erwähnten die Unterschiede zwischen den Taliban in Afghanistan und Pakistan. Könnten Sie darauf bitte noch etwas genauer eingehen?

Ahmed Rashid: Sicherlich, denn die pakistanischen Taliban unterscheiden sich beträchtlich von denen in Afghanistan. Die Taliban in Pakistan haben eine ganz andere politische Strategie als die in Afghanistan.

Ramon Schack: Inwiefern?

Ahmed Rashid: Die pakistanischen Taliban haben das Ziel, ein islamistisches Regime im Lande zu installieren. Sie verfügen über viele Brückenköpfe und Stützpunkte in zahlreichen Regionen Pakistans. Schon seit langer Zeit setzen sich die pakistanischen Taliban nicht mehr ausschließlich aus Paschtunen zusammen. Inzwischen haben sie sich zu einer nationalen Bewegung entwickelt, in der man alle Volksgruppen findet - ganz im Gegensatz zu Afghanistan, wo mehr als 90 % der Taliban der Volksgruppe der Paschtunen angehören.

Ramon Schack: Welche Auswirkungen haben die Ereignisse in Afghanistan auf die politische Stabilität Pakistans?

Ahmed Rashid: Pakistan und Afghanistan sind schicksalhaft miteinander verbunden, basierend auf dem demographischen Gewicht Pakistans und dessen Einfluss auch auf die afghanischen Paschtunen im Süden des Landes, vor allem wegen der geographischen Nachbarschaft und der langen gemeinsamen Grenze. Dadurch gelang es den afghanischen Taliban, sich teilweise auf pakistanisches Territorium zurückzuziehen, in die unzulänglichen Bergregionen Wasiristans - ein Gebiet, das von den pakistanischen Behörden kaum kontrolliert werden kann. Natürlich genießen die afghanischen Taliban dort auch den Schutz ihrer pakistanischen Alliierten, basierend auf dem Paschtunwali, dem Sittenkodex der Paschtunen.

Ramon Schack: Was sind angesichts der von Ihnen geschilderten Rahmenbedingungen die Konsequenzen, die Pakistan ziehen kann und ziehen muss?

Ahmed Rashid: Ich denke, dass Pakistan keine andere Wahl hat, als sich um eine Beendigung des Krieges mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bemühen. Die Regierung in Kabul ist sehr schwach. Deshalb muss Islamabad intervenieren - zunächst diplomatisch, um eine Rückkehr der Taliban an die Verhandlungstische zu fördern.

Ramon Schack: Aber das wird doch von Islamabad schon seit 2001 mit Hilfe der USA versucht, wenn Sie mir diese Zwischenfrage gestatten?

Ahmed Rashid: Diese Zusammenarbeit hat nicht gefruchtet. Unter den Pakistanis wächst der Unmut gegenüber den USA. Wie viele Zivilisten kamen schon durch Drohnen ums Leben? Gleichzeitig ist das Misstrauen der USA gegenüber der Führung in Pakistan weit verbreitet. Nein, es ist höchste Zeit für einen Neuanfang.

Ramon Schack: Was war denn der größte Fehler in der amerikanischen Afpak-Strategie?

Ahmed Rashid: Die USA haben sich viel zu sehr auf das Militär verlassen und auf eine militärische Lösung der Probleme. Ein Großteil der Gelder aus den USA wurde in die Rüstung gesteckt, kaum etwas in den Aufbau von zivilgesellschaftlichen Strukturen beziehungsweise den Abbau der Missstände Pakistans, wie etwa der Korruption.

Während all dieser Jahre fand ein Prozess statt, den ich die Talibanisierung der pakistanischen Gesellschaft nenne. Selbst in Lahore, meiner Heimatstadt, bestimmen junge Absolventen der Koranschulen die Gesetze auf den Straßen, zwingen Frauen den von ihnen propagierten Kleidungsstil auf, attackieren Vertreter eines anderen Lebensstils. Natürlich gibt es noch eine starke urbane Mittelschicht, die aber zunehmend ins Fadenkreuz gerät. Bisher bin ich nicht der Überzeugung, dass diese Militanten den Großstädten ihr Gedankengut aufzwingen können - leider gibt es aber zu wenig Widerstand, was mir Sorgen bereitet.

Ramon Schack: Pakistan ist eine Atommacht und hat mehr Einwohner als Russland. Halten Sie denn diesbezüglich die These für richtig, welche im Westen zu hören ist, wonach es sich bei Pakistan um den gefährlichsten Staat der Welt handelt?

Ahmed Rashid: So weit ist es glücklicherweise noch nicht - aber das Potential, der gefährlichste Staat der Welt zu sein, besitzt Pakistan auf jeden Fall.

Ramon Schack: Gibt es eine Möglichkeit, die drohenden Risiken, die aus diesen Konflikten erwachsen, zumindest einzuschränken?

Ahmed Rashid: Sicherlich, aber nur unter Einbindung der nichtwestlichen Regional- und Supermächte in der Region - in diesem Fall der Islamischen Republik Iran und der Volksrepublik China. Beide Staaten spielten bisher eine positive Rolle und haben ein großes Interesse an Stabilität in der Region.

Iran hat sowohl eine Grenze mit Afghanistan als auch eine zu Pakistan. Teheran spielt hierbei die gleiche Rolle für die Tadschiken in Afghanistan wie Pakistan für die Paschtunen. Teheran war schon immer ein Feind der Taliban, schon aus religiösen Gründen. Und China hat das ökonomische Potential, massiv in die Infrastruktur Afghanistans zu investieren. Wenn Peking, Teheran und Washington zusammen an der Stabilität der Region arbeiten würden, bestünde eine Chance auf Frieden.

Ramon Schack: Vielen Dank Herr Rashid.

Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen. Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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ramon_schack@yahoo.de Wed, 17 Jan 2018 07:17:05 +0100
Eine Antwort auf eine ewige Frage: Sind Proteste in Iran genuin oder vom Ausland initiiert? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/30.html Vom 28. Dezember 2017 bis zum 3. Januar 2018 fanden in vielen Städten und Orten der Islamischen... Vom 28. Dezember 2017 bis zum 3. Januar 2018 fanden in vielen Städten und Orten der Islamischen Republik Iran Proteste gegen die dortigen Machthaber statt, die bisweilen aufgrund der wirtschaftlichen Situation als ökonomisch motiviert, aber auch als regierungs- oder gar systemkritisch beschrieben worden sind. Obwohl diese kritische Proteste längst abgeflaut und schließlich beendet sind und sie an jenen Tagen ohnehin insgesamt höchstens 42.000 der über 80 Millionen in Iran lebenden Menschen auf die Straße brachten, erhalten sie in den hiesigen Medien anhaltend eine ungleich größere Aufmerksamkeit als beispielsweise die viel größeren und länger andauernden Proteste der letzten Jahre in manchen lateinamerikanischen Ländern.

Und wie so oft gibt es, insbesondere wenn es um regierungs- oder vermeintlich systemkritische Proteste in Iran geht, bei der Beschreibung der Ursache zwei vollkommen gegensätzliche Narrative. Das erste Narrativ besagt, dass alle Proteste vom Volk hergerührt und gesteuert wären, wohingegen das zweite Narrativ besagt, dass sie vom Ausland initiiert und gelenkt wären.

Aber das, was meistens in der Debatte unbekannt bleibt, ist, dass das zweite Narrativ überwiegend von der westlichen Presse konstruiert wird, indem sie regelmäßig Zitate von bestimmten iranischen Offiziellen entstellen, verkürzen, fehlerhaft übersetzen oder aus dem Kontext reißen. Es ist der Teil der Journalistenzunft, der auf bestimmte Signale in Äußerungen von gewissen iranischen Verantwortlichen reagiert, die ihn in seinem Stereotyp bestätigen und ihre Wörter so wiedergeben lassen, nicht wie er sie verstehen sollte, sondern intuitiv verstehen wollte. Es sind die Signale, wie die des religiös-politischen Staatsoberhaupt Irans, Ayatollah Ali Khamenei, in seiner ersten Reaktion auf die Proteste, wenn er darin Feinde, Waffen und Nachrichtendienst erwähnt, die diese Journalisten dazu verleiten, alles andere, was davor und danach gesagt worden ist, zu unterschlagen, um etwas wiederzugeben, das mit dem vorgefertigten Bild, das sie von ihm haben, entspricht - aber nicht dem tatsächlich von ihm Gesagten entspringt.

Zugegeben, selbst iranische Medien fassen oftmals ihre Staatsführer unselbstkritischer, kompromissloser und aggressiver zusammen als sie gemeinhin sich äußern. Das hat verschiedene Gründe, die in der medialen und politischen Kultur Irans liegen und soll hier, um das Thema der vorliegenden Analyse nicht zu sprengen, nicht Gegenstand dieser Analyse sein. Aber nichtsdestotrotz sei dazu gesagt: Ein jeder, der der persischen Sprache mächtig ist und sich unvoreingenommen mit der iranischen Politik und damit zwangsläufig mit der dortigen medialen und politischen Kultur zu befassen hat, wird diese Diskrepanz zwischen dem tatsächlich Gesagten und dem tradiert Gesagten ohne Schwierigkeiten erkennen. Deshalb kann der Analyst oder die Analystin nicht - wenn er oder sie wirklich gewillt ist, eine akkurate Analyse über eine politische Begebenheit in Iran zu verfassen - sich auf von iranischen Medien übersetze oder zusammengefasste Äußerungen berufen oder verlassen und sich einfach damit entschuldigen, dass iranische Medien selbst diesen oder jenen Politiker in der Weise falsch oder unzureichend übersetzt oder zusammengefasst haben.

Was aber sagte Ayatollah Khamenei nun wirklich?

Dutzendfach wird in den vorherrschenden Medien seit Beginn der Proteste das religiös-politische Staatsoberhaupt Irans auf eine Art wiedergegeben, als ob er die Islamische Republik von jeglicher Schwäche freigesprochen hätte. An dieser Stelle soll exemplarisch ein Artikel aus der Neue Zürcher Zeitung angeführt werden:

"Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit Beginn der Unruhen griff der Revolutionsführer auf die bewährte Methode der Schuldzuweisung zurück, die ablenken soll von der Tatsache, dass es sehr wohl hausgemachte Probleme und jede Menge sozialen Unmut gibt. Die Feinde Irans hätten sich vereint und machten Gebrauch von ihren Mitteln, zu denen Geld, Waffen, die Politik und die Geheimdienste gehörten, verkündete Ali Khamenei auf seiner Website."

So weit, so falsch. Denn der Ayatollah hat in der Tat die Hauptverantwortung nicht den "Feinden" der Islamischen Republik gegeben, sondern vielmehr die Schwäche in der eigenen Reihe als wesentlichen Grund bezeichnet. Er sagte:

„Sie warten auf eine Gelegenheit. Sie warten auf eine Kluft, um durch diese Kluft einzutreten. Betrachtet diese Vorfälle der letzten Tage. All diejenigen, die mit der Islamischen Republik verfeindet sind - der, der Geld hat, der, der Politik hat, der, der Waffen hat, der, der Nachrichtendienst hat - arbeiten alle Hand in Hand zusammen, um in der Lage zu sein, der Islamischen Staatsordnung und der Islamischen Republik und der Islamischen Revolution ein Problem zu bereiten.“

Mit dieser Ansicht steht Khamenei nicht alleine. Sogar diejenigen, die wie in etwa englisch- und deutschsprachigen Medien als "Hardliner" verschrien sind, sprechen von der Unzufriedenheit der Menschen über die wirtschaftliche Entwicklung und davon, dass diese das Recht hätten, dagegen zu demonstrieren. Auch der in der westlichen Hemisphäre vielmals gescholtene "Ultra-Hardliner" Ayatollah Mesbah Yazdi, der grundsätzlich wenig twittert, twitterte zu dieser Causa gleich aber zweimal in der gleichen Richtung: Die Menschen hätten das Recht, die islamische Führung aufzufordern, ihrer Pflicht der Fürsorge nachzukommen und sie hätte nicht das Recht, dem Volk das zu verbieten.

Die Islamische Republik differenziert die Proteste

Nichtsdestoweniger spricht sich die gesamte politische Gesellschaft in Iran gegen verfassungsfeindliche Proteste, Randale und Krawalle, die zu Ausschreitungen, Eigentumsdelikten, Plünderungen, Gewalt und Chaos führen, aus.

Und das ist einer der essentiellen Unterschiede zwischen der iranischen und der westlichen Betrachtung von Demonstrationen in Iran. In der westlichen Berichterstattung über Iran wird grundsätzlich nicht zwischen legalen, friedfertigen und gewaltlosen Demonstranten einerseits und illegalen, randalierenden und gewalttätigen "Protestlern" andererseits unterschieden. Diese Differenzierung spart man sich gleichwohl für die hierzulande stattfindenden Demonstrationen wie die Proteste am 1. Mai oder gegen die G-20, Globalisierung und Atommülltransporte auf.

Denn ja, es gibt sie. Es gibt die Krawallmacher, Rowdys und Vandalisten in Iran, die legale Proteste als Möglichkeit nutzen, um auf Polizisten loszugehen, Banken und Geschäfte zu plündern und privates und öffentliches Eigentum zu zerstören. Dabei spielt es bei der Auflösung solcher Vorkommnisse keine Rolle, ob sie eine berechtigte Frust, die aufgrund der vorherrschenden politischen oder wirtschaftlichen Lage entstanden ist, derart herauslassen müssen oder vom Ausland angeworben und geleitet sind. Im Moment des Gefechts helfen bloß deeskalierende und verhältnismäßige Polizeimaßnahmen - für Präventivmaßnahmen ist es schon zu spät.

Eine konstruktive Kritik gegen die Islamische Republik sollte daher vielmehr lauten, einerseits die Lebenssituation ihrer Bevölkerung zu verbessern, damit derartige Proteste erst gar nicht entstehen und andererseits zur Verhältnismäßigkeit von repressiven Maßnahmen, die unter solchen Umständen unabdingbar sind, aufzurufen. Und in beiden Fällen kann Europa einen Beitrag leisten, indem es Washington vehementer dazu drängt, die ohnehin aufzuhebenden US-Wirtschaftssanktionen auch effektiv aufzuheben und selbst Teheran Knowhow in polizeilichen Deeskalationsmaßnahmen und entsprechende Ausrüstungen zur Verfügung zu stellen. Bis vor kurzem war Teheran nicht einmal im Besitz von Wasserwerfern, die heute noch vom Westen sanktioniert sind.

Gibt es in der Islamischen Republik überhaupt regierungskritische Proteste, die legal sind?

Und ja, es gab sie, die friedlichen Proteste, die sich gegen die Regierung richteten, um beispielsweise den dem Parlament vorgelegten Haushaltsentwurf, der Kürzungen vorsieht, zu revidieren, ohne dass die Sicherheitskräfte eingeschritten sind. Und nein, es ist hier nicht nur von der ersten Demonstration am 28. Dezember 2017 in Mashhad die Rede, die bis zum offiziellen Ende friedlich blieb, noch nicht partiell gekapert wurde und im Westen als von "Hardlinern" orchestrierte Demonstration zur Schwächung der Regierung von Hassan Rouhani verunglimpft wird.

Es gibt in Iran nicht nur die eine pro-staatliche Demonstrationskultur, die regelmäßig organisiert und durchgeführt wird, an denen landesweit mehrere Millionen Menschen partizipieren, sondern es gibt auch die ökonomisch motivierten oder regierungskritischen Demonstrationen, die unbehelligt und friedlich sind und selbst während der Tage der gewaltsamen Auseinandersetzungen geschahen. Nicht alle Proteste wurden während jener Tage als illegal erklärt und niedergeschlagen. So konnten Studenten und Studentinnen an der Universität Teheran eine regierungskritische Protestkundgebung am 31. Dezember anmelden und abhalten, ohne dass es zu Zwischenfällen kam. Sogar sehr oft gab es Demonstrationen, die obschon sie nicht angemeldet und legal waren, dennoch von der Polizei nicht aufgelöst wurden, weil sie friedlich verliefen und keine eklatanten verfassungsfeindlichen Parolen beinhalteten. Demgegenüber gab es auch in verschiedenen Städten spontane Demonstrationen gegen die Abweichung der Proteste, die weder vom Staat aufgerufen noch von ihm organisiert wurden und in den deutschen und anderen westlichen Medien nicht mit einer Silbe erwähnt wurden.  Das Bild ist viel bunter als allgemein angenommen wird.

Unabhängig von all dem kommt es sowieso immer wieder zu legalen, zum Teil ökonomisch motivierten, regierungskritischen, aber auch gegen andere staatliche Institutionen gerichtete Demonstrationen in der iranischen Hauptstadt, vorzugsweise vor dem Parlament, und in den Provinzen vor dem Sitz der jeweiligen Gouverneure - ohne dass diese im Westen für Aufmerksamkeit sorgen, eben weil sie friedlich und legal verlaufen. Gerade vor den Protesten vor dem 28. Dezember 2017 bis zum 3. Januar 2018 gab es eine Reihe von erlaubten friedfertigen Demonstrationen gegen staatlichen Stellen in Iran.

Gab es bei den letzten staatskritischen Protesten keinerlei ausländische Infiltrationen?

So wie die Diskussionen innerhalb der politischen und medialen Elite der Islamischen Republik Iran über die Gründe der regierungs- und systemkritischen Proteste vielfältig sind, so sind es auch die Motive der Protestierenden. Tatsächlich bestreitet innerhalb der Elite Irans niemand, dass es Unzufriedenheiten gebe. Es gibt quasi einen Grundkonsens, dass der Protest vom Ausland und der Exil-Opposition mit ihren kleinen, aber radikalen Anhängern in Iran zumindest teilweise vereinnahmt und politisiert worden und auf diesem Weg im Land verbreitet worden sei - auch wenn diese teils umgewandelten Proteste bzw. Ausschreitungen letztlich klein und überschaubar geblieben sind. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Exil-Opposition inneriranische Konflikte instrumentalisiere und in eine andere Richtung lenken wolle.

Unter anderem bringen folgende, meist objektiv feststellbare Begebenheiten die iranischen Sicherheitsbehörden dazu, von solch einer erneuten Instrumentalisierung und diesmal gar auch verstärkter Infiltration auszugehen:

  • Die Drohung des faktischen Herrschers Saudi-Arabiens, Mohammed bin Salman, knapp zwei Monate vor den Protesten: "Wir werden nicht warten, bis die Schlacht in Saudi-Arabien tobt, stattdessen werden wir daran arbeiten, dass die Schlacht im Iran stattfindet."

  • Die im Vorfeld der Proteste massive Streuung von teilweise falschen Angaben in sozialen Netzwerken über den Budgetentwurf der Regierung, der dem Parlament zur Modifikation und Absegnung vorgelegt worden ist. Diese Falschangaben tauchen inzwischen auch in deutschen Qualitätsmedien als Tatsachenbehauptungen auf.

  • Die Äußerungen von Javad Khadem, politischer Aktivist und letzter Bauminister des Schahs, in einem exil-oppositionellen Auslandssender. Darin sagt er, dass Monate vor den Protesten Monarchisten aus Mashhad zu ihm Kontakt aufgenommen und ihn informiert hätten, in naher Zukunft für Unruhen sorgen zu wollen. Sie hätten in diesem Gespräch nach seiner Meinung über dieses Vorhaben gefragt. Er habe ihnen geraten, zuerst mit ökonomisch motivierten Protesten zu beginnen und für das Erste politische Proteste zu vermeiden. Er fügt hinzu, dass sich unter den nunmehr 138 Inhaftierten in Mashhad vier - wortwörtlich - "Hauptagenten" dieses subversiven Plans befänden. Und in der Tat meldete der iranische Geheimdienst die Festnahme von mehreren Provokateuren und Agenten.

  • Die führende Rolle des Auslandsmediums Amadnews - mit zeitweise über eine Millionen Abonnenten - bei der Vereinnahmung der Proteste. Demnach seien die folgenden illegalen Proteste keineswegs unorganisiert und führungslos gewesen. Amadnews habe diese subversiven Proteste mit seinem Telegramkanal koordiniert. Selbst Telegram habe Amadnews kurzzeitig vom Netz genommen, nachdem diese wiederholt zu Gewalt aufgerufen habe. Amadnews rufe offen zum Sturz der Islamischen Republik auf und sei dafür berüchtigt, schon in der Vergangenheit mehrmals falsche Angaben, sogenannte Fake News, und gefälschte Dokumente verbreitet zu haben, die von dessen Chefredakteur, Roohollah Zam, sogar später eingeräumt worden seien. Kürzlich verbreitete sich im Internet ein Leak, wonach hervorgehe, dass Amadnews vom israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad finanziert werde. Die Urheberin des Leaks ist ausgerechnet die in Israel lebende Exil-Journalistin Neda Amin, die zeitweise für Amadnews tätig war. Roohollah Zam gab jüngst  in einem Gespräch zu, die anfänglich ökonomisch motivierten und regierungskritischen Proteste vereinnahmt und zu einer systemkritischen Revolte umgewandelt zu haben. Eine mögliche technische oder finanzielle Hilfe von Seiten Israels für Amadnews schließt er zudem nicht aus. Inzwischen habe der Direktor des Mossad, Yossi Cohen, in einer Sitzung eines Finanzausschusses ausgeplaudert, dass sein Nachrichtendienst "Augen, Ohren und sogar mehr" in Iran habe.

  • Der unverblümte Aufruf des in den USA ansässigen Auslandmediums Restart (das eine Partnerschaft mit Amadnews hat), Ehefrauen und Kinder der Revolutionsgarden (IRGC, Sepah-e Pasdaran) und der Volksmiliz Basij zu töten, falls diese Einheiten sich nicht innerhalb von 48 Stunden von den Straßen zurückziehen werden (dabei geht - ähnlich wie bei den Unruhen nach der Präsidentschaftswahl 2009 - lediglich die Polizei gegen die illegalen Proteste vor). Des Weiteren verkündete Restart, dass seine Anhänger in Iran auf sein Geheiß bis zu 30 Moscheen, zwischen 500 und 600 Banken, zwischen 200 bis 300 Geldautomaten und zwischen 150 bis 180 Stützpunkte der Basij in Brand gesetzt hätten. Der Leiter von Restart, Seyed Mohammad Hosseini, sei schon zuvor mit Aufforderungen zur Gewalt aufgefallen, so dass Telegram schon im Monat Oktober sein Konto zwischenzeitlich deaktivierte. Bloomberg berichtet, dass die Anstiftungen zur Gewalt durch Restart nicht zu unterschätzen sei.

  • Der ziemlich schnelle und anlasslose Versuch von bestimmten "Demonstranten" militärische Stützpunkte einzunehmen, um wahrscheinlich an Waffen zu gelangen.

  • Die verhältnismäßig hohe Anzahl von toten und verletzten Polizisten und Unbeteiligten, obwohl keiner der Sicherheitskräfte, die gegen die Protestler vorgingen, mit Schusswaffen ausgestattet worden sein dürften und seien, es sei denn bei der Verteidigung von polizeilichen und militärischen Einrichtungen. Wenngleich ab 30. Dezember 2017 die Anzahl der Protestierenden gesunken sei, sei die Anzahl der Todesopfer gestiegen. Die meisten Todesopfer seien angeblich von hinten erschossen oder von einem unbekannten Ort aus erschossen worden.

Und noch viele weitere Begebenheiten und Vorkommnisse, die zumindest auf eine Einflussnahme von außerhalb der iranischen Grenzen hindeuteten. Die Qualität der Proteste sei selbst für einen deutschen Bundesaußenminister (wenn auch geschäftsführend), Sigmar Gabriel (SPD), dermaßen gewesen, dass er sich in Bezug auf Iran erstmalig bewogen fühlte, alle Seiten dazu aufzurufen, von gewaltsamen Handlungen Abstand zu nehmen - und nicht nur wie sonst die Islamische Republik. Später ergänzte er: "Wovon wir dringend abraten, ist der Versuch, diesen inneriranischen Konflikt (...) international zu missbrauchen."

Fazit

Wir halten also fest. Auf der einen Seite erfindet der tonangebende Diskurs in den führenden westlichen Staaten ein iranisches Narrativ von jeder Protestierender und alle Demonstranten wäre vom Feind gesteuert - was es in Iran selbst aber gar nicht gibt (sogar das offizielle iranische Narrativ über die Unruhen von 2009 ist differenziert) - und auf der anderen Seite werden in dem eigenen Narrativ alle Protestler als friedfertig, gewaltlos und authentisch dargestellt.

Wie so oft ist ein politisches Phänomen aber weder weiß noch schwarz. Die Annahme, dass alle Unruhen in Iran endlos vom Ausland initiiert und gesteuert sind, ist genauso falsch, wie die Idee, dass alle Proteste und Demonstrationen in Iran stets genuin sind, nie umgelenkt oder nie als Gelegenheit vom Ausland und der Exil-Opposition genutzt werden. Gerade dieser Umstand gilt umso mehr für die weltanschaulich autarke und politisch unabhängige Islamische Republik mit all ihren langjährigen Widersachern.

Auch wenn kein sogenannter "Hardliner" bzw. konservative Kritiker des Präsidenten Hassan Rohani dem Ausland die maßgebliche Verantwortung für die Proteste gibt, so müssen sie sich diese Tage trotzdem die Frage gefallen lassen, ob sie mit ihren harschen Kampagnen und überzogenen Kritiken gegen die wirtschaftliche Leistung der moderaten Regierung nicht ebenso eine Grundlage für solche Proteste geschaffen haben. Es wäre zu einfach, allein auf die haarsträubenden Falschmeldungen und Gerüchte in den sozialen Netzwerken und Auslandsmedien zu verweisen.


Iran-Experte Shayan ArianShayan Arkian ist Chefredakteur von IranAnders und Autor von zahlreichen Analysen über die iranische Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.


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arkian@multiperspektivisch.de Thu, 11 Jan 2018 15:29:00 +0100
Warum protestieren Muslime vermehrt gegen Israel und die USA, aber weniger gegen den IS und die Al-Qaida? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/28.html Nach der Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen... Nach der Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die US-Botschaft dorthin zu verlegen, haben weltweit Muslime gegen die Entscheidung des US-Präsidenten protestiert. Dies hat angesichts der Vielzahl an Demonstrationen bei nicht wenigen Beobachtern in Medien so wie in den sozialen Netzwerken für Irritation gesorgt. Es würde ja bloß um eine Verlegung der US-Botschaft gehen und Jerusalem wäre ja bereits faktisch die Hauptstadt Israels, da sich dort schon die wichtigsten israelischen Staatsinstitutionen befänden.

Nur eine Botschaftsverlegung?

Sicherlich kann man argumentieren, dass die Proteste von Muslimen und Arabern, worunter auch Christen zu finden sind, auf die US-Ankündigung überzogen und unverhältnismäßig sind. Allerdings übersehen diejenigen, die die Geschichte auf diese Weise auslegen, ein wichtiges Detail: Es geht darum, einen Präzedenzfall zu verhindern und eine folgenreiche Entscheidung nicht ohne weiteres hinzunehmen. Würde die Masse an Demonstrationen, Protesten und Entrüstungen ausbleiben, würden sich vermutlich weitere Staaten motiviert fühlen nachzuziehen - wovon sie ja offensichtlich eben aufgrund von befürchteten Unruhen abgeschreckt sind. Die Europäische Union hätte höchstwahrscheinlich bei einem Ausbleiben eines Protestes, was in so einem Fall einer Zustimmung gleichkäme, ebenfalls anders auf die US-Entscheidung reagiert als sie es derzeit tut. Politische Fakten (in diesem Fall Jerusalem als die funktionelle Hauptstadt Israels) habe man nach dieser Logik zu bekämpfen, indem man sie in erster Linie nicht legitimiert. Eine internationale Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels ohne jegliche Gegenwehr würde aber die völkerrechtswidrige Besatzung palästinensischen Bodens zementieren und hätte dadurch gravierende Folgen für Palästina und damit einhergehend auf den Alltag der dortigen Menschen. Kurzum geht es nicht bloß um eine Botschaftsverlegung oder um etwaige Verletzung von religiösen Gefühlen, sondern um handfeste politische Konsequenzen.

Wieso herrscht unter Muslimen gegenüber Israel und den USA eine größere Sensibilität als gegenüber dem IS und der Al-Qaida?

Häufig liest man diese Tage in den Medien und besonders in sozialen Netzwerken ein Unverständnis darüber, dass Muslime zwar gegen die Untaten von USA und Israel in Massen protestieren würden, aber nicht im gleichen Ausmaß gegen den Terror vom IS und von der Al-Qaida.

Das ist ein zutreffender Punkt. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass sich längst im kollektiven Gedächtnis vieler Muslime der politische Westen und Israel - mitunter aufgrund der kolonialen Erfahrungen und des seit 1948 andauernd bestehenden Konflikts mit Israel (der wiederum als Fortsetzung der kolonialen Politik verstanden wird) und der als seit Jahrzehnten islamfeindlich wahrgenommenen Politik der USA (und nicht erst seit Trump) - als „klassische Feinde“ eingebrannt sind. Bei dem IS und der Al-Qaida handelt es sich dagegen um neue Phänomene und diese werden daher - selbst wenn beide Gruppen weit mehr Muslime als Nichtmuslime getötet haben - nicht als die "eingeschworenen Feinde" schlechthin wahrgenommen, zumindest noch nicht. Hinzu kommt, dass unter Muslimen die Vorstellung weitverbreitet ist, dass westliche Regierungen oder Washington bei der Entstehung, Stärkung oder Ebnung des IS und der Al-Qaida zumindest behilflich waren. Oder wie Donald Trump es selbst im Wahlkampf noch schärfer aussagte, habe gar sein Vorgänger den IS gegründet. Inwieweit diese Rezeption zutrifft ist dabei gar nicht einmal von Bedeutung, es zählt allein die Wahrnehmung bei der Behandlung dieser Frage.

Ein weiterer Faktor, der bei diesem Themenkomplex zu berücksichtigen ist, ist der Umstand, dass der sogenannte "Islamischer Staat" (IS) und die Al-Qaida ohnehin weltweit abgelehnt, verhasst, und dämonisiert werden - ebenso in muslimisch geprägten Ländern. Nun wissen wir aus verschiedene Beobachtungen, dass sich Menschen insbesondere dann veranlasst fühlen, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, wenn sie den Eindruck haben, dass ihre Meinung in der maßgeblichen Politik und der medialen Berichterstattung keinen Ausdruck findet. Wenn sich dann noch die maßgebliche Politik und die Medien sogar vollkommen konträr zur eigenen Position verhalten, verstärken sich Wut und Zorn und die Bereitschaft, etwas dagegen zu unternehmen. Gute Beispiele dafür sind eben die israelkritischen Demonstrationen, aber auch die „Pegida-Proteste“ in Dresden oder die weniger bekannten sogenannten „Pro-Assad-Demonstrationen“ in Berlin. Letztere fanden regelmäßig statt als die hiesigen Medien die Rebellen weitgehend als Demokraten oder Gutmenschen quasi verniedlicht haben. Die Demonstrationen hörten dann aber in dem Moment auf, als ihre Stimme Eingang in den Medien fand und diese begannen, differenzierter und kritischer über die syrische Opposition zu berichten. Es gibt wenig Anreiz zu Demonstrationen, wenn es ein maßgeblich politisches oder mediales systemimmanentes Ventil gibt, der „den Druck aus dem Kessel nimmt“.

Islamisch begründete Terroranschläge führen bei Muslimen zu Gefühlen von Scham statt zu Zorn und Wut

Ein weiterer Grund, der angeführt werden kann, ist, dass grundsätzlich der Missbrauch der eigenen Religion durch Glaubensbrüder oder die ständig vor Augen geführten Gräueltaten der „eigenen Leute“ eher zu Gefühlen von Scham führen, die passiv machen, statt von Zorn und Wut, die einen auf die Straße bringen. Dieses Phänomen ist nicht nur auf Muslime begrenzt. Es gibt beispielsweise kaum Demonstrationen von Katholiken, wenn wiederholt ein Kindesmissbrauchsskandal in einer katholischen Einrichtung publik wird. Ebenfalls gab es kaum nennenswerte Proteste von Buddhisten als buddhistische Mönche zur Vertreibung von Muslimen aus Myanmar riefen. Obwohl zu allen Zeiten im Namen von Religionen, aber auch im Namen von säkularen Weltanschauungen Verbrechen begangen wurden und werden, sind sehr wenige Fälle bekannt, in denen es zu größeren Protesten gegen die Untaten der „eigenen Leute“ kommt.

Weiterhin ist es scheinbar ein natürlicher Instinkt bei Menschen, dass sie gegenüber Untaten von Fremden gereizter reagieren als bei solchen Menschen, die ihnen vorgeblich nahestehen - sei es eine angenommene religiöse, weltanschauliche oder kulturelle Nähe. Je „fremder“ der Fremde zu sein scheint, der eine Untat begeht, desto gereizter wird offenbar reagiert. So ist es selbst auf der Makroebene, im internationalen System, worin Staaten ähnliche Staaten allein kognitiv schon decken, also nicht bloß aufgrund der Bündnistreue, sondern zunächst schon aufgrund der grundsätzlich gleichen Werte - der Verrat derselben fällt gerade deshalb wahrnehmungstechnisch weniger ins Gewicht. Und ebenso auf der Mikroebene ist diese Wahrnehmungslogik zu beobachten, in der Menschen, sei es in Europa oder in Asien, nicht davon gefeit sind, bei Untaten von beispielsweise Ausländern mit größerer Empörung zu reagieren als bei denselben Untaten ihrer eigenen Landsleute.

Fazit

Es wird deutlich, dass Analogien und Gegenüberstellungen auf Basis von unterschiedlichen Prämissen nicht durchdacht und irreführend sind. Ungeachtet all dessen stellt sich sowieso die Frage, inwiefern Demonstrationen von Muslimen Organisationen wie den IS überhaupt beeindrucken oder gar beeinflussen könnten. Anders als Politiker lassen Terroristen die Zustimmung des Volkes in ihren Vorhaben nicht miteinkalkulieren. Den Terroristenführern ist es gleich, ob man für sie oder gegen sie demonstriert - den politischen Entscheidungsträgern in Tel Aviv, Jerusalem, Ramallah, Riad, Berlin, Paris, London und Washington allerdings nicht.

Shayan ArkianShayan Arkian ist unter anderem Medien- und Politikberater und studierte Politik, Philosophie, Pädagogik und Theologie in Hamburg und Qom.

Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam und Muslime in der europäischen Wahrnehmung.


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Wed, 20 Dec 2017 17:41:09 +0100
Warum ich kein Terrorist wurde http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/27.html Thomas Encke* arbeitet in der Prävention gegen die religiöse Radikalisierung von muslimischen... Thomas Encke* arbeitet in der Prävention gegen die religiöse Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen und schildert im Folgenden exklusiv für MultiPerspektivisch, wie er zuvor selbst "beinahe dabei war, darein zu rutschen".

Mehr als 900 Menschen, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind, haben sich seit 2012 aufgemacht, um sich in Syrien terroristischen Gruppen - wie dem sogenannten „Islamischen Staat" (IS) und den Organisationen der al-Qaida - anzuschließen. Demnach hat unser Land nicht Terror importiert, sondern ihn in Wahrheit exportiert. Menschen sind zu Terroristen geworden, die unter uns gelebt haben, die wir aus dem Dorf, der Stadt und - in manchen Fällen - aus der Moschee kannten. Es handelte sich um Menschen, die abgeschlossen hatten mit unserem Land, denen die starke Bindung zu unserer Gesellschaft und auch zu ihren Familien und Freunden fehlte, sodass sie sich entschlossen, alles zu verlassen, um in einem ihnen fremden Land ein neues Leben zu beginnen, das ihnen als das Paradies auf Erden verkauft wurde. Wir müssen uns fragen: Wie kann es dazu kommen, dass Menschen sich dazu entschließen? Was ist schiefgelaufen, tragen wir nicht vielleicht selbst Schuld daran? 

Nein, es geht hier nicht um Verharmlosung - niemand will die Täter zu Opfern machen. Sie sind Feinde unserer Gesellschaft, Feinde unserer Lebensart; viele von ihnen sind Mörder geworden oder planen, es noch zu werden. Doch müssen wir uns kritisch die Frage stellen: Was bringt einen jungen Menschen dazu, diese Entscheidung zu treffen; jegliche Bindung zu verlieren, einen solchen Hass auf unsere Gesellschaft zu entwickeln, dass er oder sie bereit ist, Menschen zu töten? Wenn wir den Terror wirksam bekämpfen wollen, müssen wir verstehen, wo und wie er Wurzeln schlagen kann.

Aus der Terrorismusforschung wissen wir, dass viele Faktoren entscheidend sind, um radikalisiert zu werden und letztlich bereit zu werden, Gräueltaten auszuüben. Das sind Faktoren wie eine Affinität zur Gewalt, eine fehlende soziale Bindung, persönliches Scheitern, aufkeimender Hass wegen persönlicher oder politischer Ungerechtigkeit und persönliche Schicksalsschläge und -ereignisse. 

Der eine oder andere mag sich nun fragen, was das miteinander zu tun hat, wenn ich an dieser Stelle die beliebte Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht" ins Spiel bringe, in der die junge Schülerin Hannah Baker Selbstmord begeht, aber vorher auf Kassetten erzählt, warum sie sich umbringen wird und wen sie für ihren Tod verantwortlich macht.

In der Serie geht es um Verletzungen - Verletzungen, die Menschen erlitten haben. Es geht um Mobbing, Gewalt, Demütigungen, Depressionen, das Gefühl der Sinnlosigkeit, um immer wiederkehrende Folter - um körperliche und seelische. Dies verursacht einen Schmerz, der sich irgendwann entlädt. Er entlädt sich bei Menschen unterschiedlich. Was sie eint, ist der Wunsch, dass er aufhört.

Urmotive von Terroristen/Amokläufer

Hannah Bakers Rachefeldzug ist es, ihre Peiniger seelisch spüren zu lassen, was sie ihr angetan haben. In diesem Zusammenhang denke man an David S., den sogenannten "Amokläufer" von München, der neun Menschen erschossen hat, einen Deutsch-Iraner, der in der Schule das Opfer von Mobbing war, der einen immensen Hass auf Menschen mit Migrationshintergrund – trotz seines eigenen - entwickelte, weil er in der Schule tagtäglich von türkischen Mitschülern gedemütigt und sowohl seelisch als auch körperlich gefoltert wurde. Und was unterscheidet nun David S. von einem jungen Mann aus unserer Gesellschaft, der solch einen Hass entwickelt, weil ihm in dieser Gesellschaft offenbar Unrecht zugestoßen ist, und dadurch bereit wird, sich der Terrororganisation IS anzuschließen und zu morden und sich zu rächen? Oder was unterscheidet diesen Terroristen von Tim Kretschmer, der auch Opfer von Mobbing war und 2009 in einer Realschule in Winnenden 15 Menschen erschoss? Oder was grenzt jenen von Robert Steinhäuser ab, der 2002 aufgrund der Sinn- und Orientierungslosigkeit, die durch den Schulverweis bei ihm verursacht wurde, einen sogenannten "Amoklauf" in seiner ehemaligen Schule in Erfurt durchführte und dabei 17 Menschen erschoss?

Und noch einmal: Nichts von all dem, was diesen jungen Menschen widerfahren ist, rechtfertigt einen Mord an anderen Menschen. Und ja, viele kennen Mobbing aus ihrem Umfeld, und in jeder Klasse gibt es da einen, der ausgeschlossen ist und gemobbt wird – statistisch gesehen ist es sogar jeder sechste Schüler. Demnach müsste es ja tausende Terroristen/Amokläufer geben. Das mag auch potentiell so sein, aber es kommt eben nicht nur auf diesen Faktor an. 

Unrechtserfahrung nicht alleiniger Faktor

Tim Kretschmer und Robert Steinhäuser hatten das „Glück", dass sie in einem Haushalt lebten, in dem es Schusswaffen gab. Davis S. besorgte sich seine über das „Darknet“. Die meisten von uns haben diese "Privilegien" nicht. Ebenso entwickeln nicht viele zwingend einen solchen Hass bzw. haben nicht bereits naturell eine solche Gewaltaffinität, dass sie dazu bereit sind, andere Menschen - besonders nicht solche, die mit ihrem persönlichen Leiden nichts zu tun haben - zu verletzten oder gar zu töten.

Oft ist es ein Zufall, der darüber entscheidet, ob man ein Nazi oder ein Islamist wird

Es gibt viele Biographien unter den über 900 nach Syrien ausgereisten Menschen aus Deutschland, die sich schon vorher in einem anderen tendenziell gewaltbereiten extremistischen Umfeld bewegten, wie der Konvertit Robert Baum, der 2014 bei einem Selbstmordattentat dutzende Menschen tötete oder wie der Konvertit Eric Breininger, der sich innerhalb weniger Monate radikalisierte, wobei über ihn bekannt ist, dass er prinzipiell genauso gut ein Neonazi hätte werden können. Auf der anderen Seite hatte David S. eine andere Unrechtserfahrung gemacht, die ihn - statt in den Dschihadismus - in den Rechtsextremismus getrieben hat. Wären die Umstände leicht verändert gewesen - wer weiß, vielleicht hätte auch er ebenfalls zu den über 900 nach Syrien zum IS ausgereisten Menschen aus Deutschland gehört.

Dass ein Mensch am Ende ein Terrorist werden kann, kommt nicht von ungefähr. Ich möchte daher an dieser Stelle ganz persönlich von mir erzählen. Es wird aufzeigen, wie schnell so ein Prozess gehen kann - auch dass es manchmal nur eine Laune des Schicksals und der ganz persönlichen Kontakte und Charaktereigenschaften ist, die solch eine Entwicklung verhindern. 

Meine Geschichte

Wie David S. war ich ein Opfer von Mobbing, körperlicher wie seelischer Folter – nein, meine Peiniger waren keine Deutschen mit Migrationshintergrund, sondern Deutsche deutscher Herkunft, „Bio-Deutsche“ halt, wie man heute sagt. Der tägliche Gang zur Schule, vor allem aber die Pausen - selbst die Fünfminutenpausen - wurden zur Höllenqual. Unterstützung erfuhr ich weder durch meine Mitschüler noch durch die Lehrer. Sogar meine Mutter konnte meine schrecklichen Schilderungen nicht glauben, bis sie mich eines Tages von der Schule abholte und die Situation mit eigenen Augen sah. Passend zu dem, was mir widerfuhr, gingen meine Noten in den Keller - auch ein bestimmter Lehrer hatte daran seinen Anteil.

Ausweglosigkeit war das Gefühl dieser Zeit, täglicher Spießrutenlauf und immerwährende Angst vor einem Treffen mit meinen Peinigern. Denn egal ob ich nichts tat oder mich verbal oder körperlich wehrte - in beiden Situationen konnte ich gegen die Gruppe nur Verlierer sein. Man denkt sich einfach: Gib ihnen keinen Anlass, noch mehr zu tun, erdulde ihr Standardprogramm. Ob ich in dieser Zeit Suizidgedanken hatte? Die Antwort ist: Ja.

Schließlich bin ich jedoch sitzengeblieben und es fühlte sich für mich nicht wie eine Schmach an, sondern vielmehr wie eine zeitweilige Befreiung. Wie tief der erlittene Schmerz war, kann man daran ermessen, dass ich zu Beginn des neuen Schuljahres der neuen Klasse einen Aufsatz schreiben musste, der meinen schönsten Tag in den letzten Wochen markierte. Ich schrieb geradezu stolz darüber, in die neue Klasse gekommen zu sein, obwohl ich einer der Sitzengebliebenen war.

Allerdings blieb der Pausenhof meinen ehemaligen Klassenkameraden, um ihre Taten fortzusetzen, was sie hin und wieder taten. Dann, im April 2002, folgte die Tat von Robert Steinhäuser. Er erschoss 17 Menschen an seiner Schule. Ob Steinhäusers Tat bei mir im Kopf das Szenario auslöste, eine solche Tat zu begehen, um mich gegen meine Peiniger zu wehren? Die Antwort ist: Ja - auch wenn es nur ein Gedanke blieb, die nicht zu einer Planung oder gar einer Tat führte, zumal meine Peiniger mit der Zeit das Interesse an mir verloren haben. 

"Ich wollte nicht mehr leben"

Die Hölle auf Erden war vorbei – dachte ich – bis mein Vater Lungenkrebs bekam und nach weniger als einem Jahr seinen letzten Atemzug tat – zeitgleich stürzten meine Schulnoten in den Keller. Erneutes Sitzenbleiben und Schulwechsel waren die Folge. Schulisch ging es nach dem Wechsel jedoch wieder bergauf, seelisch nicht. In dieser Zeit hatte ich zwei Jahre lang nicht mehr gelacht, war instabil, kämpfte mit der Trauer, war sozial völlig isoliert, fühlte vollkommene Sinnleere und sagte meiner Mutter nach einem Streit offen, dass ich nicht mehr leben wolle, keinen Sinn mehr darin sah und den Schmerz nicht mehr ertragen könne. Es fehlte mir wohl der Mut zu diesem letzten Schritt. Und weiterhin war da der immer wieder aufkommende Gedanke, was denn mit den Menschen sei, denen ich etwas bedeute. Vielleicht war dieser Streit das Beste, was passieren konnte. Vermutlich kann nichts so sehr von solchen Gedanken abbringen, wie die Tränen der eigenen Mutter, der Schmerz in ihrer Stimme, wenn ihr Sohn ihr gerade sagt, dass er nicht mehr leben möchte. 

Manchmal ist es schon fast ein Klischee, doch aus der Forschung zum Thema Konversion zum Islam wissen wir, dass es bei einem sehr hohen Anteil von Konvertiten ein Schlüsselerlebnis - einen Bruch - in ihrer Biographie gibt, der sie dazu bringt, über ihren Glauben und den Sinn des Lebens neu nachzudenken. Ich bin da keine Ausnahme; der Tod meines Vaters war der Stein des Anstoßes, der mich vier Jahre später dazu brachte, zum Islam zu konvertieren. Der Glaube gab mir Frieden und innere Ruhe, auch den Wunsch, weiterzumachen. Eigentlich denkt man, hier würde die Geschichte jetzt enden. Doch so ist es nicht. 

Mord an Marwa Al-Sherbini radikalisierte manche Muslime

Selbst heute wird in den meisten Moscheen kein Deutsch gepredigt, sondern die Herkunftssprache der Gläubigen, also zumeist Türkisch oder Arabisch. Für junge Muslime der heutigen Generation ist es genauso wenig ansprechend wie für Konvertiten, die sich mit ihrer neuen Religion beschäftigen wollen. Was machen sie? Sie suchen. Vor allem im Internet. Und dort finden sie Angebote - von solchen, die man gemeinhin als „Salafisten" bezeichnet.

Auch ich habe mir sehr viele dieser Predigten angehört, hatte gleichwohl das Glück, vom Land zu kommen. Die von mir besuchte Moscheegemeinde war schon 13 km entfernt, wo es keine Salafis gab, aber durch die Fahrt mit dem Auto boten sich auch Möglichkeiten, ab und an eine derartige Gemeinde zu besuchen. Das passierte folglich, vor allem nach dem Mord an der schwangeren Ägypterin Marwa Al-Sherbini im Gerichtssaal in Dresden, die vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes verblutete. So wie der Mord an Marwa und die Herangehensweise des örtlichen Bundespolizisten und der anfängliche Umgang der Medien und Politik zu diesem Anschlag manche Muslime - insbesondere aber die Salafi-Szene - dazu brachte, sich zu radikalisieren, war es auch bei mir der Fall. Nicht durch pauschalen Hass auf die Gesellschaft, aber dadurch, dass ich mich immer mehr von der Mehrheitsgesellschaft distanzierte. Ich nahm Unrecht wahr, das um mich herum geschah und es erzeugte Wut - viel Wut.

Scheitern der Islamschule in Mönchengladbach radikalisierte die Salafi-Szene

Wenn man mich heute fragt, ob ich ein Szene-Aussteiger bin, sage ich stets: „Nein, aber ich war beinahe dabei, darein zu rutschen", auch weil ich einige Führungsfiguren der Szene näher kennengelernt habe, ob Ibrahim Abu Nagie, Pierre Vogel oder Sven Lau, dessen Gemeinde ich in Mönchengladbach zuweilen besuchte. Ich erlebte ferner den dortigen Konflikt um die Eröffnung seiner Islamschule mit, gegen die es massive Proteste in der Bevölkerung gab, geschürt von einer leider tatsächlich wenig differenzierten, ja gar hetzerischen Berichterstattung seitens einiger Medien. Die Brüder in Mönchengladbach waren zweifellos Fundamentalisten, aber keine Gewalt befürwortenden Radikalen. Ja, den Brüdern passierte Unrecht – und sie radikalisierten sich dadurch, wie sogar der Verfassungsschutz NRW feststellte. Einige von ihnen wechselten in das Lager der Radikalen. Darunter ein Mann namens Konrad S., der später IS-Kommandant wurde.

Konrad S., auf den ich später zurückkommen werde, ist jedoch nicht die Person, die mir nahe stand, sondern ein junger Deutsch-Türke, den ich Mehmet nennen möchte. Mehmet ist Sohn einer säkularen Türkin und eines Niederländers - seinen richtigen Vater lernt er erst mit 15 Jahren kennen. Zuhause hatte er massive familiäre Probleme. Als er etwa 16 Jahre alt war, fing er an, sich für den Islam zu interessieren und besuchte unsere beschauliche Moschee. Bald darauf gab es einen Jugendkreis, in dem er sich stark einbrachte - doch nicht immer zum Positiven. Mir fiel seine verbale Radikalität auf. Ich meldete es dem Moscheevorstand, wir fingen an, uns Sorgen zu machen. Es war 2010, als er mich bat, eine PDF-Datei zu Hause auf meinem Drucker auszudrucken - es war die Biographie des kurz zuvor in Pakistan getöteten deutschen Konvertiten Eric Breininger. Ich war ernsthaft beunruhigt, druckte für mich den Text aus, las ihn und ging mit Mehmet Teile des Textes in der Moschee durch, zeigte ihm die Stellen auf, in denen offenkundig wurde, dass Breininger Anschläge verherrlichte, ja selbst Menschen getötet hat und warnte ihn davor, dass es Propaganda sei. Mehmet schien zunächst einsichtig, doch er radikalisierte sich weiter. Ich brach den Kontakt ab, auch weil ich mein Studium in einem neuen Bundesland bald aufnehmen würde. Was danach kam, habe ich nur aus den Medien oder über das Internet erfahren. Mehmet gerät in militante Kreise, 2013 reiste er nach Syrien zum IS aus. 2015 kehrte er zurück, wurde inhaftiert, ist heute zu einer langen Haftstrafe verurteilt. 

Bildung und eine kritische Geisteshaltung als Mittel gegen Radikalisierung

Es hätte so Vieles passen können, ich erfüllte so viele Kriterien: schwere Lebenskrisen, Demütigungen, Ausgrenzungs- und Gewalterfahrungen, immenser Hass auf jene, die mir dies angetan haben, Sinnleere, Orientierungslosigkeit, massiver Vertrauensverlust in meine Mitmenschen - und zeitweiliger Hass auf die Gesellschaft. Ich war ein Konvertit, der vorher über den Islam nichts wusste, potenziell also leicht zu manipulieren gewesen und hatte Kontakte zu den Leuten, die die Grundideologie dessen gepredigt haben, auf dem al-Qaida und der IS aufbauen. Was mich davon abgehalten hat, auf ihren Weg zu gehen? In der Retroperspektive kann ich sagen, dass es mein kritischer Geist war, ich nicht alles geglaubt habe, was mir erzählt wurde, sondern immer hinterfragt habe - und ich war einfach naturell nicht gewaltbereit.

Schaut man sich die Biographien von den über 900 Rekrutierten aus Deutschland an, die sich in Syrien dem IS und anderen Gruppen angeschlossen haben, fällt auf, dass etwa zwei Drittel von ihnen vorher straffällig und gewalttätig waren und überdurchschnittlich von ihnen ungebildet gewesen sind. Das sind neben der Auffälligkeit an vorangegangenen persönlichen Sinnkrisen und Orientierungslosigkeit die große Gemeinsamkeit der Ausgewanderten.

Was ist aber derweil aus mir in der Gegenwart geworden? Nun, die Mobbing-Zeit ist jetzt rückblickend schon über 15 Jahre her, die Zeit der Loslösung aus der Salafi-Szene sechs Jahre. Beides hat mich geprägt, nicht nur zum Negativen. Denn in meinem Studium der Islamwissenschaften fokussierte ich mich desto prädestinierter auf die Entwicklung des deutschen Salafismus und Jihadismus. So arbeite ich heute beruflich in der Prävention gegen die religiöse Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen. Wie indes unterschiedlich die Wege verlaufen können, auch wenn sie eine Zeit lang parallel zueinander sind, verdeutlicht ein Foto von Konrad S. und mir, auf dem wir auf einer Kundgebung von Pierre Vogel in Dresden im Jahre 2009* sind und in einer Reihe mit anderen Glaubensbrüdern im Gebet stehen. Ja, da stehen zwei Konvertiten – einer von ihnen wurde Kommandant einer deutschsprachigen Einheit bei der Terrororganisation IS - der andere arbeitet beruflich gegen diese Radikalisierung junger Muslime. Auf dem Bild vereint, heute auf der jeweils anderen Seite der Front.

*Name, Orts- und Datumsangabe wegen Identitätsschutz geändert.


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ibnislamiyya16@gmail.com Tue, 19 Dec 2017 16:19:59 +0100
Neues Konfliktpotential: Die Erdöl- und Erdgasreserven zwischen Israel und dem Libanon http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/26.html Der Konflikt in Syrien nähert sich dem Ende. Es scheint, als würde die Achse Syrien-Iran-Hisbollah... Der Konflikt in Syrien nähert sich dem Ende. Es scheint, als würde die Achse Syrien-Iran-Hisbollah und Russland den Krieg für sich entscheiden können. Israel, das die verstärkte iranische Präsenz bis hin zu den syrischen Golanhöhen als eine existenzielle Bedrohung für sich ansieht und mit Saudi-Arabien eine Anti-Iran-Koalition schmiedet, hat im Verlauf des Syrien-Kriegs hunderte Luftangriffe gegen Waffendepots und Waffentransporte, die mutmaßlich für die Hisbollah bestimmt waren, durchgeführt. Dies führte zu Vergeltungsschlägen der Hisbollah, sofern bei den israelischen Angriffen Hisbollah-Kämpfer ums Leben kamen. Ein Krieg zwischen Israel und der Hisbollah könnte in Zukunft jedoch wegen eines ganz anderen Grundes ausgelöst werden: Tel Aviv und Beirut streiten sich über den Besitz von neu entdeckten Energieressourcen im Mittelmeer.

Anfang des Jahres verkündete der libanesische Energieminister Cesar Abi Khalil, dessen christliche Partei mit der Hisbollah verbündet ist, dass Libanons Energiereichtum an Erdgas und -öl nicht verhandelbar und Beirut selbst für die Festlegung der Seegrenzen zuständig sei. Im Verlauf des Jahres wurde bereits eine Ministerialverordnung erlassen, die die Seegrenzen des Libanons festlegte. Ferner wurde eine Roadmap erstellt, um die Ölproduktion voranzutreiben. Das libanesische Parlament, das aus 128 Mitgliedern besteht und alle 4 Jahre gewählt wird, hat die Exploration für Ölgesellschaften ausgeschrieben.

Laut den Angaben des Energieministers sei dies ein positives Signal an Unternehmen und Investoren im Ölsektor. Es werden alle Maßnahmen ergriffen, um den Eintritt Libanons in das Öl-Zeitalter zu ermöglichen, das sich bei vielen anderen Ländern im Nahen Osten dem Ende zuneigt. Ökonomen im Libanon sagen voraus, dass der Libanon nach der Ausschreibung zur Explorationsphase, die 4 Jahre dauert,  innerhalb von 7-10 Jahren mit der Förderung von Öl und Gas beginnen könne.

Auf der anderen Seite steht aber Israel in den Startlöchern, das mehrere Gasfeld-Projekte in Angriff genommen hat, die unter anderem vorsehen, Erdgas über Pipelines von Tel Aviv beanspruchte Gebiete nach Europa zu liefern. Diese künftige Vollziehung der israelischen Festlegung der Seegrenzen könnte zu einem neuen Krieg führen, denn Beirut betont, dass durch die Umsetzung des israelischen Vorhabens teilweise Gebiete des wiederum vom Libanon in Anspruch genommenen Hoheitsgewässers verletzt würden. Gemäß den Angaben der israelischen Finanzzeitschrift „Globes“ forderte Israel seinerseits sowohl die USA als auch die Vereinten Nationen (UNO) auf, Druck auf Beirut auszuüben, um die libanesische Ausschreibung für die Öl- und Gasexploration zu beenden. Dort wurde indes verlautbart, dass die libanesische Regierung alle möglichen Schritte einleiten würde, um seine Energieressourcen mit aller Kraft zu verteidigen.

Israelische Sicherheitsberater befürchten, dass sich im Falle eines Krieges um die Energieressourcen die libanesische Armee mit der Hisbollah zusammentun werde - ähnlich wie es bereits im Sommer dieses Jahres erfolgreich geschah, als es bei den Gefechten um die libanesisch-syrische Grenzstadt Arsal zu einer militärischen Kooperation zwischen der libanesischen Armee und der Hisbollah kam. Der IS, der 2014 einen Angriff auf Stadt Arsal startete und mehrere libanesische Soldaten gefangen nehmen konnte, musste sodann unter dem geballten militärischen Druck der beiden Streitkräfte einem Deal zustimmen, der den restlichen verbliebenen Kämpfern des IS eine Evakuierung zur syrisch-irakischen Grenzstadt Abu Kamal ermöglichte.

Der libanesische Staat wird mittelfristig mit Israel auf dem Energiemarkt in Konkurrenz treten. Dadurch werden die jeweiligen brisanten Festlegungen der Seegrenzen das bereits starke Konfliktpotenzial zwischen Israel und dem Libanon weiter erhöhen. Diese Entwicklung ist wohl unabhängig von dem jüngsten Versuch Saudi-Arabiens zu sehen, die libanesische Regierung zu Fall zu bringen, indem es den Premierminister Saad Hariri - letztlich vergeblich - zum Rücktritt drängte. Die Ausbeutung der Energieressourcen gilt im Libanon quasi als Staatsraison - selbst für die pro-saudischen Akteure im Libanon, denen bisweilen nachgesagt wird, gegenüber israelischen Interessen aufgeschlossener zu sein.

Mohamed Ghazi, MAMohamed Ghazi ist Absolvent des Masterstudiengangs „Politik und Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens" der Universität Marburg.


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m.ghazi0908@gmail.com Tue, 12 Dec 2017 17:02:22 +0100
Alles Taqiyya oder was? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/25.html Von den sogenannten „Islamkritikern“ wird den Muslimen immer wieder der Vorwurf gemacht, dass sie... Von den sogenannten „Islamkritikern“ wird den Muslimen immer wieder der Vorwurf gemacht, dass sie Taqiyya (Verstellung) anwenden würden, um ihre wahren Absichten zu verbergen. So würden die Muslime in der Öffentlichkeit zwar vom Frieden reden bzw. den Islam als friedliche Religion darstellen, in Wirklichkeit allerdings die Machtübernahme in einem Land anvisieren, bis sich der Islam in der ganzen Welt durchgesetzt habe. Für  die Muslime sei es eine religiöse Pflicht, ihre wahren Absichten vor den Nichtmuslimen zu verbergen und sich in der Öffentlichkeit zu verstellen. Jeder Muslim bzw. jede Muslima erscheint demnach von vornherein als LügnerIn - ihm bzw. ihr ist demnach jedenfalls keinesfalls zu trauen. Dies dient auch als Vorwand, um einen Dialog mit dem Islam zu verweigern, ja sogar, um überhaupt jedes Gespräch mit Muslimen abzulehnen, da dies sinnlos sei, weil sich die Muslime auf jeden Fall verstellen würden. Auf diese Weise wird Misstrauen in der Bevölkerung geschürt und ein friedliches Miteinander als unmöglich dargestellt.

Auffällig dabei ist zunächst einmal, dass Antisemiten auch den Juden eine solche Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft unterstellen. Eine Ähnlichkeit zu antisemitischen Verschwörungstheorien im 19. und 20. Jahrhundert ist offensichtlich, was auch ein Beleg dafür ist, dass die Islamfeindlichkeit der Antisemitismus unserer Tage ist.

Weiterhin ist zu konstatieren, dass die im Kalten Krieg den Kommunisten unterstellten Methoden heute fast nahtlos auf die Muslime übertragen werden - auch ein Hinweis darauf, wie das „Feindbild Muslim“ im Westen das „Feindbild Kommunist“ nach dem Kalten Krieg abgelöst hat. Jeder islamische Verein, ja jede Moschee, wird verdächtigt, wie ein bolschewistischer Zirkel zu arbeiten. Es wird der Eindruck erzeugt, dass die Muslime die Machtergreifung verdeckt und planmäßig vorbereiten würden. Indem sie den arabischen Begriff Taqiyya verwenden, erwecken „Islamkritiker“ bei vielen Unwissenden einen kompetenten Eindruck, und bei der durch viele Terroranschläge eh schon verunsicherten Bevölkerung fällt ihre Argumentation häufig auf fruchtbarem Boden. 

Selbst Vertreter des Zentralrats der Muslime wurden in Fernsehdiskussionen damit konfrontiert und hatten offenbar noch nie etwas davon gehört, was aber bereits deutlich macht, dass die Masse der Muslime von der vielbeschworenen Taqiyya überhaupt nichts weiß. Der Koran, das heilige Buch der Muslime und die wichtigsten Geistesquelle des Islam, verbietet im Vers 30 der Sure 22 das Lügen und er gestattet dabei keine Ausnahme. Vielmehr wird immer wieder die Aufrichtigkeit des Gläubigen gefordert, wie in den Vers 2 bis 3 der Sure 61: „O die ihr glaubt, warum sagt ihr, was ihr nicht tut? Welch schwerwiegende Abscheu erregt es bei Gott, dass ihr sagt, was ihr nicht tut.“

Ein Konzept der Taqiyya im Sinne einer Verheimlichung der wahren Absichten im Hinblick auf die Machtergreifung war auch zu Zeiten des Propheten des Islams, Mohammed ibn Abdullah, völlig unbekannt. Bei den Schiiten ist der Begriff ab dem 8. Jahrhundert n. Chr. nachweisbar, und er bedeutet hier die Erlaubnis, bei Zwang oder Gefahr für Leib, Leben und Besitz rituelle Pflichten zu vernachlässigen und den eigenen Glauben zu verheimlichen. Für den Begründer der zwölferschiitischen Rechtsschule, Imam Jafar as-Sādiq, war es ein Mittel, um der politischen Verfolgung durch die Kalifendynastie der Abbasiden zu entgehen. Auch bei den Sunniten kennt man die Verstellung bei Gefahr für Leib und Leben, aber nicht unter der Bezeichnung Taqiyya (siehe Vers 106 der Sure 16). Die Leugnung des Glaubens bei Lebensgefahr ist übrigens auch im Christentum nicht unbekannt, wo zum Beispiel Petrus dem Neuen Testament zufolge Jesus nach dessen Verhaftung verleugnete, um sein Leben zu retten: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ (Matthäus 26:34)

Die Darstellung der Verstellung als eine grundsätzliche religiöse Forderung an die Muslime oder ihnen erteilte Erlaubnis, gegenüber Nichtmuslimen zu lügen, um die Herrschaft zu erlangen, ist jedenfalls blanker Unsinn und hat als Verschwörungstheorie offenbar nun einen Zweck: Hass, Misstrauen und Feindschaft in der Bevölkerung gegen Muslime zu säen und das friedliche gesellschaftliche Miteinander zu sabotieren.


Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam in der europäischen Wahrnehmung.



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dr.markusfiedler@hotmail.de Sat, 09 Dec 2017 15:56:16 +0100
Ist der Islam besonders gewalttätig oder ist jede Weltanschauung besonders missbrauchbar? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/24.html Gegenwärtig wird von allen Religionen wohl nur der Islam als eine Religion der Gewalt wahrgenommen,... Gegenwärtig wird von allen Religionen wohl nur der Islam als eine Religion der Gewalt wahrgenommen, die ursächlich verantwortlich für den Terrorismus in Europa und die  Gewaltexzesse im Nahen und Mittleren Osten ist.

Die blutige Geschichte des Abendlandes

Dabei wird inzwischen aber meist ausgeblendet, dass die Geschichte gerade im Abendland weitaus gewalttätiger und blutiger verlief, als in allen anderen Kulturkreisen. In dieser Hinsicht scheinen manche Islamkritiker geradezu von einem kollektiven Gedächtnisverlust befallen zu sein, denn es wird momentan offenbar nur der islamisch-morgendländische Kulturkreis als gewalttätig wahrgenommen, während man sich selbst friedlich wähnt.

Vergessen scheinen die zahllosen Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken (von der Renaissance bis tief ins 20. Jahrhundert), davon der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), die Exzesse der Wiedertäufer (1534-1535), die Bartholomäusnacht (1572), weiter der erste Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich (1337-1453), die Ausrottung der Indianer (1492-1890), das Vorgehen der Spanier gegen die Azteken (1519-1535), Mayas (1519–1821) und Inkas (1531-1572), die zahlreichen Judenpogrome (vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert), Völkermorde wie die an Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (1904-1908), die zwei Weltkriege (1914-1918 / 1939-1945) und viele weitere Bluttaten, die allesamt nicht von Muslimen ausgelöst wurden.

Es ist aber wohl noch nie ein Muslim auf die Idee gekommen, dafür das Christentum verantwortlich zu machen. Dabei könnten sie doch auf das Alte Testament verweisen, in dem es für jeden Leser erkennbar weitaus gewalttätiger zugeht als im Koran. Aber auch das Neue Testament ist nicht frei von sogenannten "Schwertversen": „Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht kommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“, soll Jesus da zum Beispiel in Matthäus 10:34 gesagt haben. Wenn man darauf verweist, kommt als Antwort gewöhnlich: Ja, das war vor langer Zeit, jetzt aber sei man aufgeklärt und man achte auf die Menschenrechte.

Im Namen aller Religionen und Weltanschauungen wurde Blut vergossen

Allerdings wurden und werden auch im Namen von Demokratie und Menschenrechten Millionen Menschen getötet. Bereits die französische Revolution von 1789 brachte (mit ca. 1 Million Toten) neue Exzesse der Gewalt, die Terrorherrschaft der Jakobiner, die Guillotine und abermals verheerende Kriege mit sich. Die Bombardierungen zum Beispiel in Vietnam (mit Millionen Toten und dem Einsatz international geächteter Waffen) oder die Folterungen in Abu Ghraib (um nur zwei Beispiele zu nennen) zeigen, dass der Westen auch in der Gegenwart äußerst gewalttätig und inhuman agieren kann – allem Gerede von Menschenrechten zum Trotz bzw. gerade im Namen von Demokratie und Menschenrechten.

Auch Terrororganisationen gab es im Westen schon vor Jahrzehnten. Manche Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF), wie zum Beispiel Gudrun Ensslin, kamen sogar aus Pfarrersfamilien. Auch das Selbstmordattentat ist keine Erfindung oder Besonderheit des islamischen Kulturkreises, man denke an die japanischen Kamikaze-Flieger im 2. Weltkrieg oder die "hinduistische" Terrororganisation LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) in Sri Lanka: Es ist weithin unbekannt, dass die LTTE die Statistik bei der Zahl der verübten Terroranschläge weltweit anführt, obgleich dies ohne Aufwand in einschlägigen Literaturen nachzuschlagen ist.

Auch im Namen anderer Religionen wurde und wird Gewalt ausgeübt. Im Hinduismus kommen heute noch Menschenopfer für die Göttin Kali vor. Als absolut friedliebende Religion gilt vielen Deutschen heute der Buddhismus, der so etwas wie eine Mode- bzw. Zeitgeistreligion geworden ist. Buddha-Figuren in den verschiedensten Größen bekommt man bereits in jedem Einrichtungsladen, Top-Stars wie Richard Gere oder Madonna bezeichnen sich als Buddhisten und in Hollywood-Filmen wie „Sieben Jahre in Tibet“ wird die theokratisch-feudale Herrschaft der Gelbmützensekte (Gelugpa) in Tibet romantisch verklärt. Weit weniger bekannt ist es zum Beispiel, dass sich auch der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, als Buddhist bezeichnet hat und seine Leute zur Expedition nach Tibet beorderte. In Tibet gelang es der militanten Sekte der Gelbmützen im 9. Jahrhundert n. Chr., sämtliche innenpolitischen Gegner auszuschalten. Die ReligionsforscherIn Victor und Victoria Trimondi kommen bei ihrer Analyse des tibetischen Buddhismus zu folgendem Urteil: „Die Geschichte des tibetischen Buddhismus war von Beginn an durch Kriege, Mord, Folterungen, soziale Unterdrückung, durch Sklaverei, Hass und Machtgier bestimmt… 900 Jahre lang lieferten sich die unter einander zerstrittenen Sekten und Klöster unzählige Kleinkriege, die eine größere Staatenbildung verhinderten... Somit ist die Geschichte des tibetischen Buddhismus nicht weniger blutig als die Geschichte anderer Religionen. Hinzu kommt jedoch, dass der Lamaismus ein erschreckendes Pandämonium von Kriegs- Mord- und Todesgöttern zur Schau stellt, das an Morbidität und Aggressivität seinesgleichen in den menschlichen Kulturen sucht.“ Man denke hier auch an das momentane Vorgehen gegen die Rohingya in Myanmar und die Gewaltaufrufe buddhistischer Mönche.

Dass allerdings auch im Namen von säkularen Weltanschauungen des Kommunismus, Sozialismus oder Anarchismus (individueller Terror!) Verbrechen verübt wurden, dürfte inzwischen ebenfalls zum Allgemeinwissen gehören. Oft wird jedoch behauptet, dass nur die Religionen und insbesondere der Monotheismus zur Intoleranz oder zur Gewaltanwendung neigen. Als ob sich Atheisten wie Enver Hoxha in Albanien oder Pol Pot in Kambodscha (mit ca. 2 Millionen Toten) durch besondere Toleranz ausgezeichnet hätten! Die Verbrechen des säkularen NS-Faschismus stehen sogar durch den Holocaust in gewisser Weise einzigartig dar.

Es lässt sich nicht bestreiten: Im Namen von jeder Religion, ja von jeder Weltanschauung wurden und werden Verbrechen begangen – und das ausnahmslos! Aber warum ausgerechnet im Namen von Religionen, die ja doch Frieden stiften wollen? Nun denn, jede Weltanschauung - auch säkulare - versprechen Frieden und letztlich das Paradies - und Letztere nicht erst das Paradies im Jenseits, sondern schon auf Erden.

Aber noch einmal: Wieso können auch Religionen gewalttätig sein? Liegt das in den angeblich Gewalt fordernden Heiligen Schriften begründet? Der katholische Theologe Hans Küng hat darauf aufmerksam gemacht, dass die heiligen Schriften aller Religionen - neben den zum Guten aufrufenden - auch sogenannte "Schwertverse" enthalten, das heißt Verse, die scheinbar die Anwendung von Gewalt legitimieren. Es besteht somit die Notwendigkeit einer Interpretation.

Als einzige Heilige Schrift einer Weltreligion macht nur der Koran auf die Möglichkeit aufmerksam, dass Menschen diese falsch interpretieren kann. Nach Vers 7 der Sure 3 stürzen sich diejenigen, deren Herzen zu Krankheit neigen auf diese sogenannten "Schwertverse". Genau hier scheint das Problem zu liegen: Es liegt am sowohl zum Guten und Bösen fähigen Individuum. Da der Mensch sich auch stets für das Böse entscheiden kann, wird es auch immer Menschen in allen weltanschaulichen Lagern geben, die Religionen oder Weltanschauungen dazu benutzen, um damit ihre eigenen Schandtaten zu bemänteln. Gerade in der politischen Sphäre sind Akteure auf (die Missdeutung) von Religionen und Weltanschauungen angewiesen, um ihr böses Vorhaben legitimieren zu können.

Selbstverständnis des Islam: Religion des mittleren Weges

Wenn auch im Westen die Auffassung weit verbreitet ist, dass es sich beim Islam um eine extremistische und gewaltverherrlichende Religion handelt, was sich oft durch das Verhalten einiger Muslime oder durch den Terror solcher Gruppen wie des sogenannten "Islamischen Staats" (IS) zu bestätigen scheint, so steht dies dennoch im Widerspruch zum Selbstverständnis dieser Religion. In den wichtigsten Geistesquellen der Muslime, im Koran und in der überlieferte Lebensweise des Propheten Mohammed, wird der Islam immer wieder als die „Religion des mittleren Weges“ normativ beschrieben. So heißt es im Vers 143 der Sure 2: „Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht...“ Der mittlere Weg in allen Angelegenheiten ist demnach der vorgeschriebene göttliche Weg - ganz gleich, ob es um die Lebensführung, die Ess- und Trinkgewohnheiten, die Ökonomie, die Anwendung von Gewalt oder auch um den Gottesdienst geht: Der Islam empfiehlt stets den mittleren Weg. In zahlreichen prophetischen Überlieferungen wird darauf hingewiesen, dass die Muslime Extreme und Maßlosigkeit bei der Ausübung ihrer Religion vermeiden sollen. So äußerte sich der Prophet wie folgt: „Die Religion ist einfach. Wer den Glauben streng macht, wird überwältigt. Deshalb übertreibt und untertreibt nicht, und seid damit zufrieden und sucht Gottes Hilfe im Gebet am Morgen und am Abend und etwas im letzten Teil der Nacht." Mäßigung, Mäßigung und nochmals Mäßigung – das ist demnach das eigentliche zentrale Credo dieser Religion.

 

Wie sieht nun dieser mittlere Weg in der Frage der Anwendung von Gewalt aus? Heutzutage gibt es viele Islamkritiker, die das heilige Buch der Muslime nehmen und irgendwelche "Schwertverse" aus dem Zusammenhang reißen. Es wurde bereits erwähnt, dass der Koran selbst darauf aufmerksam macht, dass es im heiligen Buch der Muslime eindeutige und mehrdeutige Verse gibt, wobei sich die schlechten Menschen auf die mehrdeutigen Verse stürzen, obwohl die die mehrdeutigen durch die eindeutigen zu interpretieren sind. In einem solchen eindeutigen Vers (wie im Vers 90 der Sure 16: „Er verbietet das Schändliche, das Verwerfliche und die Gewalttätigkeit.“) verbietet Gott eindeutig und grundsätzlich das Gewalttätige. Darf nun nach dem Islam überhaupt keine Gewalt angewendet werden?

 

„Recht zum Krieg“ (ius ad bellum) und „Recht im Krieg“ (ius in bello)

 

Wir müssen nun zunächst das „Recht zum Krieg“ (ius ad bellum) vom „Recht im Krieg“ (ius in bello) unterscheiden. Die von Islamkritikern präsentierten Verse beziehen sich fast ausschließlich auf das ius in bello, also auf das Verhalten in einem bereits laufendem Kampf. Wie sieht es aber mit dem ius ad bellum, also mit dem Recht zum Krieg aus? Der Koran vertritt keine pazifistische Position, er erlaubt die Gewaltanwendung zur Verteidigung („Und bekämpft…, wer euch bekämpft“, Sure 2, Vers 190).

 

Auch mit den folgenden Versen wurde dem Propheten Muhammad die Erlaubnis zum Kampf erteilt: „Erlaubnis [zum Kampf] ist denjenigen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen ja Unrecht zugefügt wurde...“ (Sure 22, Vers 39-40) Deutlich wird das Verbot zum Angriffskrieg auch im Vers 90 der Sure 4: „Wenn Gott wollte, hätte Er ihnen Macht über euch gegeben, und sicherlich hätten sie dann gegen euch gekämpft. Wenn sie sich jedoch von euch fernhalten, ohne euch zu bekämpfen, und euch Frieden anbieten, gibt euch Gott keine Erlaubnis, gegen sie vorzugehen.“

 

Bei der für Sunniten und Schiiten islamische Autorität Imam Ali ibn Abu Talib, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, kann man ein eindeutig formuliertes Verbot des Angriffskrieges finden. So hat Imam Ali vor der Schlacht zu Siffin im Jahre 657 n. Chr. seinen Offizieren folgende Anweisungen zur Kriegsführung gegeben: „Beginnt niemals selbst einen Krieg. Gott liebt nicht das Blutvergießen. Kämpft nur in der Verteidigung. Greift niemals den Feind zuerst an... Verfolgt und tötet niemals jene, die aus dem Schlachtfeld oder aus dem Treffen fliehen... Tötet niemals einen Verwundeten, der sich nicht selbst verteidigen kann... Verstümmelt niemals einen Toten, um ihn zu demütigen. Plündert und brandschatzt niemals! Schändet niemals die Sittsamkeit einer Frau. Verletzt niemals ein Kind. Verletzt niemals eine alte oder behinderte Person.“ Während die ersten Sätze noch das ius ad bellum betreffen, beziehen sich die nachfolgenden bereits auf das ius in bello.

 

Zum ius in bello kann man konstatieren, dass Übertretungen im Kampf, wie das Folterungen oder das Töten von Gefangenen oder Zivilisten, streng verboten sind („Und kämpft auf Gottes Weg gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertretet nicht! Gott liebt nicht die Übertreter.“; Sure 2:190). Weiterhin wird ein schneller Friedensschluss gefordert. Der Islam erlaubt somit die Verteidigung, wenn es zum Kampf kommt, verbietet jedoch die Übertretungen, und fordert Anstrengungen, den Frieden wiederherzustellen. So enthält Vers 61 der Sure 8 eine Friedensverpflichtung, auf die bei einem Friedensgesuch des Gegners eingegangen werden muss: "Und wenn sie sich dem Frieden zuneigen, dann neige auch du dich ihm zu und verlasse dich auf Gott!"

Fazit

Abschließend ist also zu sagen, dass aus jeder Weltanschauung eine Legitimation für Gewalt abgeleitet werden kann und der Islam nach prophetischem Verständnis einerseits eine Religion, die zum Frieden einlädt, aber andererseits gegenüber Aggressoren wehrhaft ist. Diese Herangehensweise ist eine, die sich gänzlich mit dem Völkerrecht deckt.

Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam in der europäischen Wahrnehmung.


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dr.markusfiedler@hotmail.de Mon, 04 Dec 2017 09:18:58 +0100
Findet eine Islamisierung oder Amerikanisierung der Gesellschaft statt? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/23.html Im deutschen politischen Spektrum definiert sich der Konservatismus aus verschiedenen Bestrebungen,... Im deutschen politischen Spektrum definiert sich der Konservatismus aus verschiedenen Bestrebungen, die unter den entsprechenden Parteien in unterschiedlichem Maße ausgeprägt sind. Dazu gehört unter anderem die Sehnsucht danach, das über Dekaden andauernde Stigma des „schuldigen Deutschen“ zu überwinden und - wie in anderen Ländern auf der Welt - auf seine Nation stolz sein zu können, so dass man nicht nur bei Fußball-Events die deutsche Flagge schwingen und sich patriotisch geben kann, ohne in die rechte Ecke gestellt zu werden, als Rechtsextremist abgestempelt oder gar als Nazi gebrandmarkt zu werden. Weiterhin will man auch jene Werte vertreten, für die der erste Buchstabe der beiden konservativen Parteien CDU und CSU eigentlich steht. Das Anliegen aller konservativen Parteien betrifft die Bewahrung der nationalen, kulturellen und religiösen Identität.

Aufgrund der Geschichte Deutschlands und des damit einhergehenden Schuldkomplexes wurde der Konservatismus in den ersten Dekaden der eher pazifistisch geprägten Bundesrepublik vielleicht mehr als anderswo mit Extremismus gleichgesetzt. Dabei ist nicht der Konservatismus selbst die Quelle radikalen Gedankengutes, der - wie der Liberalismus - auch in radikaler Form erscheinen kann und auf die selbe Art und Weise zu einer Eskalation und Destabilisierung eines Staates beitragen kann. Der Verfasser dieses Artikels empfindet gegenüber dem Konservatismus und der damit einhergehenden beabsichtigten Wahrung der eigenen Kultur und Tradition im Gegenteil sogar vollsten Respekt. Was meine Wenigkeit allerdings für problematisch und für ein Armutszeugnis hält, ist vielmehr, wie die etablierten konservativen Parteien Deutschlands sich ausnahmslos einer selektiven Handlungslogik bedienen, da sich ihre Schutzbestrebung der eigenen Kultur ausschließlich gegen das schwächste Glied der Gesellschaft wendet, nämlich gegen die muslimischen Migranten und Flüchtlinge.

Der sogenannte Schutz der Heimat richtet sich bemerkenswerterweise nicht gegen jene Kräfte, die an der "deutschen Heimat" am ärgsten zehren, wie sie in der seit Dekaden unanfechtbaren, anhaltenden Amerikanisierung der deutschen Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zum Ausdruck kommt. So kam es auch nicht von ungefähr, dass es zu keinerlei konservativem Aufschrei führte, als nicht etwa Muslime oder die Islamische Welt - intransparent und am Volke vorbei – eine neue, tiefgreifende Standardisierung in Deutschland durchsetzen wollten, sondern die Vereinigten Staaten von Amerika - im Zuge des TTIP-Prozesses.

Auch auf eher trivialen Ebenen ist diese verzerrte Wahrnehmung unter den Konservativen Deutschlands zu beobachten. Einer Falschmeldung darüber, dass Muslime sich dafür stark gemacht hätten, den Weihnachtsmarkt in "Wintermarkt" umzubenennen, haben viele konservative Bürger mit leidenschaftlichem "Nächstenhass" Aufmerksamkeit geschenkt, während ein ursprünglich heidnischer und aus den USA exportierter Brauch namens Halloween den christlichen Sankt-Martins-Tag Jahr für Jahr weiter verdrängt, ohne das dies zu einer spürbaren Beanstandung führt. Und nun steht am kommenden Freitag nicht etwa eine Orientwoche einer einzigen deutschen Supermarktkette an - die üblicherweise vor Wut schäumende „konservative Protestmails“ zur Folge hätte - sondern der amerikanische "Black Friday", der im nahezu gesamten deutschen Handel zelebriert wird, wobei unter den vorgeblichen Traditionalisten dieses brandneue, importierte Phänomen nicht einmal zu einer nennenswerten Regung kommt. Verführerischer ist es für diese konservativen Anhänger des abrahamitischen Christentums scheinbar, ihren Enthusiasmus ausschließlich für den ebenso abrahamitischen Islam aufzuheben.

Wie kann man aber über eine Islamisierung des Abendlandes sprechen, wenn nicht über die vorausgegangene aggressive Amerikanisierung des Morgenlandes gesprochen wird, die in der Destabilisierung diverser islamisch geprägter Länder ausartete, die selbst wiederum vermeintlich zu dem führte, was man nun als "Islamisierung des Abendlandes" betitelt? Welcher konservative Parteigänger hat sich schon gegen die halbherzige Involvierung des bereits seit Jahrzehnten amerikanisierten Deutschlands in die militärischen Operationen gegen muslimische Länder und den daraus resultierenden Toten im siebenstelligen Bereich mit einem solchen Einsatz darüber aufgeregt wie heute, wenn sie über verschleierte Frauen in Deutschland fluchen, bei denen es sich manchmal sogar bloß um leere Bussitze handelt?

Wenn die Bewahrung der deutschen Kultur und Tradition von den Konservativen in Deutschland ernsthaft priorisiert ist, stellt sich die Frage, warum diese nur inkonsequent gegen Randgruppen gerichtet ist, während das andere Auge für die seit mehreren Jahrzehnten bestehende Amerikanisierung zugedrückt wird, als sei die fortwährende Amerikanisierung Deutschlands die einzige Alternative für Deutschland.


Shahab UddinShahab Uddin hat Amerikanische Kultur- und Sprachwissenschaften, deutsche Sprachwissenschaften und Pädagogik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main studiert. Nach der Erlangung des Magister Artium hat er sich das Reisen als Schwerpunkt gesetzt und hat mittlerweile 80 Länder bereist.


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uddin@multiperspektivisch.de Thu, 23 Nov 2017 23:59:00 +0100
Warum sind Muslime so gastfreundlich? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/22.html Seit längerer Zeit hat sich im Diskurs über den Islam ein mediales Phänomen eingeschlichen, dass... Seit längerer Zeit hat sich im Diskurs über den Islam ein mediales Phänomen eingeschlichen, dass sich bis heute hartnäckig hält: Typische Probleme, die Migranten betreffen, werden in Bezug auf Muslime nicht soziologisch, sondern zunehmend als Probleme, die religiös begründet sind, aufgearbeitet. Man könnte hierbei von der "Islamisierung sozialer Probleme" sprechen.

Auf der anderen Seite ist es bemerkenswert, dass positive Klischees und Eigenschaften der Muslime wiederum nicht mit dem Islam in Verbindung gebracht werden. Diese scheinen nach medialer Darstellung wohl keinen kausalen Zusammenhang mit ihrer Religion zu haben und sind wohl einfach so vom Himmel gefallen, könnte man meinen. Na ja, Letzteres wäre auch nicht ganz falsch, glauben doch Muslime, dass ihre Religion - und toleranterweise die ihrer abrahamitischen Geschwister - Himmelsreligionen seien.

Aber bleiben wir bei dem urbezweckten Verständnis dieser Redewendung: Wenn Muslime Böses verüben, so bedingt dies ihre islamischen Religiosität. Begehen sie aber etwas Gutes, so hat ihre Frömmigkeit keinen Anteil daran.

Dass das natürlich nicht so stringent sein kann, erschießt sich den Intellektbefähigten sicherlich ohne große Erklärungen. Daher soll im Folgenden nicht dies erläutert werden, sondern der religiöse Beweggrund skizziert werden, der Muslime in der Regel dazu "verleitet", so gastfreundlich zu sein:

Stellenwert von Gastfreundlichkeit

Gastfreundlichkeit besitzt einen sehr hohen Stellenwert im muslimischen Leben. Die überlieferte Lebensweise des Propheten des Islam, Muhammad ibn Abdullah, war stets von Gastfreundschaft geprägt. Es war für ihn unabdinglich gewesen, Gäste zum Essen einzuladen und diese an den "Gaben Gottes" teilhaben zu lassen. Muslime orientieren sich an dieser Lebensweise ihres Vorbildes.

Es wird dem Propheten nachgesagt, gesagt zu haben: „Wer auch immer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt, soll seinen Gast großzügig behandeln.“ Weiter ist von ihm überliefert: „Ehre den Gast, auch wenn er kein Muslim ist.“ Und als jemand den Propheten fragte, ob er einen Gast bewirten soll, obwohl dieser ihm zuvor keine Bewirtung und Gastfreundschaft zuteilwerden ließ, antwortete der Prophet klar: „Bewirte ihn!“

Angesichts der Fülle von prophetischen Überlieferungen über die Preisung der Gastfreundschaft gibt es muslimische Rechtsgelehrte, die sogar von einem einforderbaren Rechtsanspruch auf Bewirtung und Gastfreundschaft ausgehen. Immerhin gelten laut einem muslimischen Ausspruch die Gäste ja als Freunde Gottes.

Diese Tradition wurde bereits von den vorislamischen Propheten gelebt, und Muslime denken, dass es ein Brauch des Propheten Abrahams war, nie ohne einen Gast zu speisen. Der Koran berichtet in der Sure 51, Vers 24-27 über den Urstifter des Judentums, Christentums uns Islams: “Kam zu dir die Nachricht von den Gästen Abrahams? Wie sie bewirtet wurden? Als sie eintraten bei ihm und ihn grüßten und er ihren Gruß erwiderte? 'Das sind Fremde', dachte er sich und ging schnell zu seiner Frau. Ein kräftiges Kalb ließ er zubereiten und bat: 'Aber bitte, wollt ihr nicht essen?'“

Diese Erzählung gründet in der biblischen Erzählung des 1. Buches Mose, Kapitel 18.  Bekanntlich gelten Muslime aber als „bibelfestere Gläubige“ und praktizieren diese Tugend mit großer Leidenschaft. Ziel und Zweck dieser abrahamitischen Praxis ist der Austausch an Zuneigung und Ideen. Der Prophet Mohammed selbst sagte: "Das Besuchen sät die Zuneigung."

Gastfreundschaft als ein Schlüssel zum besseren Verständnis

Die steigende Individualisierung von Gesellschaften führt hingegen zu einem fortschreitenden Aussterben dieser Besuchskultur. Dies ist vermutlich auch einer der Gründe dafür, dass Menschen verschiedener Kulturen sich voneinander mehr fremd fühlen und - infolgedessen - weniger Verständnis füreinander besitzen.

Ohne richtige Kenntnis vom Anderen, bleibt das Unbekannte unbekannt und die Distanz zueinander vergrößert sich weiter und bildet den Nährboden für Missverständnisse und Misstrauen. Gastfreundschaft bildet die Grundlage, um einander kennen zu lernen. Sie gibt die Chance, die Gesellschaft von Missverständnissen zu reinigen, und sich der angeblichen Barrieren, die die Kulturen vorgeblich voneinander trennen, zu entledigen.

Es ist eine Zeit angebrochen, in der der direkte Kontakt zu den Mitmenschen immer weniger wird und der Austausch von Gedanken zunehmend anonym über das Internet vonstattengeht. Deshalb ist es in der Gegenwart um so wichtiger, den unmittelbaren Kontakt zu andersdenkenden Menschen aufzubauen, zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Die Anhänger der verschiedenen Religionen können sich nur durch eine klarere Vorstellung voneinander auf gemeinsame Grundlagen besinnen.

In einer Parabel des vielzitierten muslimischen Gelehrten Dschalal ad-Din ar-Rumi wird folgende Geschichte erzählt:

Ein Iraner, ein Türke, ein Araber und ein Grieche waren gemeinsam auf der Reise zu einem fernen Land, als sie an einer Ortschaft eine Rast einlegten, um etwas zum Essen zu kaufen. Sie hatten jedoch nur noch eine Münze übrig. So fingen sie an, darüber zu diskutieren, für welches Lebensmittel sie diese Münze ausgeben sollten. Alle wollten etwas Bestimmtes haben. Der Iraner wollte Angur haben, der Türke aber sagte, er wolle Üsüm haben, der Araber wiederum sagte, er wolle Inab haben; und der Grieche sagte, er möchte Stafil haben. Als dann jeder von ihnen auf seinen Wunsch bestand, entstand eine hitzige, emotionsgeladene Diskussion. Ein Weiser, der gerade des Weges kam, hatte die Streiterei zwischen den vier Reisenden mit angehört und sagte zu ihnen: „Gebt mir die Münze und ich verspreche euch, dass ich jedem von euch das bringen werde, was er wünscht.“ Die vier Reisenden waren einverstanden und gaben dem Sprachkundigen die Münze, der damit zum nächstgelegenen Laden ging und vier Zweige Weintrauben kaufte. Als er dann zurückkam, übergab er jedem der Reisenden einen Zweig. „Das ist mein Angur!" rief der Iraner. „Aber nein, das ist doch mein Üzüm!", sagte der Türke. „Du hast mein Inab gekauft!", rief der Araber. „Nein! In meiner Sprache heißt dieses Obst Stafil", sagte wiederum der Grieche. So fingen die Reisenden an zu realisieren, dass sie alle im Grunde denselben Wunsch hatten, nur wussten sie nicht, diesen Wunsch dem jeweils anderen verständlich zu artikulieren.

Diese Geschichte lässt sich sinnbildlich auf die verschiedenen Religionsanhänger übertragen, die nach demselben Ziel suchen und die gleichen Wünsche hegen, diese jedoch nur unterschiedlich formulieren. Der Weise klärte die Menschen darüber auf, dass das, was sie in unterschiedlich bezeichneten Religionen suchen, in Wahrheit eine einzige einheitliche Sache ist. Die göttlichen Religionen sind nichts anderes als verschiedene Wege, die aber zu einem einzigen Ziel führen. Sie sind miteinander verwandt, ohne dabei gleich zu sein. Der Prophet Mohammed beschreibt dies wie folgt: „Die Wege zu Gott sind so vielfältig wie die Anzahl der Menschen, die es auf der Erde gibt".

Die Menschen sind in diesem Sinne anzunehmen, wie sie sind, und nicht wie man sie sich wünscht. Und gerade dies erlernt man durch das rege Empfangen von Gästen und eine Gastfreundlichkeit der Herzen.


Mohammad Razavi RadDr. phil. theol. Mohammad Razavi Rad ist spezialisiert auf Religionswissenschaft und Religionsphilosophie und ist Autor von mehreren Büchern, Publikationen und Aufsätzen und ist Direktor des Instituts für Human- und Islamwissenschaften in Hamburg.



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rad@multiperspektivisch.de Wed, 22 Nov 2017 15:26:26 +0100
Angriff auf das internationale Atomabkommen mit Iran http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/21.html Iran steht heute an der Schwelle, in der gesamten Region eine maßgebliche Rolle zu spielen. Dazu... Iran steht heute an der Schwelle, in der gesamten Region eine maßgebliche Rolle zu spielen. Dazu besitzt Teheran zweifelsohne das Potential - aufgrund der geographischen, demographischen, ökonomischen und weltanschaulichen Rahmenbedingungen.

In seiner viel beachteten und kritisierten Rede vor der UNO ließ US-Präsident Donald Trump es sich im September dieses Jahres nicht nehmen, das internationale Atomabkommen "Joint Comprehensive Plan of Action" (JCPOA) mit Iran als „Schande" zu bezeichnen. Doch die politische Ausgangslage hat sich derart verändert, dass sich die USA mit einem Ausstieg aus dem UN-Abkommen selbst isolieren würden.

Während die Rede des US-Präsidenten vor der UNO bei den meisten in der UN-Vollversammlung anwesenden Zuhörern zu frostiger Stille führte, konnte ein anwesender Staatsgast seine Begeisterung kaum bändigen - der israelische Premierminister. 

Netanjahu sieht sich hinsichtlich Irans bestätigt

Auf Twitter äußerte sich Israels Premierminister Benjamin Netanjahu wie folgt: "In meiner über 30-jährigen Erfahrung mit der UNO habe ich niemals eine Rede gehört, die unerschrockener oder mutiger war." Diese Freude ist kaum verwunderlich, klang die Rede des US-Präsidenten stellenweise so, als hätte der israelische Premier ihm diese diktiert, besonders jene Passagen, die das Abkommen mit Teheran betrafen.

Netanjahu, der schon 1999 vor den Vereinten Nationen erklärte, es sei im Hinblick auf die Entstehung einer iranischen Atombombe fünf vor zwölf und diese Anschuldigung Jahr für Jahr wiederholte, betrachtet den Aufstieg Irans und dessen Präsenz im benachbarten Syrien als ein existenzielles Sicherheitsrisiko.

Iran hat sich keines Vertragsbruchs schuldig gemacht

Beim russischen Präsidenten war er mit seinem Anliegen abgeblitzt, als er diesen darum bat, die Iraner aus Syrien herauszudrängen. Der russische Präsident Wladimir Putin dachte gar nicht daran und betonte die Verdienste Irans bei der Zerschlagung des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS). In seiner Verzweiflung klammert sich der israelische Politiker nun an die Lippen Trumps, der das Atomabkommen als „Schande" bezeichnete, ohne dies näher zu erläutern.

Zwar konnten bisher weder der US-Präsident noch der US-Außenminister - trotz des massiven US-Drucks auf die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) - Teheran irgendeine Art von Vertragsbruch zuschieben, nichtsdestoweniger schwadronierte Trump bereits von einem "Regime, das offen von Massenmord spricht", womit er nicht sein eigenes Regime meinte, welches immerhin die totale Zerstörung Nordkoreas androhte, sondern Iran.

Gemäß eines Gesetzes aus dem Jahr  2015, welches der US-Kongress gegen den Willen des damaligen Präsidenten Barack Obama - der aber fatalerweise kein Veto dagegen eingelegt hatte - verabschiedete (und auch an sich schon zumindest den Geist des UN-Abkommens verletzt, weil es wichtige Investoren in Iran abschreckt und infolgedessen als weitreichende Sanktion wirkt), wird vom US-Präsidenten verlangt, dem hohen Haus alle 90 Tage einen Bericht vorzulegen, der zwei Fragen klären soll: Erfüllt Iran alle Verpflichtungen gemäß der UN-Resolution und liegt es - unabhängig davon - im Interesse der USA, dem Regelwerk überhaupt verbunden zu bleiben? Trump scheint darauf klare Antworten zu haben, aber wenig Wissen.

Trump lenkt seine Aggressionen nach außen

Sein bisheriges Vorgehen macht deutlich, dass er nicht daran interessiert ist, seine Wahlversprechen in Bezug auf die Außen- und Verteidigungspolitik gegenüber der Region des Nahen und Mittleren Ostens einzuhalten. Er wirkt stattdessen wie ein Getriebener, der - auch in Ermangelung innenpolitischer Erfolge - seine Aggressionen nach außen lenkt.

Die von seinen Vorgängern herbeigeführten Katastrophen in der Region setzt Trump mit der Aufrüstung Saudi-Arabiens - und indem er Benzin in die bestehenden Brandherde gießt - fort. Trump stützt sich dabei auf die starke antischiitische Grundhaltung der Saudis, übersieht dabei aber, dass dort die antiamerikanische Grundhaltung ebenso vertreten ist. Die Attentäter von 9/11 hatten nicht nur überwiegend die saudische Staatsbürgerschaft, sondern alle einen wahhabitischen Background.

Die strategische Ausgangslage hat sich verändert

Hinzu kommt, dass sich die geopolitische Ausgangslage grundlegend geändert hat. Die Europäische Union (EU) scheint den Vorgaben Washingtons nicht mehr bedingungslos folgen zu wollen. Trumps Politik hat auch in diesem Bereich nichts zu bieten.

Im Gegenteil, während Washington auf Konfrontationskurs geht, unterstreicht Iran seine Gesprächsbereitschaft. Außenminister Mohammad Javad Zarif sagte in einem Interview mit der iranischen Tageszeitung Borna News,  das am 10. September 2017 erschien, dass Iran für den Fall eines Ausstiegs aus dem Abkommen mehrere Optionen habe. Die eine sei, sich selbst ebenfalls vom internationalen Vertragswerk zurückzuziehen, was das Abkommen Teheran bei einem US-Vertragsbruch zugesteht. Eine andere Möglichkeit sei jedoch, „Bedingungen zu schaffen, unter denen Amerikas Ausstieg aus dem Abkommen oder dessen Nicht-Einhaltung zur Isolierung der USA führen würde".

Ali Akbar Salehi, Leiter der iranischen Atomenergiebehörde, sagte außerdem, dass Washington sich durch einen Ausstieg aus dem "Joint Comprehensive Plan of Action" wahrscheinlich selbst „isolieren" und in einen „ständigen Kampf mit den westlichen Mächten" verwickeln würde. Wirtschaftlich würden sich daraus für Iran „gewisse Schwierigkeiten" ergeben, „aber politisch würden wir gewinnen".

Totaler politischer Gesichtsverlust der USA

Theoretisch könnte die US-Administration beispielsweise versuchen, den iranischen Rohölexport durch Druck auf Teherans Handelspartner - wie früher - auf eine Million Barrel pro Tag zu begrenzen. Gegenwärtig liegt er im Schnitt bei 2,2 bis 2,5 Millionen Barrel täglich. Die EU kann allerdings eine Rückkehr zu dem Prinzip der „Sekundärsanktionen" nicht hinnehmen. Die Führung in Teheran könnte sich daher begründete Hoffnungen machen, dass die Bereitschaft der EU-Staaten und (mehr noch die Chinas als Hauptabnehmer iranischen Erdöls), sich durch die sogenannten indirekten Sanktionen der USA schädigen zu lassen, schwindet und ein einseitiger Ausstieg Washingtons aus dem internationalen Abkommen bloß die internationale Stellung der USA weiter schwächen würde.


Dipl. pol. Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen.
Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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ramon_schack@yahoo.de Thu, 16 Nov 2017 14:12:15 +0100
Uiguren in Syrien – Gefahr für Chinas „neue Seidenstraße“ http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/20.html Der Bürgerkrieg in Syrien hat Auswirkungen auf den jahrzehntelangen Konflikt zwischen China und den... Der Bürgerkrieg in Syrien hat Auswirkungen auf den jahrzehntelangen Konflikt zwischen China und den Uiguren - die größte turksprachige Ethnie im ostchinesischen Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang - und erhält durch die geplante Seidenstraße „One Belt, One Road“ eine größere Brisanz. Damaskus spielte über Jahrhunderte eine wichtige Rolle in der „alten Seidenstraße“; die Chinesen möchten mit ihrer „neuen Seidenstraße“ Syrien eine ähnliche Rolle zuteilen. Sowohl China als auch Syrien sind sich durchaus bewusst, dass dieses Projekt nur mit Beendigung des Krieges gelingen kann.

Die hohe Anzahl fremder Kämpfer im Syrien-Krieg war allgemein bekannt, jedoch setzten sich laut Angaben des US-amerikanischen investigativen Journalisten Seymour Hersh im Jahr 2013 neue Akteure durch. Hierbei handelte es sich um Uiguren, die sich Hersh zufolge mit ca. 5.000 Kämpfern extremistischen Gruppierungen jenseits der türkischen Grenze anschlossen.

Die Türkei ist seit den 1990er Jahren verstärkt in Zentralasien aktiv. Ähnlich wie Russland, das für die Russischsprachigen als Schutzpatron agiert, erweiterte die Türkei ihr Engagement für turkmenische Minderheiten in der Region. Die türkische Unterstützung für die Bewegung „East Turkestan Independence Movement“ in China, welche die Unabhängigkeit der uigurischen Minderheit von der Zentralregierung in Peking fordert, führte zu Differenzen zwischen den beiden Staaten. Die Ankunft uigurischer Kämpfer in Syrien hat einen Konfliktpunkt in den seit dem Syrien-Krieg stark belasteten Beziehungen zwischen Damaskus und Ankara verursacht.

Die israelische Tageszeitung „Jedi’ot Acharonot“ erfuhr aus Kreisen eines Forschungszentrums des israelischen Außenministeriums, dass tausende uigurischen Kämpfer hauptsächlich sich dem syrischen Ableger Al-Qaidas, der „Jabhat Fatah as-Scham“ (vormals Al-Nusra Front), der „Islamischen Turkestan-Partei“ oder dem IS angeschlossen haben.

Die militärische Kooperation zwischen China und Syrien hat daher durch den Anstieg uigurischer Kämpfer in den Reihen extremistischer Gruppierungen zugenommen. Peking betrachtet die Uiguren in Syrien als Gefahr für seine innere Sicherheit, denn deren ausgeprägte Kampferfahrung könnte sich bei einer Rückkehr für China als Problem erweisen. Auch Peking und Damaskus schätzen, dass sich ca. 5.000 uigurische Kämpfer in den Reihen der Jihadisten befinden.

Des Weiteren berichtet die libanesische Tageszeitung „Al-Akhbar“, dass sich der größte Anteil uigurischer Kämpfer in der Idlib-Region aufhalte. Hierbei soll es sich um zwei uigurische Hochburgen handeln: Betroffen sind demnach Ihsim sowie Mara’yan, die sich beide in der Hochlandregion Jabal Zawiya in Idlib befinden.

Die chinesische Regierung stellte Syrien zur Bekämpfung der Uiguren acht Drohnen zur Verfügung. Demnach fand der syrische Geheimdienst heraus, dass Uiguren, die auf dem Schwarzmarkt TOW-Raketen (amerikanische Panzerabwehrlenkwaffen) erwarben, mit ungefähr 600 Kämpfern an den Gefechten in Hama und Aleppo beteiligt waren..

Der jahrzehntelange Konflikt zwischen China und den Uiguren - sowie die Angst vor der Rückkehr uigurischen Jihadisten - stellt nicht die einzige Sorge Pekings in Syrien dar. China, das die Planung der neuen Seidenstraße“ „One Belt, One Road“ verwirklicht, benötigt hierfür nicht nur Frieden im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang, sondern auch Stabilität in Syrien. Damaskus, das jahrhundertelang als ein wichtiger Knotenpunkt für die alte Seidenstraße galt, soll durch die „neue Seidenstraße“ erneut als ein Drehkreuz fungieren. Der wirtschaftliche Aufschwung Asiens sowie die technische Expertise Chinas lässt das Projekt „Seidenstraße“ wieder aufleben. Weiterhin handelt es sich um ein persönliches außenpolitisches Schwerpunktprojekt des Präsidenten Xi Jinping. Dieser Umstand wird dadurch unterstrichen, dass die „neue Seidenstraße“ mittlerweile sogar im Parteistatut der Kommunistischen Partei Chinas verankert ist. China, das neben Iran und Russland größter Profiteur bei der Vergabe von syrischen Wiederaufbauprojekten sein würde, wird vermutlich seinen geostrategischen Einfluss in der Region erheblich ausweiten können.

Syrien und seine Alliierten gelang es in den letzten zwei Jahren, mehrere Großstädte zurückzuerobern. Nachdem im Oktober 2017 das Bündnis die Stadt Deir ez-Zor nach mehrjähriger Belagerung durch den IS wiedereinnehmen konnte, stellt die Region Idlib die letzte Bastion dar, die nicht von der Regierung kontrolliert wird. Interessant dürfte hierbei sein, wie stark China die Offensive unterstützen wird - in Anbetracht der großen Anzahl von Uiguren, die sich dort in den Reihen extremistischer Gruppierungen befinden.


Mohamed GhaziMohamed Ghazi ist Absolvent des Masterstudiengangs „Politik und Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens" der Universität Marburg.


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m.ghazi0908@gmail.com Wed, 15 Nov 2017 15:14:28 +0100
Der Prophet Mohammed - ein Vorläufer Hitlers? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/19.html Die mitunter heftigsten Vorwürfe gegenüber dem Propheten des Islams, Muhammad ibn Abdullah, und... Die mitunter heftigsten Vorwürfe gegenüber dem Propheten des Islams, Muhammad ibn Abdullah, und damit einhergehend gegenüber dem Islam überhaupt, werden im Zusammenhang mit dem Feldzug gegen den jüdischen Stamm der Banu Quraiza erhoben. Diese Vorkommnisse werden auch dazu benutzt, um eine Linie zwischen Muhammad und den islamistischen Gewaltexzessen der heutigen Tage zu ziehen und den Propheten somit als den geistigen Vater der im Namen des Islam propagierten Gewalt hinzustellen. Dies wird etwa beim von vielen Muslimen als islamfeindlich empfundenen Orientalisten Hans-Peter Raddatz deutlich. Die Schilderung der damaligen Vorkommnisse und die Verbindung mit gegenwärtigen Ereignissen stellt sich in seinem Buch " Von Gott zu Allah" wie folgt dar:

„In einem fast zwei Tage währenden Massaker ließ er eine nicht näher bekannte Anzahl (600 bis 700) männlicher Personen in ein eigens hergerichtetes Massengrab steigen und in seiner Gegenwart hinrichten... Die Beseitigung religiös-politischer Gegner unter Rückgriff auf Muhammads aktive Vorbildfunktion wurde rasch zu einem integralen Bestandteil und Verhaltensmuster islamischer Machtsicherung...“

Die Ereignisse werden heutzutage aber auch dazu benutzt, Mohamed und die Muslime überhaupt als Antisemiten zu brandmarken. So schreibt Hans-Peter Raddatz in einem anderen Buch "Allah und die Juden", dass der Islam „eine antisemitische Heilsgemeinschaft“ sei. Das alles ist nicht neu: So hat der US-amerikanische Politikwissenschaftler Norman Finkelstein darauf aufmerksam gemacht, dass die Muslime schon während des Libanon-Krieges 1982 mit den Nazis gleichgesetzt wurden, um das Vorgehen der israelischen Armee zu rechtfertigen. Die gegenwärtigen Ausführungen mancher Autoren scheinen sogar die These von Mohammad als dem ersten Nazi nahezulegen. Um die Dämonisierung zu vervollständigen, darf dabei natürlich der Vergleich mit Adolf Hitler wieder einmal nicht fehlen. Für den ägyptisch-deutschen Publizist Hamed Abdel-Samad wird Mohammad sogar zum Initiator des ersten Holocaust.

Doch wie verhält es sich wirklich, war der Feldzug gegen die Banu Quraiza quasi das Vorspiel zu Auschwitz?

Ibn Ishaqs Bericht

Zunächst: Von welchem Ereignis sprechen wir überhaupt? Im Jahr 627 n. Chr. marschierte ein etwa 10.000 Mann starkes Heer des arabischen Stammes Quraisch unter dem Oberbefehl von Abu Sufyan nach Medina, das dem Propheten Mohammed verfolgte, um den Islam ein- für allemal auszulöschen. Doch der Iraner Salman soll es gewesen sein, der dem Propheten den Rat gab, einen Graben um die unbefestigten Teile der Stadt ausheben zu lassen, was eine in Iran bekannte, in Arabien zur damaligen Zeit aber weitgehend unbekannte Kriegstaktik war, sodass es die anrückenden Quraisch überraschte. Es kam zur Belagerung.

Während dieser Belagerung brach der sich in Medina befindende jüdische Stamm der Banu Quraiza seinen Vertrag mit den Muslimen und unterstützte die Belagerer. Nachdem die Kämpfer der Quraisch nach vier Wochen die Belagerung aufgegeben hatten, wandten sich die Muslime denjenigen zu, die mit den Angreifern gemeinsame Sache gemacht hatten. So begannen sie auch mit der Belagerung des jüdischen Stammes der Banu Quraiza, der nach 25 Tagen kapitulierte. Es sei nun darauf hingewiesen, dass sich die folgende Darstellung der Ereignisse auf den ersten Mohammed-Biographen Ibn Ishaq (ca. 704-768 n. Chr.) stützt. Demnach setzte Mohammed - auf Drängen des befreundeten Stammes der Banu Aus - einen Schiedsrichter ein, der über das weitere Schicksal der Banu Quraiza entscheiden sollte. Seine Wahl fiel auf Sa'd ibn Muadh, der mit den Juden freundschaftliche Beziehungen pflegte, was ein mildes Urteil erwarten ließ. Den weiteren Ablauf der Ereignisse schildert Ibn Ishaq wie folgt:

„Beim Propheten und den Muslimen angelangt, fragte sie Sa'd: ‚Verpflichtet ihr euch bei Gott, die Entscheidung, die ich über die Quraiza fällen werde, anzunehmen?‘ Und nachdem sie ihm dies versprochen hatten, fuhr er fort: 'So entscheide ich, dass die Männer getötet und die Kinder und Frauen gefangengenommen werden und ihr Besitz aufgeteilt wird!'“

Zunächst muss in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, dass im vom Propheten in Medina gegründeten Staat den Andersgläubigen eine Rechtsautonomie zugestanden wurde: Die Juden wurden nach der Thora und die Christen nach ihren religiösen Lehren verurteilt. Es kann geradezu als das religiöse Fundament des Staatswesens von Medina bezeichnet werden, dass Muslime, Christen und Juden nach ihren jeweiligen heiligen Büchern gerichtet wurden. Christen war es demnach auch gestattet, Alkohol zu trinken und Schweinefleisch zu essen. Auf die Einhaltung dieses Prinzips der Rechtsautonomie wurde pedantisch geachtet. So gibt es auch Berichte über Fälle, bei denen sich Mohammed an die ansässigen Rabbiner wandte, wenn Unklarheit über die in der Thora vorgesehene Bestrafung für eine Tat herrschte. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass Sa'd sein Urteil - wenn es denn ein solches gegeben hat - nach der in der Thora dafür vorgesehenen Bestrafung gefällt hat. So hat auch der Orientalist Professor Martin Lings darauf hingewiesen, dass das Urteil „genau mit dem jüdischen Gesetz zur Behandlung einer belagerten Stadt“ übereinstimmt: „Wenn sie der Herr, dein Gott, dir in die Hand gibt, so sollst du alles, was darin männlich ist, mit des Schwertes Schärfe erschlagen. Aber die Frauen, die Kinder, das Vieh und alles, was in der Stadt ist, und allen Raub sollst du unter euch aufteilen." (5. Buch Mose, Kapitel 20 "Kriegsgesetze", Vers 13-14)

Zweifel am Bericht Ibn Ishaqs

Einige muslimische Gelehrte wie Walid N. Arafat oder Ahmad Barakat haben allerdings die Historizität dieser Ereignisse bestritten, wofür es gute Grunde gibt, wie es im Folgenden dargelegt werden soll.

Walid N. Arafat hat deutlich gemacht, dass Ibn Ishaq seinen Bericht von einigen Nachfahren der Banu Quraiza übernommen hat, die ihm eine Darstellung und Opferzahlen mitteilten, die mit den realen Ereignissen nicht viel zu tun hatten. Auch Ahmad Barakat vertritt nach seiner Überprüfung der Vorkommnisse die Auffassung, dass nur die Führer der Banu Quraiza getötet wurden. Die früheste und am häufigsten zitierte Quelle für den geschilderten Ablauf ist Ibn Ishaqs Bericht selbst, doch Ibn Ishaq starb im Jahr 768 n. Chr., also über 140 Jahre nach diesen Ereignissen. Weiterhin wurde Ibn Ishaq bereits von Zeitgenossen - wie dem Rechtsschulengründer Malik ibn Anas - heftig angegriffen. Die Darstellung Ibn Ishaqs erscheint daher alles andere als zuverlässig. Die Autoren späterer Generationen übernahmen jedoch die von Ibn Ishaq gelieferte Darstellung, ohne die ansonsten von der Ilm ar-ridschal (Überlieferungswissenschaften) geforderten strengen Maßstäbe, was die genaue Erforschung des Isnad (Überliefererkette) betrifft, anzuwenden. So wiederholen spätere sunnitische Historiker wie at-Tabari (etwa 130 Jahre nach Ibn Ishaq geboren) und Ibn Kathir (etwa 600 Jahre nach Ibn Ishaq geboren) die Geschichte einfach oder gaben sie in verkürzter Form wieder.  

Was können wir wissen?

Die Geschichte der jüdischen Stämme in der Gegend von Medina liegt heute weitgehend im Dunkeln. Der von Ibn Ishaq überlieferte Bericht kann als zweifelhaft gelten, da die Propheten-Biographien, und folglich auch die von Ibn Ishaq, üblicherweise nicht den von den Überlieferungswissenschaften aufgestellten strengen Regeln für die Einstufung einer Überlieferung als Sahih (authentisch) unterworfen waren. Überdies stünde eine kollektive Bestrafung im Widerspruch zum koranischen Gebot, dass keine Seele des anderen Last tragen soll, was auch für den Umgang mit Kriegsgefangenen gilt.

Weiterhin teilt uns der Koran in der Sure 33, im Vers 26-27 nur Folgendes über den Verlauf der Ereignisse mit, was wenig Ähnlichkeiten mit Ibn Ishaqs Bericht erkennen lässt: „Und Er brachte diejenigen vom Volke der Schrift [die Juden vom Stamm Quraiza], die ihnen [den Angreifern] halfen, aus ihren Kastellen herunter und warf Schrecken in ihren Herzen. Einen Teil von ihnen habt ihr getötet, und einen Teil habt ihr gefangengenommen. Und Er gab euch ihr Land und ihre Häuser und ihren Besitz zum Erbe - ein Land, das ihr nie betreten hattet. Und Allah hat Macht über alle Dinge.“

Was den Antisemitismus-Vorwurf in diesem Zusammenhang betrifft, so dürfte deutlich geworden sein, dass diese Ereignisse nichts mit Antisemitismus zu tun haben, selbst wenn sie sich so ereignet haben, wie es Ibn Ishaq berichtete: Im letzteren Fall wären sie wohl der eindeutig belegten weitreichenden Rechtsautonomie im Stadtstaat von Medina geschuldet.


Dr. Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam in der europäischen Wahrnehmung.


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dr.markusfiedler@hotmail.de Fri, 10 Nov 2017 14:50:33 +0100
Warum der berberische Gelehrte Ibn Battuta der größte Entdecker aller Zeiten ist http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/18.html "Der berühmteste Reisende der Geschichte" ist ein Titel, der üblicherweise Marco Polo,... "Der berühmteste Reisende der Geschichte" ist ein Titel, der üblicherweise Marco Polo, dem großen venezianischen Wanderer, der im 13. Jahrhundert China besuchte, zugesprochen wird. Die von ihm zurückgelegte Strecke wird jedoch weit von der des muslimischen Gelehrten Ibn Battuta übertroffen. Letzterer mag außerhalb der Islamischen Welt wenig bekannt sein, verbrachte er doch die Hälfte seiner Lebenszeit damit, die weiten Landstriche der östlichen Hemisphäre zu durchqueren. Lediglich um seine Reiselust zu befriedigen, wagte er sich – oft unter Einsatz seines Lebens - in über 40 heutige Nationen und das zu Lande, mit dem Kamel oder zu Fuß und auf dem Seeweg. Als er nach 29 Jahren schließlich heimkehrte, hielt er seine Ausflüge und Exkursionen in dem umfangreichen Reisebericht Rihla fest.

Geboren in Tanger, Marokko, wuchs Ibn Battuta in einer Familie islamischer Richter heran. Im Jahr 1325 brach er mit 21 Jahren von seiner Heimat in den Nahen Osten auf. Er beabsichtigte, die Hajj (die muslimische Pilgerreise in die heilige Stadt Mekka) zu verrichten, und er wünschte, auf dem langen Weg das Islamische Recht zu studieren. "Ich brach alleine auf", so erinnerte er sich später, "weder begleitet von Mitreisenden, deren Begleitung mir Erheiterung bereiten könnte, noch mit einer Karawane, der ich mich anschließen könnte, sondern angetrieben von einem inneren, überwältigenden Impuls und einem Wunsch, den ich lang in meiner Brust gehegt hatte, diese glorreichen Heiligtümer aufzusuchen."

Ibn Battuta begann seine Reise alleine auf einem Esel, aber er schloss sich bald einer Pilgerkarawane an, die sich gen Osten durch Nordafrika schlängelte. Der Weg war felsig und wurde von Räubern heimgesucht und obendrein bekam der junge Battuta frühzeitig ein so hohes Fieber, sodass er gezwungen war, sich selbst an den Sattel festzubinden, um nicht zu kollabieren. Nichtsdestotrotz fand er bei einem Zwischenaufenthalt die Zeit, eine junge Frau zu heiraten - die erste von etwa zehn Frauen, die er auf seine Reisen letztendlich heiratete und von denen er sich wieder scheiden ließ.

In Ägypten studierte Battuta Islamisches Recht und tourte durch Alexandria und die Metropole Kairo, die er als "beispiellos in Schönheit und Pracht" beschrieb. Hiernach führte es ihn weiter in Richtung Mekka, wo er an der Hajj teilnahm. Seine Reisen hätten hier ein Ende finden können, aber mit der Beendigung der Pilgerfahrt beschloss er, die muslimische Welt bzw. das Dar al-Islam weiter zu bewandern. Battuta selbst führt an, dass es ein Traum - in dem ein großer Vogel ihn auf seine Schwingen nahm und "nach einem lang währenden Flug nach Osten dort zurückließ" - war, der ihn dazu antrieb. Ein heiliger Mann interpretierte diesen Traum so, dass Ibn Battuta die Welt durchziehen würde, und der junge Marokkaner strebte nunmehr die Erfüllung dieser Prophezeiung an.

Battutas kommende Jahre waren durchzogen von Reisen. Er gesellte sich einer Karawane bei und tourte durch Iran und Irak, und später wagte er sich noch weiter nördlich in das heutige Aserbaidschan. Nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Mekka trekkte er durch Jemen und unternahm eine Seereise zum Horn von Afrika. Von dort aus besuchte er zuerst die somalische Stadt Mogadischu, bevor er sich südlich des Äquators begab und die Küsten von Kenia und Tanzania erkundete.

Beim Verlassen Afrikas heckte Ibn Battuta einen Plan aus, nach Indien zu gelangen, um sich dort, so hoffte er, eine lukrative Stelle als Qadi, das heißt als islamischer Richter, zu sichern. Er folgte einer geschlängelten Route gen Osten, durch Ägypten und Syrien, bevor er in die Türkei segelte. Wie immer verließ er sich auf seinen Gelehrtenstatus, um in den muslimisch kontrollierten Ländern die Gastfreundschaft der Einheimischen zu erlangen. Und es geschah auf seinen Reisen oft, dass er mit Geschenken wie feiner Kleidung, Pferden und sogar Konkubinen und Sklaven überschüttet wurde.

Von der Türkei aus überquerte Battuta das Schwarze Meer und betrat den Herrschaftsbereich von Uzbeg, einem Khan der sogenannten Goldenen Horde. An dessen Hof war er willkommen, und später begleitete er eine der Frauen des Khans nach Konstantinopel. Battuta verweilte einen Monat in der byzantinischen Stadt, besuchte die Hagia Sophia und erhielt sogar eine kurze Audienz beim Kaiser. Da dies sein erster Aufenthalt in einer großen, nicht-muslimischen Stadt war, erstaunte ihn vor allem die Sammlung der "beinahe unzähligen" christlichen Kirchen innerhalb der Stadtmauern.

Als nächstes reiste Battuta weiter ostwärts durch die Eurasische Steppe, um via Afghanistan und den Hindukush nach Indien zu gelangen. Angekommen in Delhi im Jahr 1334, gelang es ihm, die erhoffte Stelle als Richter unter dem mächtigen Sultan Muhammad Tughluq zu erlangen. Battuta absolvierte die angenehme Tätigkeit für mehrere Jahre; er heiratete und wurde sogar Vater von mehreren Kindern. Mit der Zeit wurde er jedoch misstrauisch gegenüber dem launenhaften Sultan, der dafür bekannt war, seine Feinde zu verstümmeln und zu töten - gelegentlich durch Elefanten, die mit Schwertern an ihren Stoßzähnen bestückt wurden. Eine Gelegenheit zur Flucht bot sich schließlich im Jahr 1341 an, als der Sultan Battuta zu seinem Gesandten im mongolischen Hofe Chinas auserkoren hatte. Nach wie vor abenteuerlustig, brach der Marokkaner als Führer einer Karawane mit Sklaven und voll bepackt mit Geschenken auf.

Battutas Reise nach Südostasien erwies sich jedoch als das schlimmste Kapitel seiner Odyssee. Hindu-Rebellen schikanierten die Karawane auf ihrer Reise zur indischen Küste, woraufhin Battuta gar entführt und bis auf sein letztes Hemd ausgeraubt wurde. Er schaffte es danach zwar bis zum Hafen Kalikuts, doch am Vorabend der Seereise wurden seine Schiffe von einem heftigen Sturm erfasst und ins Meer hinaus getrieben, wo diese sanken, und viele aus seiner Gruppe ertranken.

Diese Kette an Katastrophen ließ Battuta sprichwörtlich gestrandet und entwürdigt zurück. Es grauste ihm, sich so beim Sultan blicken zu lassen. Stattdessen entschied er, sich auf eine Seefahrt nach Süden, zum Archipel der Malediven im Indischen Ozean, zu machen. Er blieb für ein Jahr auf den idyllischen Inseln, schlug sich den Bauch mit Kokosnüssen voll, ehelichte mehrere Frauen und verdingte sich abermals als islamischer Richter. Er wäre vielleicht länger auf den Malediven geblieben, doch nach einem Zerwürfnis mit den dortigen Herrschern setzte er seine Reise nach China fort. Nach einem Zwischenstopp auf Sri Lanka, fuhr er auf Handelsschiffen durch Südostasien. Vier Jahre nach dem Aufbruch aus Indien im Jahre 1345 erreichte er den umtriebigen chinesischen Hafen von Quanzhou.

Das mongolische China beschrieb Battuta als "das sicherste und vortrefflichste Land für Reisende", und er lobte dessen landschaftliche Schönheit, brandmarkte indes auch die Einheimischen als "Heiden" und "Ungläubige". Verstört durch die ungewohnten Riten und Praktiken hielt sich der fromme Reisende meist unter den örtlichen muslimischen Gemeinschaften auf und lieferte nur vage Beschreibungen von Metropolen wie Hangzhou, die er "die größte Stadt, die ich auf dem Angesicht der Erde gesehen habe", nannte. Historiker debattieren bis heute, wie weit er tatsächlich gekommen ist. Er dagegen gibt an, bis nach Peking im Norden gelangt zu sein und den berühmten Kaiserkanal überquert zu haben.

China markierte auch das Ende von Battutas Reisen. Indem er den Rand der damals bekannten Welt erreicht hatte, machte er schließlich kehrt und reiste nach Hause, nach Marokko, zurück. Im Jahr 1349 erreichte er schließlich Tanger. Seine Eltern waren bereits verstorben, und somit hielt ihn dort nichts lange auf - er machte daher noch einen Ausflug nach Spanien, bevor er sich auf eine jahrelange Exkursion durch die Sahara zum malischen Reich begab und dort Timbuktu besuchte.

Während seiner Abenteuer hat Battuta keine Aufzeichnungen gemacht, aber mit seiner Rückkehr nach Marokko im Jahr 1354 begann er auf Befehl des dortigen Sultans mit dem Zusammentragen seines Reiseberichts. Er verbrachte das nächste Jahr damit, seine Geschichte einem Schriftsteller namens Ibn Juzayy zu diktieren. Heraus kam dabei die mündlich überlieferte Geschichte namens "Ein Geschenk an diejenigen, die über die Wunder der Städte und des Reisens nachdenken", besser bekannt als die Rihla (Reisen). Das Buch war damals zwar nicht über alle Maßen beliebt, gilt aber heute als eines der anschaulichsten und umfangreichsten Schilderungen der Islamischen Welt des 14. Jahrhunderts.

Nach Vollendung der Rihla verschwand Ibn Battuta fast aus den Annalen der Geschichte. Es wird angenommen, dass er noch als Richter in Marokko tätig war und um das Jahr 1368 verstarb - viel mehr ist nicht bekannt. Es scheint, als sei der große Wanderer - nach einem Leben auf Reisen - letztendlich zufrieden an einem Ort verblieben.

Erstmals veröffentlicht am 20. Juli 2017 beim US-Fernsehsender HISTORY. Übersetzt von Susanna Hesse.


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Thu, 09 Nov 2017 14:40:42 +0100
Der Koran ist selbstkritischer als die Muslime http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/17.html Sie kommen wie aus der Pistole geschossen. Worte, die jeder kennt und keiner mehr hören kann. Auch... Sie kommen wie aus der Pistole geschossen. Worte, die jeder kennt und keiner mehr hören kann. Auch nach den jüngsten Anschlägen hieß es wieder: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“. Längst sind es nicht nur die führenden muslimischen Dachverbände, die den simplen Satz nach jedem Anschlag wiederholen. Auch deutsche, nichtmuslimische Politiker sprechen diesen in Fernsehsendungen und Pressemitteilungen nach: „Terror hat nichts mit dem Islam zu tun.“ Hätten sich wenigstens die genannten muslimischen Vertreter bemüht, ihre wichtigste Quelle gründlicher zu prüfen, würden sie solche plumpen Aussagen sein lassen. Sie wären überrascht, wenn sie feststellen, dass der Koran sich in Fragen des Missbrauchs souveräner äußert als seine Anhänger. Denn er ermahnt seine Leser und macht deutlich: Wer die „Brille der Gewalt“ aufsetzt, wird Gewalt bei mir finden.

Die genuine Selbstkritik im Koran

Im Koran, dem heiligen Buch der Muslime und der wichtigsten Geistesquelle des Islams, heißt es: "Er ist es, Der das Buch zu dir herabgesandt hat; darin sind Verse von eindeutiger Bedeutung - sie sind die Grundlage des Buches - und andere, die verschiedener Deutung fähig sind. Die aber, in deren Herzen Verderbnis wohnt, suchen gerade jene heraus, die verschiedener Deutung fähig sind, im Trachten nach Zwietracht und im Trachten nach Missdeutung." (Sure 3, Vers 7)

Das heißt, dass diejenigen, die ein krankes Herz haben und zu schlechten Dingen neigen, die mehrdeutigen Verse als Maßstab des Buches nehmen und sich daran orientieren, mit dem Ziel, Hetze zu betreiben und Gewalttaten zu legitimieren - sie interpretieren den Koran nach ihren Interessen. Damit macht der Koran höchstselbst auf die Gefahr und Möglichkeit seiner falschen Interpretation aufmerksam. Unter den heiligen Schriften der Weltreligionen ist es wahrscheinlich nur der Koran, der mit dieser Deutlichkeit seine Interpretierbarkeit feststellt und darüber hinaus auch die Gefahr und Möglichkeit seiner falschen und missbräuchlichen Auslegung erwähnt.

Wesentliche Mitschuld der Dachverbände an der undifferenzierten Berichterstattung über den Islam

Als der Vorsitzende eines prominenten muslimischen Dachverbandes nach einem erneuten Anschlag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftrat und abermals seinen allseits berühmten Standardsatz „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ abgab, titelte das Nachrichtenmagazin „Focus“ wenige Tage später prompt: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Doch!“.

Diese Entwicklung ist nicht überraschend und war abzusehen. Wer mit solchen einfältigen Sätzen die politische Debatte führt, muss sich nicht wundern, dass sie einen ebenso einfältigen Gegenpol provoziert – mit fatalen Konsequenzen. Denn seit Langem hat die AFD diese fahrlässige Polarisierung für sich entdeckt und gibt immer wieder belustigend die Parole aus: „Hat aber alles nix mit nix zu tun.“ Nicht von ungefähr konnte die rechtspopulistische Partei diese Woche in den Bundestag einziehen, die gerade auf solche Schwarz-Weiß-Malerei angewiesen ist - an der eben bestimmte Dachverbände ursächlich beteiligt sind.

Wer undifferenziert debattiert, sät Dichotomien und treibt die Spirale in die Höhe - sie nötigen zu einer fundamentalen Gegenposition und geben dadurch Hetzern die Munition, die Gesellschaft auseinanderzuspalten. Hätten die leichtsinnigen Spitzenvertreter der organisierten Muslime jedoch stets verlautbart: „Die Anschläge sind das Resultat einer falschen Auslegung des Korans“ oder „Terror wird im Namen einer bestimmten islamischen Strömung ausgeübt, die dem Islamverständnis der absoluten Mehrheit der Muslime sowohl in Deutschland als auch weltweit widerspricht“ und andere theologisch korrekte und differenzierende Aussagen getätigt, ja sie hätten fundamental eine andere weitreichende und nachhaltige Wirkung auf die Islamdebatte gehabt. In dem Moment, wo die Rede davon ist, dass eine spezielle Richtung des Islams den Boden für diesen Terror und Gewalt ebnet, kann die Gegenseite nicht ohne Weiteres mit einem hetzerischen Gegenpol gegen den Islam per se auffahren und gegen ihn auf Stimmenfang gehen. Weil wo kein solcher Pol ist, kann es auch keinen entsprechenden Gegenpol geben.

Aber zu dieser Sachlichkeit ist es nicht gekommen und nun müssen sich die Muslime in diesem Wirrwarr an antagonistischen Debatten, Diskursen und Bildern schlagen und behaupten - und um eine authentische Stimme ringen. Denn sie sehen sich weder als Reformer noch empfinden sie sich als liberal, wenn sie sagen: „Ja, es hat mit dem Islam zu tun, aber nicht mit unserem Islam und nicht mit dem Islam unseres Propheten, dem wir folgen.“ Ein solcher Ansatz ist nicht nur ehrlich und wahr, sondern er trägt auch zum korrekten Verständnis bei und nimmt alle mit im gemeinsamen Kampf gegen das Übel dieser speziellen Ausrichtung des Islams.

Shayan ArkianShayan Arkian ist unter anderem Medien- und Politikberater und studierte Politik, Philosophie, Pädagogik und Theologie in Hamburg und Qom.




Ahmad AbbasAhmad Abbas ist Absolvent der Philosophie und Germanistik und angehender Islamwissenschaftler.


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Thu, 26 Oct 2017 16:11:39 +0200
Dogmatische Erstarrung oder Pluralismus der Demokratie? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/16.html Athen gilt als Modell für die Kulturleistung der Demokratie, obgleich die beiden größten Denker... Athen gilt als Modell für die Kulturleistung der Demokratie, obgleich die beiden größten Denker jener Zeit, Platon (gest. 347 v. Chr) und Aristoteles (322 v. Chr), davon nicht gerade überzeugt waren.

Platon hatte Bedenken aufgrund der Naivität der Massen, Aristoteles sah in der Demokratie eine defiziente Regierungsform. Und selbst die Gründerväter der Vereinigten Staaten betrieben die Demokratie mit einem gewissen Misstrauen, indem sie nur die (vermeintlich vernünftigeren) Männer wählen und das Schicksal der Gesellschaft bestimmen ließen.

Der US-amerikanische Philosoph und Schriftsteller Will Durant (gest. 1981) stellte in der Blüte der Demokratie die Frage, ob die Demokratie verloren habe, und er erklärte: „Je mehr ich die Demokratie untersuche, desto bewusster wird mir deren Unfähigkeit und Heuchelei.“ Die Unwissenheit der Masse und deren Instrumentalisierung durch die politischen Akteure sah er als Ursachen für das Scheitern der Demokratie. Nach dem deutschen Geschichtsphilosophen und Kulturhistoriker Oswald Spengler (gest. 1936) nützt Demokratie nur den Reichen.

Allerdings führte der vorherrschende Diskurs im 17. und 18. Jahrhundert die Demokratie letztlich zur gesellschaftlichen Akzeptanz. Heute propagiert der deutsche zeitgenössische Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas die Verwirklichung einer Demokratie, an der die Masse mehr Anteil hat. Er sieht den freien Vernunftgebrauch als notwendige Voraussetzung von Demokratie und für eine friedliche Machtübertragung und Machtausübung. Letztere sei die Grundlage für die Zufriedenheit der so politisch Organisierten. In seinem Sinne kann man die modernste und am weitesten entwickelte Form der Demokratie als legitime Partizipation der Masse verstehen.

Es gibt aber letztlich weder eine universell propagierte noch eine universell existierende Idealform oder Handhabungsweise der Demokratie, worüber ein Konsens herrscht. Sind die Demokratien in Frankreich und Irland, Italien und England oder in den USA und Indien gleich? Wurzelt die Demokratie eines Landes nicht in der Denkweise und damit in der Kultur der jeweiligen Bevölkerung? Wenn dem so ist, müsste es den Völkern der Welt nicht erlaubt sein, eine für sie geeignetere Definition von Demokratie zu begründen?

Es wäre schließlich ein Paradoxon, von einem einzigen Demokratiemodell auszugehen und dieses allen anderen Völkern vorzuschreiben. Darüber hinaus wäre es auch nicht im Sinne eines demokratischen Geistes, zu proklamieren, die Demokratie sei so etwas wie das „Ende der Geschichte“, als sei mit ihr alles beendet und die Menschheit würde niemals ein besseres System hervorbringen können. Die Mündigkeit des fortschrittlichen Menschen unserer Zeit würde so vom „Dogma der Demokratie“ erstickt werden. Die kreative Kraft des Menschen ist es aber, nicht zu versagen! Die islamische Autorität Imam Ali ibn Abu Talib brachte dies mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Jede dogmatische Stimme bedingt den Untergang.“

Meine Wenigkeit hält die Demokratie - trotz aller Mängel - für eine für die Menschen glückliche, erfolgreiche Erfahrung, die Machtkonzentration und Machtmissbrauch verhindert. Der Gebrauch bestimmter Begriffe, wie zum Beispiel „religiöse Herrschaft der Masse“, „religiöse Zivilgesellschaft“ oder „religiöser Pluralismus“, geht in bestimmten islamischen Gesellschaften mit dem Bestreben kluger Denker einher, ein neues Demokratiemodell zu entwickeln, das mit der Kultur, Geschichte und Politik dieser Gesellschaften kompatibel ist. Eine Kopie schon etablierter westlicher Demokratien wäre nicht nur nicht umsetzbar, sie wäre auch nicht sehr intelligent. Die Geschichte vergangener Generationen lehrt uns, dass Gedanken, die nicht auf Vernunft und Gedankenfreiheit basieren, früher oder später doch dogmatisch und absolut werden. Daher sollten die Völker der Erde - statt einer blinden Nachahmung - vielmehr die demokratischen Erfahrungen der Menschen in der westlichen Welt berücksichtigen. Vielleicht, ja vielleicht, würden sie sodann sogar in der Lage sein, ein humaneres, sozialeres und demokratischeres System zu etablieren. Der Grundgedanke der Demokratie verbietet ihnen diese Vorgehensweise jedenfalls nicht.


Mohammad Razavi Rad Dr. phil. theol. Mohammad Razavi Rad ist spezialisiert auf Religionswissenschaft und Religionsphilosophie und ist Autor von mehreren Büchern, Publikationen und Aufsätzen und ist Direktor des Instituts für Human- und Islamwissenschaften in Hamburg.


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rad@multiperspektivisch.de Mon, 23 Oct 2017 10:15:11 +0200
Die Instrumentalisierung von Opfern – eine Waffe im Kampf um die öffentliche Meinung http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/15.html Dass es in Kriegen auf beiden Seiten Opfer gibt, ist unbestritten. Der saubere Krieg oder die... Dass es in Kriegen auf beiden Seiten Opfer gibt, ist unbestritten. Der saubere Krieg oder die gezielte Tötung von Terroristen, Extremisten oder Feinden ist nur eine reine Illusion. Denn wer nun Feind oder Opfer - ausgeschaltet von einer Drohne von hoch oben in der Luft - sein kann oder wird, entscheidet nicht der Einzelne am Abzug. Vielmehr ist es ein Machtgefüge, welches darüber entscheidet, wer heute als Opfer gilt und morgen bereits als Feind zum Abschuss freigegeben wird.

Über 100 Jahre liegt es nun zurück, als Max von Oppenheim im Oktober 1914 eine Denkschrift mit folgender Überschrift veröffentlichte: „Über die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde.“

Max von Oppenheim, kaiserlicher Diplomat, Nachrichtendienstler und Hobbyarchäologe, verfocht darin die Ansicht, dass der Islam "eine unserer (des Deutschen Kaiserreiches) wichtigsten Waffen im drohenden Konflikt" gegen die deutschen Kontrahenten werden könne. Als Resultat dieser Einschätzung überzeugte das christliche Deutsche Kaiserreich den "kranken Mann am Bosporus", das vom Zerfall bedrohte Osmanische Reich, den Heiligen Dschihad auszurufen. Dies führte unter anderem dazu, dass die christliche Bevölkerung im Osmanischen Reich auf Deportationsmärsche in die syrische Wüste geschickt wurde. Auf dem Weg dorthin wurden massenweise Menschen massakriert oder als Zwangsarbeiter beim Bau der Bagdad-Bahn eingesetzt, wo sie wie die Fliegen starben. Die Bagdad-Bahn war für das Deutsche Kaiserreich von strategischer Bedeutung, weshalb man die Vernichtung von über 1,5 Millionen Armeniern, über Fünfhunderttausend Suryoye (Assyrer/Aramäer/Chaldäer) und mehreren Hunderttausend Griechen - allesamt Christen - in Kauf nahm.

Die Briten reagierten auf die deutsche Aufwiegelung entsprechend mit einem Counter-Jihad. Wenn man den historischen Quellen Glauben schenken darf, so war es kein geringerer als Lawrence von Arabien, ein britischer Offizier, der auf die Arabische Halbinsel entsandt wurde, um Beduinenstämme - unter ihnen auch die Wahhabiten - zum Jihad gegen die Osmanen und das mit den Osmanen verbündete Deutsche Kaiserreich aufzurufen. Mit Erfolg. Doch den Preis dafür hatten die späteren Generationen zu zahlen. Denn nachdem das Osmanische Reich unter England und Frankreich aufgeteilt worden war, kamen auch die Wahhabiten in Saudi Arabien an die Macht und setzen den Jihad - einst ausgelöst durch die europäischen Kriegsmächte und gespeist aus den Öleinnahmen - von nun an fort.

Und immer wieder verstand man es - auch Jahrzehnte danach - sich den "Dschihad-Effekt" zunutze zu machen: im Afghanistan-Krieg gegen die Sowjetunion, im Jugoslawien-Krieg auf Seiten der Nato oder im Kosovo-Krieg durch die Rebellen der kosovarischen Miliz UCK. Und dann kam der 11. September 2001. An diesem Tag wurden Flugzeuge in die Twin-Towers in New York gesteuert und löschten mit einem Schlag mehr als tausend Menschenleben aus. Sie waren ebenfalls Opfer eines Krieges. Doch sind sie auch Opfer einer Strategie, die einst die hervorgebracht hat, die zunächst von Nutzen waren und als Helden gefeiert wurden - wie zum Beispiel die früheren Taliban, auch Mudschaheddin genannt, in Afghanistan, als diese mit Unterstützung der CIA gegen die sowjetischen Besatzer kämpften. Nach dem Afghanistan-Krieg richteten sich die einstigen Helden nun gegen die, die sie mit erschaffen hatten. Nun waren sie Feinde und keine Opfer mehr. Die Situation hatte sich diametral zu dem entwickelt, wie sie einst sein sollte.

So beklagen nun alle Seiten Todesopfer und alle Seiten sehen sich im Recht. Denn ihre Opfer sind unschuldig gestorben, während die anderen es ja verdient hätten und Feinde sind.

Gegenwart

Die technologische Entwicklung, die Globalisierung und die Digitalisierung haben die Art und Weise, wie wir unser Umfeld wahrnehmen, sehr verändert. Was auf der anderen Seite der Welt passiert, landet in Sekundenbruchteilen auf unseren Smartphones, Tablets, Notebooks und Computern - ob wir es nun wollen oder nicht. Manchmal bedarf es nur ein paar Sekunden, bis sich Hinz und Kunz als einfache Bürger auf der Straße eine Meinung über Freund und Feind gebildet haben. In diesem Zusammenhang kann man getrost sagen, dass das Opfer ebenso wie der Feind digitalisiert wurde. Aber zu beurteilen, was in diesem Zusammenhang richtig oder falsch ist, fällt schon teilweise Experten und Wissenschaftlern schwer. Wie soll dann der unbescholtene Bürger eine korrekte Entscheidung darüber treffen können, wer Freund und wer Feind ist?

Allerdings muss es dieser auch gar nicht. Denn die "richtige" Entscheidung zu treffen, wird ihm ohnehin von denen abgenommen, die ihre Machtinteressen, beispielsweise im Nahen Osten, vertreten. Und es geht für sie um viel - unabhängig davon, ob es sich nun um die westliche Welt handelt, um die Russische Föderation, um China oder die Welt des Islams. Alle spielen mit und nutzen die Macht der Darstellung als Opfer, der stetigen und digitalen Bilder, als Mittel zum Zweck, so wie es bereits vor über hundert Jahren war, als Max von Oppenheim und Lawrence von Arabien den Verbündeten vorhielten, dass ihre Schwestern und Brüder abgeschlachtet wurden. Weder Lawrence noch Oppenheim interessierten sich in Wirklichkeit für irgendwelche Opfer, außer für die eigenen. Ihnen war es egal ob Christen, Muslime, Atheisten, Kommunisten oder einfach Menschen starben. Sie nahmen diese Opfer bereitwillig in Kauf, weil sie sie - so wie heute - zu Märtyrern hochstilisieren konnten. Als Mittel zum Zweck. Als mediale Waffe.

Im digitalen Äther werden wir tagtäglich mit den Bildern von Opfern bombardiert. Wer dieser Entwicklungen überdrüssig geworden ist, der schaut nur noch weg und widmet sich seinem eigenen Leben in Deutschland oder einem anderen europäischen Land - bis eine Krise weitere Flüchtlingswellen auslöst und man vom Thema eingeholt wird. Unweigerlich wird man sich dann mit den Gegebenheiten und Faktoren beschäftigen müssen und ein "Opfer-Täter"-Bild entwickeln - mit einem besonderen Fokus auf die Medien, Fernsehen und Zeitungen, die darüber entscheiden, wie dieses Bild auszusehen hat.

Opfer von Kriegen – Was sind sie wert?

Am 15. April 2017 wurde beispielsweise in Syrien gezielt ein geplanter, rein ziviler, regierungsnaher Evakuierungskonvoi durch einen Selbstmordanschlag angegriffen. Laut Reuters sowie weiterer ernstzunehmender Quellen kamen mindestens 126 Menschen ums Leben – darunter 80 Kinder, die perfiderweise mit Kartoffelchips angelockt worden sein sollen sowie 13 Frauen. Die Evakuierung war zwischen dem syrischen Verbündeten Iran und dem Rebellen-Verbündeten Katar ausgehandelt worden, um schiitische Syrer zu evakuieren, die zwei Jahre lang in den von den Rebellen belagerten Städten Fua und Kafraja unter Nahrungsmittelknappheit ausharrten. Sie sollten in Regierungsgebieten in Sicherheit gebracht werden.

Der Selbstmordanschlag, der gezielt Schiiten galt, war verheerender als der nicht einmal zwei Wochen vorher stattgefundene Giftgasangriff auf die von den Rebellen gehaltene Stadt Chan Schaichun mit mindesten 86 Toten. Der Angriff auf Chan Schaichun führte zu einem massiven Aufschrei in der westlichen Welt und veranlasste US-Präsident Trump eine Bestrafungsaktion anzuordnen. Hingegen wurde über den Terroranschlag auf den schiitischen Konvoi in den westlichen Medien wenig berichtet. Eine scharfe Verurteilung des Angriffs erfolgte zwar durch den Papst, aber westliche Politiker hielten sich mit Reaktionen eher zurück. Der Grund für die mediale und die damit einhergehende politische Zurückhaltung liegt in der "Feind-Freund"-Betrachtung im Hinblick auf die schiitische Schutzmacht Iran. Man kann die Art und Weise dieses Umgangs mit den zwei Ereignissen auf zwei einfache Formeln bringen:

  1. Bist Du gerade mein Feind, sind die Toten auf deiner Seite kaum eine Erwähnung wert.
  2. Bist Du mein Freund, glorifizieren wir die Toten auf deiner Seite zu Opfern und schlachten sie mit möglichst viel Getöse und Propaganda aus, um den Bürger auf der Straße davon zu überzeugen, sich für unsere machtpolitische Sache einzusetzen.

Brutkastenlüge

Die große Effektivität der Strategie der Ausschlachtung von Opfern, kann man sich anhand der sogenannten „Brutkastenlüge“ veranschaulichen, die in die Geschichte einging und Auslöser für einen Krieg war, der eigentlich heute noch andauert.

Es wurde behauptet, dass irakische Soldaten bei der Invasion Kuwaits im August 1990 - der damalige irakische Diktator Saddam Hussein war durch die USA mehr oder weniger zu diesem Schritt ermutigt worden - angeblich kuwaitische Säuglinge in einem Krankenhaus aus den Brutkästen gerissen und getötet hätten. So jedenfalls erzählte es 1990 eine angebliche Krankenschwester mit dem Namen Nayirah as–Sabah unter Tränen im Kongress der Vereinigten Staaten.

Sie sagte wortwörtlich: „Ich habe gesehen, wie die irakischen Soldaten mit Gewehren in das Krankenhaus kamen…, die Säuglinge aus den Brutkästen nahmen, die Brutkästen mitnahmen und die Kinder auf dem kalten Boden liegen ließen, wo sie starben.“

Nach dem Krieg wurde bekannt, dass diese Krankenschwester die 15-jährige Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA, Saud Nasir as–Sabah, war. Der Vater saß damals ebenfalls im Kongress - als Zuhörer im Publikum. Die Geschichte stellte sich später als unwahr heraus. Doch die Lüge war geboren und die nie real existierenden Säuglinge dienten den USA als ein entscheidender Vorwand, um in den Krieg zu ziehen, der weitere Kriege und damit die Entstehung terroristischer Gruppierungen nach sich zog, die noch mehr Opfer forderten. Selbst eine Organisation wie Amnesty International veröffentlichte in einem 84–seitigen, umfassenden Bericht die Brutkastenlüge.

Ausblick

Nun sind Akteure weltweit nicht gewillt, von dieser medialen Waffe abzulassen. Zu verlockend sind die Emotionen. Das beste Beispiel dafür ist die Türkei. Durch den Putsch in der noch laizistischen Republik Kemal Atatürks konnte man die Opfer der Revolte auf Seiten der legitim gewählten Regierung hochstilisieren und zu Märtyrern erklären. Wer dem nicht zustimmte, war ein Feind, und er (oder sie) verhöhnte die Opfer der Mütter und Väter, die ihre Kinder auf dem Schlachtfeld der Demokratie verloren hatten. Im Gegenzug wurden und werden die toten Söhne und Töchter kurdischer Eltern in der Südosttürkei, die in einem de facto regional begrenzten Bürgerkrieg gefallen sind, als Terroristen gebrandmarkt. Sie haben nach Ansicht der türkischen Regierung den Opferstatus nicht verdient - ebenso wenig wie die Millionen massakrierten Christen damals im Osmanischen Reich, weil man sie als Kollaborateure der Briten, Russen und Franzosen betrachtete. Dies ist eine Entwicklung, die in der heutigen Türkei wieder aufflammt und besorgniserregend ist. Christen (Armenier, Griechen, Suryoye), Kurden, Aleviten, Alawiten, Juden und so weiter gelten in Teilen der Türkei inzwischen wieder als Feinde. Ihr Tod kann nicht mit denen der echten Opfer, nämlich ihren Opfern, gleichgesetzt werden.

Dabei weinen jedoch die Mütter und Väter aller Opfer die gleichen Tränen.

Simon JacobSimon Jacob ist Vorsitzender des „Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland e.V. – ZOCD“. Im Rahmen des von ihm initiierten Projektes Peacemaker-Tour war er 2015/2016 als Friedensbotschafter des Zentralrats und freier Journalist im Nahen Osten unterwegs. In gut fünf Monaten legte Simon Jacob rund 40.000 km zurück und besuchte neben der Türkei, Georgien, Armenien und Iran auch die Krisengebiete in Nordsyrien und Nordirak.


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s.jacob@zocd.de Wed, 18 Oct 2017 19:00:18 +0200
Der Partikularismus der Muslime im Universalismus des Islam oder warum die Wahrheit nicht den Muslimen gehört http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/13.html Während Kain aufgrund seiner Niederlage und der Besserstellung seines kleinen Bruders aufgrund... Während Kain aufgrund seiner Niederlage und der Besserstellung seines kleinen Bruders aufgrund seiner Tugendhaftigkeit zum Todesschlag ausholte, versicherte Abel ihm, dass er seine eigene Hand nicht erheben würde, da er die Konsequenzen Gottes fürchtete. Kain, völlig berauscht von seinen Minderwertigkeitskomplexen, ließ sich davon nicht beeindrucken und tötete ihn.

Von diesem (nach der abrahamitischen religiösen Vorstellung) ersten Mord in der Menschheitsgeschichte haben die Menschen bis heute nicht sehr viel gelernt. Noch immer morden sie, weil es andere besser haben oder weil andere eine vermeintliche Gefahr für die eigene Position darstellen oder weil sie sich schlichtweg erhaben und dazu berechtigt fühlen. Die Geschichtsbücher sind überfüllt mit solchen Geschichten.

Die letztere Spezies von Mördern führt eine scheinbare universalistische Legitimation an. So sind beispielsweise säkulare Weltanschauungen und Religionen, die fast alle universalistisch, also für alle Menschen offen sind, dann oft jene, die scheinbar die Legitimation für das Morden liefern. Das Paradoxe dabei ist, dass von diesen Weltanschauungen und Religionen von ihren extremistischen Anhängern eine Legitimation entnommen wird, um ihre Auserwähltheit und Überlegenheit über andere Menschen zum Ausdruck zu bringen. Bei ihnen lebt die Wahrheit. Und anstatt dass sie andere dazu bewegen, an dieser Wahrheit teilzunehmen, werden sie für ihre Teilnahmslosigkeit an der Wahrheit getötet.

Am offensichtlichsten zeigt sich dies derzeit bei extremen islamistischen Gruppierungen. Sie töten Andersgläubige, zerstören ihre Denkmäler und Geschichte, und sie machen auch nicht vor Muslimen halt. Was fehlt nun solchen Gruppen, dass sie - anstatt andere zum Islam einzuladen bzw. sie zur „Wahrheit“ zu führen - sie lieber diffamieren, erniedrigen oder gar töten?

Der islamische Prophet Muhammad hat die meisten Menschen zu seiner Religion geführt, indem er eine innovative Verfassung für Menschen verschiedenen Glaubens schrieb (die Verfassung von Medina) und Friedensverträge schloss, wie den Vertrag von Hudaibiyya, der im heiligen Buch der Muslime, dem Koran, sogar als größter Sieg bezeichnet wird, weil in dieser Friedenszeit ein reger Austausch und Dialog stattfinden konnte, und sich schließlich der darauffolgende friedliche Übertritt Mekkas zum Islam vollzog). Es war also das gute Wort, womit der Prophet die Menschen überzeugte - es war weder das Schwert noch irgendwelche Diffamierungen, Beleidigungen oder Ähnliches. Im Koran, der auch die wichtigste Geistesquelle des Islams ist, heißt es: „Und wir haben dich nur als eine Barmherzigkeit für alle Welten entsandt.“ (Sure 21, Vers 107)

Dieser Vers zeigt den Universalismus des Islam und seine weitreichende Botschaft, nämlich eine Barmherzigkeit für jeden auf der Welt zu sein - und zwar durch den Dienst an dem einzigen Gott. Gott hat nach islamischer Vorstellung dem Menschen einen Verstand und die Freiheit mitgegeben, und das macht jeden Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit fähig. Somit besitzt niemand die Wahrheit, weil jeder Mensch durch sein Menschsein Anteil an ihrer Erkenntnis hat. Und gerade weil jeder Mensch anders ist und Muslime auch als solche akzeptiert werden wollen, sind sie zur Toleranz angehalten, auch wenn andere an etwas anderes glauben, als sie selbst. Daher ist ein Partikularismus, also eine Art Erhebung seiner eigenen Interessen über andere, unislamisch.

Das Vorgehen der extremen Islamisten ist damit ein auf ein niederes menschliches Bedürfnis zurückzuführendes Motiv und hat mit der Erhaltung des Islams kaum bis überhaupt nichts zu tun - die Religion dient nur als ein Rahmen für ein grausames Unternehmen. Es geht bei solchen Machtspielen immer darum, sich über andere zu erheben, um so Identität zu schaffen. Das passiert dadurch, dass man das eigene hässliche Schlechte auf die anderen projiziert und alles Gute bei sich sieht. Auch Kain dachte nicht an die Unschuld seines Opfers, sondern nur daran, dass Abel - und nicht er - gewann.

Die Rattenfänger, die ihre Rekrutierten dazu bringen, an ihre Sache zu glauben, erreichen dies fast nur durch Emotionen. Nach dem französischen Sozialpsychologen Gustave Le Bon werden Massen nicht durch reine Vernunft überzeugt, sondern durch Emotionen und Eindrücke geführt, sodass sie eine unwirkliche Wirklichkeit eher annehmen würden als die wirkliche. Durch Emotionen werden fanatische Ideologien geschaffen, die Reales mit Irrealen vermischen, und die Menschen nun dazu bewegen, alles Erdenkliche zu tun. Sie brauchen also den Feind für die Erhaltung ihres Selbst und ihrer Ideologie - der Tod des Anderen ist das Leben ihres "Wirs". Auch wenn nun alle Andersgläubige nicht mehr existieren, so werden sie sich andere Feinde suchen, um ihre Erhabenheit und Identität sicher zu stellen. Dies ist wohl auch ein Grund, warum sich Extremisten - wie beispielsweise in Syrien - häufig gegenseitig bekämpfen. Der US-amerikanische Sozialphilosoph Sam Keen sagte zutreffend: "Aus unseren privaten Dämonen zaubern wir uns einen öffentlichen Feind".

Was aber Kain angeht, so wurde sein Wahn beendet, als er sich von einem Raben erklären lassen musste, wie er die Leiche seines Bruders begraben sollte. Die Fähigkeit Kains bestand auch darin, sein niederträchtiges Handeln zu erkennen, und er bereute hiernach.

Ob die Fanatiker unter den Muslimen und die islamistischen Terroristen irgendwann einmal ihr niederträchtiges Handeln erkennen, bleibt zu hoffen. Der Irrglaube, dass Wahrheit ein Gut ist, was man besitzt, und somit andere davon ausgrenzt, war schon immer Ursache für den Untergang der Völker. „Er lässt vom Himmel Wasser herabkommen, und dann fließen Täler entsprechend ihrem Maß, daraufhin trägt die Flut aufschwellenden Schaum. Und aus dem, worüber man das Feuer anzündet, im Trachten (da)nach(,) Schmuck oder Gerät (anzufertigen, entsteht) ein ähnlicher Schaum. So prägt Gott (im Gleichnis) das Wahre und das Falsche. Was nun den Schaum angeht, so vergeht er nutzlos. Was aber den Menschen nützt, das bleibt in der Erde. So prägt Allah die Gleichnisse.“ (Sure 13, Vers 17)


MazraaniJasmin Mazraani ist Islam- und Sozialwissenschaftlerin und forscht über das politische und kulturelle Leben von Minoritäten.


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jassi812@hotmail.com Fri, 06 Oct 2017 11:14:35 +0200
Das Eintreten für Werte, denen man im gleichen Satz widerspricht http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/12.html Was mich am Westen am meisten beeindruckt, ist, was er nach der Verabschiedung der Kirche und ihrer... Was mich am Westen am meisten beeindruckt, ist, was er nach der Verabschiedung der Kirche und ihrer Macht - damit aber auch einhergehend der ganzen Religion - an Gedanken, an Gesetzen, an Idealen, an Fortschritt erreicht hat - ohne oder mit wenig Bezug zur Religion.

Zweifellos ist aber Religion noch ein Baustein der heutigen westlichen Kultur, jedoch ist ihr Geist weitgehend aus dem Gehäuse entwichen, wie es Max Weber einst konstatierte. Die Menschen hier haben umfassende Systeme des Rechts, der Normen, der Verwaltung und der Wirtschaft geschaffen - sowie erhabene Wissenschaftsmethoden. Man könnte meinen, sie haben den Gipfel der Zivilisation erklommen.

Menschen aus dem Westen wissen aber auch, welche Stellung sie durch das Streben ihrer Vorväter in der Welt haben. Sie ist hoch, sehr hoch, und das muss gewahrt werden vor jeglichen Einflüssen, die das in irgendeiner Weise gefährden könnten. Nicht anders kann ich mir erklären, warum in diesem hochzivilisierten Europa Menschen auf die Straße gegen andere Menschen (vor-)gehen, die wohl den schlechtesten Stand in dieser Gesellschaft haben. Gerade ihr Schicksal, das sie in diese schlechte Situation gebracht hat, wird als Argument angeführt, warum sie bloß wegbleiben sollen.

Da aber die „patriotischen Europäer“ doch schon wissen und hochhalten, für was ihre Vorväter gekämpft haben, nämlich für Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung und Gleichheit der Menschen, müssen diese „stolze Werte“ nun irgendwie mit ihrer Aversion harmonisieren. Dies tun sie, indem sie „Konzessivisten“ sind - das heißt Menschen, die zur Beschreibung ihrer Überzeugung Konzessivsätze nutzen, also Sätze, die sich selbst widerrufen. Meist läuft das dann so ab: „Ich habe nichts gegen Ausländer/Flüchtlinge/Muslime/Migranten, aber….“ Oder: „Ich bin zwar für die Religionsfreiheit, aber…“ Oder: „Ich bin zwar Demokrat und tolerant, aber…“ Und wenn dann Moscheen und Asylbewerberheime angezündet werden, sind nach diesem Denkmuster die Flüchtlinge selbst die Bösen. Der konkret Bedrohte ist in diesem Weltbild nicht schützenswert, sondern die Bedrohung selbst.

Die „Konzessivisten“, die ja eigentlich nichts gegen andere haben, „aber“ dann doch etwas finden, worin sie ihre Ablehnung kundtun können, erhalten sich damit ein gutes Gewissen in Bezug auf ihre schönen hochgehaltenen Werte, und sie lehnen diese zugleich aber für andere Menschengruppen ab. Bei den vielen grausigen Geschichten der Unmenschlichkeit, die uns jeden Tag aus den Fluchtorten zu Ohren kommen, ist es jedes Mal wieder verwunderlich, mit welchen Argumenten sie ihr(e) „Aber(eien)“ schmücken. Seien wir ehrlich: Eine Gesellschaft, die sich durch die bloße Anwesenheit einer kleinen Gruppe von Habenichtse in ihrer Existenz bedroht sieht, hat ein schwaches und paranoides Selbstbild. Hochnäsig stellen sie sich vor diese und wollen ihre Werte und ihren hart erarbeiteten Reichtum verteidigen, merken aber dabei nicht, dass sie damit primär ihre eigene Arroganz entblößen.

Bemerkenswert ist es zudem, dass sie ihre Werte und ihr Gut immer vor jenen beschützen wollen, deren Vorfahren von ihren Vorvätern in irgendeiner Weise kolonisiert wurden. Alle Menschen scheinen aus den ehemaligen Kolonien nach Europa zu kommen und zu flüchten, und sie wollen an den gleichen Lorbeeren teilhaben, die die Kolonialmeister aus ihrer „glorreichen Zeit“ gesammelt haben. Denn wen stören schon die Thailänder und Japaner, die kaum ein Wort Deutsch können, und die mit ihrer abstrakten Sprache und andersartigem Aussehen die Universitäten und Straßen bevölkern oder wenn sie (wie in Düsseldorf) ganze Stadtteile mit eigenen Restaurants, eigenen Supermärkten, eigene Friseurläden und eigenen Schulen besetzen? Wo sind hier die „Aber-Sager“ mit ihren Argumenten der Parallelgesellschaft, der Entfremdung der deutschen Kultur und dem Verlust der deutschen Sprache?

Aber darum geht es überhaupt nicht, es geht hier um einen viel gravierenderen Verlust: Menschen flüchten, weil sie Grausames erlebt haben. Sie geben ihre Heimat auf, ihr ganzes Hab und Gut. Dafür kommen viel auf dem illegalen Weg mit Schleppern nach Europa. Und wenn sie es endlich - trotz Lebensgefahr - schaffen, hier anzukommen, treffen sie auf die sogenannten "patriotischen Europäer", die sie ablehnen und gleich zurückschicken wollen. Was ist das für ein Zeichen? "Wer die Opfer nicht schreien hören, nicht zucken sehen kann, dem es aber, sobald er außer Seh- und Hörweite ist, gleichgültig ist, daß es schreit und zuckt - der hat wohl Nerven, aber - Herz hat er nicht.“ (Bertha von Suttner | 1843 - 1914)


Jasmin MazraaniJasmin Mazraani ist Islam- und Sozialwissenschaftlerin und forscht über das politische und kulturelle Leben von Minoritäten.


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jassi812@hotmail.com Fri, 06 Oct 2017 08:34:57 +0200