MultiPerspektivisch http://www.multiperspektivisch.de/ Beschreibung de MultiPerspektivisch http://www.multiperspektivisch.de/typo3conf/ext/tt_news/ext_icon.gif http://www.multiperspektivisch.de/ 18 16 Beschreibung TYPO3 - get.content.right http://blogs.law.harvard.edu/tech/rss Thu, 24 May 2018 13:19:01 +0200 Konstruktive Reformen sind im Sinne des Islams http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/42.html „Der Islam muss reformiert werden“. „Der Islam ist reformunwillig.“ „Der Islam muss abgeschafft... „Der Islam muss reformiert werden“. „Der Islam ist reformunwillig.“ „Der Islam muss abgeschafft werden.“ […]

Das sind Statements, mit denen wir sowohl in sozialen Netzwerken als auch in der etablierten Medienwelt konfrontiert werden. Der Islam erscheint kontroverser denn je und dies in all seinen Facetten. Er ist als Diskussion in einem reinen religiösen Zusammenhang kaum mehr vorstellbar. Um so dringender ist es deshalb, theologisch kurz aufzuarbeiten, was eigentlich Reform aus islamischer Sicht bedeutet.

Gott als der erste Reformer

Tatsächlich tritt Gott selbst im Koran als Reformer auf, indem er Gesandte und Propheten auf die Welt entsendet, die die jeweiligen Gesellschaften, ja selbst von Gott begründete monotheistische Gesellschaften, zu reformieren haben. Folglich sind muslimische Reformbestrebungen keineswegs Ideen, die dem Islam von außen zugetragen werden, sondern sie sind inhärent islamisch.

Gesellschaftliche Basis als Voraussetzung

Nach islamischer Vorstellung basiert eine Reform auf zwei Säulen, zum einen auf der Idee, zum anderen auf die Umsetzung. Das heißt, dass die Methode der göttlichen Reformierung versucht, durch die Umsetzung einer vorausgegangenen Idee eine Reform herbeizuführen.

Doch wer kann im islamischen Kontext eine konstruktive Reform durchführen?

Ein Beispiel ist der islamische Prophet Muhammad ibn Abdullah, der vielmehr ein Reformer als ein Revolutionär war. Die Berufung Muhammads zum Propheten geschah in einer Zeit, als dieser in seinen ersten vierzig Lebensjahren bereits sehr viel Vertrauen in seiner Heimatstadt Mekka gesammelt hatte. Dieses Vertrauen durchbrach jegliche konfessionelle und tribale Trennlinien im pluralistischen Mekka, galt er doch unisono als „der Vertrauenswürdige“ und erhielt dementsprechend den arabischen Beinamen Al-Amin. Durch seine charakterlichen Vorzüge hatte er eine starke Basis, womit er seine kriegsgeschüttelte Gesellschaft zum Frieden reformieren und vereinigen konnte.

Demzufolge ist klar, dass Reformen im Islam nicht durch Islamkritiker oder Menschen, die keine Basis in der muslimischen Gemeinschaft haben, zu bewerkstelligen sind. Allenfalls könnten sie Impulsgeber sein, insofern es sich um konstruktive Kritik und nicht um absichtlich polarisierende Effekthascherei handelt.

Reformen müssen mit den Faktoren Ort und Zeit harmonisieren

Der Begriff „Reform“ findet sich im heiligen Buch der Muslime und der wichtigsten Geistesquelle des Islams, nämlich im Koran, als Islah wieder. Dieses arabische Wort ist semantisch gesehen als Verbesserung, aber interessanterweise auch als Aussöhnung zu verstehen. Es ist von der Wortwurzel ṣ-l-ḥ abgeleitet, die die Bedeutung gut, richtig, rechtschaffen, redlich, brauchbar und passend hat. Islah ist das Substantiv dieser Wortwurzel und hat die Bedeutung von „eine Aussöhnung herbeiführen“, „in Ordnung bringen“ oder „für geordnete Verhältnisse sorgen“.

Damit wird schon rein semantisch deutlich, dass eine Reform, wenn sie eine islamische sein will, einerseits islamische Ziele von gut, richtig, rechtschaffen und redlich zu beinhalten hat, aber andererseits auch mit der jeweiligen Zeit zu harmonisieren hat. Sie muss brauchbar und passend sein und mit der neuen Situation eine Aussöhnung herbeiführen, um Missstände in Ordnung zu bringen und geordnete Verhältnisse wiederherzustellen.

Das Leben existiert auf dem Fundament der Zeit. Und diese ist in einem stetigen Wandel, sie erneuert und entwickelt sich fortwährend weiter. Oder wie es der unter Sunniten und Schiiten verehrte Dichter und Gelehrte Dschalal ad-Din ar-Rumi sagt: „Mit jedem Atemzug verändert sich die Welt und wir.“ Wenn also Regelwerke und Bestimmungen nicht mit dem Wandel der Zeit Schritt halten, verlieren sie den Bezug zum zeitgemäßen Leben. Dabei verliert sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft die Möglichkeit zur Weiterentwicklung. Gleichwohl kann eine islamische Reform selbstredend nicht die Abschaffung von islamischen Grundsätzen und -regeln zum Ziel haben, sondern vielmehr werden diese unter Berücksichtigung von Ort und Zeit mit Hilfe der islamischen Rechtsfindung (im Fachjargon: Ijtihad) modifiziert.

Die gescheiterte Reform: Der Wahhabismus

Abschließend möchte ich auf ein Beispiel einer Reform des Islam hinweisen, die die Faktoren Ort und Zeit nicht berücksichtigt: der Wahhabismus.

Der Wahhabismus ist eine junge, seit dem 18. Jahrhundert entstandene islamische Reformbewegung - ausgehend von der Arabischen Halbinsel, später mit saudischen Petrodollars weltweit exportiert - die aus ihrer Sicht eine Reinigung von "verhunzten" muslimischen Praktiken anstrebt.

Demnach müsste jede religiöse Handlungsnorm aus dem Koran und den prophetischen Überlieferungen (im Fachjargon: Sunna) direkt entnommen werden. Der Denkfehler, der hierbei begangen wird, ist der, dass man meint, das religiöse Bestimmungen, die zu Lebzeiten des Propheten im 7. Jahrhundert erlassen wurden, eins zu eins in die Gegenwart zu übertragen sind und jede Abweichung davon als verdammenswerter Bruch mit dem Islam verstanden wird.

Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Wenn auf religiösen Bestimmungen bestanden wird, deren ursprüngliche Sinnhaftigkeit während des Erlasses nicht mehr in einer anderen oder gegenwärtigen Gesellschaft vorliegt, vollzieht sich der Bruch mit dem göttlichen Willen. In der deutschen Sprache spricht man in diesen Fällen passend von "nicht im Sinne des Erfinders" oder mit anderen Worten: "nicht im Sinne des göttlichen Gesetzgebers".

Eine Rechtslogik, die vergeblich versucht, mit aller Kraft überkommene Normen wiederherzustellen, führt bestenfalls zu Frust und schlimmstenfalls zu Gewalt. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass sich heute die meisten islamisch gefärbten Terrororganisationen (IS, Al-Qaida, Taliban, Boko Haram usw.) auf die Lehre des Wahhabismus berufen, die weder mit westlichen noch mit islamischen Normen und Werten vereinbar sind. Diese Reform des Islam ist keine Erneuerung auf den islamischen Grundlagen von Vernunft, Ort und Zeit, sondern ein "verdammenswerter Bruch mit dem Islam" - mit katastrophalen Folgen.

Um so ärgerlicher ist daher die weitverbreitete Vorstellung in diversen Medienhäusern, dass der Wahhabismus den "wahren Islam" ausmachen würde und seine Anhänger "wahre Muslime" wären.

Mohammad Razavi RadDr. phil. theol. Mohammad Razavi Rad ist spezialisiert auf Religionswissenschaft und Religionsphilosophie und ist Autor von mehreren Büchern, Publikationen und Aufsätzen und ist Direktor des Instituts für Human- und Islamwissenschaften in Hamburg.


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rad@multiperspektivisch.de Thu, 24 May 2018 13:19:01 +0200
Die westliche Unterwerfung vor Saudi-Arabien und die Möglichkeit seiner Truppenunterhaltung in Syrien http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/41.html Nach seiner Tingeltangel-Tour durch Washington, London und Paris - flankiert von lukrativen... Nach seiner Tingeltangel-Tour durch Washington, London und Paris - flankiert von lukrativen Geschäften - unter anderem für die Rüstungsschmieden der USA, Großbritanniens und Frankreichs, versucht der Kronprinz und faktischer Machthaber Saudi-Arabiens, Mohammed Bin Salman, immer stärker Einfluss auf die Nahost-Politik der westlichen Staaten zu nehmen. Nicht ohne Erfolg.

Der französische Präsident Emmanuel Macron war sich nicht zu schade, seine Militärschläge gegen Syrien, aufgrund bisher nicht bewiesener Giftgasangriffe von Seiten des Assad-Regimes, in Paris im Beisein Bin Salmans zu verkünden.

Macrons Unterwerfung

Dabei sollte es gerade der Präsident Frankreichs besser wissen. Immerhin wurde das Hexagon - wie die Franzosen Ihr Land aufgrund seiner geographischen Ausprägung gerne zu nennen pflegen - in der jüngsten Vergangenheit Schauplatz blutiger Terroranschläge in Paris und Nizza, denen hunderte Menschen zum Opfer fielen, welche ideologisch inspiriert waren, von jenem radikalsunnitischen Islam, in seiner salafistischen Extremvariante, welche mit saudischen Geldern und saudischen Ideologen neben Erdöl in alle Welt exportiert wurde und wird.

Aber davon sprach Macron nicht, ebenso wenig von dem Verbrechen, welches die Saudis in Jemen mit den Waffen des Westens anrichten. Wenn der Präsident von Menschenrechtsverletzungen sprach, dann lediglich in Richtung Damaskus. Angesichts dieses Auftretens erscheint der Buchtitel des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq „Soumission" - „Die Unterwerfung"- von beklemmender Aktualität. 

Das Gleiche gilt natürlich für das Verhalten der britischen Premierministern Theresa May, von deren politischen Fähigkeiten sowieso überhaupt nichts zu halten ist, vor allem aber auch für US-Präsident Donald Trump. Kronprinz Bin Salman kann diesbezüglich unbesorgt sein, die Führer der sogenannten „Freien Welt" haben nicht vor, ihren Kurs zu ändern.

Schnelle Rendite dominiert über langfristige Sicherheitsinteressen, das Shareholder Value steht über dem Citoyen, nicht die Herrschaft des Volkes - die Demokratie - wird ausgeübt, sondern die Herrschaft des Geldes – die Plutokratie.

Bin Salmans Angebot

Demzufolge hat der saudische Kronprinz den USA angeboten, wohl wissend dass die US-Amerikaner sich schnell zurückziehen möchten, ein eigenes Truppenkontingent nach Syrien zu senden, natürlich alles ohne Absprache mit der Regierung in Damaskus.

Statt der 2.000 GIs, die im äußersten Nordosten Syriens, im ehemaligen Herrschaftsgebietes des sogenannten Islamischen Staates (IS), stationiert sind, sollen dort saudische Truppen die Region stabilisieren, also Truppen aus jenem Land, wo der IS einst ideologisch geboren wurde. Neben den Truppen Bin Salmans, sollen auch ägyptische und Soldaten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten mit von der Partie sein.

Zweifel an der Schlagkraft der saudischen Armee

Unter US-Militärs wird von diesem Plan, den Präsident Trump zunächst begeistert aufnahm, wenig bis gar nichts gehalten. Die militärischen Fähigkeiten der Saudis werden von US-Generälen generell in Zweifel gezogen, als Fallbeispiel wird Riads Aggression gegen Jemen zitiert, wo die Truppen des Kronprinzen nicht von der Stelle kommen - trotz modernster Aufrüstung durch den Westen und einer brachialen Vorgehensweise gegen das ärmere, schwächere und kleinere Nachbarland.

Auch hegt kein Experte einen Zweifel daran, dass im Falle einer Konfrontation mit seinem Erzrivalen Teheran, die Saudis den Iranern heillos unterlegen wären.

Die britische Tageszeitung „Guardian" zitiert diesbezüglich Experten, wonach die saudischen Truppen daher Söldner einsetzen würden, was sie zum Teil schon im Jenen praktizieren.„Ich bin sicher, dass die Saudis bereit sind, in Syrien bis zum allerletzten sudanesischen Soldaten zu kämpfen", ließ ein britischer Nahost-Experte daher zynisch verlautbaren.

Da trifft es sich gut, dass der Trump-Vertraute Eric Prince im Hintergrund die Strippen zieht. Prince ist der Gründer der berüchtigten amerikanischen Sicherheitsfirma Blackwater, die wie für keine andere das weltweite Söldnertum und die Privatisierung von Kriegen betreibt.

Das alles klingt wieder nach einer gefährlichen Schnapsidee, die neues Leid und Unheil hervorrufen wird und ist Ausdruck für die moralische Bankrotterklärung des Westens und seiner Verbündeten im Nahen Osten, im Jahr 17 des „War on Terror".

Der Aufruhr von 1979 und seine Folgen

Um noch einmal auf die militärischen Fähigkeiten der Saudis zu sprechen zu kommen. Im November 1979 kam es in dem Königreich zu einem Aufruhr, welcher in der Erstürmung der Heiligen Stätten von Mekka gipfelte. Die Heiligen Stätten wurden von Fanatikern besetzt. Als Motiv gaben die Aufrührer an, sich gegen die Prunksucht des Hauses Saud auflehnen zu wollen.

Hier wird die Story hochaktuell. Der Anführer war ein gewisser Juhayman al-Otaybi, der seinen Schwager Mohammed al-Qahtani als den unter sowohl Sunniten als auch Schiiten erwartenden Messias, den al-Mahdi, ausrief und der eine Menge von Mitstreitern um sich scharrte. Das Könighaus reagierte geschockt. Seit diesem Tag verfolgt man in Riad die Strategie, den wahhabitischen Gedankengut weltweit zu fördern, um von seinem Prunk- und Verschwendungssucht abzulenken.

Der weltbekannte Schriftsteller Salman Rushdie äußerte vor einigen Jahren, in einem Interview mit dem Verfasser dieses Artikels: „Mithilfe des enormen Wohlstands, den unsere Petro-Dollars brachten, haben die Saudis ihre sehr fundamentalistische Version des Islam verbreitet, die zuvor innerhalb der islamischen Welt nur den Status einer Art Sekte besaß. Dadurch - durch die Verbreitung der saudischen Form - hat sich die ganze Natur des Islam zum Nachteil verändert."

Wie der Aufruhr in Saudi-Arabien damals zu Ende ging?

Da die saudische Armee nicht in der Lage war, diese Revolte niederzuschlagen, wandte sich Riad verzweifelt an Paris und bettelte um den Einsatz der französischen Antiterror-Einheit der GIGN. So kam es dazu, dass „Ungläubige aus dem Abendland" den Hütern der Heiligen Stätten des Islams zur Seite standen, bis zur Vernichtung dieses frühsalafistischen Aufruhrs.

Aus der Perspektive der islamischen Geschichtsschreibung, hatte es seit dem 10. Jahrhundert, als die ketzerischen Qarmaten die heiligen Stätten heimsuchten, keine solche Entweihung mehr gegeben.

Seit jenem Tag, im November 1979, ist eine Rückkehr des Hauses Al-Saud zu einer fundamentalistischeren Interpretation der islamischen Gesetzgebung festzustellen. Seit jenem Tag kann man auch die militärischen Fähigkeiten der Saudis beobachten. In diesem Zusammenhang ist es als Warnung und Mahnung zu betrachten, was eines Tages geschieht, wenn ein ähnlicher Aufstand dort gelingen sollte, denn heute sind die Waffenkammern Riads prall gefüllt, mit den modernen Waffentechniken des Westens.


Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen. Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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ramon_schack@yahoo.de Wed, 09 May 2018 13:05:44 +0200
Die sogenannte Kopftsteuer diskriminiert keine Christen http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/40.html Es vergeht keinen Monat, in dem nicht in einem etablierten Medium verkündet wird, dass überall da,... Es vergeht keinen Monat, in dem nicht in einem etablierten Medium verkündet wird, dass überall da, wo der Islam politisch herrsche, Christen durch die sogenannte Kopfsteuer diskriminiert würden.

Keine Frage: In einem Islamischen Staat nach dem Vorbild des Propheten Muhammad ibn Abdullah würden Christen nicht die gleichen Rechte wie die Angehörigen des Islams haben, da in solch einem Staat die Staatsangehörigkeit anhand der Religionszugehörigkeit definiert würde und Nichtmuslime demzufolge als Ausländer betrachtet würden. Und vermutlich in keinem Staat der Welt genießen Staatsangehörige eines fremden Staates die gleichen Rechte wie die Menschen mit der Angehörigkeit des Staates, in dem beide leben.

Wir möchten in diesem Artikel daher ausschließlich der Frage nachgehen, ob die sogenannte Kopfsteuer als Alibi dafür herhalten kann, dem Islam vorzuwerfen, die religiösen Minderheiten zu diskriminieren, wie es von Seiten der Islamkritiker - aber sogar selbst von einer Reihe unwissend anmutender Denker, die dem Islam als gegenüber wohlwollend gesinnt gelten - absichtlich bzw. irrtümlicherweise erhoben wird.

Die Dschizya befreit vom Militärdienst

Da die Angehörigkeit bzw. Bürgerschaft des Staates nach dem islamischen Ideal entlang der religiösen - und nicht der ethnischen oder anderen Trennlinien - verläuft, stellt sich die Frage, ob Nichtmuslime in einem solchen islamischen Land an der brisantesten hoheitlichen Aufgabe des Staates, nämlich an der aktiven Gewährleistung der inneren und äußeren Sicherheit sowie am Gewaltmonopol, mit partizipieren dürfen. Während wohl in allen Staaten der Welt, Ausländer nicht Polizisten, Geheimdienstler oder Armeeangehörige werden können, ist dies jedoch im übertragenen Sinn in jenem idealen islamischen Staat möglich.

Falls es aber nicht zu solch einer interreligiösen kollektiven Sicherung kommt, haben die Nichtmuslime erst dann den Muslimen die Dschizya, die sogenannte Kopfsteuer, zu zahlen, damit ihre Sicherheit an Leib und Eigentum exklusiv von den Muslimen übernommen wird. Diese Sicherungsübernahme nennt man im Fachjargon Dhimma, was Schutz heißt. Und die Nichtmuslime, die eine Dhimma mit den Muslimen eingehen, nennt man in der Fachterminologie Ahl adh-Dhimma, das wiederum Schutzbefohlene bedeutet.

Die unumstrittene islamische Autorität Imam Ali ibn Abi Talib - der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, der vierte rechtgeleitete Kalif der Sunniten und erste Imam der Schiiten - äußerte sich zu diesem Sicherungsvertrag wie folgt: „Ihre Zustimmung [der Nichtmuslime] zum Abschluss eines Dhimmas erfolgt eindeutig unter der Voraussetzung, dass ihr Eigentum soviel gilt wie unser Eigentum und ihr Blut soviel wie unser Blut.“ Demnach kommt ein Angriff auf sie einem Angriff auf die Muslime gleich! Und folgerichtig wird das Thema Dschizya in den islamischen Rechtswissenschaften nicht etwa unter den Kapiteln Steuern und Abgaben, sondern im Zusammenhang von Verteidigung des Landes und Militärdienst behandelt.

Die Zahlung der Dschizya gleicht letztlich die Kosten und Mühen der Muslime für den Schutz der Nichtmuslime aus. Sie erscheint als eine Notwendigkeit im Hinblick auf eine gerechte Lastenverteilung und ist eher als eine Ausgleichszahlung zu bezeichnen.

Die Dschizya ist keine Kopfsteuer

Tatsächlich ist die Dschizya aber nicht einmal von allen Mitgliedern der Ahl adh-Dhimma zu zahlen - weder auf noch von Frauen, Kindern, Armen, Mönchen, Geistlichen usw. - und sie bleiben allesamt dennoch Schutzbefohlene, für deren Sicherheit die Muslime sorgen. Somit ist die für die Dschizya übliche deutsche Bezeichnung Kopfsteuer unzutreffend und irreführend.

Die Frage der Religionsfreiheit ist unabhängig von der Dschizya

Oft wird fälschlicherweise angenommen, dass erst durch die Ausgleichszahlung der Dschizya die Religionsfreiheit der Nichtmuslime geschützt wird. Dies ist ein weit verbreiteter Irrtum. Die Religionsfreiheit ist unabhängig vom Abschluss eines Dhimmas und fällt unter anderen Bedingungen. Nichtmuslime, die die Dschizya nicht entrichten und gemeinsam mit Muslimen für die Sicherheit im Land sorgen, genießen die gleiche Religionsfreiheit wie Nichtmuslime, die sich davon befreien und die Dschizya entrichten.

Dass die Dschizya keine Strafe für Konversionsunwillige oder nicht der Preis dafür ist, dass man Nichtmuslime überhaupt am Leben lässt, wird auch daran deutlich, dass unter anderem Mönche, Frauen, Kinder und Arme von der Ausgleichszahlung befreit sind und trotzdem ihre Religion frei und geschützt leben können.

Die Dschizya diskriminiert eher Muslime und bemächtigt Nichtmuslime

Anders als Muslime haben Nichtmuslime die Wahlfreiheit beispielsweise zwischen der Ableistung des Wehrdiensts oder der Befreiung davon - durch die Zahlung des Augleichs. Das ist ein Recht, das Muslime „im eigenen" Land per se nicht haben.

Die Dschizya ist eine Ausgleichszahlung und keine Sondersteuer

In modernen Gesellschaften und Staaten würde für den Schutz von Ausländern keine Sonderabgabe verlangt, so könnte der aufmerksame Leser einwenden.

Das mag richtig sein. Aber in modernen Gesellschaften und Staaten werden in der Regel auch fremde Staatsangehörigen wie die eigenen Staatsangehörigen gleich besteuert. In der Ära der islamischen Herrschaft des Propheten wurden hingegen nur Muslime mit Khums (Einkommenssteuer) und Zakat (Vermögenssteuer) besteuert, Nichtmuslime dagegen nicht. Des Weiteren ist die Khums- und Zakat-Abgabe eine verbindliche Pflicht für alle vermögenden beziehungsweise verdienenden muslimischen Männer ab spätestens 15 Mondjahre und für Frauen ab frühestens 9 Mondjahre wie auch für Geistliche und anderen. Die Dschizya wird im Gegensatz dazu, wie bereits oben erläutert, nur für wehrfähige Männer, die sich von der Beteiligung an der Sicherheit im Land befreien wollen, erhoben. Weder auf noch von Frauen, Kindern, Armen, Mönchen und Geistlichen ist die Dschizya zu entrichten - Schutzbefohlene aber sind sie alle!

Nun könnte allerdings eingewandt werden, dass Nichtmuslime ebenso ihre eigene religiöse Abgaben zu leisten hatten wie den Zehnten bei den Christen und daher Nichtmuslime Dank der Zahlung der Dschizya doch doppelt belastet würden.

Unabhängig davon, dass nicht abklärend durchforscht ist, inwiefern die Zahlung des Zehnten für die Christen in der muslimischen Diaspora obligatorisch und umsetzbar war, zumal kirchliche Einrichtungen und Dienstleistungen teilweise auch von Muslimen mit finanziert wurden, ist - wenn man unbedingt die Dschizya als Sondersteuer und damit als Mehrbelastung für Nichtmuslime deuten möchte - zu sagen, dass eine Mehrbelastung von Ausländern kein islamisches Spezifikum ist. So müssen selbst in den hochgepriesenen modernen Staaten und Gesellschaften des Westens die Angehörigen anderer Bürgerschaften beispielsweise nach gewissen kurzen oder langen Intervallen, nach Monaten oder Jahren, ihre kostenpflichtigen Aufenthaltsgenehmigungen verlängern, die ebenfalls als eine Sondersteuer ausgelegt werden können. Eine solche Steuer gab es freilich während der Regentschaft des Propheten für die Nichtmuslimen, also Angehörigen anderer Bürgerschaften nicht. Darüber hinaus passte sich die Höhe der Ausgleichszahlung nicht einmal zwingend an die Verteidigungsausgaben der Muslime, sondern auch an die finanziellen Verhältnisse der Nichtmuslime an - anders als die in aller Regel pauschal kostenpflichtigen Aufenthaltsgenehmigungen der modernen Welt.

Fazit

Wie so oft gibt es bei der Bewertung und Übernahme von Gesetzen, Mechanismen und Regelwerken aus einer Epoche, in der die Gesellschaft, ja die ganze Welt, ganz anders aufgebaut, geordnet und strukturiert war als unsrige gegenwärtige, zu Diskrepanzen, Reibereien und Missverständnissen. Ein exemplarisches Beispiel dafür ist die Islamische Republik Iran, die auf der einen Seite ideell von dem Primat der Religionszugehörigkeit ausgeht und daher Rechte entlang der konfessionellen Trennlinie vergibt, aber anderseits als unzertrennbarer Bestandteil der hiesigen Welt zwangsläufig die Frage der Abstammung nicht unberücksichtigt lassen kann, was dazu führt, dass auf der einen Seite nicht jeder Muslim automatisch die iranische Staatsbürgerschaft erhält und auf der anderen Seite einheimische Anders- oder Nichtgläubige die iranische Staatsbürgerschaft haben und diese offiziell auch nicht verlieren. In dieser Hinsicht ist der jüdische Staat Israel konsequenter, der Juden aus aller Herren Länder seine Staatsangehörigkeit verleiht und sie damit in den Genuss kommen lässt, Bürger erster Klasse zu sein, ungleich der einheimischen nicht-jüdischen Bewohner des Landes.

Shayan ArkianShayan Arkian ist unter anderem Medien- und Politikberater und studierte Politik, Philosophie, Pädagogik und Theologie in Hamburg und Qom.


Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam und Muslime in der europäischen Wahrnehmung.


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Mon, 30 Apr 2018 17:00:23 +0200
Exklusiv: Nahost-Experte Robert Fisk besichtigt den Ort des mutmaßlichen Chemiewaffenangriffs in Duma http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/39.html Das ist die Geschichte einer Stadt namens Douma, einem verwüsteten, übelriechenden Ort von... Das ist die Geschichte einer Stadt namens Douma, einem verwüsteten, übelriechenden Ort von zertrümmerten Wohnblöcken - und von einer Untergrundklinik, deren Bilder des Leids drei westliche Großmächte letzte Woche dazu brachten, Syrien zu bombardieren. Und es ist die Rede von einem freundlichen Arzt in grüner Jacke, der, als ich ihn in derselben Klinik aufspürte, mir heiter erzählte, dass die Videoaufnahme über den mutmaßlichen Giftgasangriff, welche die Welt allen Zweifeln zum Trotz entsetze, vollkommen authentisch sei.

Kriegsgeschichten haben jedoch die Angewohnheit, das Graue weiter zu schwärzen. Das gilt auch hier alsdann der 58-jährige syrische Arzt etwas zutiefst Unbehagliches hinzufügte: Die Patienten, sagt er, seien nicht durch Gas überwältigt worden, sondern durch Sauerstoffmangel, indem sie in den mit Müll gefüllten Tunneln und Kellern lebten und in der Nacht durch Wind und starken Beschuss ein Staubsturm ausgelöst wurde.

Während Dr. Assim Rahaibani diese außergewöhnliche Schlussfolgerung verkündet, ist es wichtig zu wissen, dass er einerseits selbst einräumt, kein Augenzeuge gewesen zu sein, und andererseits zweimal im guten Englisch die bewaffneten Dschihadisten von Jaysh al-Islam in Douma als "Terroristen" bezeichnet - eine Wortwahl, die das Regime für seine Gegner verwendet, aber auch ein Begriff, der von vielen Menschen quer durch Syrien benutzt wird. Nun, höre ich richtig? Welche Version der Ereignisse haben wir zu glauben?

Zu meinem Unglück waren alle Ärzte, die in dieser Nacht des 7. Aprils hier Dienst hatten, gerade in Damaskus und wurden von einem C-Waffen-Untersuchungsteam befragt, das bestrebt ist, in den kommenden Wochen eine definitive Antwort darüber zu geben, ob C-Waffen eingesetzt wurden oder nicht.

Mittlerweile sagt Frankreich, dass es "Beweise" für den Einsatz von chemischen Waffen habe, und US-Medien zitieren Quellen, die besagen, dass Urin- und Bluttests dies ebenfalls aussagen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt ferner, dass ihre Partner vor Ort 500 Patienten behandelt haben, die "Anzeichen und Symptome aufweisen, die mit toxischen Chemikalien in Zusammenhang stehen".

Zur selben Zeit werden die Inspektoren der „Organisation für das Verbot chemischer Waffen“ (OPCW) daran gehindert, hier den mutmaßlich mit chemischen Waffen angegriffenen Ort zu besichtigen, angeblich weil ihnen die korrekte UN-Erlaubnis fehlten.

Bevor wir das Thema über den Giftgasangriff weiter erörtern, sollten die Leser wissen, dass dies nicht die einzige Geschichte in Douma ist. Es gibt sehr viele Menschen, mit denen ich inmitten der Ruinen der Stadt sprach, die gesagt haben, dass sie "nie geglaubt haben an" die Gas-Berichte - die immer wieder im Umlauf gebracht wurden, wie sie behaupten, von militanten islamistischen Gruppen. Diese sonderbaren Jihadis überlebten unter einem Schneesturm von Granatfeuer, indem sie in den Wohnungen anderer Menschen lebten sowie in riesigen, breiten Tunneln mit unterirdischen Straßen, die von Gefangenen mit Spitzhacken auf drei Ebenen unterhalb der Stadt durch gewachsenen Felsen gehauen wurden. Ich bin gestern durch drei von ihnen gegangen, riesige Korridore aus anstehendem Gestein, in denen immer noch russische - ja, russische - Raketen und ausgebrannte Autos geborgen sind.

Die Geschichte von Douma ist also nicht nur eine Geschichte von Gas - oder eben kein Gas, wie immer es sein mag. Es ist auch eine Geschichte über Tausende von Menschen, die sich letzte Woche nicht dazu entschieden haben, mit den Bussen Seite an Seite mit den Bewaffneten, mit denen sie ohnehin monatelang wie Höhlenbewohner leben mussten, um zu überleben, sich aus Douma evakuieren zu lassen. Ich bin gestern ziemlich frei durch diese Stadt gelaufen, nicht mit einem Soldaten, Polizisten oder Aufpasser, der mich auf Schritt und Tritt verfolgen würde, sondern nur mit zwei syrischen Freunden, einer Kamera und einem Notizbuch. Manchmal musste ich über 20 Fuß hohe Befestigungsmauern erklimmen, hoch und runter - sogar fast steile Erdwälle. Glücklich, Ausländer unter sich zu sehen, noch glücklicher, dass die Belagerung endlich vorbei ist, lächeln sie meistens; zumindest diejenigen, deren Gesichter man sehen kann, weil eine überraschende Anzahl von Doumas Frauen weiterhin schwarze Hijabs in Lebensgröße tragen.

Ich fuhr zunächst als Mitglied eines eskortierten Konvois von Journalisten nach Duma. Aber als ein langweiliger General vor einer zerstörten Sozialwohnung die Ansage machte, dass er keinerlei Informationen habe - war das schon das Hilfreichste vom Schutthaufen der arabischen Bürokratie - und da bin ich einfach gegangen. Mehrere andere Reporter, hauptsächlich Syrer, taten dasselbe. Selbst eine Gruppe russischer Journalisten - alle in Militärkleidung - seilten sich ab.

Es war ein kurzer Fußweg bis zu Dr. Rahaibani. Von der Tür seiner unterirdischen Klinik - "Punkt 200" heißt sie in der unheimlichen Geologie dieser teilweise unterirdischen Stadt - führt ein Korridor hangabwärts, wo er mir sein bescheidenes Krankenhaus und die wenigen Betten zeigt, worin ein kleines Mädchen am weinen war, als Krankenschwestern einen Schnitt über ihrem Auge behandelten.

"Ich war in der Nacht mit meiner Familie im Keller meines Hauses dreihundert Meter entfernt von hier, aber alle anderen Ärzte wissen, was passiert sei. Es gab eine Menge Beschuss [von Seiten der Regierungstruppen] und nachts flogen stets die Flugzeuge über Douma - aber in dieser Nacht gab es diesmal Wind und riesige Staubwolken begannen, in den Untergeschossen und Kellern, in denen die Menschen lebten, zu gelangen. Die Menschen, die hier ankamen, begannen daraufhin unter Hypoxie, also Sauerstoffmangel, zu leiden. Dann schrie jemand von den Weißhelmen an der Tür: 'Gas!' Und die Panik brach aus. Die Leute fingen an, sich gegenseitig mit Wasser zu überschütten. Ja, das Video wurde hier gedreht, es ist echt, aber was Sie darin sehen, sind Menschen, die an Hypoxie leiden - und nicht an einer Gasvergiftung."

Nachdem ich mit mehr als 20 Leuten geplaudert hatte, konnte ich seltsamerweise keinen einzigen finden, der das geringste Interesse an Dumas Rolle als Auslöser für die westlichen Luftangriffe zeigte. Zwei sagten mir sogar, dass sie den Zusammenhang nicht kennen.

Es war eine seltsame Welt, in die ich mich hineinbegab. Zwei Männer, Hussam und Nazir Abu Aishe, sagten, sie seien unwissend darüber, wie viele Menschen überhaupt in Duma getötet worden seien, obgleich der Letztere zugab, dass er einen Cousin hatte, der "aufgrund seiner angeblichen Nähe zum Regime von Dschaisch al-Islam [der Armee des Islams] hingerichtet wurde". Als ich nach den 43 Leuten fragte, die bei dem berüchtigten Angriff auf Douma gestorben sein sollen, zuckten sie mit den Schultern.

Die Weißhelme - im Westen als medizinischen Ersthelfer bereits legendär geworden, aber mit einigen interessanten Verschneidungen in ihrer eigenen Geschichte - spielten eine gewohnte Rolle während der Kämpfe. Sie werden teilweise vom [britischen, Anm. d. Übers.] Außenministerium finanziert und ihre meisten lokalen Büros waren mit Männern aus Duma besetzt. Ich fand ihre zerstörten Büros unweit von Dr. Rahaibanis Klinik. In einem Raum wurden ein Haufen liegende schmutziger Uniformen des Militärs zum Ablenkungsversuch und draußen vor einem Essensbehälter eine Gasmaske mit durchbohrtem Visier zurückgelassen. "Untergejubelt?", fragte ich mich. Ich bezweifle es. Der Ort war voll mit Patronenhülsen, kaputten medizinischen Geräten sowie Akten, Bettzeug und Matratzen.

Natürlich müssen wir ihre Sicht der Ereignisse auch hören, aber das wird hier nicht geschehen: Eine Frau erzählte uns, dass als der endgültige Waffenstillstand vereinbart wurde, jedes Mitglied der Weißhelme in Douma ihr Hauptquartier verlassen und sich dafür entschieden habe, die von der Regierung organisierten und von Russland geschützten Busse mit den bewaffneten Gruppen in Richtung der Rebellenprovinz Idlib zu nehmen.

Es gab Imbissstände und eine Patrouille der russischen Militärpolizei - ein mittlerweile freiwilliges Extra für jeden Waffenstillstand in Syrien - und es kümmerte niemanden, in das furchteinflößende islamistische Gefängnis in der Nähe des Märtyrerplatzes zu stürmen, in dessen Kellern Insassen vermutlich enthauptet wurden. Das Gegenstück der Stadt, die Zivilpolizisten des syrischen Innenministeriums - die schaurige militärische Kleidung tragen - werden von den Russen bewacht, die wiederum vermutlich oder vermutlich auch nicht von den Zivilisten beobachtet werden. Abermals wurden meine ernsten Fragen zum Gasangriff mit einer echt anmutenden Verwirrung begegnet.

Wie hätte es geschehen können, dass Flüchtlinge aus Duma, die die Flüchtlingslager in der Türkei erst erreicht hatten, bereits über einen Gasangriff erzählt haben können, an den sich heute aber niemand mehr in Duma zu erinnern scheint? Als ich mehr als eine Meile durch diese erbärmlichen und von Gefangenen gewölbte Tunnel lief, kam mir in den Sinn, dass die Bürger von Duma so lange voneinander isoliert lebten, dass "Neuigkeiten" in unserem Sinne für sie einfach nicht zutrafen. Syrien bringt es nicht zu einer „Jeffersonschen Demokratie“ - wie ich es zynisch meinen arabischen Kollegen zu sagen pflege - und es handelt sich in der Tat um eine rücksichtslose Diktatur, die aber diese Menschen nicht genug einschüchtern konnte, glücklich zu sein, Ausländer unter sich zu sehen, mit denen sie wenige Worte der Wahrheit austauschen. Also was haben sie mir berichtet?

Sie sprachen über die Islamisten, unter denen sie gelebt hatten. Sie sprachen darüber, wie die bewaffneten Gruppen Unterkünfte der Zivilisten beschlagnahmt hatten, um den Bombenangriffen der Russen und der syrischen Regierung zu entgehen. Die Jaish el-Islam hatten ihre Büros vor ihrer Abreise niedergebrannt, aber die massiven Gebäude innerhalb der Sicherheitszonen, die sie gebaut hatten, waren fast alle durch Luftschläge in den Boden gestampft worden. Ein syrischer Oberst, dem ich hinter einem dieser Gebäude begegnet bin, fragte, ob ich sehen wolle, wie tief die Tunnel seien. Ich blieb nach gut einer Meile stehen, als er hintersinnig vermerkte, dass "dieser Tunnel bis nach Großbritannien reichen könnte". Ach ja, Frau May, an sie erinnerte ich mich, deren Luftangriffe doch so eng mit diesem Ort von Tunneln und Staub verbunden waren. Aber Gas?

Erstmals veröffentlicht am 17. April 2018 in der britischen Zeitung "The Independent". Übersetzt von Shayan Arkian.


Robert FiskRobert Fisk ist ein britischer mehrfach ausgezeichneter Journalist, der seit 1976 in der libanesischen Hauptstadt Beirut lebt. Er ist einer der wenigen westlichen Journalisten, die Osama bin Laden dreimal interviewten.



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Fri, 20 Apr 2018 15:11:54 +0200
Vier Gründe, warum die Medien nicht islamfeindlich sind http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/38.html Viele wundern sich, warum Medien ein überwiegend negatives Bild des Islam vermitteln. Manche... Viele wundern sich, warum Medien ein überwiegend negatives Bild des Islam vermitteln. Manche kritische Muslime haben auch eine Erklärung dafür: Die Medien/Deutschen/Christen sind islamfeindlich. Ich arbeite nun seit zwei Jahren bei einer Tageszeitung und kann sagen: Das stimmt nicht.

Ich höre jetzt schon die ersten vor meinem gedanklichen Auge sagen: „Ok, du sagst also, dass die Medien  nicht islamfeindlich sind. Wie erklärst du dir dann die vielen negativen Nachrichten über den Islam?“

Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Aber ich glaube, einige Ursachen erkannt zu haben. Im Folgenden ein Versuch, der Sache auf den Grund zu gehen

1. Kriminelle verüben üble Dinge und benutzen den Islam als Ausrede

Zuallererst müssen wir (Muslime) anerkennen, dass Böses geschieht – auch durch Muslime. Es fängt bei rüdem und aggressivem Benehmen an, sei es im Straßenverkehr oder im Alltag, und geht bis hin zu Terrorismus. Es gibt leider zahlreiche Terrorgruppen, die ihre Gräueltaten mit dem Islam rechtfertigen (wollen). Und wenn diese einen Anschlag verüben oder sich Leute in Deutschland mit extremistischem Gedankengut befinden, dann ist das zunächst einmal eine wichtige Meldung für die Tageszeitung. Also berichtet man darüber.

Und ja, man berichtet öfter über Dinge, die mit Schmerzen, Leid, Hass und vor allem mit ANGST zu tun haben. Das ist nicht per se böse von „den Medien“, im Gegenteil, so funktionieren „die Medien“, so funktioniert gar der Mensch. Die Leser – also auch du und ich – möchten davon wissen, wenn Außergewöhnliches in ihrem Umfeld geschieht. Insbesondere möchten die Leser wissen, ob von einer Sache oder von einer Person (un)mittelbar Gefahr für sie und für ihre Kinder ausgeht. Das ist eine natürliche menschliche Reaktion. Und die bedienen Medien.

Den Islam als Ausrede für kriminelles Verhalten zu benutzen, geht nur in einem Umfeld, wo die Menschen wenig Wissen über den Islam besitzen. Ein Krimineller kann einem nicht-muslimischen Richter etwas von „Ehrenmord“ erzählen, und wie das mit seinen „religiösen Gefühlen“ zusammenhängen würde – der glaubt es ihm vielleicht, weil er über das Islamische Recht kein substanzielles Wissen hat. Ein „Ehrenmörder“ kann ja die gleiche Argumentation vor einem muslimischen Richter ausprobieren, der sich mit dem Islamischen Kodex auskennt – er wird kläglich scheitern und womöglich für den widerwärtigen Versuch schärfer bestraft werden. Vom Wissen hängt auch die Bewertung etwa von „Ehrenmorden“ ab. Wenn man nicht weiß, dass das Konzept in der Gegenwart sowie in der 1400-Jahre-umfassenden-Geschichte des Islam von ausnahmslos allen Theologen verurteilt worden ist, dann kann es passieren, dass man annimmt, dass „Ehrenmorde“ tatsächlich eine religiöse Daseinsberechtigung hätten. Dem ist nicht so.

Damit ein positiveres Bild über den Islam gezeichnet werden soll, müssen Muslime die Kriminalität in ihren Vierteln und aus ihrer Mitte angehen und archaische Konzepte, die fälschlicherweise dem Islam zugerechnet werden, theologisch auseinandernehmen. Muslimische Gelehrte haben diese Themen schon behandelt – Muslime müssen es nur noch kommunizieren und im Guten vorangehen. Es gibt ausreichend viele gute Nachrichten aus der muslimischen Community – diese müssen Muslime nach außen kommunizieren und professionalisieren. Wir bekommen in der Redaktion täglich hunderte Pressemitteilungen, vom Alpensteiger- bis zum Kleingärtnerverein. Und eben keine von den Moscheen, wo diese über ihre Arbeit sprechen.

2. Journalisten sind auch nur Menschen. Sie wissen nicht alles. Und über den Islam zumeist nur sehr wenig.

Viele Journalisten waren noch nie in einer Moschee und haben wenige gläubige Muslime als Freunde, mit denen sie sich über ihre Religion unterhalten. Während meines Volontariats fragte mich eine Kollegin etwa, ob sie neben mir im Büro ihr Schinkensandwich essen könne, oder ob ich mich dadurch angegriffen fühlen würde. Ich war erstaunt über die Frage und habe geantwortet: „So lange ich nicht abbeißen muss, guten Appetit.“ Und sie hat gelacht, weil sie gemerkt hat, wie absurd ihre Frage war. Aber nicht aus Boshaftigkeit, sondern Unbeholfenheit. Das ist ein kurioses Beispiel, aber bei bedeutenden theologischen Themen könnt ihr euch vorstellen, wie die Wissenslage ist.

Etwa: Was ist der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten? Eine wichtige Frage. Oder: Wer oder was sind Salafisten? Was unterscheidet sie von den anderen Sunniten? Die Unklarheit besteht nicht nur bei theologischen Themen (etwa die Position des Kopftuchs, der Beschneidung und des Schächtens im Islam), sondern auch bei institutionellen Fragen. Wie sind Muslime organisiert? Gibt es eine Kirche? Welche Autoritäten/Ansprechpartner gibt es? Warum haben die Islamverbände nur so wenige Mitglieder? Wie sind die Verbände ausgerichtet? Was sind ihre Unterschiede und Ziele?

Weil Otto-Normal-Journalisten keine bedeutenden Berührungspunkte mit dem Islam haben, kommt es leider vor, dass Journalisten den IS als sunnitisch bezeichnen – was grober Unfug ist. Sunniten haben eine  gewachsene Methodologie, einen klaren Katechismus, eine vielfältige Literatur und mehr als tausend Jahre Entwicklungsgeschichte. Der IS und Konsorten hingegen sind eine Erscheinung der Moderne, ihre Methodik erinnert stark an die der Khawaridsch – eine geschichtliche Gruppe unter den Muslimen, die durch die theologische Widerlegung seitens der Sunniten bedeutungslos geworden sind. Eine systematische Abarbeitung der Scheinargumente der Khawaridsch von heute seitens der Islamverbände in Deutschland ist längst überfällig. Das authentische Wissen über den Islam findet sich in der Tradition, es muss nur vermittelt werden.

Auch ein neuer Muslim tut sich schwer, Informationen über den Islam zu erlangen, denn im Internet treiben Extremisten und Laienprediger ihr Unwesen. Ein neugieriger Nicht-Muslim könnte auf die Idee kommen, sich ein Buch über den Islam zu kaufen, um etwas mehr darüber zu lernen, oder, wie es ein Kollege tat, im Internet auf Wikipedia nachzulesen. Letzteres ist keine gute Idee, denn die Qualität der Informationen ist mangelhaft und sie sind nicht verlässlich. Und Bücher, die sind grundsätzlich gut. Aber geh‘ einmal in ‘ne Buchhandlung und halte Ausschau nach Literatur über den Islam. Wenn du danach nicht plötzlich Angst oder Paranoia vor Muslimen entwickelt hast, dann: Respekt!

Die nach wie vor beste Methode etwas über den Islam zu lernen, ist, sich mit gläubigen Muslimen zu unterhalten. Und nach ihrer Motivation zu fragen. Außerdem wäre es eine Aufgabe der Islamverbände, mehr über den Islam zu kommunizieren. Doch diese sprechen lieber ausschließlich darüber, was sie nicht sind, als darüber, wofür sie stehen und was sie ausmacht. Mehr dazu in Punkt 4.

3. Selbsternannte Islam-Experten üben ihre „Expertise“ aus.

Es gibt sie wie Sand am Meer und jeden Tag entdeckt ein neuer seine “wahre” Berufung: Islam-Experten. Wer kennt sie nicht, die Experten, die einem die eigene Religion erklären wollen, ganz nach dem Motto: “Das Kopftuch steht gar nicht im Koran!”. Abgesehen davon, dass gemäß Bundesverfassungsgericht jeder seine eigene religiöse Auffassung selbstständig bilden kann bzw. Religionsgemeinschaften ihren Normenkodex selbst festlegen können, stimmt die Behauptung einfach nicht. “Ich habe ja auch einen Koran zu Hause…” ist eben nicht genug, um Muslimen ihre Religion zu erklären. Und zwei Bücher von dem gegenwärtig angesagten Islamkritiker (von Jahr zu Jahr ändern sich die Hauptakteure) gelesen zu haben, macht einen auch nicht zu einem Experten.

Man hört: “Der Islam braucht eine Aufklärung, einen Martin Luther -”, eventuell auch einen Calvin, aber lieber keinen Zwingli. Dass so viele “Islam-Experten” zu Tage treten, hat auch den Grund, dass die Islamverbände die Bühne diesen überlassen. Jeder kann sich zum Experten ernennen, es gibt nämlich keine Bestrebung der Verbände, eine deutschsprachige (!) theologische Autorität zu etablieren und als Ansprechpartner zu definieren. Es gibt schlicht keine Alternative zu den selbsternannten Experten.

Journalisten wissen, dass sie nicht alles wissen, und gehen deshalb auf Experten zu. Wenn ein Journalist einen Ansprechpartner zum Islam sucht, dann versucht er es eventuell aus gutem Willen erstmal bei den Verbänden. Warum das nicht klappt, kannst du in Punkt 4 lesen. Anschließend kommen jene Experten in Frage, die schlicht verfügbar sind. Und wer diese sind, das kann man in den Zeitungen lesen. Und was diese von sich geben, auch. Daran stören sich die meisten Muslime und auch die Islamverbände – aber sie ändern nichts am Status Quo. Stattdessen beschwert man sich darüber, warum die Zeitung XYZ schon wieder den selbsternannten Experten XY befragt. Und solange die Muslime in Deutschland durch ihre Verbände keine nennenswerten religiösen Autoritäten etablieren (denkbar wäre eine föderale Struktur proportional zur Anhängerschaft diverser Ausrichtungen, um die Vielfalt passend auszudrücken), wird sich das Problem nicht von selbst in Luft auflösen.

4. Die Öffentlichkeitsarbeit der Islamverbände ist erbärmlich

Versuche einmal als Journalist (oder auch als Normalsterblicher) eine der Pressestellen der islamischen Verbände zu erreichen. Für den äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass du es schaffen solltest, jemanden auf der anderen Seite der Leitung zu erwischen – glaub’ mir, ich habe es mit Wohlwollen immer wieder versucht, es gleicht einer Mudschiza (Wunder) – dann musst du alle dir bekannten Bittgebete sprechen, damit etwas Produktives bei dem Gespräch herauskommt. Muslime bieten sich nicht als Ansprechpartner für Medien an, obwohl sie die theologische, praktische und gesellschaftliche Expertise besitzen. Islamverbände sind in puncto Öffentlichkeitsarbeit in einem desolaten Zustand.  Pressestellen der islamischen Verbände reagieren nur, wenn es unausweichlich ist, weil etwas wirklich Übles passiert ist.  Oder, um sich als Opfer zu stilisieren. Sonst nicht. Public Relations ist ein Fremdbegriff. Weder bietet man sich Medienhäusern als Ansprechpartner an, noch wird man proaktiv in Imagepflege tätig. Um es noch klarer zu sagen: Die Öffentlichkeitsarbeit der Islamverbände ist erbärmlich.

Eine Ausnahme ist der Zentralrat der Muslime (ZMD). Der ist medial recht aktiv und ansprechbar, was an sich gut ist. Aber was der ZMD veröffentlicht, ist erwartbar und unbrauchbar.  Der ZMD ist in einer paradoxen Opferrolle gefangen. Er äußert sich mahnend über den Hass gegen Muslime, fordernd gegenüber der Politik und nur selten produktiv – paradox deshalb, weil er versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben und auf reale Probleme in der Gesellschaft, wie den Islamhass, hinzuweisen. Doch das misslingt phänomenal. Statt sich wie ein Religionsvertreter zu äußern und auch so zu handeln, kommentiert er fast ausschließlich politisch. So vermittelt er nicht den Eindruck einer Religionsgemeinschaft, sondern einer unprofessionellen Lobbyorganisation.

Notwendig wäre eine proaktive Öffentlichkeitsarbeit der islamischen Verbände. Folgende Fragen müssten die Verbände (auch theologisch) klären: Was wünschen sich Muslime für unsere deutsche Gesellschaft? Muss man Angst haben, wenn gläubige Muslime im Bundestag, in der Bundesregierung, auf der Richterbank, im Lehrerzimmer, in den Kindergärten oder in der Bundeswehr-Kommandozentrale sitzen? Was würden gläubige Muslime in diesen Positionen tun? Wie würde sich das auf meine Freiheit als Christ, Jude, Atheist oder Homosexueller auswirken? Welche Vision haben Muslime für Deutschland? Welche Lösungen hat der Islam für die Herausforderungen unserer Gesellschaft in der  Gegenwart? Etwa bei der Flüchtlings- oder Bankenkrise? Wie könnte die Mehrheitsgesellschaft von den Muslimen profitieren?

Die christlichen Kirchen tun das bereits. Und Deutschland ist explizit kein laizistisches Land, bei dem Staat und Kirche strikt getrennt sind. Nein, Deutschland ist ein säkulares Land. Das ist ein großer Unterschied. Die Kirche kontrolliert zwar den Staat nicht, aber christliche Werte prägen und beeinflussen die deutsche Politik und das Rechtssystem. Und das ist gut so. Und so wie einst die muslimischen Philosophen in Andalusien  die christliche Gelehrsamkeit in Europa beflügelten und bedeutend beeinflussten, gar ihr die griechische Philosophie wieder schmackhaft machten, die im Mittelalter der Kirche als häretisch galt, so könnten heute muslimische Philosophen (wer sind diese?) in Deutschland über die modernen ethischen Herausforderungen mitdenken. Wie sollte man Sterbehilfe bewerten? Oder Embryonenforschung? Big Data? Monopolisierung wichtiger Güter wie Wasser oder Nahrungsmittel?

Aber davon scheinen wir in Deutschland noch weit entfernt zu sein. Die Verbände nutzen das intellektuelle Potenzial der muslimischen Jugend nicht aus, nicht annähernd. Doch das wird sich künftig ändern. Falls Muslime sich wünschen, dass mehr Positives über den Islam in den Medien berichtet werden soll, dann müssen sie ihren institutionellen Leerlauf beenden. Das ist unausweichlich.

Muslime müssen sich gemeinschaftlich engagieren und diesen Einsatz öffentlich machen. Sie müssen raus aus den Hinterhöfen und rein in die Innenstädte. Sie müssen zeigen, wofür sie stehen, was sie sich für unsere Gesellschaft und unser Land wünschen. Muslime müssen als gutes Vorbild vorangehen, denn so tat es schon der Prophet Mohammed, Friede sei mit Ihm. Es wird Zeit für einen Aufbruch.

Mit freundlicher Genehmigung von TugendBlog.

Hasan-Hüseyin KadiogluHasan-Hüseyin Kadioglu ist Absolvent der Politikwissenschaft und des Öffentlichen Rechts. Derzeit macht er ein Volontariat bei einer regionalen Tageszeitung und bloggt nebenbei auf TugendBlog.


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info@tugendblog.de Fri, 13 Apr 2018 16:21:49 +0200
Religiöse Neutralitätspflicht begünstigt den nicht-neutralen Atheismus http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/37.html Der säkulare beziehungsweise laizistische Staat gilt heutzutage nicht nur als das politische Ideal... Der säkulare beziehungsweise laizistische Staat gilt heutzutage nicht nur als das politische Ideal im Westen, sondern wird von ihm global als der Weisheit letzter Schluss beziehungsweise das Ende der Geschichte gefeiert. Wir möchten hier nicht die Frage diskutieren, ob ein Staat oder eine Verfassung überhaupt weltanschaulich neutral sein könnten, was unseres Erachtens unmöglich ist, da auch der laizistische oder säkulare Staat zwingend auf einer Weltanschauung basiert.

Uns geht es hier um die deutliche Akzentverschiebung, um die anwachsende Uminterpretation und den Missbrauch des Säkularismus. Wir erleben zunehmend, dass der Säkularismus mit der Notwendigkeit eines Vorgehens gegen das Religiöse gleichgesetzt wird. Ein solcher antireligiös interpretierter Säkularismus kommt nicht von ungefähr.

Der Säkularismus von Rechts

Der britische Historiker Dr. Jim Wolfreys, der an der in Europa hochangesehnen Universität „King’s College London" Europäische Studien lehrt, weist in seinem Werk „Republic of Islamophobia - The Rise of Respectable Racism in France" darauf hin, dass der Säkularismus beziehungsweise der Laizismus ursprünglich ein Projekt der politischen Linken gewesen sei, man heute aber durchaus von einem „Säkularismus von Rechts“ sprechen könne. Am Beispiel Frankreichs hat er aufgezeigt, wie die politische Rechte - unter anderem bei getrennter Wassergymnastik, beim Schwimmunterricht für muslimische Mädchen, beim Tragen von Burkinis am Strand und so weiter - immer wieder im Namen des Säkularismus argumentiere, um gegen religiöse Symbole oder religiös bedingte Kleidung vorzugehen.

Ein herausragendes Beispiel dabei ist für ihn eine getrennte Wassergymnastik für Frauen in einem Schwimmbad im französischen Lille, wobei sich nur eine einzige Muslima unter den Teilnehmern der Wassergymnastik befunden habe. Das Thema sei von der Rechten aufgegriffen und zu einer landesweiten anti-islamischen Kampagne gemacht worden, sodass sich sogar der damalige Präsident Hollande dafür stark gemacht habe, dass „die Unantastbarkeit gemischter republikanisch-säkularer Schwimmbäder“ gewährleistet werden müsse.

Auch hier ist eine radikale Akzentverschiebung zu konstatieren: Heute begeistern sich viele Konservative beispielsweise für den Kampf um Frauenrechte (ebenfalls ursprünglich eine Forderung der politischen Linken), weil sie fast alle ihre früheren Positionen im Laufe eines langen Rückzugsgefechts geräumt haben und offenbar nur die Feindschaft gegen den Islam als verbindendes Element erhalten blieb. Und so ist es auch möglich, dass eine Frau wie Alice Weidel zum einen eine Spitzenfunktion bei der rechtskonservativen Partei AfD einnehmen kann und zum anderen sogar mit einer aus Sri Lanka stammenden Frau in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebt. Kritikern der Homo-Ehe, die Muslime sind, werden von der AfD vorgeworfen, sie würden eben noch im Mittelalter leben. Offenbar gelten nun auch gleichgeschlechtliche Ehen bei vielen Konservativen als eine abendländische Errungenschaft, die es gegen den Islam zu verteidigen gilt.

In dem Moment, wo jedoch Konservative erkennen, dass sich viele tatsächliche oder vermeintliche religiöse Werte des Islams mit ihren ursprünglichen Werten decken, kann dies zu einer Art Erweckungserlebnis und sogar zur Konversion führen, wie es kürzlich um den AfD-Politiker Arthur Wagner geschah oder zuvor um den Front National-Stadtrat Maxence Buttey.

Dieser „Säkularismus von Rechts“ würde jedenfalls Wolfreys zufolge eben hauptsächlich dazu benutzt, um eine anti-islamische Politik zu verdecken. Und so kommt es, dass sich der neue konservative „Säkularismus von Rechts“ letztlich auch gegen die Religion überhaupt wendet, was sich auch an der zunehmenden Zahl von Atheisten bei der AfD zeigt.

Der Atheismus unter dem Deckmantel des Säkularismus

Heute haben wir es meistens mit dem „voraussetzungslosen Atheismus“ zu tun. Und die Bezeichnung Atheismus leitet sich vom griechischen Wort „theos“ (Gott) ab, ebenso wie etwa die Begriffe „Theismus“ oder „Theologie“. Der Begriff „Atheismus“ ist jedoch ein verneinender Begriff – und als ein solcher ist somit bereits eine Festlegung verbunden, auch wenn ein Atheist es ablehnen mag, mit einem Gläubigen auf eine Stufe gestellt zu werden.

Um zu verstehen, warum auch der Atheismus ein Glaube ist, muss man sich zum Beispiel den Unterschied zwischen Agnostizismus und Atheismus vergegenwärtigen. Während der Agnostizist die Erkennbarkeit des Göttlichen oder einer (oder mehrerer) göttlichen Instanz leugnet, leugnet der Atheist die Existenz. Ein Atheist gibt somit vor zu wissen, dass es keinen Gott gebe, obwohl dass natürlich ebenso wenig wissenschaftlich nachzuweisen ist wie die Existenz Gottes empirisch zu beweisen ist.

Der Atheismus ist deshalb nicht nur zweifellos eine Weltanschauung, er ist daher ebenfalls ein Glaube wie jede Religion. Er ist ein Glaubenssystem, und so wie bei jedem anderen Glaubenssystem gibt es Menschen, die sich für diesen Glauben begeistern. Sie arbeiten an Büchern, Zeitschriften und auch im Internet hart daran, andere Menschen davon zu überzeugen, wenn nicht sogar zu missionieren, dass der Atheismus der richtige Glaube sei. Dabei ist auch eine zunehmende Aggressivität zu konstatieren. Religion wird aus dieser Sichtweise als gesellschaftlich unproduktive Spinnerei angesehen, die nur den Einzelnen betreffe, gesellschaftlich nicht nur keinen Nutzen bringe, sondern als Ursache für Spaltung und Konflikte angesehen und daher keineswegs als förderungswürdig betrachtet.

Für Atheisten ist der Atheismus eben die normale Einstellung. Eine Vorgehensweise ist es hierbei, den Atheismus als den natürlichen Zustand des Denkens darzustellen. Das heißt, man geht bei einem neugeborenen Kind davon aus, dass bei diesem kein Glaube an Gott vorhanden sei. Der Glaube an Gott sei demnach kein Teil der natürlichen Bewusstseinsreife und werde von der Gesellschaft (Eltern, Freunde, Gesellschaft usw.) aufgedrängt, wenn es auch andererseits schwer zu erklären sei, warum der Glaube an Gott ein in allen Gesellschaften zu allen Zeiten vorzufindender Archetyp ist.

Dieser „voraussetzungslose Atheismus“ will nur auf die empirischen Erfahrungen beziehen und sich damit ein positivistisch-wissenschaftliches Mäntelchen umhängen, womit man „neutral“ erscheinen mag. Dieses Konzept erinnert stark an den französischen Philosophen und Religionskritiker Auguste Comte (1798-1857), den Begründer des Positivismus, und sein Dreistadiengesetz, nach dem die Menschen im positiven beziehungsweise wissenschaftlichen Stadium ihrer Entwicklung (nach Überwindung des religiösen und metaphysischen Stadiums) jede Frage nach Gott verwerfen und nur noch Phänomene untersuchen, um Gesetzmäßigkeiten festzustellen. Doch es war ausgerechnet Comte, der seinen Positivismus ausdrücklich als „neue Religion“ bezeichnete und schließlich sogar eine bis heute existierende „Positivistische Kirche“ mit Tempeln und eigenem Kultus in unter anderem Frankreich, Rumänien und den USA gründete. Das Eingeständnis, dass diese Form des Atheismus eben auch nur ein Glaube ist, könnte nicht deutlicher ausfallen!

Nun, was hat das alles mit Säkularismus zu tun? Nach Wolfreys müsse sich ein säkularer Staat sowohl gegenüber Gläubigen als auch gegen Atheisten neutral verhalten und als eine Art Vermittler fungieren. Wäre der Staat tatsächlich neutral, dann dürfte er nicht einseitig nur gegen religiöse Symbole oder religiös bedingte Kleidung zu Felde ziehen. Stattdessen müsse er für die religiös-weltanschauliche Vielfalt offen sein. Im Namen des Säkularismus mache der Staat aber Front gegen die gläubigen beziehungsweise religiösen Menschen, nicht jedoch gegen die Atheisten, weil diese vermeintlich „neutral über allem" stünden. Wenn beispielsweise eine katholische Ordensfrau nicht unterrichten dürfte, indes eine Lehrkraft ohne sichtbar religiöse Symbole schon, würde so ausschließlich die klassisch-religiöse Seite benachteiligt. Die gesamte Gesellschaft bekommt in der Folge eine neo-religiöse Schlagseite. Insofern wird keine Neutralität hergestellt, wenn man der Lehrerin das Kopftuch, der Staatsanwältin den Kruzifix-Anhänger und dem Richter die Kippa abnimmt, sondern vielmehr wird dadurch die "neo-religiös"-weltanschauliche Position des Atheismus der Gesellschaft aufgedrückt.

Dies ist selbst dann so, wenn der Atheismus nicht als eine "neue Religion" verstanden wird, denn er bleibt nichtsdestotrotz eine inhärent weltanschauliche Position. Infolgedessen ist die Argumentation, dass Beamten_innen nicht mit religiösen Symbolen für den Staat nach Außen agieren dürften, da sie auf diese Weise ihre individuellen Weltanschauungen auf den Staat projizieren würden, widersprüchlich, denn dies würde ebenso vollumfänglich auf atheistische Beamten_innen ohne religiöse Symbole zutreffen - dabei sei die Bundesrepublik Deutschland nach ihrem Selbstbild nicht atheistisch, sondern weltanschaulich und religiös neutral.

Folgerichtig kann eine religiöse Neutralität für den demokratisch-freiheitlichen Staat nicht bedeuten, einzig und allein eine gesellschaftliche Gruppe vorzuziehen, während er andere ausschließt, sondern er hat eine offene Neutralität zu formulieren, die gegenüber dem Pluralismus in der Gesellschaft offen ist und ihm einräumt, auch an dem Staat aktiv zu partizipieren.

Dr. phil. Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam und Muslime in der europäischen Wahrnehmung.



Shayan ArkianShayan Arkian
ist unter anderem Politik- und Medienberater und studierte Politik, Philosophie, Pädagogik und Theologie in Hamburg und Qom.


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Fri, 02 Mar 2018 20:27:27 +0100
Ein Plädoyer für eine globale Ethik http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/36.html Vergleicht man den Menschen mit anderen Lebewesen, so ist das Wesen des Menschen voller... Vergleicht man den Menschen mit anderen Lebewesen, so ist das Wesen des Menschen voller Widersprüche. Er vermag nach islamischer Vorstellung qualitativ integrer, moralischer und wahrhaftiger sein als die Engel, so dass selbst diese sich gewünscht hätten, Menschen zu sein. In seiner Selbstbestimmtheit und Freiheit könne er sich aber auch von seinem edlen Menschsein entfernen und vom höchsten zum niedrigsten Wesen herabsinken.

Das Bild, das wir uns vom Menschen, von der Schöpfung und vom Leben formen, sagt viel darüber aus, wie wir selbst sind. Stets gilt es zu fragen: Was ist der Mensch, was sind seine Bedürfnisse und welche Wege gibt es, diese Bedürfnisse zu befriedigen? Wir sollten uns bewusst sein, dass unser Lebensstil nicht anders ist als unsere Wahrnehmung und unser Bild vom Leben. Unser Weltbild ist ausschlaggebend für unser Selbstbild.

Nach dem Koran, dem heiligen Buch der Muslime und der wichtigsten Geistesquelle des Islam, könne der Mensch das Ebenbild Gottes werden. In dieser Funktion als Gottes Ebenbild - oder besser gesagt als Gottes Repräsentant (Khalif) - würde der Mensch das Gute, das Erhabene und das Schöne verkörpern. Jeder sei in der Lage, diese Stufe zu erreichen, jedoch müsse er all seinen Einsatz einbringen, um auf dem Pfad dieser Tugenden voranzuschreiten. Das Bestreben, die eigene Persönlichkeit zu einer göttlichen Stufe reifen zu lassen, sei letztendlich mit dem Ergebnis verknüpft, Gelassenheit und Frieden zum Wohle der gesamten Menschheit zu bringen.

Die Quelle eines solchen Friedens sei in Gott zu finden und in dem, was das Göttliche verkörpere. Im Koran wird darauf verwiesen, dass es der Glaube und das Gedenken an Gott sei, der dem Menschen Gelassenheit schenke. Je mehr wir uns dieser göttlichen Quelle nähern würden, um so erfolgreicher kämen wir auch der ersehnten Gelassenheit näher. Ruhelosigkeit, Krieg und Blutvergießen würden daher rühren, dass wir uns von dieser Quelle entfernt hätten. Diese Entfremdung vom Göttlichen sei die Ursache der gegenwärtig herrschenden Maßlosigkeiten rund um den Globus.

Unveränderliche und unbeständige Bedürfnisse der Menschen

Der Islam nimmt an, dass der Mensch zwei Arten von Bedürfnissen habe, die ihn seit seiner Schöpfung begleiten. Dies seien zum einen unveränderliche Bedürfnisse und zum anderen unbeständige Bedürfnisse. Unveränderliche Bedürfnisse seien das Streben nach Vollkommenheit, Gelassenheit und letztlich Glückseligkeit. Diese seien bei allen Menschen in jeder Epoche gleich. Selbst derjenige, der Selbstmord begehe, tue dies demnach, um Frieden zu erlangen. Unbeständige Bedürfnisse seien hingegen nicht nur von Mensch zu Mensch unterschiedlich, sondern sie könnten sich je nach individuellen oder gesellschaftlichen Umständen ändern. Sie würden beispielsweise den individuellen Geschmack, den Zeitgeist oder die von der jeweiligen Kultur oder Sozialisation geprägten Interessen umfassen.

Die Unterschiedlichkeit der beiden Arten von Bedürfnissen lege nah, dass ihre jeweilige Befriedigungen in unterschiedlichen Kontexten festzulegen seien. Nach islamischer Anschauung fänden sich die Regelung der unveränderlichen Bedürfnisse in den eindeutigen Grundlagen des Koran, wie der Glaube und das Gelassenheit spendende Gedenken an einen absolut vollkommenen Gott, Der in allen Schönheiten der Existenz manifestiert sei, ohne dass Er selbst materiell und damit beschränkt sei. Die Regelung der unbeständigen Bedürfnisse könne dagegen nicht allein in den Heiligen Schriften festgelegt sein, da ihrer Wechselhaftigkeit Rechnung getragen werden müsse. Solche Weisungen fänden sich im Islamischen Recht (im Fachjargon: Scharia), das unter Berücksichtigung von Zeit und Ort veränderbar sei. Betrachten wir andere Religionen, so begegnet uns dasselbe Konzept: Die Regelungen der unveränderlichen menschlichen Bedürfnisse finden sich in den jeweiligen eindeutigen Grundlagen der Heiligen Schriften, während Weisungen als Beschlüsse von Konzilien oder ähnlichen Gremien in veränderbaren Regelwerken zu finden sind.

Ergänzen die unbeständigen Bedürfnissen die unveränderlichen, so garantieren sie Harmonie und Gelassenheit. Stehen sie aber im Widerspruch, so hat dies weitreichende Konsequenzen für die menschliche Lebensführung. Leider ist es eine weit verbreitete Praxis geworden, die beiden Kategorien der unveränderlichen Glaubensgrundsätze und der veränderbaren Gesetzlichkeit vermischt zu denken und sie sogar zu verwechseln. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn auf religiöse Bestimmungen bestanden wird, deren ursprüngliche Sinnhaftigkeit während des Erlasses nicht mehr in einer anderen oder gegenwärtigen Gesellschaft vorliegen. In der deutschen Sprache spricht man in solchen Fällen passend von "nicht im Sinne des Erfinders".

Die Hauptmisere unserer Zeit: Maßlosigkeit

Mir geht es nicht darum festzulegen, welches Menschenbild das richtige oder das falsche sei. Es erscheint allerdings, dass unsere praktische Definition von der Welt, den Menschen und das Leben grundlegenden Irrtümern unterliegt, die uns daran hindern, ein besseres Leben zu führen. Die immer schneller handelnde, ruhelose gegenwärtige Welt, ihre rastlosen Menschen mit instabilen Lebensbeziehungen sind ein Indiz für diese Annahme. Die unglaublich schnell fortschreitende Digitalisierung unserer Welt und Lebensweise und das Auseinanderdriften von gesellschaftlichen Schichten, die Zerrüttung von Familien und die damit einhergehende zunehmende Einsamkeit und diverse andere Probleme sind Indizien einer Zukunft, die sich immer schwieriger gestalten könnte.

Warum ist der Mensch, trotz der nahezu unermesslichen technologischen Fortschritte sowie Konformisierungen, in allen Bereichen ruheloser und unzufriedener denn je geworden? Sicher ist Gelassenheit eine verlorene Tugend des Menschen, welche diese Unruhe hervorruft. Dieser Verlust ist auch eine Quelle der alltäglichen Hetze und  Pöbeleien im World Wide Web. Die gleichen hetzenden und pöbelnden Menschen sehnen sich aber in Wirklichkeit nach Gelassenheit, im gleichen Augenblick trauern sie jedoch ihren unerfüllten Bedürfnissen nach und suchen krampfhaft nach einer Erfüllung dieser Bedürfnisse.

Ohne damit eine detaillierte wissenschaftlich Analyse des Sachverhaltes zu liefern, möchte ich unmittelbar darauf hinweisen, dass Maßlosigkeit ein Hindernis für die Gelassenheit geworden ist, die der Mensch braucht, um inneren Frieden zu erlangen. Wir sind gefangen im Strudel unserer selbstverschuldeten Ruhelosigkeit. Und diese Ruhelosigkeit hat nicht nur individuelle und gesellschaftliche Auswirkungen, sondern auch ökologische, ökonomische und politische Folgen: Die Eingriffe des Menschen in die Natur haben uns so weit gebracht, dass es heute in bestimmten Gegenden kaum mehr brauchbares Trinkwasser, saubere Luft oder gesunde Nahrungsmittel gibt. Wir treten unsere Zukunft mit Füßen, wenn die Ärmsten in den unterschiedlichen Winkeln unserer Welt nicht über das Lebensnotwendige verfügen, während sie massenweise Waffen in der Hand haben, um sich gegenseitig zu bekämpfen. Immer gibt es Menschen, die sich ihren vermeintlichen Frieden durch den Krieg in anderen Gegenden der Welt erkaufen.

Es wird immer dringender, dass sich Entscheidungsträger, Meinungsmacher und Intellektuelle gemeinsam aktiv für Rahmenbedingungen einsetzen, die eine moralische Genesung der Menschen begünstigt. Von Bedeutung ist die Einsicht, dass es für die Welt kein besseres Rezept als ein moralisches Menschsein gibt. Ich spreche nicht im Namen einer bestimmten Ideologie, sondern von einer Ethik, die im pluralistischen Sinne moralische Verhaltensweisen, die in allen Religionen und Weltanschauungen eine starke Verankerung haben, als ein Manifest für eine moralische Welt wirbt. Eines dieser ethischen Prinzipien, das in der Lage ist, auf der einen Seite viele Probleme des Individuums und somit der Welt zu lösen und auf der anderen Seite ein Grundkonsens nahezu aller Anschauungen darstellt, ist die Mäßigung.

Ja, wir brauchen mehr denn je Mäßigung, sei es auf der individuellen, der gesellschaftlichen, der ökologischen, der ökonomischen oder der politischen Ebene. Mäßigung ist der Schlüssel für die Lösung vielerlei gegenwärtige Probleme.

Von der Realisierbarkeit einer globalen Ethik

Man mag der Auffassung sein, dass ich ein Tagträumer sei oder einer Utopie nachjagen würde. Dabei denke ich weder politisch noch philosophisch, sondern eigentlich nur praktisch:

Durch die Globalisierung sitzen wir alle im selben Boot und sind darauf angewiesen, uns alles zu teilen. Wir haben auf andere Rücksicht zu nehmen und sind angehalten, Verantwortung zu übernehmen. Schließlich haben wir einen Fahrplan des gemeinsamen Zusammenlebens zu gestalten. Wir sind alle gemeinschaftlich verantwortlich für den Frieden, die Sicherheit und die Stabilität in unserer Welt. Wer diese in Gefahr bringt, gefährdet auch sich selbst, denn die Grenzen unseres globalen Dorfes liegen eng beieinander. Der beißende Rauch aus dem einen Dorf reicht so weit, dass er die Augen der Bewohner aller anderen Dörfer zu Tränen reizen kann.

Das Wissen darum bedarf nicht viel Einsicht. Und Einsicht ist der Motor für die Etablierung einer globalen Ethik - wie die Einsicht darüber, dass alle Menschen das unveränderliche Bedürfnis nach Glückseligkeit haben und wenn die Voraussetzungen zur Befriedigung dieses Bedürfnis nicht hergestellt werden, es sich massiv rächen wird. Leider ist jedoch zu beobachten, dass selbst Gläubige - teils aus Unwissenheit, teils aus Halbwissen - aus der Vermischung von unveränderlichen und unbeständigen Bedürfnissen der Menschen eine Religion propagieren, die sie und andere zum Sklaven ihrer eigenen religiösen Illusion werden lässt. Sie präsentieren einen verstümmelten Glauben, der niemandem nützlich ist. Sie orientieren sich nicht am Maßstab der Vernunft, um religiöse Inhalte und Grundlagen zu verstehen, sondern sie setzen ihr religiöses Halbwissen mit eigensinnigen Interpretationen absolut.

Viele Persönlichkeiten haben auf die anstehenden Probleme hingewiesen und globale Lösungsperspektiven aufgezeigt und vorgeschlagen, wie zuletzt der Dalai Lama. Gewiss ist eine globale Ethik nicht einfach zu etablieren, diese kann jedoch erreicht werden, wenn wir deren Verwirklichung mit Tatkraft und Willen fördern. Ein solches Projekt kann nicht die Tat eines Einzelnen sein, sondern es bedarf einer globalen Bewegung. In unserem globalisierten Zeitalter sollte der Mensch so weit gereift sein, um eine solche Einheit in der Vielfalt herbeiführen zu können. Meine Hoffnung ist die Blüte einer globalen Menschheit und einer menschlichen Globalität auf der Grundlage der Moral.


Mohammad Razavi RadDr. phil. theol. Mohammad Razavi Rad ist spezialisiert auf Religionswissenschaft und Religionsphilosophie und ist Autor von mehreren Büchern, Publikationen und Aufsätzen und ist Direktor des Instituts für Human- und Islamwissenschaften in Hamburg.


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rad@multiperspektivisch.de Tue, 27 Feb 2018 16:02:41 +0100
Das Thema repräsentative US-Umfragen in Iran und die letzte Enthüllung: Wie ist die Stimmung nach den Protesten? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/35.html Als nach den Unruhen um die Wiederwahl des damaligen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad in Iran 2009... Als nach den Unruhen um die Wiederwahl des damaligen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad in Iran 2009 die erneute wunschdenkerische Erwartung im Westen über einen baldigen Sturz der Islamischen Republik abermals sich nicht erfüllte, begannen eine Reihe von US-Instituten (Word Public Opinion, University of Maryland, International Peace Institute, Charney Research, Pew Research Center, Information and Public Opinion Solutions usw.) vermehrt damit, repräsentative Umfragen darüber durchzuführen, wie die Menschen in Iran eigentlich denken, statt beispielsweise wie sonst üblich iranische Analysten im Exil darüber auszufragen oder tatsächlich oder vermeintlich aus Iran stammende Tweets als repräsentativ zu behandeln.

Anfänglich wurden diese repräsentative Studien in englischsprachigen Medien (von den deutschsprachigen Medien ganz zu schweigen) fast systematisch ignoriert, widersprachen sie doch nahezu alle im Westen gehegten Vorstellungen über Iran und zeigten vor allem eine absolute mehrheitliche Unterstützung des hierzulande verhassten einstigen Präsidenten Ahmadinejad.

Erst im Zuge der Präsidentschaftswahl von 2013 erhielten repräsentative Erhebungen über das Denken der Menschen in Iran allmählich einen breiteren publizistischen Raum, wenn diese auch noch kaum in der Analysefindung der bekannten Iran-Experten eingeflossen sind und ernst genommen wurden - sahen sie doch meist den sogenannten „Hardliner“ Saeed Jalili (natürlich ohne irgendwelche handfeste Argumente) als den künftigen Präsidenten der Islamischen Republik, obwohl sämtliche repräsentative Umfragen dem widersprachen.

Inzwischen hat sich die Situation in der Forschung und Berichterstattung über die iranische Politik signifikant verändert, bedingt einerseits durch eine neue Generation von Iran-Experten, die im Vergleich zu ihren Vorgängern weniger aus einem voreingenommenen Exilantenmilieu kommen und deshalb auch gegenüber Meinungsumfragen aufgeschlossener sind, deren Ergebnisse ihr weniger vorgefertigtes Iran-Bild zuwiderlaufen, und andererseits durch die kommunikative Globalisierung, die es im Gegensatz zur Vergangenheit schwer macht, bei der Recherche von iranischen Stimmen und Perspektiven den konservativen Teil aus Iran völlig zu übersehen.

Die Objektivierung hat mittlerweile einen Grad erreicht, in dem es in englischsprachigen Medien nicht mehr unüblich ist, repräsentative Befragungen in der Bewertung von iranischen Verhältnissen als Grundlage zu übernehmen. Was den deutschsprachigen Bereich angeht, war IranAnders bis kürzlich vermutlich das einzige Medium, dass immer wieder auf die vorhandenen demoskopischen Untersuchungen hinwies und diese - statt gängige unsubstantiierte Behauptungen - als Basis seiner Analysen nahm. Nun aber hat - nach einer andauernden Zeit einer systematischen Unterschlagung - erstmals auch ein sogenanntes etabliertes Qualitätsmedium im deutschsprachigen Raum über eine jüngst veröffentlichte repräsentative Meinungsforschung berichtet, die die hiesigen bizarren Analysen über die regierungskritischen Proteste um die Jahreswende stark widersprechen.

Es handelt sich um die repräsentative Umfrage der US-Universität Maryland (Center for International and Security Studies at Maryland) in Zusammenarbeit mit dem kanadischen Institut IranPoll, die vom 16. bis 24. Januar 2018, das heißt, nach den Protesten in Iran durchgeführt worden war. Der Fehlerbereich liegt hier bei +/- 3,1 Prozent.

Im Folgenden werden nun einige Zahlen der Erhebung aufgelistet und teilweise kurz erläutert.

Nicht Armut und fehlende Freiheitsrechte, sondern Arbeitslosigkeit und sinkender Lebensstandard seien die dringendste Probleme

  • Nur 1,7 Prozent der Menschen in Iran seien der Meinung, dass die Armut das dringendste Problem sei.

Diese sehr geringe Zahl hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass es in Iran - neben dem staatlichen sozialen Sicherungssystem - zahlreiche karitative und religiöse Sozialstiftungen gibt, die teils unter der Aufsicht des religiös-politischen Staatsoberhaupts, Ayatollah Ali Khamenei, stehen. Gerade diese seien aber nach Angaben einiger Analysten in der westlichen Hemisphäre ein Beweggrund für die Proteste gewesen, weil deren Budgets sich angeblich massiv erhöht hätten, ohne aber etwas dafür zu leisten.

  • Die relative Mehrheit von 49,5 Prozent seien der Ansicht, dass die Arbeitslosigkeit das dringendste Problem sei.

Dieses Empfinden deckt sich mit der aktuellen Arbeitslosenrate, die unter dem amtierenden moderaten Präsidenten Hassan Rouhani sich höher beläuft als unter seinem Vorgänger Ahmadinejad.

  • Im Mai 2015 habe nur die kleinste Minderheit von 21,2 Prozent in Iran die allgemeine wirtschaftliche Situation als "sehr schlecht" bezeichnet und entsprechend die relative Mehrheit von 49,3 Prozent sei der Auffassung gewesen, dass sie im Begriff sei, auch noch besser zu werden.

  • Diese Zahlen haben sich sukzessiv und dramatisch umgekehrt. Nun sei die relative Mehrheit von 40,7 Prozent in Iran der Ansicht, dass die allgemeine wirtschaftliche Situation des Landes "sehr schlecht" sei. Und die absolute Mehrheit von 58,4 Prozent gehe sogar davon aus, dass sie im Begriff sei, noch schlechter zu werden.

  • Eine sehr knappe relative Mehrheit von 41,4 Prozent in Iran sei der Auffassung, dass die wirtschaftliche Situation ihrer Familie in den letzten vier Jahren sich verschlechtert habe. 41,3 Prozent dächten, dass sie unverändert sei und nur 17,3 Prozent würden meinen, dass sie sich verbessert habe.

Die aktuellen Ergebnisse stellen einen Tiefstwert dar. Sie stimmen mit den Wirtschaftszahlen überein, die besagen, dass der Lebensstandard in Iran unter Hassan Rouhani sich insgesamt verschlechtert habe - selbst unter dem hart sanktionierten Iran während der Präsidentschaft Mahmoud Ahmadinejads sei der Lebensstandard insgesamt besser gewesen. Auch der vom US-Außenministerium mitfinanzierte britische Auslandssender BBC Persian, dem keinerlei Sympathie für die vorherigen Ahmadinejad-Regierungen vorzuwerfen ist, räumt diesen Umstand ein: Der Lebensstandard der Bevölkerung in Iran unter den Regierungen Ahmadinejads sei zusammengefasst nicht nur eindeutig besser als unter den Regierung Rohanis, sondern sogar unter der des reformorientierten Präsidenten Mohammad Khatami gewesen.

  • Bloß 0,3 Prozent der Menschen in Iran würden fehlende bürgerliche Freiheiten als das dringendste Problem betrachten. Zudem seien 56,2 Prozent der Meinung, dass sie ein ziemlich richtiges Maß an politischen Freiheiten genießen.

  • Maximal nur 26,3 Prozent seien mehr oder minder der Meinung, dass sich die Regierung zu stark in das Privatleben der Menschen einmische. Hingegen würden mindestens 57,7 Prozent das Ausmaß der Kontrolle für ziemlich angemessen halten und mindestens 17,9 Prozent sogar für "zu wenig".

Wirkliche Experten würden von diesen Befunden nicht überrascht sein, gibt es doch mehrere demoskopische US-Untersuchungen, die zum gleichen Ergebnis kommen. Hier ist auch zu berücksichtigen, dass so etwas wie allgegenwärtige Sittenwächter in Iran nicht existieren, auch wenn dieses Mythos im Westen weiterhin falsch tradiert wird. In der Tat wird der deutsche Iran-Reisender erkennen können, dass die Präsenz von Sicherheitskräften in der deutschen Hauptstadt Berlin dichter und größer ist, als in der iranischen Hauptstadt Teheran. Und der französische Iran-Reisender wird angesichts der in Iran kaum präsenten Militär den Eindruck bekommen, dass Frankreich - und nicht Iran - unter einer Militärherrschaft stünde.

Mehrheit gegen fundamentale Veränderung des politischen Systems

  • 76,7 Prozent der Iraner_innen widersprächen der Meinung, dass das politische System eine fundamentale Veränderung benötige. Davon seien sogar 53,5 Prozent "stark dagegen".

  • Des Weiteren sei die absolute Mehrheit von 59,3 Prozent dafür, dass die Regierung das Islamische Recht implementiere - die relative Mehrheit von 33,3 Prozent ist sogar dafür, dass dies "strikt" geschehe. Ferner seien 77 Prozent der Auffassung, dass die politischen Entscheidungsträger des Landes zumindest die religiösen Lehren in ihren Entscheidungsprozessen beachten sollen.

Ebenfalls sind die Resultate dieser Erhebungen nicht erstaunlich, decken sie sich gleichwohl mit anderen repräsentativen US-Studien, darunter mit einer aufwendigen persönlichen Befragung in privaten Wohnsitzen in Iran. An dieser Stelle ist anzumerken, das die Vorstellungen über das islamische Recht oder islamische Lehren different sein können, ermittelt indes die selbige Befragung, dass die relative Mehrheit von 45 Prozent der muslimischen Iraner_innen die iranischen Gesetze für nur mittelmäßig konform mit dem Islam ansehen.

Mehrheit für Freilassung von regierungskritischen Demonstranten, jedoch für strafrechtliche Belangung von systemkritischen Protestlern

  • Auf der einen Seiten seien die absolute Mehrheit von 74,2 Prozent der Menschen in Iran der Ansicht, dass die meisten derjenigen friedlichen Protestierenden, die in Gewahrsam genommen wurden und die gegen den Islam oder die religiösen Gesetze Parolen skandierten, strafrechtlich belangt werden sollen.

  • Auf der anderen Seite seien aber die absolute Mehrheit von 64,5 Prozent der Meinung, dass die meisten derjenigen friedlichen Demonstranten, die in Gewahrsam genommen wurden und gegen die Regierungspolitik Parolen skandierten, entlassen werden sollen.

  • Allerdings seien die absolute Mehrheit von 68,3 Prozent wiederum dafür, dass die meisten derjenigen friedlichen Protestlern, die in Gewahrsam genommen wurden und gegen das politische System Irans Parolen skandierten, strafrechtlich belangt werden sollen.

Diese bedeutungsvolle Daten widersprechen die karikativen Annahmen im Westen, die einfach davon ausgehen, dass Mensch in Iran nicht unterscheiden könnten zwischen Kritik an bestimmten Entscheidungsträgern oder Verhältnissen von der Kritik an der Islamischen Republik als solche und somit oftmals alle Form einer Unzufriedenheit in Iran als systemkritisch auslegen.

  • Die meiste Zustimmung mit 63,9 Prozent für eine harte Bestrafung erhielt die Auswahl derjenigen Protestler, die in Gewahrsam genommen wurden und die Polizei attackierten. So sei auch eine geringfügig größere absolute Mehrheit von 66,3 Prozent der Auffassung, dass die Polizei die Proteste mehr oder weniger gut gehandhabt habe und dabei dächten 63,9 Prozent, dass die Polizei ein angemessenes Maß an Gewalt angewendet habe.

Freilich sind bei den sieben Tage anhaltenden Protesten über 20 Menschen auf beiden Seiten gestorben. Diese Anzahl gilt jedoch in der Region für gewaltsame Auseinandersetzungen in solch einem Zeitraum bedauerlicherweise als eher gering als hoch.

Mehrheit für weiteres militärisches Engagement in Syrien

  • Ungeachtet des erklärten Siegs gegen den IS in Syrien befürworte die relative Mehrheit von 48,5 Prozent in Iran das weitere militärische Engagement Teherans, bis Assad die volle Kontrolle über das ganze Land gewonnen habe. Ergänzend seien 84 Prozent der Meinung, dass über die Fortsetzung der Präsidentschaft Assads das syrische Volk zu entscheiden habe.

Hier ist zu bemerken, dass Teheran sein Engagement unter anderem eben damit begründet, dass syrische Volk zu bemächtigen, über sein eigenes Schicksal zu entscheiden, indem militärisch verhindert wird, dass Assad - bei von Teheran plädierten faire und freie Wahlen unter internationaler Aufsicht - von vornherein ausgeschlossen wird, wie dies gerade von Teilen des Auslands und der Exil-Opposition militärisch versucht und beabsichtigt wird.

Mehrheit für weiteres militärisches Engagement im Irak

  • 61,2 Prozent in Iran seien der Ansicht, dass das aktuelle Engagement im Irak und in Syrien die nationalen Interessen ihres Landes nicht wirklich verletze. So seien 54,8 Prozent auch dafür, dass Teheran seine Unterstützung im Kampf gegen terroristische Gruppierungen - wie gegen den IS - erhöhen solle, wobei 31,7 Prozent der Meinung seien, dass der jetzige Grad an Unterstützung beibehalten werden solle.

  • Analog dazu sei die Mehrheit von 51,1 Prozent im Großen und Ganzen dagegen, dass die Regierung weniger Geldmittel im Irak und in Syrien ausgeben soll. Und 77,6 Prozent seien der Auffassung, dass Iran seinen Einfluss im Irak nutzen solle, um eine Politik zu unterstützen, die sowohl Schiiten als auch Sunniten zugutekommt.

An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass in der Selbstwahrnehmung der Islamischen Republik Iran keine sektiererische Politik - weder im Irak noch anderswo in der Region – verfolgt werde. Laut dem renommierten Iran-Experten Dr. Walter Posch habe Teheran selbst den ehemaligen Ministerpräsident Nuri al-Maliki stets zur Einbindung der Sunniten gedrängt.

Popularität von Rohani und Zarif auf Tiefstwerte, von Soleimani auf neuem Spitzenwert

  • In der repräsentativen Meinungsumfrage geht die libanesische Hisbollah als die populärste ausländische Entität (Akteur/Staat) mit insgesamt 64,7 Prozent Zustimmung hervor. Und die Popularität des Generals der al-Quds-Einheit für exterritoriale Operationen, Qasem Soleimani, erlangt mit insgesamt 82,7 Prozent Zustimmung einen neuen Spitzenwert.

  • Dagegen erreichen die Werte des iranischen Präsidenten Hassan Rohani mit insgesamt 65,5 Prozent Zustimmung und des Außenministers Mohammad Javad Zarif mit insgesamt 68,4 Prozent Zustimmung die niedrigsten Werte seit Juli 2014.

  • Dies gilt ebenfalls für den einst populären Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad, der nach anhaltenden Auseinandersetzungen - unter anderem mit der Justiz und der darauffolgenden wirklichen erstmaligen Kritik Ayatollah Khameneis - mit nunmehr insgesamt 47,1 Prozent die wenigste Zustimmung seit diesen Erhebungen erzielt.

Diese Zahlen sind bemerkenswert, versuchten doch eine Reihe von westlichen und arabischen Medien und Journalisten die Proteste als Anlass zu nehmen, um das militärische Engagement Irans in der Region als innenpolitisch unpopulär zu brandmarken. Nach diesen Befunden  seien aber gerade die Höchstwerte an Popularität für diejenigen Akteure, die eng mit diesem Engagement verknüpft sind, gar gestiegen und im Gegensatz dazu sei die Popularität für diejenigen Akteure, die partiell als Vertreter einer konzessiven Politik wahrgenommen werden, gesunken. In diesem Sinne passen ebenso folgende zwei Ergebnisse:

Mehr denn je für Autarkie und gegen Konzessionen

  • 67,4 Prozent der Menschen in Iran seien der Auffassung, dass die Erfahrungen mit dem Atomabkommen zeige, dass es für ihr Land grundsätzlich nicht erstrebenswert sei, Konzessionen zu machen, da ihr Land kein Vertrauen haben könne, dass die Weltmächte ihren Part der Vereinbarung auch einhalten werden. So sei eine immer größere absolute Mehrheit von nun 67,3 Prozent der Meinung, dass das Land sich selbst versorgen müsse, statt den Handel mit dem Ausland zu intensivieren. Das ist ein neuer Spitzenwert, der im Juli 2014 noch auf 53 Prozent betrug.

Mehrheit für eigene Raketenentwicklung trotz Sanktionsandrohungen

  • 94,9 Prozent in Iran würden es für wichtig halten, eigene Raketen herzustellen, darunter seien 73,8 Prozent, die es für "sehr wichtig" halten. Hinzu kommen 85,2 Prozent, die die Ansicht verträten, dass ballistische Raketen auch trotz der Sanktionsandrohungen der USA und selbst Europas weiterhin getestet werden sollen. Und die absolute Mehrheit von 64,9 Prozent widerspräche prinzipiell der Meinung, dass die Regierung weniger Geld in die Raketenentwicklung stecken solle.

  • 70,1 Prozent in Iran seien der Meinung, dass ihr Land gar weiter fortgeschrittene Raketen entwickeln solle, selbst dann, wenn die USA damit drohen würden, die aufgehobenen Sanktionen aus dem Atomabkommen wieder zu verhängen. Nur 24,0 Prozent seien bereit, die Entwicklung von fortgeschrittenen Raketen zu beenden, falls umgekehrt die USA zustimmen würden, mehr Sanktionen aufzuheben.

Für Deutsche mag die militaristisch anmutende Einstellung der Iraner_innen befremdlich wirken, dabei würde aber verkannt werden, dass die Deutschen sich aufgrund der Erfahrungen des 2. Weltkrieges nach wie vor zu einem großen Teil als "Tätervolk" betrachten und aufgrund dessen eher pazifistische Präferenzen haben, wogegen die Iraner_innen aufgrund des 8-jährigen Verteidigungskriegs gegen Saddam Husseins Irak - in dem sie weitestgehend von der restlichen Welt allein gelassen worden sind - sich als "Opfervolk" wahrnehmen und infolgedessen wehrhafte Präferenzen haben. Diese zwei grundlegend unterschiedlichen kollektiven Erfahrungen bringen beide Völker dazu, entsprechend anders über Pazifismus, Wehrhaftigkeit und Militär zu denken.

"Geschrumpfte" Mehrheit für eigenes Atomprogramm, zumal Anerkennung durch internationale Gemeinschaft

  • Da der Atomkonflikt seit mehr als zweieinhalb Jahren gelöst ist, seien "nur" noch 85,8 Prozent in Iran größtenteils der Meinung, dass es "sehr wichtig" sei, dass ihr Land ein Nuklearprogramm unterhalte. Aber nur maximal 26 Prozent von ihnen sähen dies aus militärischen Gründen als wichtig an. Die absolute Mehrheit von ihnen von mindestens 58,2 Prozent befänden dies aus Gründen der Wissenschaft, der Forschung, des technologischen Prestiges, der Wirtschaft und der Energiegewinnung für wichtig. Und 58,1 Prozent dächten eine friedliche Koexistenz zwischen der Islamischen Welt und dem Westen für möglich.

Anders als in Deutschland, wird in Iran die Atomtechnik - wie vermutlich auch in der restlichen Welt - als eine fortschrittliche Technologie betrachtet. Jedenfalls wird in Iran das Nuklearprogramm nicht als ein Mittel betrachtet, um westliche Verbündete oder Nationen auszulöschen.

Staatliche Fernsehsender weiterhin die Hauptquelle für Nachrichten

  • Die allermeisten Menschen  in Iran, nämlich 82,7 Prozent würden sich überwiegend über die staatlichen Fernsehsender über nationale und internationale Angelegenheiten informieren. An zweiter Position sei dies mit 65,5 Prozent die sozialen Netzwerke wie die Messanger-App Telegram der Fall und auf den dritten Rang mit 58,4 Prozent das Internet.

Der Konsum von Nachrichten über soziale Netzwerke und über das Internet verbucht damit im Vergleich zu 2012 einen rasanten Anstieg. Allerdings ist in diesem Zusammenhang zu sagen, dass staatliche und selbst konservative Medien und Akteure in dieser Hinsicht schon längst ihre Hausaufgaben gemacht haben und nicht mehr wie in der Vergangenheit versuchen, allein den Zugang zum Netz einzuschränken, sondern sie bieten eher massiv ihre Inhalte im Internet und bei Telegram an. Anders als noch im Jahr 2009, wo im Internet fast nur reformorientierten Wähler_innen des damaligen unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mousavi vorzufinden waren und dadurch im Westen ein völlig falscher Eindruck der Realitäten vor Ort entstand, sind heute immer mehr konservative Experten_innen, Journalisten_innen, Aktivisten_innen und Nutzer_innen vertreten, die sogar teils Englisch sprechen und beispielsweise bei Twitter bei dem einen oder anderen westlichen Journalisten_innen als Korrektiv wirken.

Fazit

Die repräsentative Studie führt noch weitere aufschlussreiche Befunde an, wie beispielsweise die Befragungen über den Haushaltsentwurf der Regierung, der in Iran und im Westen als eine Ursache der Proteste thematisiert worden ist, und deren neoliberale Eckpunkte gemäß den Ergebnissen dieser repräsentativen Umfrage im diametralen Widerspruch zu den absolut mehrheitlichen linken Wirtschaftsansichten der Bevölkerung stehen. Wegen des ohnehin in Iran bekannten Wissens über diese starken linken Vorstellungen in der Bevölkerung, wurde der Haushaltsentwurf vom konservativen* Parlament inzwischen teilweise revidiert und verabschiedet.

Dank der kommunikativen Globalisierung erhielt diese US-amerikanische demoskopische Untersuchung auch in Iran zum ersten Mal einen großen Raum für Debatten und Diskussionen. Indes reagiert der iranische Präsident Rouhani auf die sichtbar aufkeimende Unzufriedenheit über seine Wirtschaftspolitik und -leistung mit teils populistischen Forderungen nach mehr Freiheiten, um zum einen von seinem Misserfolg in der Wirtschaft abzulenken und zum anderen diese wirtschaftsmotivierte Unzufriedenheit im Sinne seiner engsten Verbündeten die Reformer hin zu mehr Demokratie zu kanalisieren. Wie erfolgreich diese Taktik sein wird, ist fraglich. Die herkömmliche Meinung besagt, dass sich Menschen weniger für mehr Demokratie begeistern lassen, wenn sie den Eindruck haben, dass es ihnen ökonomisch nicht gut gehe. Dazu kommt, dass nach mehreren repräsentativen Umfragen die meisten Iraner_innen bei den letzten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen ohnedies Entscheidungsträger - einschließlich Rohani - gewählt haben, nicht weil sie mit ihrer Wahl etwa den Wunsch nach liberalen Freiheiten verknüpft hätten, sondern mit der Hoffnung und Erwartung auf einer bessere wirtschaftliche Entwicklung.

So oder so zeigt diese aktuellste US-Studie abermals, dass die Menschen in Iran keinen Wechsel des politischen Systems anstreben, sondern allenfalls eine inneriranische Reform jenseits von politischen Intervention aus dem Ausland. Die vom Wunschdenken motivierten Analysen über die angebliche Unzufriedenheit über das militärische Engagement des Landes in der Region einerseits und die angebliche Unzufriedenheit über fehlende liberale Freiheiten in der Islamischen Republik andererseits, müssten mit dieser gemäß den Regeln der Sozialforschung durchgeführten Umfrage in das Reich der Märchen verbannt sein. Gerade in Deutschland sollte man spätestens seit den Querelen um Stuttgart 21 skeptisch sein, Proteste und Kundgebungen als Belege dafür heranzuziehen, was die Mehrheit denke.

*Tatsächlich vertreten die konservativen Kräfte und insbesondere die sogenannten Hardliner in Iran weitgehend eine linke Wirtschaftspolitik, mitunter aus diesem Grund wird die Bezeichnung "Konservative" von ihnen selbst zurückgewiesen. Sie selbst bezeichnen sich "Prinzipialisten" und so werden sie auch in Iran genannt.

Nachtrag:

Inwieweit repräsentative Befragungen in Iran - sei es über Telefon oder persönlich vor Ort - ein echtes Meinungsbild der iranischen Gesellschaft abspiegelt wird häufig von Kritikern derer Ergebnisse in Zweifel gezogen. Einer der Haupteinwände ist der Vorwurf, dass die Befragten aus angeblicher Furcht vor Konsequenzen in ihrer ehrlichen Meinungswiedergabe behindert sein könnten. Dies ist angesichts der zahlreichen Schreckensmeldungen über Iran ein berechtigter Einwurf. Etliche Meinungsforschende haben sich jedoch bereits dazu geäußert. Einige Gegenargumente lauten inhaltlich wie folgt:

  • Der ehemals in Iran inhaftierte Soziologe und Exilant Dr. Hosein Ghazian, selbst Leiter des US-Meinungsforschungsinstituts iPOS gewesen, hält Repräsentativerhebungen in Iran für solide. Die ausgebildeten Interviewenden seien darauf geschult, das Vertrauen der Befragten zu erlangen, indem beispielsweise zunächst einfache und vertrauensbildende Fragen gestellt würden und erst, wenn das Vertrauen hergestellt worden sei, würden die heikleren Fragen gestellt. Ein anderer führender Meinungsforscher, Dr. Ebrahim Mohseni von der US-Universität Maryland, weist darauf hin, dass die Fragen und Antwortmöglichkeiten auf eine Weise bestehen, die eine authentische Auskunft der Befragten gewährleisten, ohne dass diese sie in eine vermeintliche Gefahr bringen könnte.

  • Niemand der Meinungsforschenden und Interviewenden zwinge die Befragten zur Teilnahme, jeder könne jederzeit auflegen bzw. das Gespräch beenden oder die Antwort auf eine Frage überspringen. Die Rate der Verweigerung der Teilnahme an diesen Meinungsumfragen beziehungsweise die Weigerung, Auskunft auf Fragen zu geben, sei allerdings bei den Menschen in Iran geringer als beim US-amerikanischen Volk. So werde innerhalb einer Umfrage sogar die in der veröffentlichten Meinung bzw. in offiziellen Iran kaum behandelten, aber heiklen Fragen nicht auffällig häufiger übersprungen als andere heikle oder triviale Fragen, die offiziell und inoffiziell heiß und kontrovers in Iran diskutiert würden. Alles in allem ergäben die Ergebnisse der Erhebungen eine in sich plausible und schlüssige Meinungsabbildung.

  • Es sei vom US-Institut World Public Opinion festgestellt worden, dass die Resultate von telefonischen und persönlichen Vorort-Umfragen sehr ähnlich seien. Würden die Befragten sich jedoch fürchten, ihre wahre Antworten anzugeben, müsste es Unterschiede und Auffälligkeiten geben.

  • Die Befragten in Iran gäben nicht bloß "ja" und "nein" als Antworten an, sie würden ihre Antworten begründen, die Fragen kommentieren und schlügen gar vor, wie man sie besser formulieren könnte, und sie würden sogar die Interviewenden fragen, was deren Antworten wären und möchten demnach eine politische Diskussion mit ihnen führen. Eine der großen Herausforderungen sei es daher, die Interviewenden beizubringen, wie man mit einer solchen grundsätzlich politisch engagierten Bevölkerung umzugehen hat.

  • Die gleichen Umfragen mit der gleichen wissenschaftlichen Methodik würden auch Ergebnisse liefern, die nicht im Sinne der Islamischen Republik sind. Interessanterweise würden teilweise die gleichen Umfragen-Kritiker diese Ergebnisse herauspicken, um sie für ihre eigenen irankritischen Argumente zu verwenden.

  • Last but not least ist anzuführen, dass Befragte während des Interviews die Ergebnisse durch die sogenannte „Soziale Erwünschtheit“ verzerren können, das heißt, sie könnten sich aufgrund einer Erwartungshaltung gegenüber einem westlichen Forschungsinstitut liberaler oder westlicher geben, als sie es eigentlich sind.

Iran-Experte Shayan ArkianShayan Arkian ist Chefredakteur von IranAnders und Autor von zahlreichen Analysen über die iranische Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.


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shayan.arkian@irananders.de Mon, 19 Feb 2018 17:07:26 +0100
Führt eine geschlechtslose Sprache zu einer Entdiskriminierung? Fallbeispiel: Persisch http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/33.html Es gibt wahrscheinlich keine Debatte in Deutschland, die so kontrovers und hitzig geführt wird -... Es gibt wahrscheinlich keine Debatte in Deutschland, die so kontrovers und hitzig geführt wird - und gleichzeitig alle Menschen betrifft - wie die Debatte über die geschlechtergerechte  Sprache. Darunter ist eine Sprachlenkung zu verstehen, die bewusst bestimmte Aspekte der Sprache mit Argumenten aus der feministischen Sprachkritik beziehungsweise der Geschlechterforschung ("Gender Studies") umändern will. Es steht also eine feministische respektive linksliberale Denkhaltung dahinter. Selbst aus der Perspektive der Befürworter kann man daher ruhigen Gewissens von bewusster Sprachkorrektur sprechen.

Die Befürworter dieses sogenannten Gender-Sprache argumentieren im Sinne der Philosophin Judith Butler (geb. 1956), dass Geschlechtsidentität nichts natürlich Gegebenes, sondern etwas sozial, kulturell und sprachlich Konstruiertes sei. Man könne und dürfe also den Menschen bzw. dessen Kultur ändern. Deshalb ist es ihr erklärtes Ziel, eine sprachliche Gleichstellung von allen Menschen - unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung - herzustellen, denn es bestehe eine Notwendigkeit, die uralte männliche Dominanz in der Sprache aufzuheben.

Von der Unsichtbarkeit zur Sichtbarmachung bis Neutralisierung der Geschlechtsfrage

Seit den 1990ern zieht das Thema der geschlechtergerechten Sprachverwendung in breiterem Maße die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich und wird erstmals angewandt, insbesondere in den öffentlichen Einrichtungen und Schulen. Ebenso wurde die Gesetzeslage EU-weit dementsprechend geändert. Rechtlich handelt es sich beim amtlichen Sprachgebrauch seitdem nicht mehr bloß um eine beliebige Wahl, die man nach Ermessen treffen kann, sondern in der Regel um eine Pflicht. So steht beispielsweise im zweiten Paragraphen der „Gemeinsamen Geschäftsordnung der Berliner Verwaltung“ (GGO I): „Die sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern ist zu beachten.“

Den Ausgangspunkt der Debatte bildete die Kritik an der Verwendung von maskulinen Nomen im Plural ("Liebe Leser"), die aber auch Frauen mit meinen, jedoch nicht sichtbar machen. Seither ist ein regelrechter Kampf um das politisch korrekte Ansprechen von Menschengruppen mit ungleichem Geschlecht ausgebrochen: Die einen plädieren für die explizite Nennung beider Geschlechter ("Liebe Leser und Leserinnen"), die anderen machen sich die wiederum stark für die Verwendung von Gap ("Liebe Leser_innen"), um auch die queeren Geschlechtsidentitäten miteinzubeziehen. Und eine weitere Gruppe hingegen möchte das Geschlecht mit Xen ("Liebx Lesex") völlig aus der Sprache verbannen. Es gibt noch gefühlte Dutzende sich widerstreitende Vorschläge, Empfehlungen und Konstellationen, um das neu erkannte Problem zu lösen.

Geschlechtslosigkeit im Persischen

All diese Debatten und Querelen sind in der persischen Sprache fremd, obzwar sie als indogermanische Sprache mit der deutschen Sprache verwandt ist und die altpersische Sprache kongruent die drei grammatischen Geschlechter Maskulinum, Femininum und Neutrum hatte - die allerdings im Laufe der Evolution bereits um 300 v. Chr. verschwanden.

Das heutige Persisch kennt infolgedessen weder den bestimmten Artikel (der/die/das/den/dem/des) noch irgendein grammatisches Geschlecht, womit Nomen mit Artikeln ("das Auto"/"die Sonne"/"der Mond") oder Adjektive (schöne/-r/-s) geschlechtlich markiert werden könnten. Das heißt, ebenfalls sind sämtliche Variation der Pronomen, wie er, sie, es, sein, ihr, diese, dieser, dieses, diejenigen, derjenigen, dasjenige, welche, welcher, welches, wen, wem, wessen etc. pp. geschlechtsneutral. Anders als im Falle des in den Gender-Sprachkreisen hochgefeierten Finnischen sind im Persischen sogar keine Geschlechtsendungen von Subjektiven vorgegeben, die Leser, Kollegen oder Freunde in männlich oder weiblich unterscheiden!

Dieser Umstand macht es gerade für Deutsch-Iraner und -Iranerinnen sehr attraktiv, im Gespräch mit Gleichsprachigen auf Persisch zu kommunizieren, wenn es zum Beispiel darum geht, zu erzählen, dass man mit einem "geschlechtsneutralen" Mitarbeiter oder Freund unterwegs war und somit das Geschlecht offen lassen möchte. An diesem Beispiel ist gut sichtbar, wie spielerisch das alltägliche Sprachhandeln ohne geschlechtsspezifische Suffixe gestaltet werden kann.

Insgesamt ist zu konstatieren, dass im Persischen schon längst die Gleichstellung der binären Geschlechter vollzogen wurde und es sich auch aufgrund dessen um eine erkennbar leicht erlernbare Sprache handelt.

Fazit

Natürlich kann man die sprachstrukturelle Geschlechtslosigkeit des Persischen (selten Iranisch und zunehmend Farsi genannt) als großen Segen betrachten, sich nicht - wie im deutschsprachigen Raum - in extrem mühsame, scheinbar endlose Debatten zur Gender-Sprache verwickeln zu lassen. Nebenbei führen die Auswirkung dieser Debatten meines Erachtens bereits dazu, die deutsche Sprache unästhetisch und unfunktional zu machen.

Im Hinblick auf das Persische und dessen exemplarischem Kernland Iran muss man hier aber auch sagen, dass das reine Fehlen des grammatischen Geschlechts nicht automatisch einem Fehlen von soziokulturell bedingten problematischen Sprach- und Denkweisen über Geschlechter und Machtverhältnisse gleichkommt. Die hartnäckigen Spuren der männlichen Sprachdominanz ungrammatischer Natur und gar sexistischen Sprachgebrauchs im bewussten sowie unbewussten Sprachverhalten vieler Iraner und ja auch Iranerinnen, unabhängig von ihrem Alter, ihrem Bildungsgrad und ihrer sozialen Stellung, konnten nämlich in den letzten Jahren in mehreren wissenschaftlichen Studien innerhalb der Islamischen Republik Iran und von iranischen Soziolinguisten selbst belegt werden. Für die Debatte in Deutschland könnte dies bedeuten, dass selbst eine etwaige absolut geschlechtsneutrale Sprache nicht zwingend eine Entdiskriminierung des weiblichen oder sonstigen Geschlechts zur Folge haben wird.

Mehrdad SaeediMehrdad Saeedi ist Sprach- und Kulturforscher mit Schwerpunkt auf den persischen Sprachraum (Iran, Afghanistan und Tadschikistan). Er studierte Germanistik und Iranistik an der Universität Potsdam und an der Freien Universität Berlin (FU) und promovierte in Zentralasien-Studien an der Humboldt Universität Berlin (HU).


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saeedimehrdad@yahoo.de Mon, 29 Jan 2018 19:13:57 +0100
Die Kriegsethik des muslimischen Saladin – ein Vorreiter der Genfer Konventionen? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/32.html Der Fernsehsender „kabel eins Doku“ brachte in seiner Reihe „Die großen Geheimnisse der Geschichte“... Der Fernsehsender „kabel eins Doku“ brachte in seiner Reihe „Die großen Geheimnisse der Geschichte“ eine Dokumentation über den legendären Sultan Saladin, in dem dessen ritterliche Kriegsführung in der Zeit der Kreuzzüge gewürdigt und er nicht nur als ein Herrscher auf einer Stufe mit den Großen der Weltgeschichte wie Alexander der Große oder Caesar genannt wird, sondern mit seiner Kriegsethik sogar als Vorläufer des modernen Völkerrechts in Verbindung gebracht wird. Eine solche Sichtweise mag für viele überraschend sein, denn ein muslimischer Herrscher mit einer so hohen Kriegsethik steht im diametralen Gegensatz zum gegenwärtig - durch das Vorgehen solcher Banden wie der IS-Gang - verbreiteten Bild von einer Religion, die auch im Kampf keinerlei ethische Richtlinien und Prinzipien kennt.

Saladin und Richard Löwenherz

Wohl kaum ein muslimischer Herrscher des Mittelalters erregte im christlichen Abendland im Laufe der Jahrhunderte mehr Aufmerksamkeit und Interesse als der um das Jahr 1137 n. Chr. im heutigen Irak geborene kurdischstämmige Sultan von Ägypten und Syrien, Salah Al Din Yusuf, zumeist auch einfach als „Sultan Saladin“ bekannt.

Im Jahr 1187 n. Chr. eroberte Sultan Saladin das von den Kreuzfahrern kontrollierte Jerusalem. Da die Kreuzfahrer nach dem Fall Jerusalems nun nur noch wenige Städte im „heiligen Land“ kontrollierten, rief Papst Gregor VIII. noch im selben Jahr zum dritten Kreuzzug auf, der 1189 unter der maßgeblichen Führung von Richard Löwenherz, der König von England, begann.

Obwohl sich im Laufe der Zeit viele Legenden bildeten, kann man davon ausgehen, dass der etwa drei Jahre dauernde dritte Kreuzzug vom gegenseitigen Respekt der führenden Akteure geprägt war. Offenbar hat Sultan Saladin trotz der christlichen Belagerung von Akkon dem erkrankten König Löwenherz die Dienste seines eigenen Leibarztes angeboten und ihm Mittel zu seiner Genesung übersandt. Die Ritterlichkeit des muslimischen Sultans sei auch daran deutlich geworden, dass er bei der Schlacht von Jaffa inmitten des Gefechts den christlichen König zwei Pferde bringen ließ, als dessen Pferd während des Kampfes getötet wurde. Weiterhin gab es ungeachtet der anhaltenden Kriegszustand diplomatische Kontakte und es wurden überdies Geschenke ausgetauscht. Die gegenseitige Wertschätzung der verfeindeten Anführer der Muslime und Christen mündete sogar darin, dass Richard Löwenherz Saladins Bruder anbot, seine eigene Schwester zu ehelichen - ein für die damalige Zeit ungeheuerlicher Vorgang.

Der dritte Kreuzzug endete schließlich ohne die Eroberung Jerusalems im Jahr 1192. Richard musste um seinen Thron in England fürchten und vereinbarte einen Waffenstillstand, woraufhin Saladin unter anderem christlichen Pilgern den freien Zugang nach Jerusalem zusicherte. Sultan Saladin verstarb nicht einmal ein Jahr nach diesem Waffenstillstand.

Das positive Saladinbild im Abendland

Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß die Person des Sultans Saladin Eingang in die abendländische Literatur fand - im Folgenden sollen nur die bekanntesten Beispiele erwähnt werden.

Das Interesse an ihm erlosch im Okzident bis in die Neuzeit de facto nie. Gerühmt an ihm wurden zunächst seine Freigiebigkeit und Ritterlichkeit. Schon der deutsche Lyriker Walther von der Vogelweide (etwa 1170 - 1230) stellte den arabischen Sultan in seiner "Löwenherz-Mahnung" aus dem Jahr 1201, also nur ein Jahrzehnt nach dem Beginn des englischen dritten Kreuzzugs, als milden Herrscher und zusammen mit Richard Löwenherz als Vorbild dar.

Dem positiven Bild von Saladin konnte sich offenbar auch Dante Alighieri (1265 - 1321) nicht entziehen, denn er verbannt Saladin in seiner „Göttlichen Komödie“ nicht etwa in die Hölle, wo er mitunter den islamischen Propheten Mohammed ansiedelt, sondern lediglich in den Limbus, in dem sich nach katholischer Theologie Seelen aufhalten, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen sind, also nicht in die Hölle geworfen werden.

Die Aufklärer betonten insbesondere seine religiöse Toleranz, da er zum Beispiel Zwangsbekehrungen abgelehnt habe. Der französische Philosoph Voltaire (1694 - 1778) rühmte in seinem "Essay über die allgemeine Geschichte und die Sitten und den Geist der Nationen" Jahr 1756 die Milde und Toleranz des muslimischen Sultans bei der Einnahme der Stadt Jerusalem, nachdem die christlichen Kreuzfahrer bei ihrer Eroberung der Stadt dort ein Blutbad veranstaltet hatten. In Gotthold Ephraim Lessings (1729 - 1781) Drama „Nathan der Weise“, das in der Zeit des dritten Kreuzzugs spielt, wird Saladin als freigiebig und in seinen religiösen Ansichten als liberal dargestellt.

Das positive Saladinbild wirkte in der Folge noch lange nach. Kein geringerer als der Deutsche Kaiser Wilhelm II. schloss 1898 seine Orient-Reise mit einem Besuch am Grab Saladins in Damaskus ab, wobei er ihn als den „ritterlichsten Herrscher aller Zeiten“ bezeichnete.

Saladinbild und Islambild

Die historische Persönlichkeit Saladins wurde im Lauf der Zeit sicherlich auch romantisch verklärt und von Legenden überwuchert. Es kann konstatiert werden, dass das positive Bild Saladins im Abendland bis zur Aufklärung im Widerspruch zum negativen Islambild stand. Das lässt sich nur so erklären, dass die Handlungsweise Saladins, den die zeitgenössischen Quellen als frommen Muslim beschreiben, gerade nicht durch seinen islamischen Glauben erklärt und zurückgeführt wurde. Mit der Aufklärung änderte sich das Bild des Islams im Okzident. Nicht wenige Dichter, darunter Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832), und Philosophen, darunter Immanuel Kant (1724 - 1804) standen dem Islam sogar positiv gegenüber. Nun konnte das Handeln Saladins gerade auch mit seiner muslimischen Frömmigkeit begründet werden.

Obwohl das Islambild im Abendland heutzutage fast wieder so negativ wie zu Zeiten des Mittelalters ist, erscheint Saladin weiter im positiven Lichte. So wird er in der am Anfang erwähnten Fernsehdokumentation sogar als eine Art Vorstreiter des modernen Völkerrechts bezeichnet.

Eine Vorwegnahme der Genfer Konventionen?

Im Handbuch des Bundesministeriums der Verteidigung „Humanitäres Völkerrecht in bewaffneten Konflikten“ wird Sultan Saladin bei der geschichtlichen Entwicklung bis hin zu den Genfer Konventionen wie folgt erwähnt:

„Unter Führerpersönlichkeiten wie Sultan Saladin im 12. Jahrhundert wurden Regeln der Kriegführung jedoch vorbildlich eingehalten. Saladin ließ vor Jerusalem die Verwundeten beider Seiten versorgen und gestattete dem Johanniter-Orden, seinen Pflegedienst auszuüben.“

Das besagte Handbuch geht im Hinblick auf die Entwicklung in der islamischen Welt noch bis auf Abu Bakr, der Gegenschwager des Propheten Mohammed, zurück, der dort wie folgt zitiert wird:

„Das Blut der Frauen, Kinder und Greise beflecke nicht euren Sieg. Vernichtet nicht die Palmen, brennt nicht die Behausungen und Kornfelder nieder, fällt niemals Obstbäume und tötet das Vieh nur dann, wenn ihr seiner zur Nahrung bedürft."

Das Handbuch des Bundesverteidigungsministeriums vermeidet in diesem Zusammenhang allerdings den Bezug auf den islamischen Religionsstifter Mohamed selbst, der gemäß der Überlieferungswissenschaften diese Kriegsethik begründete und letztlich an seinen Nachfolgern weitergab.

Das würde - erst recht nach den Untaten von IS & Co. - wohl auch die meisten Menschen im Westen überraschen, „gibt es doch wohl kaum ein negatives Urteil, dass im Westen im Lauf der Jahrhunderte noch nicht über den islamischen Religionsstifter gefällt worden ist“, wie es die renommierte deutsche Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel einst ausdrückte.

Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam und Muslime in der europäischen Wahrnehmung.


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dr.markusfiedler@hotmail.de Thu, 18 Jan 2018 19:30:55 +0100
Interview mit dem Experten Ahmed Rashid: "Taliban kein monolithischer Block" http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/31.html Ahmed Rashid, 1948 in Pakistan geboren und in Großbritannien aufgewachsen, gilt als international... Ahmed Rashid, 1948 in Pakistan geboren und in Großbritannien aufgewachsen, gilt als international anerkannter Taliban-Experte, sein im Jahr 2000 veröffentlichtes Buch "Taliban - Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad" stand über einen Monat auf der Bestsellerliste der „New York Times“ und wurde 1,5 Millionen Mal verkauft und ist in 26 Sprachen erhältlich. Sein Buch wird außerdem an rund 200 US-amerikanischen Universitäten als Lehrbuch verwendet.

Ramon Schack: Herr Rashid, 15 Jahre nach dem Beginn des "Krieges gegen den Terror", wie man es damals im Westen formulierte, sind weder Krieg noch Terror beseitigt worden, weder in Ihrem Teil der Welt, noch im Westen. Afghanistan stand damals im Mittelpunkt des militärischen Engagements des Westens, flankiert von der Operation "Enduring Freedom". Wie lautet diesbezüglich Ihre Bilanz?

Ahmed Rashid: Kürzlich wurde ich von einem US-amerikanischen Magazin danach befragt, weshalb die Taliban nicht versessen darauf sind, an die Verhandlungstische zurückzukehren. Ich antwortete, dass dies darauf zurückzuführen sei, dass die Taliban in den vergangenen Monaten so viele militärische Erfolge zu verzeichnen hatten, dass sie selbstbewusst die militärische Linie fortführen, anstatt Verhandlungen zu führen. Diese Ausführung beantwortet auch Ihre Frage nach meiner Bilanz bezüglich des "Krieges gegen den Terrors". Wenn die Taliban im Afghanistan in der Lage sind, militärische Erfolge zu erzielen, dann ist dieser Krieg gescheitert, dessen ursprüngliches Ziel es ja 2001 war, die Taliban zu vernichten.

Ramon Schack: Stellen die heutigen Taliban in Afghanistan denn einen monolithischen Block dar, wie 2001, oder gibt es verschiedene Fraktionen?

Ahmed Rashid: Auch 2001 waren die Taliban kein monolithischer Block - weder in Afghanistan, noch in Pakistan, auch wenn es in den internationalen Medien so dargestellt wurde. Die Unterschiede zwischen afghanischen und pakistanischen Taliban wurden nicht reflektiert. Die heutige Taliban in Afghanistan sind zerstrittener denn je. Das ist ja auch der Grund, weshalb der vormalige Talibanführer, Akhtar Mohammed Mansur, aufgrund der damaligen Teilnahme an Verhandlungen nicht noch mehr Konfliktpotential innerhalb der Taliban entstehen lassen wollte.

Nach seinem Tod ist durch die Machtübernahme des neuen Führers, Haibatullah Achundsada, der ja ein Hardliner ist, der interne Machtkampf verstärkt worden. Es gibt innerhalb der Taliban eine Friedenslobby, aber auch eine Kriegslobby. Darüber hinaus kommt es zu Streitereien innerhalb der Führung und zu Angriffen von Seiten des sogenannten "Islamischen Staates", der ihnen den Rang streitig machen möchte und Taliban-Kämpfer rekrutiert. Und obwohl die afghanischen Taliban abhängig von Pakistan sind, gibt es Streit mit Islamabad, weil man dort die Taliban an den Verhandlungstisch drängen möchte.

Ramon Schack: Sie erwähnten die Unterschiede zwischen den Taliban in Afghanistan und Pakistan. Könnten Sie darauf bitte noch etwas genauer eingehen?

Ahmed Rashid: Sicherlich, denn die pakistanischen Taliban unterscheiden sich beträchtlich von denen in Afghanistan. Die Taliban in Pakistan haben eine ganz andere politische Strategie als die in Afghanistan.

Ramon Schack: Inwiefern?

Ahmed Rashid: Die pakistanischen Taliban haben das Ziel, ein islamistisches Regime im Lande zu installieren. Sie verfügen über viele Brückenköpfe und Stützpunkte in zahlreichen Regionen Pakistans. Schon seit langer Zeit setzen sich die pakistanischen Taliban nicht mehr ausschließlich aus Paschtunen zusammen. Inzwischen haben sie sich zu einer nationalen Bewegung entwickelt, in der man alle Volksgruppen findet - ganz im Gegensatz zu Afghanistan, wo mehr als 90 % der Taliban der Volksgruppe der Paschtunen angehören.

Ramon Schack: Welche Auswirkungen haben die Ereignisse in Afghanistan auf die politische Stabilität Pakistans?

Ahmed Rashid: Pakistan und Afghanistan sind schicksalhaft miteinander verbunden, basierend auf dem demographischen Gewicht Pakistans und dessen Einfluss auch auf die afghanischen Paschtunen im Süden des Landes, vor allem wegen der geographischen Nachbarschaft und der langen gemeinsamen Grenze. Dadurch gelang es den afghanischen Taliban, sich teilweise auf pakistanisches Territorium zurückzuziehen, in die unzulänglichen Bergregionen Wasiristans - ein Gebiet, das von den pakistanischen Behörden kaum kontrolliert werden kann. Natürlich genießen die afghanischen Taliban dort auch den Schutz ihrer pakistanischen Alliierten, basierend auf dem Paschtunwali, dem Sittenkodex der Paschtunen.

Ramon Schack: Was sind angesichts der von Ihnen geschilderten Rahmenbedingungen die Konsequenzen, die Pakistan ziehen kann und ziehen muss?

Ahmed Rashid: Ich denke, dass Pakistan keine andere Wahl hat, als sich um eine Beendigung des Krieges mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bemühen. Die Regierung in Kabul ist sehr schwach. Deshalb muss Islamabad intervenieren - zunächst diplomatisch, um eine Rückkehr der Taliban an die Verhandlungstische zu fördern.

Ramon Schack: Aber das wird doch von Islamabad schon seit 2001 mit Hilfe der USA versucht, wenn Sie mir diese Zwischenfrage gestatten?

Ahmed Rashid: Diese Zusammenarbeit hat nicht gefruchtet. Unter den Pakistanis wächst der Unmut gegenüber den USA. Wie viele Zivilisten kamen schon durch Drohnen ums Leben? Gleichzeitig ist das Misstrauen der USA gegenüber der Führung in Pakistan weit verbreitet. Nein, es ist höchste Zeit für einen Neuanfang.

Ramon Schack: Was war denn der größte Fehler in der amerikanischen Afpak-Strategie?

Ahmed Rashid: Die USA haben sich viel zu sehr auf das Militär verlassen und auf eine militärische Lösung der Probleme. Ein Großteil der Gelder aus den USA wurde in die Rüstung gesteckt, kaum etwas in den Aufbau von zivilgesellschaftlichen Strukturen beziehungsweise den Abbau der Missstände Pakistans, wie etwa der Korruption.

Während all dieser Jahre fand ein Prozess statt, den ich die Talibanisierung der pakistanischen Gesellschaft nenne. Selbst in Lahore, meiner Heimatstadt, bestimmen junge Absolventen der Koranschulen die Gesetze auf den Straßen, zwingen Frauen den von ihnen propagierten Kleidungsstil auf, attackieren Vertreter eines anderen Lebensstils. Natürlich gibt es noch eine starke urbane Mittelschicht, die aber zunehmend ins Fadenkreuz gerät. Bisher bin ich nicht der Überzeugung, dass diese Militanten den Großstädten ihr Gedankengut aufzwingen können - leider gibt es aber zu wenig Widerstand, was mir Sorgen bereitet.

Ramon Schack: Pakistan ist eine Atommacht und hat mehr Einwohner als Russland. Halten Sie denn diesbezüglich die These für richtig, welche im Westen zu hören ist, wonach es sich bei Pakistan um den gefährlichsten Staat der Welt handelt?

Ahmed Rashid: So weit ist es glücklicherweise noch nicht - aber das Potential, der gefährlichste Staat der Welt zu sein, besitzt Pakistan auf jeden Fall.

Ramon Schack: Gibt es eine Möglichkeit, die drohenden Risiken, die aus diesen Konflikten erwachsen, zumindest einzuschränken?

Ahmed Rashid: Sicherlich, aber nur unter Einbindung der nichtwestlichen Regional- und Supermächte in der Region - in diesem Fall der Islamischen Republik Iran und der Volksrepublik China. Beide Staaten spielten bisher eine positive Rolle und haben ein großes Interesse an Stabilität in der Region.

Iran hat sowohl eine Grenze mit Afghanistan als auch eine zu Pakistan. Teheran spielt hierbei die gleiche Rolle für die Tadschiken in Afghanistan wie Pakistan für die Paschtunen. Teheran war schon immer ein Feind der Taliban, schon aus religiösen Gründen. Und China hat das ökonomische Potential, massiv in die Infrastruktur Afghanistans zu investieren. Wenn Peking, Teheran und Washington zusammen an der Stabilität der Region arbeiten würden, bestünde eine Chance auf Frieden.

Ramon Schack: Vielen Dank Herr Rashid.

Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen. Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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ramon_schack@yahoo.de Wed, 17 Jan 2018 07:17:05 +0100
Eine Antwort auf eine ewige Frage: Sind Proteste in Iran genuin oder vom Ausland initiiert? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/30.html Vom 28. Dezember 2017 bis zum 3. Januar 2018 fanden in vielen Städten und Orten der Islamischen... Vom 28. Dezember 2017 bis zum 3. Januar 2018 fanden in vielen Städten und Orten der Islamischen Republik Iran Proteste gegen die dortigen Machthaber statt, die bisweilen aufgrund der wirtschaftlichen Situation als ökonomisch motiviert, aber auch als regierungs- oder gar systemkritisch beschrieben worden sind. Obwohl diese kritische Proteste längst abgeflaut und schließlich beendet sind und sie an jenen Tagen ohnehin insgesamt höchstens 42.000 der über 80 Millionen in Iran lebenden Menschen auf die Straße brachten, erhalten sie in den hiesigen Medien anhaltend eine ungleich größere Aufmerksamkeit als beispielsweise die viel größeren und länger andauernden Proteste der letzten Jahre in manchen lateinamerikanischen Ländern.

Und wie so oft gibt es, insbesondere wenn es um regierungs- oder vermeintlich systemkritische Proteste in Iran geht, bei der Beschreibung der Ursache zwei vollkommen gegensätzliche Narrative. Das erste Narrativ besagt, dass alle Proteste vom Volk hergerührt und gesteuert wären, wohingegen das zweite Narrativ besagt, dass sie vom Ausland initiiert und gelenkt wären.

Aber das, was meistens in der Debatte unbekannt bleibt, ist, dass das zweite Narrativ überwiegend von der westlichen Presse konstruiert wird, indem sie regelmäßig Zitate von bestimmten iranischen Offiziellen entstellen, verkürzen, fehlerhaft übersetzen oder aus dem Kontext reißen. Es ist der Teil der Journalistenzunft, der auf bestimmte Signale in Äußerungen von gewissen iranischen Verantwortlichen reagiert, die ihn in seinem Stereotyp bestätigen und ihre Wörter so wiedergeben lassen, nicht wie er sie verstehen sollte, sondern intuitiv verstehen wollte. Es sind die Signale, wie die des religiös-politischen Staatsoberhaupt Irans, Ayatollah Ali Khamenei, in seiner ersten Reaktion auf die Proteste, wenn er darin Feinde, Waffen und Nachrichtendienst erwähnt, die diese Journalisten dazu verleiten, alles andere, was davor und danach gesagt worden ist, zu unterschlagen, um etwas wiederzugeben, das mit dem vorgefertigten Bild, das sie von ihm haben, entspricht - aber nicht dem tatsächlich von ihm Gesagten entspringt.

Zugegeben, selbst iranische Medien fassen oftmals ihre Staatsführer unselbstkritischer, kompromissloser und aggressiver zusammen als sie gemeinhin sich äußern. Das hat verschiedene Gründe, die in der medialen und politischen Kultur Irans liegen und soll hier, um das Thema der vorliegenden Analyse nicht zu sprengen, nicht Gegenstand dieser Analyse sein. Aber nichtsdestotrotz sei dazu gesagt: Ein jeder, der der persischen Sprache mächtig ist und sich unvoreingenommen mit der iranischen Politik und damit zwangsläufig mit der dortigen medialen und politischen Kultur zu befassen hat, wird diese Diskrepanz zwischen dem tatsächlich Gesagten und dem tradiert Gesagten ohne Schwierigkeiten erkennen. Deshalb kann der Analyst oder die Analystin nicht - wenn er oder sie wirklich gewillt ist, eine akkurate Analyse über eine politische Begebenheit in Iran zu verfassen - sich auf von iranischen Medien übersetze oder zusammengefasste Äußerungen berufen oder verlassen und sich einfach damit entschuldigen, dass iranische Medien selbst diesen oder jenen Politiker in der Weise falsch oder unzureichend übersetzt oder zusammengefasst haben.

Was aber sagte Ayatollah Khamenei nun wirklich?

Dutzendfach wird in den vorherrschenden Medien seit Beginn der Proteste das religiös-politische Staatsoberhaupt Irans auf eine Art wiedergegeben, als ob er die Islamische Republik von jeglicher Schwäche freigesprochen hätte. An dieser Stelle soll exemplarisch ein Artikel aus der Neue Zürcher Zeitung angeführt werden:

"Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit Beginn der Unruhen griff der Revolutionsführer auf die bewährte Methode der Schuldzuweisung zurück, die ablenken soll von der Tatsache, dass es sehr wohl hausgemachte Probleme und jede Menge sozialen Unmut gibt. Die Feinde Irans hätten sich vereint und machten Gebrauch von ihren Mitteln, zu denen Geld, Waffen, die Politik und die Geheimdienste gehörten, verkündete Ali Khamenei auf seiner Website."

So weit, so falsch. Denn der Ayatollah hat in der Tat die Hauptverantwortung nicht den "Feinden" der Islamischen Republik gegeben, sondern vielmehr die Schwäche in der eigenen Reihe als wesentlichen Grund bezeichnet. Er sagte:

„Sie warten auf eine Gelegenheit. Sie warten auf eine Kluft, um durch diese Kluft einzutreten. Betrachtet diese Vorfälle der letzten Tage. All diejenigen, die mit der Islamischen Republik verfeindet sind - der, der Geld hat, der, der Politik hat, der, der Waffen hat, der, der Nachrichtendienst hat - arbeiten alle Hand in Hand zusammen, um in der Lage zu sein, der Islamischen Staatsordnung und der Islamischen Republik und der Islamischen Revolution ein Problem zu bereiten.“

Mit dieser Ansicht steht Khamenei nicht alleine. Sogar diejenigen, die wie in etwa englisch- und deutschsprachigen Medien als "Hardliner" verschrien sind, sprechen von der Unzufriedenheit der Menschen über die wirtschaftliche Entwicklung und davon, dass diese das Recht haben, dagegen zu demonstrieren. Auch der in der westlichen Hemisphäre vielmals gescholtene "Ultra-Hardliner" Ayatollah Mesbah Yazdi, der grundsätzlich wenig twittert, twitterte zu dieser Causa gleich aber zweimal in der gleichen Richtung: Die Menschen hätten das Recht, die islamische Führung aufzufordern, ihrer Pflicht der Fürsorge nachzukommen und sie hätte nicht das Recht, dem Volk das zu verbieten.

Die Islamische Republik differenziert die Proteste

Nichtsdestoweniger spricht sich die gesamte politische Gesellschaft in Iran gegen verfassungsfeindliche Proteste, Randale und Krawalle, die zu Ausschreitungen, Eigentumsdelikten, Plünderungen, Gewalt und Chaos führen, aus.

Und das ist einer der essentiellen Unterschiede zwischen der iranischen und der westlichen Betrachtung von Demonstrationen in Iran. In der westlichen Berichterstattung über Iran wird grundsätzlich nicht zwischen legalen, friedfertigen und gewaltlosen Demonstranten einerseits und illegalen, randalierenden und gewalttätigen "Protestlern" andererseits unterschieden. Diese Differenzierung spart man sich gleichwohl für die hierzulande stattfindenden Demonstrationen wie die Proteste am 1. Mai oder gegen die G-20, Globalisierung und Atommülltransporte auf.

Denn ja, es gibt sie. Es gibt die Krawallmacher, Rowdys und Vandalisten in Iran, die legale Proteste als Möglichkeit nutzen, um auf Polizisten loszugehen, Banken und Geschäfte zu plündern und privates und öffentliches Eigentum zu zerstören. Dabei spielt es bei der Auflösung solcher Vorkommnisse keine Rolle, ob sie eine berechtigte Frust, die aufgrund der vorherrschenden politischen oder wirtschaftlichen Lage entstanden ist, derart herauslassen müssen oder vom Ausland angeworben und geleitet sind. Im Moment des Gefechts helfen bloß deeskalierende und verhältnismäßige Polizeimaßnahmen - für Präventivmaßnahmen ist es schon zu spät.

Eine konstruktive Kritik gegen die Islamische Republik sollte daher vielmehr lauten, einerseits die Lebenssituation ihrer Bevölkerung zu verbessern, damit derartige Proteste erst gar nicht entstehen und andererseits zur Verhältnismäßigkeit von repressiven Maßnahmen, die unter solchen Umständen unabdingbar sind, aufzurufen. Und in beiden Fällen kann Europa einen Beitrag leisten, indem es Washington vehementer dazu drängt, die ohnehin aufzuhebenden US-Wirtschaftssanktionen auch effektiv aufzuheben und selbst Teheran Knowhow in polizeilichen Deeskalationsmaßnahmen und entsprechende Ausrüstungen zur Verfügung zu stellen. Bis vor kurzem war Teheran nicht einmal im Besitz von Wasserwerfern, die heute noch vom Westen sanktioniert sind.

Gibt es in der Islamischen Republik überhaupt regierungskritische Proteste, die legal sind?

Und ja, es gab sie, die friedlichen Proteste, die sich gegen die Regierung richteten, um beispielsweise den dem Parlament vorgelegten Haushaltsentwurf, der Kürzungen vorsieht, zu revidieren, ohne dass die Sicherheitskräfte eingeschritten sind. Und nein, es ist hier nicht nur von der ersten Demonstration am 28. Dezember 2017 in Mashhad die Rede, die bis zum offiziellen Ende friedlich blieb, noch nicht partiell gekapert wurde und im Westen als von "Hardlinern" orchestrierte Demonstration zur Schwächung der Regierung von Hassan Rouhani verunglimpft wird.

Es gibt in Iran nicht nur die eine pro-staatliche Demonstrationskultur, die regelmäßig organisiert und durchgeführt wird, an denen landesweit mehrere Millionen Menschen partizipieren, sondern es gibt auch die ökonomisch motivierten oder regierungskritischen Demonstrationen, die unbehelligt und friedlich sind und selbst während der Tage der gewaltsamen Auseinandersetzungen geschahen. Nicht alle Proteste wurden während jener Tage als illegal erklärt und niedergeschlagen. So konnten Studenten und Studentinnen an der Universität Teheran eine regierungskritische Protestkundgebung am 31. Dezember anmelden und abhalten, ohne dass es zu Zwischenfällen kam. Sogar sehr oft gab es Demonstrationen, die obschon sie nicht angemeldet und legal waren, dennoch von der Polizei nicht aufgelöst wurden, weil sie friedlich verliefen und keine eklatanten verfassungsfeindlichen Parolen beinhalteten. Demgegenüber gab es auch in verschiedenen Städten spontane Demonstrationen gegen die Abweichung der Proteste, die weder vom Staat aufgerufen noch von ihm organisiert wurden und in den deutschen und anderen westlichen Medien nicht mit einer Silbe erwähnt wurden.  Das Bild ist viel bunter als allgemein angenommen wird.

Unabhängig von all dem kommt es sowieso immer wieder zu legalen, zum Teil ökonomisch motivierten, regierungskritischen, aber auch gegen andere staatliche Institutionen gerichtete Demonstrationen in der iranischen Hauptstadt, vorzugsweise vor dem Parlament, und in den Provinzen vor dem Sitz der jeweiligen Gouverneure - ohne dass diese im Westen für Aufmerksamkeit sorgen, eben weil sie friedlich und legal verlaufen. Gerade vor den Protesten vor dem 28. Dezember 2017 bis zum 3. Januar 2018 gab es eine Reihe von erlaubten friedfertigen Demonstrationen gegen staatlichen Stellen in Iran.

Gab es bei den letzten staatskritischen Protesten keinerlei ausländische Infiltrationen?

So wie die Diskussionen innerhalb der politischen und medialen Elite der Islamischen Republik Iran über die Gründe der regierungs- und systemkritischen Proteste vielfältig sind, so sind es auch die Motive der Protestierenden. Tatsächlich bestreitet innerhalb der Elite Irans niemand, dass es Unzufriedenheiten gebe. Es gibt quasi einen Grundkonsens, dass der Protest vom Ausland und der Exil-Opposition mit ihren kleinen, aber radikalen Anhängern in Iran zumindest teilweise vereinnahmt und politisiert worden und auf diesem Weg im Land verbreitet worden sei - auch wenn diese teils umgewandelten Proteste bzw. Ausschreitungen letztlich klein und überschaubar geblieben sind. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Exil-Opposition inneriranische Konflikte instrumentalisiere und in eine andere Richtung lenken wolle.

Unter anderem bringen folgende, meist objektiv feststellbare Begebenheiten die iranischen Sicherheitsbehörden dazu, von solch einer erneuten Instrumentalisierung und diesmal gar auch verstärkter Infiltration auszugehen:

  • Die Drohung des faktischen Herrschers Saudi-Arabiens, Mohammed bin Salman, knapp zwei Monate vor den Protesten: "Wir werden nicht warten, bis die Schlacht in Saudi-Arabien tobt, stattdessen werden wir daran arbeiten, dass die Schlacht im Iran stattfindet."

  • Die im Vorfeld der Proteste massive Streuung von teilweise falschen Angaben in sozialen Netzwerken über den Budgetentwurf der Regierung, der dem Parlament zur Modifikation und Absegnung vorgelegt worden ist. Diese Falschangaben tauchen inzwischen auch in deutschen Qualitätsmedien als Tatsachenbehauptungen auf.

  • Die Äußerungen von Javad Khadem, politischer Aktivist und letzter Bauminister des Schahs, in einem exil-oppositionellen Auslandssender. Darin sagt er, dass Monate vor den Protesten Monarchisten aus Mashhad zu ihm Kontakt aufgenommen und ihn informiert haben, in naher Zukunft für Unruhen sorgen zu wollen. Sie hätten in diesem Gespräch nach seiner Meinung über dieses Vorhaben gefragt. Er habe ihnen geraten, zuerst mit ökonomisch motivierten Protesten zu beginnen und für das Erste politische Proteste zu vermeiden. Er fügt hinzu, dass sich unter den nunmehr 138 Inhaftierten in Mashhad vier - wortwörtlich - "Hauptagenten" dieses subversiven Plans befinden. Und in der Tat meldete der iranische Geheimdienst die Festnahme von mehreren Provokateuren und Agenten.

  • Die führende Rolle des Auslandsmediums Amadnews - mit zeitweise über eine Millionen Abonnenten - bei der Vereinnahmung der Proteste. Demnach seien die folgenden illegalen Proteste keineswegs unorganisiert und führungslos gewesen. Amadnews habe diese subversiven Proteste mit seinem Telegramkanal koordiniert. Selbst Telegram habe Amadnews kurzzeitig vom Netz genommen, nachdem diese wiederholt zu Gewalt aufgerufen habe. Amadnews rufe offen zum Sturz der Islamischen Republik auf und sei dafür berüchtigt, schon in der Vergangenheit mehrmals falsche Angaben, sogenannte Fake News, und gefälschte Dokumente verbreitet zu haben, die von dessen Chefredakteur, Roohollah Zam, sogar später eingeräumt worden seien. Kürzlich verbreitete sich im Internet ein Leak, wonach hervorgehe, dass Amadnews vom israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad finanziert werde. Die Urheberin des Leaks ist ausgerechnet die in Israel lebende Exil-Journalistin Neda Amin, die zeitweise für Amadnews tätig war. Roohollah Zam gab jüngst  in einem Gespräch zu, die anfänglich ökonomisch motivierten und regierungskritischen Proteste vereinnahmt und zu einer systemkritischen Revolte umgewandelt zu haben. Eine mögliche technische oder finanzielle Hilfe von Seiten Israels für Amadnews schließt er zudem nicht aus. Inzwischen habe der Direktor des Mossad, Yossi Cohen, in einer Sitzung eines Finanzausschusses ausgeplaudert, dass sein Nachrichtendienst "Augen, Ohren und sogar mehr" in Iran habe.

  • Der unverblümte Aufruf des in den USA ansässigen Auslandmediums Restart (das eine Partnerschaft mit Amadnews hat), Ehefrauen und Kinder der Revolutionsgarden (IRGC, Sepah-e Pasdaran) und der Volksmiliz Basij zu töten, falls diese Einheiten sich nicht innerhalb von 48 Stunden von den Straßen zurückziehen werden (dabei geht - ähnlich wie bei den Unruhen nach der Präsidentschaftswahl 2009 - lediglich die Polizei gegen die illegalen Proteste vor). Des Weiteren verkündete Restart, dass seine Anhänger in Iran auf sein Geheiß bis zu 30 Moscheen, zwischen 500 und 600 Banken, zwischen 200 bis 300 Geldautomaten und zwischen 150 bis 180 Stützpunkte der Basij in Brand gesetzt haben. Der Leiter von Restart, Seyed Mohammad Hosseini, sei schon zuvor mit Aufforderungen zur Gewalt aufgefallen, so dass Telegram schon im Monat Oktober sein Konto zwischenzeitlich deaktivierte. Bloomberg berichtet, dass die Anstiftungen zur Gewalt durch Restart nicht zu unterschätzen sei.

  • Der ziemlich schnelle und anlasslose Versuch von bestimmten "Demonstranten" militärische Stützpunkte einzunehmen, um wahrscheinlich an Waffen zu gelangen.

  • Die verhältnismäßig hohe Anzahl von toten und verletzten Polizisten und Unbeteiligten, obwohl keiner der Sicherheitskräfte, die gegen die Protestler vorgingen, mit Schusswaffen ausgestattet worden sein dürften und seien, es sei denn bei der Verteidigung von polizeilichen und militärischen Einrichtungen. Wenngleich ab 30. Dezember 2017 die Anzahl der Protestierenden gesunken sei, sei die Anzahl der Todesopfer gestiegen. Die meisten Todesopfer seien angeblich von hinten erschossen oder von einem unbekannten Ort aus erschossen worden.

Und noch viele weitere Begebenheiten und Vorkommnisse, die zumindest auf eine Einflussnahme von außerhalb der iranischen Grenzen hindeuteten. Die Qualität der Proteste sei selbst für einen deutschen Bundesaußenminister (wenn auch geschäftsführend), Sigmar Gabriel (SPD), dermaßen gewesen, dass er sich in Bezug auf Iran erstmalig bewogen fühlte, alle Seiten dazu aufzurufen, von gewaltsamen Handlungen Abstand zu nehmen - und nicht nur wie sonst die Islamische Republik. Später ergänzte er: "Wovon wir dringend abraten, ist der Versuch, diesen inneriranischen Konflikt (...) international zu missbrauchen."

Fazit

Wir halten also fest. Auf der einen Seite erfindet der tonangebende Diskurs in den führenden westlichen Staaten ein iranisches Narrativ von jeder Protestierender und alle Demonstranten wäre vom Feind gesteuert - was es in Iran selbst aber gar nicht gibt (sogar das offizielle iranische Narrativ über die Unruhen von 2009 ist differenziert) - und auf der anderen Seite werden in dem eigenen Narrativ alle Protestler als friedfertig, gewaltlos und authentisch dargestellt.

Wie so oft ist ein politisches Phänomen aber weder weiß noch schwarz. Die Annahme, dass alle Unruhen in Iran endlos vom Ausland initiiert und gesteuert sind, ist genauso falsch, wie die Idee, dass alle Proteste und Demonstrationen in Iran stets genuin sind, nie umgelenkt oder nie als Gelegenheit vom Ausland und der Exil-Opposition genutzt werden. Gerade dieser Umstand gilt umso mehr für die weltanschaulich autarke und politisch unabhängige Islamische Republik mit all ihren langjährigen Widersachern.

Auch wenn kein sogenannter "Hardliner" bzw. konservative Kritiker des Präsidenten Hassan Rohani dem Ausland die maßgebliche Verantwortung für die Proteste gibt, so müssen sie sich diese Tage trotzdem die Frage gefallen lassen, ob sie mit ihren harschen Kampagnen und überzogenen Kritiken gegen die wirtschaftliche Leistung der moderaten Regierung nicht ebenso eine Grundlage für solche Proteste geschaffen haben. Es wäre zu einfach, allein auf die haarsträubenden Falschmeldungen und Gerüchte in den sozialen Netzwerken und Auslandsmedien zu verweisen.


Iran-Experte Shayan ArianShayan Arkian ist Chefredakteur von IranAnders und Autor von zahlreichen Analysen über die iranische Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.


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shayan.arkian@irananders.de Thu, 11 Jan 2018 15:29:00 +0100
Warum protestieren Muslime vermehrt gegen Israel und die USA, aber weniger gegen den IS und die Al-Qaida? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/28.html Nach der Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen... Nach der Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die US-Botschaft dorthin zu verlegen, haben weltweit Muslime gegen die Entscheidung des US-Präsidenten protestiert. Dies hat angesichts der Vielzahl an Demonstrationen bei nicht wenigen Beobachtern in Medien so wie in den sozialen Netzwerken für Irritation gesorgt. Es würde ja bloß um eine Verlegung der US-Botschaft gehen und Jerusalem wäre ja bereits faktisch die Hauptstadt Israels, da sich dort schon die wichtigsten israelischen Staatsinstitutionen befänden.

Nur eine Botschaftsverlegung?

Sicherlich kann man argumentieren, dass die Proteste von Muslimen und Arabern, worunter auch Christen zu finden sind, auf die US-Ankündigung überzogen und unverhältnismäßig sind. Allerdings übersehen diejenigen, die die Geschichte auf diese Weise auslegen, ein wichtiges Detail: Es geht darum, einen Präzedenzfall zu verhindern und eine folgenreiche Entscheidung nicht ohne weiteres hinzunehmen. Würde die Masse an Demonstrationen, Protesten und Entrüstungen ausbleiben, würden sich vermutlich weitere Staaten motiviert fühlen nachzuziehen - wovon sie ja offensichtlich eben aufgrund von befürchteten Unruhen abgeschreckt sind. Die Europäische Union hätte höchstwahrscheinlich bei einem Ausbleiben eines Protestes, was in so einem Fall einer Zustimmung gleichkäme, ebenfalls anders auf die US-Entscheidung reagiert als sie es derzeit tut. Politische Fakten (in diesem Fall Jerusalem als die funktionelle Hauptstadt Israels) habe man nach dieser Logik zu bekämpfen, indem man sie in erster Linie nicht legitimiert. Eine internationale Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels ohne jegliche Gegenwehr würde aber die völkerrechtswidrige Besatzung palästinensischen Bodens zementieren und hätte dadurch gravierende Folgen für Palästina und damit einhergehend auf den Alltag der dortigen Menschen. Kurzum geht es nicht bloß um eine Botschaftsverlegung oder um etwaige Verletzung von religiösen Gefühlen, sondern um handfeste politische Konsequenzen.

Wieso herrscht unter Muslimen gegenüber Israel und den USA eine größere Sensibilität als gegenüber dem IS und der Al-Qaida?

Häufig liest man diese Tage in den Medien und besonders in sozialen Netzwerken ein Unverständnis darüber, dass Muslime zwar gegen die Untaten von USA und Israel in Massen protestieren würden, aber nicht im gleichen Ausmaß gegen den Terror vom IS und von der Al-Qaida.

Das ist ein zutreffender Punkt. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass sich längst im kollektiven Gedächtnis vieler Muslime der politische Westen und Israel - mitunter aufgrund der kolonialen Erfahrungen und des seit 1948 andauernd bestehenden Konflikts mit Israel (der wiederum als Fortsetzung der kolonialen Politik verstanden wird) und der als seit Jahrzehnten islamfeindlich wahrgenommenen Politik der USA (und nicht erst seit Trump) - als „klassische Feinde“ eingebrannt sind. Bei dem IS und der Al-Qaida handelt es sich dagegen um neue Phänomene und diese werden daher - selbst wenn beide Gruppen weit mehr Muslime als Nichtmuslime getötet haben - nicht als die "eingeschworenen Feinde" schlechthin wahrgenommen, zumindest noch nicht. Hinzu kommt, dass unter Muslimen die Vorstellung weitverbreitet ist, dass westliche Regierungen oder Washington bei der Entstehung, Stärkung oder Ebnung des IS und der Al-Qaida zumindest behilflich waren. Oder wie Donald Trump es selbst im Wahlkampf noch schärfer aussagte, habe gar sein Vorgänger den IS gegründet. Inwieweit diese Rezeption zutrifft ist dabei gar nicht einmal von Bedeutung, es zählt allein die Wahrnehmung bei der Behandlung dieser Frage.

Ein weiterer Faktor, der bei diesem Themenkomplex zu berücksichtigen ist, ist der Umstand, dass der sogenannte "Islamischer Staat" (IS) und die Al-Qaida ohnehin weltweit abgelehnt, verhasst, und dämonisiert werden - ebenso in muslimisch geprägten Ländern. Nun wissen wir aus verschiedene Beobachtungen, dass sich Menschen insbesondere dann veranlasst fühlen, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, wenn sie den Eindruck haben, dass ihre Meinung in der maßgeblichen Politik und der medialen Berichterstattung keinen Ausdruck findet. Wenn sich dann noch die maßgebliche Politik und die Medien sogar vollkommen konträr zur eigenen Position verhalten, verstärken sich Wut und Zorn und die Bereitschaft, etwas dagegen zu unternehmen. Gute Beispiele dafür sind eben die israelkritischen Demonstrationen, aber auch die „Pegida-Proteste“ in Dresden oder die weniger bekannten sogenannten „Pro-Assad-Demonstrationen“ in Berlin. Letztere fanden regelmäßig statt als die hiesigen Medien die Rebellen weitgehend als Demokraten oder Gutmenschen quasi verniedlicht haben. Die Demonstrationen hörten dann aber in dem Moment auf, als ihre Stimme Eingang in den Medien fand und diese begannen, differenzierter und kritischer über die syrische Opposition zu berichten. Es gibt wenig Anreiz zu Demonstrationen, wenn es ein maßgeblich politisches oder mediales systemimmanentes Ventil gibt, der „den Druck aus dem Kessel nimmt“.

Islamisch begründete Terroranschläge führen bei Muslimen zu Gefühlen von Scham statt zu Zorn und Wut

Ein weiterer Grund, der angeführt werden kann, ist, dass grundsätzlich der Missbrauch der eigenen Religion durch Glaubensbrüder oder die ständig vor Augen geführten Gräueltaten der „eigenen Leute“ eher zu Gefühlen von Scham führen, die passiv machen, statt von Zorn und Wut, die einen auf die Straße bringen. Dieses Phänomen ist nicht nur auf Muslime begrenzt. Es gibt beispielsweise kaum Demonstrationen von Katholiken, wenn wiederholt ein Kindesmissbrauchsskandal in einer katholischen Einrichtung publik wird. Ebenfalls gab es kaum nennenswerte Proteste von Buddhisten als buddhistische Mönche zur Vertreibung von Muslimen aus Myanmar riefen. Obwohl zu allen Zeiten im Namen von Religionen, aber auch im Namen von säkularen Weltanschauungen Verbrechen begangen wurden und werden, sind sehr wenige Fälle bekannt, in denen es zu größeren Protesten gegen die Untaten der „eigenen Leute“ kommt.

Weiterhin ist es scheinbar ein natürlicher Instinkt bei Menschen, dass sie gegenüber Untaten von Fremden gereizter reagieren als bei solchen Menschen, die ihnen vorgeblich nahestehen - sei es eine angenommene religiöse, weltanschauliche oder kulturelle Nähe. Je „fremder“ der Fremde zu sein scheint, der eine Untat begeht, desto gereizter wird offenbar reagiert. So ist es selbst auf der Makroebene, im internationalen System, worin Staaten ähnliche Staaten allein kognitiv schon decken, also nicht bloß aufgrund der Bündnistreue, sondern zunächst schon aufgrund der grundsätzlich gleichen Werte - der Verrat derselben fällt gerade deshalb wahrnehmungstechnisch weniger ins Gewicht. Und ebenso auf der Mikroebene ist diese Wahrnehmungslogik zu beobachten, in der Menschen, sei es in Europa oder in Asien, nicht davon gefeit sind, bei Untaten von beispielsweise Ausländern mit größerer Empörung zu reagieren als bei denselben Untaten ihrer eigenen Landsleute.

Fazit

Es wird deutlich, dass Analogien und Gegenüberstellungen auf Basis von unterschiedlichen Prämissen nicht durchdacht und irreführend sind. Ungeachtet all dessen stellt sich sowieso die Frage, inwiefern Demonstrationen von Muslimen Organisationen wie den IS überhaupt beeindrucken oder gar beeinflussen könnten. Anders als Politiker lassen Terroristen die Zustimmung des Volkes in ihren Vorhaben nicht miteinkalkulieren. Den Terroristenführern ist es gleich, ob man für sie oder gegen sie demonstriert - den politischen Entscheidungsträgern in Tel Aviv, Jerusalem, Ramallah, Riad, Berlin, Paris, London und Washington allerdings nicht.

Shayan ArkianShayan Arkian ist unter anderem Medien- und Politikberater und studierte Politik, Philosophie, Pädagogik und Theologie in Hamburg und Qom.

Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam und Muslime in der europäischen Wahrnehmung.


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Wed, 20 Dec 2017 17:41:09 +0100
Warum ich beinahe ein Amokläufer und Terrorist werden konnte und dennoch nicht wurde http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/27.html Thomas Encke* arbeitet in der Prävention gegen die religiöse Radikalisierung von muslimischen... Thomas Encke* arbeitet in der Prävention gegen die religiöse Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen und schildert im Folgenden exklusiv für MultiPerspektivisch, wie er zuvor selbst "beinahe dabei war, darein zu rutschen".

Mehr als 900 Menschen, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind, haben sich seit 2012 aufgemacht, um sich in Syrien terroristischen Gruppen - wie dem sogenannten „Islamischen Staat" (IS) und den Organisationen der al-Qaida - anzuschließen. Demnach hat unser Land nicht Terror importiert, sondern ihn in Wahrheit exportiert. Menschen sind zu Terroristen geworden, die unter uns gelebt haben, die wir aus dem Dorf, der Stadt und - in manchen Fällen - aus der Moschee kannten. Es handelte sich um Menschen, die abgeschlossen hatten mit unserem Land, denen die starke Bindung zu unserer Gesellschaft und auch zu ihren Familien und Freunden fehlte, sodass sie sich entschlossen, alles zu verlassen, um in einem ihnen fremden Land ein neues Leben zu beginnen, das ihnen als das Paradies auf Erden verkauft wurde. Wir müssen uns fragen: Wie kann es dazu kommen, dass Menschen sich dazu entschließen? Was ist schiefgelaufen, tragen wir nicht vielleicht selbst Schuld daran? 

Nein, es geht hier nicht um Verharmlosung - niemand will die Täter zu Opfern machen. Sie sind Feinde unserer Gesellschaft, Feinde unserer Lebensart; viele von ihnen sind Mörder geworden oder planen, es noch zu werden. Doch müssen wir uns kritisch die Frage stellen: Was bringt einen jungen Menschen dazu, diese Entscheidung zu treffen; jegliche Bindung zu verlieren, einen solchen Hass auf unsere Gesellschaft zu entwickeln, dass er oder sie bereit ist, Menschen zu töten? Wenn wir den Terror wirksam bekämpfen wollen, müssen wir verstehen, wo und wie er Wurzeln schlagen kann.

Aus der Terrorismusforschung wissen wir, dass viele Faktoren entscheidend sind, um radikalisiert zu werden und letztlich bereit zu werden, Gräueltaten auszuüben. Das sind Faktoren wie eine Affinität zur Gewalt, eine fehlende soziale Bindung, persönliches Scheitern, aufkeimender Hass wegen persönlicher oder politischer Ungerechtigkeit und persönliche Schicksalsschläge und -ereignisse. 

Der eine oder andere mag sich nun fragen, was das miteinander zu tun hat, wenn ich an dieser Stelle die beliebte Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht" ins Spiel bringe, in der die junge Schülerin Hannah Baker Selbstmord begeht, aber vorher auf Kassetten erzählt, warum sie sich umbringen wird und wen sie für ihren Tod verantwortlich macht.

In der Serie geht es um Verletzungen - Verletzungen, die Menschen erlitten haben. Es geht um Mobbing, Gewalt, Demütigungen, Depressionen, das Gefühl der Sinnlosigkeit, um immer wiederkehrende Folter - um körperliche und seelische. Dies verursacht einen Schmerz, der sich irgendwann entlädt. Er entlädt sich bei Menschen unterschiedlich. Was sie eint, ist der Wunsch, dass er aufhört.

Urmotive von Terroristen/Amokläufer

Hannah Bakers Rachefeldzug ist es, ihre Peiniger seelisch spüren zu lassen, was sie ihr angetan haben. In diesem Zusammenhang denke man an David S., den sogenannten "Amokläufer" von München, der neun Menschen erschossen hat, einen Deutsch-Iraner, der in der Schule das Opfer von Mobbing war, der einen immensen Hass auf Menschen mit Migrationshintergrund – trotz seines eigenen - entwickelte, weil er in der Schule tagtäglich von türkischen Mitschülern gedemütigt und sowohl seelisch als auch körperlich gefoltert wurde. Und was unterscheidet nun David S. von einem jungen Mann aus unserer Gesellschaft, der solch einen Hass entwickelt, weil ihm in dieser Gesellschaft offenbar Unrecht zugestoßen ist, und dadurch bereit wird, sich der Terrororganisation IS anzuschließen und zu morden und sich zu rächen? Oder was unterscheidet diesen Terroristen von Tim Kretschmer, der auch Opfer von Mobbing war und 2009 in einer Realschule in Winnenden 15 Menschen erschoss? Oder was grenzt jenen von Robert Steinhäuser ab, der 2002 aufgrund der Sinn- und Orientierungslosigkeit, die durch den Schulverweis bei ihm verursacht wurde, einen sogenannten "Amoklauf" in seiner ehemaligen Schule in Erfurt durchführte und dabei 17 Menschen erschoss?

Und noch einmal: Nichts von all dem, was diesen jungen Menschen widerfahren ist, rechtfertigt einen Mord an anderen Menschen. Und ja, viele kennen Mobbing aus ihrem Umfeld, und in jeder Klasse gibt es da einen, der ausgeschlossen ist und gemobbt wird – statistisch gesehen ist es sogar jeder sechste Schüler. Demnach müsste es ja tausende Terroristen/Amokläufer geben. Das mag auch potentiell so sein, aber es kommt eben nicht nur auf diesen Faktor an. 

Unrechtserfahrung nicht alleiniger Faktor

Tim Kretschmer und Robert Steinhäuser hatten das „Glück", dass sie in einem Haushalt lebten, in dem es Schusswaffen gab. Davis S. besorgte sich seine über das „Darknet“. Die meisten von uns haben diese "Privilegien" nicht. Ebenso entwickeln nicht viele zwingend einen solchen Hass bzw. haben nicht bereits naturell eine solche Gewaltaffinität, dass sie dazu bereit sind, andere Menschen - besonders nicht solche, die mit ihrem persönlichen Leiden nichts zu tun haben - zu verletzten oder gar zu töten.

Oft ist es ein Zufall, der darüber entscheidet, ob man ein Nazi oder ein Islamist wird

Es gibt viele Biographien unter den über 900 nach Syrien ausgereisten Menschen aus Deutschland, die sich schon vorher in einem anderen tendenziell gewaltbereiten extremistischen Umfeld bewegten, wie der Konvertit Robert Baum, der 2014 bei einem Selbstmordattentat dutzende Menschen tötete oder wie der Konvertit Eric Breininger, der sich innerhalb weniger Monate radikalisierte, wobei über ihn bekannt ist, dass er prinzipiell genauso gut ein Neonazi hätte werden können. Auf der anderen Seite hatte David S. eine andere Unrechtserfahrung gemacht, die ihn - statt in den Dschihadismus - in den Rechtsextremismus getrieben hat. Wären die Umstände leicht verändert gewesen - wer weiß, vielleicht hätte auch er ebenfalls zu den über 900 nach Syrien zum IS ausgereisten Menschen aus Deutschland gehört.

Dass ein Mensch am Ende ein Terrorist werden kann, kommt nicht von ungefähr. Ich möchte daher an dieser Stelle ganz persönlich von mir erzählen. Es wird aufzeigen, wie schnell so ein Prozess gehen kann - auch dass es manchmal nur eine Laune des Schicksals und der ganz persönlichen Kontakte und Charaktereigenschaften ist, die solch eine Entwicklung verhindern. 

Meine Geschichte

Wie David S. war ich ein Opfer von Mobbing, körperlicher wie seelischer Folter – nein, meine Peiniger waren keine Deutschen mit Migrationshintergrund, sondern Deutsche deutscher Herkunft, „Bio-Deutsche“ halt, wie man heute sagt. Der tägliche Gang zur Schule, vor allem aber die Pausen - selbst die Fünfminutenpausen - wurden zur Höllenqual. Unterstützung erfuhr ich weder durch meine Mitschüler noch durch die Lehrer. Sogar meine Mutter konnte meine schrecklichen Schilderungen nicht glauben, bis sie mich eines Tages von der Schule abholte und die Situation mit eigenen Augen sah. Passend zu dem, was mir widerfuhr, gingen meine Noten in den Keller - auch ein bestimmter Lehrer hatte daran seinen Anteil.

Ausweglosigkeit war das Gefühl dieser Zeit, täglicher Spießrutenlauf und immerwährende Angst vor einem Treffen mit meinen Peinigern. Denn egal ob ich nichts tat oder mich verbal oder körperlich wehrte - in beiden Situationen konnte ich gegen die Gruppe nur Verlierer sein. Man denkt sich einfach: Gib ihnen keinen Anlass, noch mehr zu tun, erdulde ihr Standardprogramm. Ob ich in dieser Zeit Suizidgedanken hatte? Die Antwort ist: Ja.

Schließlich bin ich jedoch sitzengeblieben und es fühlte sich für mich nicht wie eine Schmach an, sondern vielmehr wie eine zeitweilige Befreiung. Wie tief der erlittene Schmerz war, kann man daran ermessen, dass ich zu Beginn des neuen Schuljahres der neuen Klasse einen Aufsatz schreiben musste, der meinen schönsten Tag in den letzten Wochen markierte. Ich schrieb geradezu stolz darüber, in die neue Klasse gekommen zu sein, obwohl ich einer der Sitzengebliebenen war.

Allerdings blieb der Pausenhof meinen ehemaligen Klassenkameraden, um ihre Taten fortzusetzen, was sie hin und wieder taten. Dann, im April 2002, folgte die Tat von Robert Steinhäuser. Er erschoss 17 Menschen an seiner Schule. Ob Steinhäusers Tat bei mir im Kopf das Szenario auslöste, eine solche Tat zu begehen, um mich gegen meine Peiniger zu wehren? Die Antwort ist: Ja - auch wenn es nur ein Gedanke blieb, die nicht zu einer Planung oder gar einer Tat führte, zumal meine Peiniger mit der Zeit das Interesse an mir verloren haben. 

"Ich wollte nicht mehr leben"

Die Hölle auf Erden war vorbei – dachte ich – bis mein Vater Lungenkrebs bekam und nach weniger als einem Jahr seinen letzten Atemzug tat – zeitgleich stürzten meine Schulnoten in den Keller. Erneutes Sitzenbleiben und Schulwechsel waren die Folge. Schulisch ging es nach dem Wechsel jedoch wieder bergauf, seelisch nicht. In dieser Zeit hatte ich zwei Jahre lang nicht mehr gelacht, war instabil, kämpfte mit der Trauer, war sozial völlig isoliert, fühlte vollkommene Sinnleere und sagte meiner Mutter nach einem Streit offen, dass ich nicht mehr leben wolle, keinen Sinn mehr darin sah und den Schmerz nicht mehr ertragen könne. Es fehlte mir wohl der Mut zu diesem letzten Schritt. Und weiterhin war da der immer wieder aufkommende Gedanke, was denn mit den Menschen sei, denen ich etwas bedeute. Vielleicht war dieser Streit das Beste, was passieren konnte. Vermutlich kann nichts so sehr von solchen Gedanken abbringen, wie die Tränen der eigenen Mutter, der Schmerz in ihrer Stimme, wenn ihr Sohn ihr gerade sagt, dass er nicht mehr leben möchte. 

Manchmal ist es schon fast ein Klischee, doch aus der Forschung zum Thema Konversion zum Islam wissen wir, dass es bei einem sehr hohen Anteil von Konvertiten ein Schlüsselerlebnis - einen Bruch - in ihrer Biographie gibt, der sie dazu bringt, über ihren Glauben und den Sinn des Lebens neu nachzudenken. Ich bin da keine Ausnahme; der Tod meines Vaters war der Stein des Anstoßes, der mich vier Jahre später dazu brachte, zum Islam zu konvertieren. Der Glaube gab mir Frieden und innere Ruhe, auch den Wunsch, weiterzumachen. Eigentlich denkt man, hier würde die Geschichte jetzt enden. Doch so ist es nicht. 

Mord an Marwa Al-Sherbini radikalisierte manche Muslime

Selbst heute wird in den meisten Moscheen kein Deutsch gepredigt, sondern die Herkunftssprache der Gläubigen, also zumeist Türkisch oder Arabisch. Für junge Muslime der heutigen Generation ist es genauso wenig ansprechend wie für Konvertiten, die sich mit ihrer neuen Religion beschäftigen wollen. Was machen sie? Sie suchen. Vor allem im Internet. Und dort finden sie Angebote - von solchen, die man gemeinhin als „Salafisten" bezeichnet.

Auch ich habe mir sehr viele dieser Predigten angehört, hatte gleichwohl das Glück, vom Land zu kommen. Die von mir besuchte Moscheegemeinde war schon 13 km entfernt, wo es keine Salafis gab, aber durch die Fahrt mit dem Auto boten sich auch Möglichkeiten, ab und an eine derartige Gemeinde zu besuchen. Das passierte folglich, vor allem nach dem Mord an der schwangeren Ägypterin Marwa Al-Sherbini im Gerichtssaal in Dresden, die vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes verblutete. So wie der Mord an Marwa und die Herangehensweise des örtlichen Bundespolizisten und der anfängliche Umgang der Medien und Politik zu diesem Anschlag manche Muslime - insbesondere aber die Salafi-Szene - dazu brachte, sich zu radikalisieren, war es auch bei mir der Fall. Nicht durch pauschalen Hass auf die Gesellschaft, aber dadurch, dass ich mich immer mehr von der Mehrheitsgesellschaft distanzierte. Ich nahm Unrecht wahr, das um mich herum geschah und es erzeugte Wut - viel Wut.

Scheitern der Islamschule in Mönchengladbach radikalisierte die Salafi-Szene

Wenn man mich heute fragt, ob ich ein Szene-Aussteiger bin, sage ich stets: „Nein, aber ich war beinahe dabei, darein zu rutschen", auch weil ich einige Führungsfiguren der Szene näher kennengelernt habe, ob Ibrahim Abu Nagie, Pierre Vogel oder Sven Lau, dessen Gemeinde ich in Mönchengladbach zuweilen besuchte. Ich erlebte ferner den dortigen Konflikt um die Eröffnung seiner Islamschule mit, gegen die es massive Proteste in der Bevölkerung gab, geschürt von einer leider tatsächlich wenig differenzierten, ja gar hetzerischen Berichterstattung seitens einiger Medien. Die Brüder in Mönchengladbach waren zweifellos Fundamentalisten, aber keine Gewalt befürwortenden Radikalen. Ja, den Brüdern passierte Unrecht – und sie radikalisierten sich dadurch, wie sogar der Verfassungsschutz NRW feststellte. Einige von ihnen wechselten in das Lager der Radikalen. Darunter ein Mann namens Konrad S., der später IS-Kommandant wurde.

Konrad S., auf den ich später zurückkommen werde, ist jedoch nicht die Person, die mir nahe stand, sondern ein junger Deutsch-Türke, den ich Mehmet nennen möchte. Mehmet ist Sohn einer säkularen Türkin und eines Niederländers - seinen richtigen Vater lernt er erst mit 15 Jahren kennen. Zuhause hatte er massive familiäre Probleme. Als er etwa 16 Jahre alt war, fing er an, sich für den Islam zu interessieren und besuchte unsere beschauliche Moschee. Bald darauf gab es einen Jugendkreis, in dem er sich stark einbrachte - doch nicht immer zum Positiven. Mir fiel seine verbale Radikalität auf. Ich meldete es dem Moscheevorstand, wir fingen an, uns Sorgen zu machen. Es war 2010, als er mich bat, eine PDF-Datei zu Hause auf meinem Drucker auszudrucken - es war die Biographie des kurz zuvor in Pakistan getöteten deutschen Konvertiten Eric Breininger. Ich war ernsthaft beunruhigt, druckte für mich den Text aus, las ihn und ging mit Mehmet Teile des Textes in der Moschee durch, zeigte ihm die Stellen auf, in denen offenkundig wurde, dass Breininger Anschläge verherrlichte, ja selbst Menschen getötet hat und warnte ihn davor, dass es Propaganda sei. Mehmet schien zunächst einsichtig, doch er radikalisierte sich weiter. Ich brach den Kontakt ab, auch weil ich mein Studium in einem neuen Bundesland bald aufnehmen würde. Was danach kam, habe ich nur aus den Medien oder über das Internet erfahren. Mehmet gerät in militante Kreise, 2013 reiste er nach Syrien zum IS aus. 2015 kehrte er zurück, wurde inhaftiert, ist heute zu einer langen Haftstrafe verurteilt. 

Bildung und eine kritische Geisteshaltung als Mittel gegen Radikalisierung

Es hätte so Vieles passen können, ich erfüllte so viele Kriterien: schwere Lebenskrisen, Demütigungen, Ausgrenzungs- und Gewalterfahrungen, immenser Hass auf jene, die mir dies angetan haben, Sinnleere, Orientierungslosigkeit, massiver Vertrauensverlust in meine Mitmenschen - und zeitweiliger Hass auf die Gesellschaft. Ich war ein Konvertit, der vorher über den Islam nichts wusste, potenziell also leicht zu manipulieren gewesen und hatte Kontakte zu den Leuten, die die Grundideologie dessen gepredigt haben, auf dem al-Qaida und der IS aufbauen. Was mich davon abgehalten hat, auf ihren Weg zu gehen? In der Retroperspektive kann ich sagen, dass es mein kritischer Geist war, ich nicht alles geglaubt habe, was mir erzählt wurde, sondern immer hinterfragt habe - und ich war einfach naturell nicht gewaltbereit.

Schaut man sich die Biographien von den über 900 Rekrutierten aus Deutschland an, die sich in Syrien dem IS und anderen Gruppen angeschlossen haben, fällt auf, dass etwa zwei Drittel von ihnen vorher straffällig und gewalttätig waren und überdurchschnittlich von ihnen ungebildet gewesen sind. Das sind neben der Auffälligkeit an vorangegangenen persönlichen Sinnkrisen und Orientierungslosigkeit die große Gemeinsamkeit der Ausgewanderten.

Was ist aber derweil aus mir in der Gegenwart geworden? Nun, die Mobbing-Zeit ist jetzt rückblickend schon über 15 Jahre her, die Zeit der Loslösung aus der Salafi-Szene sechs Jahre. Beides hat mich geprägt, nicht nur zum Negativen. Denn in meinem Studium der Islamwissenschaften fokussierte ich mich desto prädestinierter auf die Entwicklung des deutschen Salafismus und Jihadismus. So arbeite ich heute beruflich in der Prävention gegen die religiöse Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen. Wie indes unterschiedlich die Wege verlaufen können, auch wenn sie eine Zeit lang parallel zueinander sind, verdeutlicht ein Foto von Konrad S. und mir, auf dem wir auf einer Kundgebung von Pierre Vogel in Dresden im Jahre 2009* sind und in einer Reihe mit anderen Glaubensbrüdern im Gebet stehen. Ja, da stehen zwei Konvertiten – einer von ihnen wurde Kommandant einer deutschsprachigen Einheit bei der Terrororganisation IS - der andere arbeitet beruflich gegen diese Radikalisierung junger Muslime. Auf dem Bild vereint, heute auf der jeweils anderen Seite der Front.

*Name, Orts- und Datumsangabe wegen Identitätsschutz geändert.


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ibnislamiyya16@gmail.com Tue, 19 Dec 2017 16:19:59 +0100
Neues Konfliktpotential: Die Erdöl- und Erdgasreserven zwischen Israel und dem Libanon http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/26.html Der Konflikt in Syrien nähert sich dem Ende. Es scheint, als würde die Achse Syrien-Iran-Hisbollah... Der Konflikt in Syrien nähert sich dem Ende. Es scheint, als würde die Achse Syrien-Iran-Hisbollah und Russland den Krieg für sich entscheiden können. Israel, das die verstärkte iranische Präsenz bis hin zu den syrischen Golanhöhen als eine existenzielle Bedrohung für sich ansieht und mit Saudi-Arabien eine Anti-Iran-Koalition schmiedet, hat im Verlauf des Syrien-Kriegs hunderte Luftangriffe gegen Waffendepots und Waffentransporte, die mutmaßlich für die Hisbollah bestimmt waren, durchgeführt. Dies führte zu Vergeltungsschlägen der Hisbollah, sofern bei den israelischen Angriffen Hisbollah-Kämpfer ums Leben kamen. Ein Krieg zwischen Israel und der Hisbollah könnte in Zukunft jedoch wegen eines ganz anderen Grundes ausgelöst werden: Tel Aviv und Beirut streiten sich über den Besitz von neu entdeckten Energieressourcen im Mittelmeer.

Anfang des Jahres verkündete der libanesische Energieminister Cesar Abi Khalil, dessen christliche Partei mit der Hisbollah verbündet ist, dass Libanons Energiereichtum an Erdgas und -öl nicht verhandelbar und Beirut selbst für die Festlegung der Seegrenzen zuständig sei. Im Verlauf des Jahres wurde bereits eine Ministerialverordnung erlassen, die die Seegrenzen des Libanons festlegte. Ferner wurde eine Roadmap erstellt, um die Ölproduktion voranzutreiben. Das libanesische Parlament, das aus 128 Mitgliedern besteht und alle 4 Jahre gewählt wird, hat die Exploration für Ölgesellschaften ausgeschrieben.

Laut den Angaben des Energieministers sei dies ein positives Signal an Unternehmen und Investoren im Ölsektor. Es werden alle Maßnahmen ergriffen, um den Eintritt Libanons in das Öl-Zeitalter zu ermöglichen, das sich bei vielen anderen Ländern im Nahen Osten dem Ende zuneigt. Ökonomen im Libanon sagen voraus, dass der Libanon nach der Ausschreibung zur Explorationsphase, die 4 Jahre dauert,  innerhalb von 7-10 Jahren mit der Förderung von Öl und Gas beginnen könne.

Auf der anderen Seite steht aber Israel in den Startlöchern, das mehrere Gasfeld-Projekte in Angriff genommen hat, die unter anderem vorsehen, Erdgas über Pipelines von Tel Aviv beanspruchte Gebiete nach Europa zu liefern. Diese künftige Vollziehung der israelischen Festlegung der Seegrenzen könnte zu einem neuen Krieg führen, denn Beirut betont, dass durch die Umsetzung des israelischen Vorhabens teilweise Gebiete des wiederum vom Libanon in Anspruch genommenen Hoheitsgewässers verletzt würden. Gemäß den Angaben der israelischen Finanzzeitschrift „Globes“ forderte Israel seinerseits sowohl die USA als auch die Vereinten Nationen (UNO) auf, Druck auf Beirut auszuüben, um die libanesische Ausschreibung für die Öl- und Gasexploration zu beenden. Dort wurde indes verlautbart, dass die libanesische Regierung alle möglichen Schritte einleiten würde, um seine Energieressourcen mit aller Kraft zu verteidigen.

Israelische Sicherheitsberater befürchten, dass sich im Falle eines Krieges um die Energieressourcen die libanesische Armee mit der Hisbollah zusammentun werde - ähnlich wie es bereits im Sommer dieses Jahres erfolgreich geschah, als es bei den Gefechten um die libanesisch-syrische Grenzstadt Arsal zu einer militärischen Kooperation zwischen der libanesischen Armee und der Hisbollah kam. Der IS, der 2014 einen Angriff auf Stadt Arsal startete und mehrere libanesische Soldaten gefangen nehmen konnte, musste sodann unter dem geballten militärischen Druck der beiden Streitkräfte einem Deal zustimmen, der den restlichen verbliebenen Kämpfern des IS eine Evakuierung zur syrisch-irakischen Grenzstadt Abu Kamal ermöglichte.

Der libanesische Staat wird mittelfristig mit Israel auf dem Energiemarkt in Konkurrenz treten. Dadurch werden die jeweiligen brisanten Festlegungen der Seegrenzen das bereits starke Konfliktpotenzial zwischen Israel und dem Libanon weiter erhöhen. Diese Entwicklung ist wohl unabhängig von dem jüngsten Versuch Saudi-Arabiens zu sehen, die libanesische Regierung zu Fall zu bringen, indem es den Premierminister Saad Hariri - letztlich vergeblich - zum Rücktritt drängte. Die Ausbeutung der Energieressourcen gilt im Libanon quasi als Staatsraison - selbst für die pro-saudischen Akteure im Libanon, denen bisweilen nachgesagt wird, gegenüber israelischen Interessen aufgeschlossener zu sein.

Mohamed Ghazi, MAMohamed Ghazi ist Absolvent des Masterstudiengangs „Politik und Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens" der Universität Marburg.


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m.ghazi0908@gmail.com Tue, 12 Dec 2017 17:02:22 +0100
Alles Taqiyya oder was? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/25.html Von den sogenannten „Islamkritikern“ wird den Muslimen immer wieder der Vorwurf gemacht, dass sie... Von den sogenannten „Islamkritikern“ wird den Muslimen immer wieder der Vorwurf gemacht, dass sie Taqiyya (Verstellung) anwenden würden, um ihre wahren Absichten zu verbergen. So würden die Muslime in der Öffentlichkeit zwar vom Frieden reden bzw. den Islam als friedliche Religion darstellen, in Wirklichkeit allerdings die Machtübernahme in einem Land anvisieren, bis sich der Islam in der ganzen Welt durchgesetzt habe. Für  die Muslime sei es eine religiöse Pflicht, ihre wahren Absichten vor den Nichtmuslimen zu verbergen und sich in der Öffentlichkeit zu verstellen. Jeder Muslim bzw. jede Muslima erscheint demnach von vornherein als LügnerIn - ihm bzw. ihr ist demnach jedenfalls keinesfalls zu trauen. Dies dient auch als Vorwand, um einen Dialog mit dem Islam zu verweigern, ja sogar, um überhaupt jedes Gespräch mit Muslimen abzulehnen, da dies sinnlos sei, weil sich die Muslime auf jeden Fall verstellen würden. Auf diese Weise wird Misstrauen in der Bevölkerung geschürt und ein friedliches Miteinander als unmöglich dargestellt.

Auffällig dabei ist zunächst einmal, dass Antisemiten auch den Juden eine solche Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft unterstellen. Eine Ähnlichkeit zu antisemitischen Verschwörungstheorien im 19. und 20. Jahrhundert ist offensichtlich, was auch ein Beleg dafür ist, dass die Islamfeindlichkeit der Antisemitismus unserer Tage ist.

Weiterhin ist zu konstatieren, dass die im Kalten Krieg den Kommunisten unterstellten Methoden heute fast nahtlos auf die Muslime übertragen werden - auch ein Hinweis darauf, wie das „Feindbild Muslim“ im Westen das „Feindbild Kommunist“ nach dem Kalten Krieg abgelöst hat. Jeder islamische Verein, ja jede Moschee, wird verdächtigt, wie ein bolschewistischer Zirkel zu arbeiten. Es wird der Eindruck erzeugt, dass die Muslime die Machtergreifung verdeckt und planmäßig vorbereiten würden. Indem sie den arabischen Begriff Taqiyya verwenden, erwecken „Islamkritiker“ bei vielen Unwissenden einen kompetenten Eindruck, und bei der durch viele Terroranschläge eh schon verunsicherten Bevölkerung fällt ihre Argumentation häufig auf fruchtbarem Boden. 

Selbst Vertreter des Zentralrats der Muslime wurden in Fernsehdiskussionen damit konfrontiert und hatten offenbar noch nie etwas davon gehört, was aber bereits deutlich macht, dass die Masse der Muslime von der vielbeschworenen Taqiyya überhaupt nichts weiß. Der Koran, das heilige Buch der Muslime und die wichtigsten Geistesquelle des Islam, verbietet im Vers 30 der Sure 22 das Lügen und er gestattet dabei keine Ausnahme. Vielmehr wird immer wieder die Aufrichtigkeit des Gläubigen gefordert, wie in den Vers 2 bis 3 der Sure 61: „O die ihr glaubt, warum sagt ihr, was ihr nicht tut? Welch schwerwiegende Abscheu erregt es bei Gott, dass ihr sagt, was ihr nicht tut.“

Ein Konzept der Taqiyya im Sinne einer Verheimlichung der wahren Absichten im Hinblick auf die Machtergreifung war auch zu Zeiten des Propheten des Islams, Mohammed ibn Abdullah, völlig unbekannt. Bei den Schiiten ist der Begriff ab dem 8. Jahrhundert n. Chr. nachweisbar, und er bedeutet hier die Erlaubnis, bei Zwang oder Gefahr für Leib, Leben und Besitz rituelle Pflichten zu vernachlässigen und den eigenen Glauben zu verheimlichen. Für den Begründer der zwölferschiitischen Rechtsschule, Imam Jafar as-Sādiq, war es ein Mittel, um der politischen Verfolgung durch die Kalifendynastie der Abbasiden zu entgehen. Auch bei den Sunniten kennt man die Verstellung bei Gefahr für Leib und Leben, aber nicht unter der Bezeichnung Taqiyya (siehe Vers 106 der Sure 16). Die Leugnung des Glaubens bei Lebensgefahr ist übrigens auch im Christentum nicht unbekannt, wo zum Beispiel Petrus dem Neuen Testament zufolge Jesus nach dessen Verhaftung verleugnete, um sein Leben zu retten: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ (Matthäus 26:34)

Die Darstellung der Verstellung als eine grundsätzliche religiöse Forderung an die Muslime oder ihnen erteilte Erlaubnis, gegenüber Nichtmuslimen zu lügen, um die Herrschaft zu erlangen, ist jedenfalls blanker Unsinn und hat als Verschwörungstheorie offenbar nun einen Zweck: Hass, Misstrauen und Feindschaft in der Bevölkerung gegen Muslime zu säen und das friedliche gesellschaftliche Miteinander zu sabotieren.


Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam in der europäischen Wahrnehmung.



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dr.markusfiedler@hotmail.de Sat, 09 Dec 2017 15:56:16 +0100
Ist der Islam besonders gewalttätig oder ist jede Weltanschauung besonders missbrauchbar? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/24.html Gegenwärtig wird von allen Religionen wohl nur der Islam als eine Religion der Gewalt wahrgenommen,... Gegenwärtig wird von allen Religionen wohl nur der Islam als eine Religion der Gewalt wahrgenommen, die ursächlich verantwortlich für den Terrorismus in Europa und die  Gewaltexzesse im Nahen und Mittleren Osten ist.

Die blutige Geschichte des Abendlandes

Dabei wird inzwischen aber meist ausgeblendet, dass die Geschichte gerade im Abendland weitaus gewalttätiger und blutiger verlief, als in allen anderen Kulturkreisen. In dieser Hinsicht scheinen manche Islamkritiker geradezu von einem kollektiven Gedächtnisverlust befallen zu sein, denn es wird momentan offenbar nur der islamisch-morgendländische Kulturkreis als gewalttätig wahrgenommen, während man sich selbst friedlich wähnt.

Vergessen scheinen die zahllosen Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken (von der Renaissance bis tief ins 20. Jahrhundert), davon der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), die Exzesse der Wiedertäufer (1534-1535), die Bartholomäusnacht (1572), weiter der erste Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich (1337-1453), die Ausrottung der Indianer (1492-1890), das Vorgehen der Spanier gegen die Azteken (1519-1535), Mayas (1519–1821) und Inkas (1531-1572), die zahlreichen Judenpogrome (vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert), Völkermorde wie die an Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (1904-1908), die zwei Weltkriege (1914-1918 / 1939-1945) und viele weitere Bluttaten, die allesamt nicht von Muslimen ausgelöst wurden.

Es ist aber wohl noch nie ein Muslim auf die Idee gekommen, dafür das Christentum verantwortlich zu machen. Dabei könnten sie doch auf das Alte Testament verweisen, in dem es für jeden Leser erkennbar weitaus gewalttätiger zugeht als im Koran. Aber auch das Neue Testament ist nicht frei von sogenannten "Schwertversen": „Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht kommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“, soll Jesus da zum Beispiel in Matthäus 10:34 gesagt haben. Wenn man darauf verweist, kommt als Antwort gewöhnlich: Ja, das war vor langer Zeit, jetzt aber sei man aufgeklärt und man achte auf die Menschenrechte.

Im Namen aller Religionen und Weltanschauungen wurde Blut vergossen

Allerdings wurden und werden auch im Namen von Demokratie und Menschenrechten Millionen Menschen getötet. Bereits die französische Revolution von 1789 brachte (mit ca. 1 Million Toten) neue Exzesse der Gewalt, die Terrorherrschaft der Jakobiner, die Guillotine und abermals verheerende Kriege mit sich. Die Bombardierungen zum Beispiel in Vietnam (mit Millionen Toten und dem Einsatz international geächteter Waffen) oder die Folterungen in Abu Ghraib (um nur zwei Beispiele zu nennen) zeigen, dass der Westen auch in der Gegenwart äußerst gewalttätig und inhuman agieren kann – allem Gerede von Menschenrechten zum Trotz bzw. gerade im Namen von Demokratie und Menschenrechten.

Auch Terrororganisationen gab es im Westen schon vor Jahrzehnten. Manche Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF), wie zum Beispiel Gudrun Ensslin, kamen sogar aus Pfarrersfamilien. Auch das Selbstmordattentat ist keine Erfindung oder Besonderheit des islamischen Kulturkreises, man denke an die japanischen Kamikaze-Flieger im 2. Weltkrieg oder die "hinduistische" Terrororganisation LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) in Sri Lanka: Es ist weithin unbekannt, dass die LTTE die Statistik bei der Zahl der verübten Terroranschläge weltweit anführt, obgleich dies ohne Aufwand in einschlägigen Literaturen nachzuschlagen ist.

Auch im Namen anderer Religionen wurde und wird Gewalt ausgeübt. Im Hinduismus kommen heute noch Menschenopfer für die Göttin Kali vor. Als absolut friedliebende Religion gilt vielen Deutschen heute der Buddhismus, der so etwas wie eine Mode- bzw. Zeitgeistreligion geworden ist. Buddha-Figuren in den verschiedensten Größen bekommt man bereits in jedem Einrichtungsladen, Top-Stars wie Richard Gere oder Madonna bezeichnen sich als Buddhisten und in Hollywood-Filmen wie „Sieben Jahre in Tibet“ wird die theokratisch-feudale Herrschaft der Gelbmützensekte (Gelugpa) in Tibet romantisch verklärt. Weit weniger bekannt ist es zum Beispiel, dass sich auch der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, als Buddhist bezeichnet hat und seine Leute zur Expedition nach Tibet beorderte. In Tibet gelang es der militanten Sekte der Gelbmützen im 9. Jahrhundert n. Chr., sämtliche innenpolitischen Gegner auszuschalten. Die ReligionsforscherIn Victor und Victoria Trimondi kommen bei ihrer Analyse des tibetischen Buddhismus zu folgendem Urteil: „Die Geschichte des tibetischen Buddhismus war von Beginn an durch Kriege, Mord, Folterungen, soziale Unterdrückung, durch Sklaverei, Hass und Machtgier bestimmt… 900 Jahre lang lieferten sich die unter einander zerstrittenen Sekten und Klöster unzählige Kleinkriege, die eine größere Staatenbildung verhinderten... Somit ist die Geschichte des tibetischen Buddhismus nicht weniger blutig als die Geschichte anderer Religionen. Hinzu kommt jedoch, dass der Lamaismus ein erschreckendes Pandämonium von Kriegs- Mord- und Todesgöttern zur Schau stellt, das an Morbidität und Aggressivität seinesgleichen in den menschlichen Kulturen sucht.“ Man denke hier auch an das momentane Vorgehen gegen die Rohingya in Myanmar und die Gewaltaufrufe buddhistischer Mönche.

Dass allerdings auch im Namen von säkularen Weltanschauungen des Kommunismus, Sozialismus oder Anarchismus (individueller Terror!) Verbrechen verübt wurden, dürfte inzwischen ebenfalls zum Allgemeinwissen gehören. Oft wird jedoch behauptet, dass nur die Religionen und insbesondere der Monotheismus zur Intoleranz oder zur Gewaltanwendung neigen. Als ob sich Atheisten wie Enver Hoxha in Albanien oder Pol Pot in Kambodscha (mit ca. 2 Millionen Toten) durch besondere Toleranz ausgezeichnet hätten! Die Verbrechen des säkularen NS-Faschismus stehen sogar durch den Holocaust in gewisser Weise einzigartig dar.

Es lässt sich nicht bestreiten: Im Namen von jeder Religion, ja von jeder Weltanschauung wurden und werden Verbrechen begangen – und das ausnahmslos! Aber warum ausgerechnet im Namen von Religionen, die ja doch Frieden stiften wollen? Nun denn, jede Weltanschauung - auch säkulare - versprechen Frieden und letztlich das Paradies - und Letztere nicht erst das Paradies im Jenseits, sondern schon auf Erden.

Aber noch einmal: Wieso können auch Religionen gewalttätig sein? Liegt das in den angeblich Gewalt fordernden Heiligen Schriften begründet? Der katholische Theologe Hans Küng hat darauf aufmerksam gemacht, dass die heiligen Schriften aller Religionen - neben den zum Guten aufrufenden - auch sogenannte "Schwertverse" enthalten, das heißt Verse, die scheinbar die Anwendung von Gewalt legitimieren. Es besteht somit die Notwendigkeit einer Interpretation.

Als einzige Heilige Schrift einer Weltreligion macht nur der Koran auf die Möglichkeit aufmerksam, dass Menschen diese falsch interpretieren kann. Nach Vers 7 der Sure 3 stürzen sich diejenigen, deren Herzen zu Krankheit neigen auf diese sogenannten "Schwertverse". Genau hier scheint das Problem zu liegen: Es liegt am sowohl zum Guten und Bösen fähigen Individuum. Da der Mensch sich auch stets für das Böse entscheiden kann, wird es auch immer Menschen in allen weltanschaulichen Lagern geben, die Religionen oder Weltanschauungen dazu benutzen, um damit ihre eigenen Schandtaten zu bemänteln. Gerade in der politischen Sphäre sind Akteure auf (die Missdeutung) von Religionen und Weltanschauungen angewiesen, um ihr böses Vorhaben legitimieren zu können.

Selbstverständnis des Islam: Religion des mittleren Weges

Wenn auch im Westen die Auffassung weit verbreitet ist, dass es sich beim Islam um eine extremistische und gewaltverherrlichende Religion handelt, was sich oft durch das Verhalten einiger Muslime oder durch den Terror solcher Gruppen wie des sogenannten "Islamischen Staats" (IS) zu bestätigen scheint, so steht dies dennoch im Widerspruch zum Selbstverständnis dieser Religion. In den wichtigsten Geistesquellen der Muslime, im Koran und in der überlieferte Lebensweise des Propheten Mohammed, wird der Islam immer wieder als die „Religion des mittleren Weges“ normativ beschrieben. So heißt es im Vers 143 der Sure 2: „Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht...“ Der mittlere Weg in allen Angelegenheiten ist demnach der vorgeschriebene göttliche Weg - ganz gleich, ob es um die Lebensführung, die Ess- und Trinkgewohnheiten, die Ökonomie, die Anwendung von Gewalt oder auch um den Gottesdienst geht: Der Islam empfiehlt stets den mittleren Weg. In zahlreichen prophetischen Überlieferungen wird darauf hingewiesen, dass die Muslime Extreme und Maßlosigkeit bei der Ausübung ihrer Religion vermeiden sollen. So äußerte sich der Prophet wie folgt: „Die Religion ist einfach. Wer den Glauben streng macht, wird überwältigt. Deshalb übertreibt und untertreibt nicht, und seid damit zufrieden und sucht Gottes Hilfe im Gebet am Morgen und am Abend und etwas im letzten Teil der Nacht." Mäßigung, Mäßigung und nochmals Mäßigung – das ist demnach das eigentliche zentrale Credo dieser Religion.

 

Wie sieht nun dieser mittlere Weg in der Frage der Anwendung von Gewalt aus? Heutzutage gibt es viele Islamkritiker, die das heilige Buch der Muslime nehmen und irgendwelche "Schwertverse" aus dem Zusammenhang reißen. Es wurde bereits erwähnt, dass der Koran selbst darauf aufmerksam macht, dass es im heiligen Buch der Muslime eindeutige und mehrdeutige Verse gibt, wobei sich die schlechten Menschen auf die mehrdeutigen Verse stürzen, obwohl die die mehrdeutigen durch die eindeutigen zu interpretieren sind. In einem solchen eindeutigen Vers (wie im Vers 90 der Sure 16: „Er verbietet das Schändliche, das Verwerfliche und die Gewalttätigkeit.“) verbietet Gott eindeutig und grundsätzlich das Gewalttätige. Darf nun nach dem Islam überhaupt keine Gewalt angewendet werden?

 

„Recht zum Krieg“ (ius ad bellum) und „Recht im Krieg“ (ius in bello)

 

Wir müssen nun zunächst das „Recht zum Krieg“ (ius ad bellum) vom „Recht im Krieg“ (ius in bello) unterscheiden. Die von Islamkritikern präsentierten Verse beziehen sich fast ausschließlich auf das ius in bello, also auf das Verhalten in einem bereits laufendem Kampf. Wie sieht es aber mit dem ius ad bellum, also mit dem Recht zum Krieg aus? Der Koran vertritt keine pazifistische Position, er erlaubt die Gewaltanwendung zur Verteidigung („Und bekämpft…, wer euch bekämpft“, Sure 2, Vers 190).

 

Auch mit den folgenden Versen wurde dem Propheten Muhammad die Erlaubnis zum Kampf erteilt: „Erlaubnis [zum Kampf] ist denjenigen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen ja Unrecht zugefügt wurde...“ (Sure 22, Vers 39-40) Deutlich wird das Verbot zum Angriffskrieg auch im Vers 90 der Sure 4: „Wenn Gott wollte, hätte Er ihnen Macht über euch gegeben, und sicherlich hätten sie dann gegen euch gekämpft. Wenn sie sich jedoch von euch fernhalten, ohne euch zu bekämpfen, und euch Frieden anbieten, gibt euch Gott keine Erlaubnis, gegen sie vorzugehen.“

 

Bei der für Sunniten und Schiiten islamische Autorität Imam Ali ibn Abu Talib, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, kann man ein eindeutig formuliertes Verbot des Angriffskrieges finden. So hat Imam Ali vor der Schlacht zu Siffin im Jahre 657 n. Chr. seinen Offizieren folgende Anweisungen zur Kriegsführung gegeben: „Beginnt niemals selbst einen Krieg. Gott liebt nicht das Blutvergießen. Kämpft nur in der Verteidigung. Greift niemals den Feind zuerst an... Verfolgt und tötet niemals jene, die aus dem Schlachtfeld oder aus dem Treffen fliehen... Tötet niemals einen Verwundeten, der sich nicht selbst verteidigen kann... Verstümmelt niemals einen Toten, um ihn zu demütigen. Plündert und brandschatzt niemals! Schändet niemals die Sittsamkeit einer Frau. Verletzt niemals ein Kind. Verletzt niemals eine alte oder behinderte Person.“ Während die ersten Sätze noch das ius ad bellum betreffen, beziehen sich die nachfolgenden bereits auf das ius in bello.

 

Zum ius in bello kann man konstatieren, dass Übertretungen im Kampf, wie das Folterungen oder das Töten von Gefangenen oder Zivilisten, streng verboten sind („Und kämpft auf Gottes Weg gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertretet nicht! Gott liebt nicht die Übertreter.“; Sure 2:190). Weiterhin wird ein schneller Friedensschluss gefordert. Der Islam erlaubt somit die Verteidigung, wenn es zum Kampf kommt, verbietet jedoch die Übertretungen, und fordert Anstrengungen, den Frieden wiederherzustellen. So enthält Vers 61 der Sure 8 eine Friedensverpflichtung, auf die bei einem Friedensgesuch des Gegners eingegangen werden muss: "Und wenn sie sich dem Frieden zuneigen, dann neige auch du dich ihm zu und verlasse dich auf Gott!"

Fazit

Abschließend ist also zu sagen, dass aus jeder Weltanschauung eine Legitimation für Gewalt abgeleitet werden kann und der Islam nach prophetischem Verständnis einerseits eine Religion, die zum Frieden einlädt, aber andererseits gegenüber Aggressoren wehrhaft ist. Diese Herangehensweise ist eine, die sich gänzlich mit dem Völkerrecht deckt.

Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam in der europäischen Wahrnehmung.


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dr.markusfiedler@hotmail.de Mon, 04 Dec 2017 09:18:58 +0100
Findet eine Islamisierung oder Amerikanisierung der Gesellschaft statt? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/23.html Im deutschen politischen Spektrum definiert sich der Konservatismus aus verschiedenen Bestrebungen,... Im deutschen politischen Spektrum definiert sich der Konservatismus aus verschiedenen Bestrebungen, die unter den entsprechenden Parteien in unterschiedlichem Maße ausgeprägt sind. Dazu gehört unter anderem die Sehnsucht danach, das über Dekaden andauernde Stigma des „schuldigen Deutschen“ zu überwinden und - wie in anderen Ländern auf der Welt - auf seine Nation stolz sein zu können, so dass man nicht nur bei Fußball-Events die deutsche Flagge schwingen und sich patriotisch geben kann, ohne in die rechte Ecke gestellt zu werden, als Rechtsextremist abgestempelt oder gar als Nazi gebrandmarkt zu werden. Weiterhin will man auch jene Werte vertreten, für die der erste Buchstabe der beiden konservativen Parteien CDU und CSU eigentlich steht. Das Anliegen aller konservativen Parteien betrifft die Bewahrung der nationalen, kulturellen und religiösen Identität.

Aufgrund der Geschichte Deutschlands und des damit einhergehenden Schuldkomplexes wurde der Konservatismus in den ersten Dekaden der eher pazifistisch geprägten Bundesrepublik vielleicht mehr als anderswo mit Extremismus gleichgesetzt. Dabei ist nicht der Konservatismus selbst die Quelle radikalen Gedankengutes, der - wie der Liberalismus - auch in radikaler Form erscheinen kann und auf die selbe Art und Weise zu einer Eskalation und Destabilisierung eines Staates beitragen kann. Der Verfasser dieses Artikels empfindet gegenüber dem Konservatismus und der damit einhergehenden beabsichtigten Wahrung der eigenen Kultur und Tradition im Gegenteil sogar vollsten Respekt. Was meine Wenigkeit allerdings für problematisch und für ein Armutszeugnis hält, ist vielmehr, wie die etablierten konservativen Parteien Deutschlands sich ausnahmslos einer selektiven Handlungslogik bedienen, da sich ihre Schutzbestrebung der eigenen Kultur ausschließlich gegen das schwächste Glied der Gesellschaft wendet, nämlich gegen die muslimischen Migranten und Flüchtlinge.

Der sogenannte Schutz der Heimat richtet sich bemerkenswerterweise nicht gegen jene Kräfte, die an der "deutschen Heimat" am ärgsten zehren, wie sie in der seit Dekaden unanfechtbaren, anhaltenden Amerikanisierung der deutschen Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zum Ausdruck kommt. So kam es auch nicht von ungefähr, dass es zu keinerlei konservativem Aufschrei führte, als nicht etwa Muslime oder die Islamische Welt - intransparent und am Volke vorbei – eine neue, tiefgreifende Standardisierung in Deutschland durchsetzen wollten, sondern die Vereinigten Staaten von Amerika - im Zuge des TTIP-Prozesses.

Auch auf eher trivialen Ebenen ist diese verzerrte Wahrnehmung unter den Konservativen Deutschlands zu beobachten. Einer Falschmeldung darüber, dass Muslime sich dafür stark gemacht hätten, den Weihnachtsmarkt in "Wintermarkt" umzubenennen, haben viele konservative Bürger mit leidenschaftlichem "Nächstenhass" Aufmerksamkeit geschenkt, während ein ursprünglich heidnischer und aus den USA exportierter Brauch namens Halloween den christlichen Sankt-Martins-Tag Jahr für Jahr weiter verdrängt, ohne das dies zu einer spürbaren Beanstandung führt. Und nun steht am kommenden Freitag nicht etwa eine Orientwoche einer einzigen deutschen Supermarktkette an - die üblicherweise vor Wut schäumende „konservative Protestmails“ zur Folge hätte - sondern der amerikanische "Black Friday", der im nahezu gesamten deutschen Handel zelebriert wird, wobei unter den vorgeblichen Traditionalisten dieses brandneue, importierte Phänomen nicht einmal zu einer nennenswerten Regung kommt. Verführerischer ist es für diese konservativen Anhänger des abrahamitischen Christentums scheinbar, ihren Enthusiasmus ausschließlich für den ebenso abrahamitischen Islam aufzuheben.

Wie kann man aber über eine Islamisierung des Abendlandes sprechen, wenn nicht über die vorausgegangene aggressive Amerikanisierung des Morgenlandes gesprochen wird, die in der Destabilisierung diverser islamisch geprägter Länder ausartete, die selbst wiederum vermeintlich zu dem führte, was man nun als "Islamisierung des Abendlandes" betitelt? Welcher konservative Parteigänger hat sich schon gegen die halbherzige Involvierung des bereits seit Jahrzehnten amerikanisierten Deutschlands in die militärischen Operationen gegen muslimische Länder und den daraus resultierenden Toten im siebenstelligen Bereich mit einem solchen Einsatz darüber aufgeregt wie heute, wenn sie über verschleierte Frauen in Deutschland fluchen, bei denen es sich manchmal sogar bloß um leere Bussitze handelt?

Wenn die Bewahrung der deutschen Kultur und Tradition von den Konservativen in Deutschland ernsthaft priorisiert ist, stellt sich die Frage, warum diese nur inkonsequent gegen Randgruppen gerichtet ist, während das andere Auge für die seit mehreren Jahrzehnten bestehende Amerikanisierung zugedrückt wird, als sei die fortwährende Amerikanisierung Deutschlands die einzige Alternative für Deutschland.


Shahab UddinShahab Uddin hat Amerikanische Kultur- und Sprachwissenschaften, deutsche Sprachwissenschaften und Pädagogik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main studiert. Nach der Erlangung des Magister Artium hat er sich das Reisen als Schwerpunkt gesetzt und hat mittlerweile 80 Länder bereist.


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uddin@multiperspektivisch.de Thu, 23 Nov 2017 23:59:00 +0100
Warum sind Muslime so gastfreundlich? http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/22.html Seit längerer Zeit hat sich im Diskurs über den Islam ein mediales Phänomen eingeschlichen, dass... Seit längerer Zeit hat sich im Diskurs über den Islam ein mediales Phänomen eingeschlichen, dass sich bis heute hartnäckig hält: Typische Probleme, die Migranten betreffen, werden in Bezug auf Muslime nicht soziologisch, sondern zunehmend als Probleme, die religiös begründet sind, aufgearbeitet. Man könnte hierbei von der "Islamisierung sozialer Probleme" sprechen.

Auf der anderen Seite ist es bemerkenswert, dass positive Klischees und Eigenschaften der Muslime wiederum nicht mit dem Islam in Verbindung gebracht werden. Diese scheinen nach medialer Darstellung wohl keinen kausalen Zusammenhang mit ihrer Religion zu haben und sind wohl einfach so vom Himmel gefallen, könnte man meinen. Na ja, Letzteres wäre auch nicht ganz falsch, glauben doch Muslime, dass ihre Religion - und toleranterweise die ihrer abrahamitischen Geschwister - Himmelsreligionen seien.

Aber bleiben wir bei dem urbezweckten Verständnis dieser Redewendung: Wenn Muslime Böses verüben, so bedingt dies ihre islamischen Religiosität. Begehen sie aber etwas Gutes, so hat ihre Frömmigkeit keinen Anteil daran.

Dass das natürlich nicht so stringent sein kann, erschießt sich den Intellektbefähigten sicherlich ohne große Erklärungen. Daher soll im Folgenden nicht dies erläutert werden, sondern der religiöse Beweggrund skizziert werden, der Muslime in der Regel dazu "verleitet", so gastfreundlich zu sein:

Stellenwert von Gastfreundlichkeit

Gastfreundlichkeit besitzt einen sehr hohen Stellenwert im muslimischen Leben. Die überlieferte Lebensweise des Propheten des Islam, Muhammad ibn Abdullah, war stets von Gastfreundschaft geprägt. Es war für ihn unabdinglich gewesen, Gäste zum Essen einzuladen und diese an den "Gaben Gottes" teilhaben zu lassen. Muslime orientieren sich an dieser Lebensweise ihres Vorbildes.

Es wird dem Propheten nachgesagt, gesagt zu haben: „Wer auch immer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt, soll seinen Gast großzügig behandeln.“ Weiter ist von ihm überliefert: „Ehre den Gast, auch wenn er kein Muslim ist.“ Und als jemand den Propheten fragte, ob er einen Gast bewirten soll, obwohl dieser ihm zuvor keine Bewirtung und Gastfreundschaft zuteilwerden ließ, antwortete der Prophet klar: „Bewirte ihn!“

Angesichts der Fülle von prophetischen Überlieferungen über die Preisung der Gastfreundschaft gibt es muslimische Rechtsgelehrte, die sogar von einem einforderbaren Rechtsanspruch auf Bewirtung und Gastfreundschaft ausgehen. Immerhin gelten laut einem muslimischen Ausspruch die Gäste ja als Freunde Gottes.

Diese Tradition wurde bereits von den vorislamischen Propheten gelebt, und Muslime denken, dass es ein Brauch des Propheten Abrahams war, nie ohne einen Gast zu speisen. Der Koran berichtet in der Sure 51, Vers 24-27 über den Urstifter des Judentums, Christentums uns Islams: “Kam zu dir die Nachricht von den Gästen Abrahams? Wie sie bewirtet wurden? Als sie eintraten bei ihm und ihn grüßten und er ihren Gruß erwiderte? 'Das sind Fremde', dachte er sich und ging schnell zu seiner Frau. Ein kräftiges Kalb ließ er zubereiten und bat: 'Aber bitte, wollt ihr nicht essen?'“

Diese Erzählung gründet in der biblischen Erzählung des 1. Buches Mose, Kapitel 18.  Bekanntlich gelten Muslime aber als „bibelfestere Gläubige“ und praktizieren diese Tugend mit großer Leidenschaft. Ziel und Zweck dieser abrahamitischen Praxis ist der Austausch an Zuneigung und Ideen. Der Prophet Mohammed selbst sagte: "Das Besuchen sät die Zuneigung."

Gastfreundschaft als ein Schlüssel zum besseren Verständnis

Die steigende Individualisierung von Gesellschaften führt hingegen zu einem fortschreitenden Aussterben dieser Besuchskultur. Dies ist vermutlich auch einer der Gründe dafür, dass Menschen verschiedener Kulturen sich voneinander mehr fremd fühlen und - infolgedessen - weniger Verständnis füreinander besitzen.

Ohne richtige Kenntnis vom Anderen, bleibt das Unbekannte unbekannt und die Distanz zueinander vergrößert sich weiter und bildet den Nährboden für Missverständnisse und Misstrauen. Gastfreundschaft bildet die Grundlage, um einander kennen zu lernen. Sie gibt die Chance, die Gesellschaft von Missverständnissen zu reinigen, und sich der angeblichen Barrieren, die die Kulturen vorgeblich voneinander trennen, zu entledigen.

Es ist eine Zeit angebrochen, in der der direkte Kontakt zu den Mitmenschen immer weniger wird und der Austausch von Gedanken zunehmend anonym über das Internet vonstattengeht. Deshalb ist es in der Gegenwart um so wichtiger, den unmittelbaren Kontakt zu andersdenkenden Menschen aufzubauen, zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Die Anhänger der verschiedenen Religionen können sich nur durch eine klarere Vorstellung voneinander auf gemeinsame Grundlagen besinnen.

In einer Parabel des vielzitierten muslimischen Gelehrten Dschalal ad-Din ar-Rumi wird folgende Geschichte erzählt:

Ein Iraner, ein Türke, ein Araber und ein Grieche waren gemeinsam auf der Reise zu einem fernen Land, als sie an einer Ortschaft eine Rast einlegten, um etwas zum Essen zu kaufen. Sie hatten jedoch nur noch eine Münze übrig. So fingen sie an, darüber zu diskutieren, für welches Lebensmittel sie diese Münze ausgeben sollten. Alle wollten etwas Bestimmtes haben. Der Iraner wollte Angur haben, der Türke aber sagte, er wolle Üsüm haben, der Araber wiederum sagte, er wolle Inab haben; und der Grieche sagte, er möchte Stafil haben. Als dann jeder von ihnen auf seinen Wunsch bestand, entstand eine hitzige, emotionsgeladene Diskussion. Ein Weiser, der gerade des Weges kam, hatte die Streiterei zwischen den vier Reisenden mit angehört und sagte zu ihnen: „Gebt mir die Münze und ich verspreche euch, dass ich jedem von euch das bringen werde, was er wünscht.“ Die vier Reisenden waren einverstanden und gaben dem Sprachkundigen die Münze, der damit zum nächstgelegenen Laden ging und vier Zweige Weintrauben kaufte. Als er dann zurückkam, übergab er jedem der Reisenden einen Zweig. „Das ist mein Angur!" rief der Iraner. „Aber nein, das ist doch mein Üzüm!", sagte der Türke. „Du hast mein Inab gekauft!", rief der Araber. „Nein! In meiner Sprache heißt dieses Obst Stafil", sagte wiederum der Grieche. So fingen die Reisenden an zu realisieren, dass sie alle im Grunde denselben Wunsch hatten, nur wussten sie nicht, diesen Wunsch dem jeweils anderen verständlich zu artikulieren.

Diese Geschichte lässt sich sinnbildlich auf die verschiedenen Religionsanhänger übertragen, die nach demselben Ziel suchen und die gleichen Wünsche hegen, diese jedoch nur unterschiedlich formulieren. Der Weise klärte die Menschen darüber auf, dass das, was sie in unterschiedlich bezeichneten Religionen suchen, in Wahrheit eine einzige einheitliche Sache ist. Die göttlichen Religionen sind nichts anderes als verschiedene Wege, die aber zu einem einzigen Ziel führen. Sie sind miteinander verwandt, ohne dabei gleich zu sein. Der Prophet Mohammed beschreibt dies wie folgt: „Die Wege zu Gott sind so vielfältig wie die Anzahl der Menschen, die es auf der Erde gibt".

Die Menschen sind in diesem Sinne anzunehmen, wie sie sind, und nicht wie man sie sich wünscht. Und gerade dies erlernt man durch das rege Empfangen von Gästen und eine Gastfreundlichkeit der Herzen.


Mohammad Razavi RadDr. phil. theol. Mohammad Razavi Rad ist spezialisiert auf Religionswissenschaft und Religionsphilosophie und ist Autor von mehreren Büchern, Publikationen und Aufsätzen und ist Direktor des Instituts für Human- und Islamwissenschaften in Hamburg.



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rad@multiperspektivisch.de Wed, 22 Nov 2017 15:26:26 +0100
Angriff auf das internationale Atomabkommen mit Iran http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/21.html Iran steht heute an der Schwelle, in der gesamten Region eine maßgebliche Rolle zu spielen. Dazu... Iran steht heute an der Schwelle, in der gesamten Region eine maßgebliche Rolle zu spielen. Dazu besitzt Teheran zweifelsohne das Potential - aufgrund der geographischen, demographischen, ökonomischen und weltanschaulichen Rahmenbedingungen.

In seiner viel beachteten und kritisierten Rede vor der UNO ließ US-Präsident Donald Trump es sich im September dieses Jahres nicht nehmen, das internationale Atomabkommen "Joint Comprehensive Plan of Action" (JCPOA) mit Iran als „Schande" zu bezeichnen. Doch die politische Ausgangslage hat sich derart verändert, dass sich die USA mit einem Ausstieg aus dem UN-Abkommen selbst isolieren würden.

Während die Rede des US-Präsidenten vor der UNO bei den meisten in der UN-Vollversammlung anwesenden Zuhörern zu frostiger Stille führte, konnte ein anwesender Staatsgast seine Begeisterung kaum bändigen - der israelische Premierminister. 

Netanjahu sieht sich hinsichtlich Irans bestätigt

Auf Twitter äußerte sich Israels Premierminister Benjamin Netanjahu wie folgt: "In meiner über 30-jährigen Erfahrung mit der UNO habe ich niemals eine Rede gehört, die unerschrockener oder mutiger war." Diese Freude ist kaum verwunderlich, klang die Rede des US-Präsidenten stellenweise so, als hätte der israelische Premier ihm diese diktiert, besonders jene Passagen, die das Abkommen mit Teheran betrafen.

Netanjahu, der schon 1999 vor den Vereinten Nationen erklärte, es sei im Hinblick auf die Entstehung einer iranischen Atombombe fünf vor zwölf und diese Anschuldigung Jahr für Jahr wiederholte, betrachtet den Aufstieg Irans und dessen Präsenz im benachbarten Syrien als ein existenzielles Sicherheitsrisiko.

Iran hat sich keines Vertragsbruchs schuldig gemacht

Beim russischen Präsidenten war er mit seinem Anliegen abgeblitzt, als er diesen darum bat, die Iraner aus Syrien herauszudrängen. Der russische Präsident Wladimir Putin dachte gar nicht daran und betonte die Verdienste Irans bei der Zerschlagung des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS). In seiner Verzweiflung klammert sich der israelische Politiker nun an die Lippen Trumps, der das Atomabkommen als „Schande" bezeichnete, ohne dies näher zu erläutern.

Zwar konnten bisher weder der US-Präsident noch der US-Außenminister - trotz des massiven US-Drucks auf die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) - Teheran irgendeine Art von Vertragsbruch zuschieben, nichtsdestoweniger schwadronierte Trump bereits von einem "Regime, das offen von Massenmord spricht", womit er nicht sein eigenes Regime meinte, welches immerhin die totale Zerstörung Nordkoreas androhte, sondern Iran.

Gemäß eines Gesetzes aus dem Jahr  2015, welches der US-Kongress gegen den Willen des damaligen Präsidenten Barack Obama - der aber fatalerweise kein Veto dagegen eingelegt hatte - verabschiedete (und auch an sich schon zumindest den Geist des UN-Abkommens verletzt, weil es wichtige Investoren in Iran abschreckt und infolgedessen als weitreichende Sanktion wirkt), wird vom US-Präsidenten verlangt, dem hohen Haus alle 90 Tage einen Bericht vorzulegen, der zwei Fragen klären soll: Erfüllt Iran alle Verpflichtungen gemäß der UN-Resolution und liegt es - unabhängig davon - im Interesse der USA, dem Regelwerk überhaupt verbunden zu bleiben? Trump scheint darauf klare Antworten zu haben, aber wenig Wissen.

Trump lenkt seine Aggressionen nach außen

Sein bisheriges Vorgehen macht deutlich, dass er nicht daran interessiert ist, seine Wahlversprechen in Bezug auf die Außen- und Verteidigungspolitik gegenüber der Region des Nahen und Mittleren Ostens einzuhalten. Er wirkt stattdessen wie ein Getriebener, der - auch in Ermangelung innenpolitischer Erfolge - seine Aggressionen nach außen lenkt.

Die von seinen Vorgängern herbeigeführten Katastrophen in der Region setzt Trump mit der Aufrüstung Saudi-Arabiens - und indem er Benzin in die bestehenden Brandherde gießt - fort. Trump stützt sich dabei auf die starke antischiitische Grundhaltung der Saudis, übersieht dabei aber, dass dort die antiamerikanische Grundhaltung ebenso vertreten ist. Die Attentäter von 9/11 hatten nicht nur überwiegend die saudische Staatsbürgerschaft, sondern alle einen wahhabitischen Background.

Die strategische Ausgangslage hat sich verändert

Hinzu kommt, dass sich die geopolitische Ausgangslage grundlegend geändert hat. Die Europäische Union (EU) scheint den Vorgaben Washingtons nicht mehr bedingungslos folgen zu wollen. Trumps Politik hat auch in diesem Bereich nichts zu bieten.

Im Gegenteil, während Washington auf Konfrontationskurs geht, unterstreicht Iran seine Gesprächsbereitschaft. Außenminister Mohammad Javad Zarif sagte in einem Interview mit der iranischen Tageszeitung Borna News,  das am 10. September 2017 erschien, dass Iran für den Fall eines Ausstiegs aus dem Abkommen mehrere Optionen habe. Die eine sei, sich selbst ebenfalls vom internationalen Vertragswerk zurückzuziehen, was das Abkommen Teheran bei einem US-Vertragsbruch zugesteht. Eine andere Möglichkeit sei jedoch, „Bedingungen zu schaffen, unter denen Amerikas Ausstieg aus dem Abkommen oder dessen Nicht-Einhaltung zur Isolierung der USA führen würde".

Ali Akbar Salehi, Leiter der iranischen Atomenergiebehörde, sagte außerdem, dass Washington sich durch einen Ausstieg aus dem "Joint Comprehensive Plan of Action" wahrscheinlich selbst „isolieren" und in einen „ständigen Kampf mit den westlichen Mächten" verwickeln würde. Wirtschaftlich würden sich daraus für Iran „gewisse Schwierigkeiten" ergeben, „aber politisch würden wir gewinnen".

Totaler politischer Gesichtsverlust der USA

Theoretisch könnte die US-Administration beispielsweise versuchen, den iranischen Rohölexport durch Druck auf Teherans Handelspartner - wie früher - auf eine Million Barrel pro Tag zu begrenzen. Gegenwärtig liegt er im Schnitt bei 2,2 bis 2,5 Millionen Barrel täglich. Die EU kann allerdings eine Rückkehr zu dem Prinzip der „Sekundärsanktionen" nicht hinnehmen. Die Führung in Teheran könnte sich daher begründete Hoffnungen machen, dass die Bereitschaft der EU-Staaten und (mehr noch die Chinas als Hauptabnehmer iranischen Erdöls), sich durch die sogenannten indirekten Sanktionen der USA schädigen zu lassen, schwindet und ein einseitiger Ausstieg Washingtons aus dem internationalen Abkommen bloß die internationale Stellung der USA weiter schwächen würde.


Dipl. pol. Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen.
Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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ramon_schack@yahoo.de Thu, 16 Nov 2017 14:12:15 +0100