20.09.2017 Dr. Markus Fiedler

Warum der Islam längst zu Deutschland gehört - ob es uns nun passt oder nicht


Moschee vom Hofarchitekten Nicolas de Pigage.

Moschee im Schwetzinger Schlossgarten in Baden-Württemberg vom 18. Jahrhundert.

Von AfD-Wahlplakaten schreit es uns momentan – kurz vor der Bundestagswahl 2017 - entgegen: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Damit weiß sich die Partei im Einklang mit der übergroßen Mehrheit der Deutschen – und hofft dies in Wählerstimmen umsetzen zu können. Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel waren ja mit ihrer Aussage, dass der Islam zu Deutschland gehöre, heftigen Angriffen ausgesetzt gewesen.

Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für den TV-Sender SAT.1 meinen ca. 70% der Deutschen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, nur etwa 20 % vertreten die Auffassung, dass der Islam zu Deutschland gehört. Auf der anderen Seite schätzt die übergroße Mehrheit der Deutschen in einer (ebenfalls von YouGov durchgeführten) repräsentativen Umfrage aber auch ihr Wissen über den Islam bzw. die Muslime selbst als gering ein, 70% geben demnach zu, wenig oder überhaupt keine Kenntnisse über den Islam zu besitzen. 62 % haben demzufolge keine muslimischen Bekannten, 87% noch nie eine Moschee von Innen gesehen.

Handelt es sich somit um eine Abwehrreaktion angesichts der so sichtbar anders gekleideten und lebenden Muslime im Alltag, da der Islam und die Muslime wohl doch für eine Mehrheit in Deutschland die großen Unbekannten darstellen?

Um eine Antwort auf die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, geben zu können, muss man klären, was man eigentlich darunter versteht, wenn man sagt: „Der Islam gehört zu Deutschland“. Ist damit „nur“ die Existenz von Muslimen in Deutschland gemeint oder gehört die islamische Religion nicht längst zur deutschen Kultur- und Geistesgeschichte?

Die Geschichte des Islams in Deutschland

Es lässt sich natürlich nicht abstreiten, dass inzwischen Millionen Muslime in Deutschland leben. Obwohl im Zuge der Flüchtlingswelle der Anteil arabischer Muslime stark gestiegen ist, ist der Islam hierzulande mehrheitlich nach wie vor von der türkischstämmigen Gemeinde geprägt, die im Zuge des Zustroms von Gastarbeitern in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Man darf aber auch nicht außer Acht lassen, dass hierzulande inzwischen etwa 4.000 gebürtige Deutsche jährlich zum Islam konvertieren, was natürlich nur geht, wenn der Islam hierzulande als Religion präsent ist und über eine gewisse spirituelle Ausstrahlungskraft verfügt bzw. Menschen einen Sinn ihres Daseins vermittelt.

Was aber viele nicht wissen: Die Präsenz des Islams in Deutschland beginnt nicht erst mit dem Zuzug von Gastarbeitern in den 1960er Jahren, sondern sie ist wesentlich älter. Schon dem Kaiser des römisch-deutschen Reiches, Friedrich II. von Hohenstaufen (1194-1250), wurde und wird nachgesagt, dass er eigentlich ein Muslim gewesen sei.

Nachweisbar ließ der preußische König Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) im Jahre 1732 in Potsdam einen ersten Gebetsraum für 20 türkische Muslime errichten, die in seinem Dienst standen. Der preußische König Friedrich der Große (1712-1786) schrieb im Jahr 1740 an den Rand einer Eingabe: „Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sich zu ihnen bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn Türken und Heiden kämen, dann würden wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.“ Friedrich der Große scheint dem Islam überhaupt eine besondere Wertschätzung entgegengebracht zu haben. So bekannte er im Jahr 1756: „Ich bin genötigt, meine Zuflucht zu Treu und Glauben und zu der Menschlichkeit der Muselmänner zu nehmen.“

Den Einfluss des Islams findet man auch beim ersten deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898), der in einem Brief schrieb: „Ich habe alle himmlischen Bücher, die von Gott zur Leitung herabgeschickt worden sind, sorgfältig studiert. Durch die Verfälschungen konnte ich die Wahrheit, die ich suchte, nirgendwo finden. Die Gesetze sind zu weit entfernt, das Glück der Menschheit zu sichern. Aber der Koran der Mohammedaner ist frei von diesen erschwerenden Geboten. Ich habe den Koran von jeder Seite und auf jeden Punkt hin untersucht. In jedem Wort habe ich eine große Weisheit gefunden.“

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) äußerte, er werde für immer der Freund der Muslime sein. Das Osmanische Reich war der Verbündete Deutschlands im 1. Weltkrieg. Im Jahr 1915 ließ Kaiser Wilhelm II. in Wünsdorf eine Moschee in traditionellem Baustil für muslimische Kriegsgefangene errichten.

Die Bedeutung des Islams für die preußischen Geschichte, insbesondere der Einfluss auf preußische Herrscher, bringt sogar eine monarchistische Vereinigung unserer Tage in Deutschland zu der folgenden, durchaus überraschenden Aussage: „‘Der Islam gehört zu Deutschland‘, so sagte es einst unser Ex-Bundespräsident Christian Wulff. Auf jeden Fall mehr als uns vielleicht bewusst ist!“ In der Tat, bewusst ist dies wohl den wenigsten. Im Jahr 2014 fand im Brandenburg-Preußen-Museum in Wustrau eine Sonderausstellung mit dem „Türken, Mohren und Tartaren“ über Muslime in Brandenburg-Preußen statt. Die dabei präsentierten Beweise für den Einfluss und die Präsenz des Islams in Deutschland schon vor Jahrhunderten sind derart zahlreich, dass man sich nur wundern kann, wie vergessen dies heutzutage scheint.

Der Islam in der deutschen Kultur- und Geistesgeschichte

Eine sichtbare Präsenz des Islams in Deutschland findet man auch nicht erst durch die von Gastarbeitern errichteten Moscheen. Dafür gibt es genügend Beispiele, die den meisten unbekannt sein dürften. So findet man im Schwetzinger Schlossgarten eine 1785 errichtete große Moschee im traditionellen Baustil mit zwei Minaretten. Im Park des vom bayerischen König Ludwig II. (1845-1886) in Auftrag gegeben Schlosses Linderhof kann man ein „Marokkanisches Haus“, in dem es eine Gebetsnische (Mihrab) gibt, bewundern. Zeugnis für die offensichtliche Faszination des Islams gibt auch das ehemalige Dampfmaschinenhaus für das Schloss Sanssouci in Potsdam, das im Stil einer Moschee gebaut wurde. Wenn der Islam nicht zu Deutschland gehört, sollen dann diese historischen Bauten in einer Art von Bilderstürmerei zerstört werden?

In der klassischen Musik findet man beispielsweise bei Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) („Entführung aus dem Serail“) islamische Einflüsse. Immens ist der islamische Einfluss in der klassischen deutschen Literatur. Die Märchen von Wilhelm Hauff (1802-1827) sind zu einem Großteil in der arabischen Welt beheimatet. Bei Geistesgrößen wie Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Johann Gottfried Herder (1744-1803) oder Friedrich Rückert (1788-1866) kann man den islamischen Einfluss nur als gewaltig bezeichnen. Goethe äußerte sogar, er sei dem Verdacht nicht abgeneigt, „selbst ein Muselmann“ zu sein. Er schrieb das Stück "Mahomet" und den "West-östlichen Diwan", wo er dichtete: "Dass der Koran das Buch der Bücher sei, glaub ich aus Moslemenpflicht." Und allein durch diese Werke gehört der Islam längst zur deutschen Geistesgeschichte. 

Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) setzte sich unter anderem mit der Dichtung des persischsprachigen Gelehrten Jalal-ed-Din Rumis (1207-1273) auseinander und bemerkte in seiner „Vorlesungen zur Ästhetik“: „Indem sich nämlich der Dichter im Muhammedismus das Göttliche in Allem zu erblicken sehnt und es wirklich erblickt, gibt er nun auch sein eigenes Selbst dagegen auf. Dadurch erwächst ihm jene heitre Innigkeit, jenes freies Glück dessen, der sich bei der Lossagung von der eigenen Partikularität durchweg in das Ewige und Absolute versenkt, und in Allem das Bild und die Gegenwart des Göttlichen erkennt.“

Der Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1925) beschäftigte sich intensiv mit dem Islam und verfasste ein Gedicht über die erste Offenbarung des Propheten Mohammed. Die Beispiele für den Einfluss des Islams auf die deutsche Literatur ließen sich noch lange fortsetzen, aus Platzgründen soll dies hier genügen.

Überzeugte Europäer?

Es ist bemerkenswert, dass gerade auch zahlreiche Unionspolitiker (wie zum Beispiel Volker Kauder) bestreiten, dass der Islam zu Deutschland gehört, obwohl sie sich zugleich als überzeugte Europäer bezeichnen. Gehört der Islam also auch nicht zu Europa?

Bereits seit der Präsenz der Araber 711 n. Chr. in Spanien hatte die islamische Welt damit begonnen, auch den Okzident zu beeinflussen. Wie kann man denn zum Beispiel den Einfluss des vor fast 1.300 errichteten Emirats von Cordoba, dass als fortschrittlich und tolerant galt und zu dem viele Europäer aufblickten, auf Europa leugnen? Ist die Geschichte dieses Emirats nicht ein Bestandteil der europäischen Geschichte? Und was ist mit dem zum Osmanischen Reich gehörenden Balkan? Bosnien, der Kosovo und auch Albanien waren oder sind Staaten mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit.

Weiterhin lässt sich auch nicht der immense Einfluss islamischer Gelehrter auf praktisch alle Wissensbereiche bestreiten. Abū Alī al-Husain ibn Abdullāh ibn Sīnā (980-1037) kann so beispielsweise auch zu den unbestrittenen Vätern der abendländischen Medizin, Astronomie, Mathematik, Physik, Philosophie gezählt werden.

Als im Abendland weiterhin die Schriften Platons und Aristoteles durch die Inquisition vernichtet worden waren, kamen sie über die islamische Welt wieder nach Europa. Dies hat den Herausgeber des „Preußischen Landboten“, Michael L. Hübner, immerhin zu den folgenden Worten bewegt: „In Dankbarkeit und Ehrfurcht einer Religion gegenüber, die das Licht der Bildung, des Wissens und der Zivilisation bewahrte, als über das Abendland die Finsternis der Barbarei und des Aberglaubens hereinbrach. Europa steht tief in der Schuld des Islam." Doch leider findet man dieses Wissen heute nur selten.

Abschließend bleibt festzuhalten: Der Islam gehört längst zur deutschen – und erst recht europäischen – Kultur- und Geistesgeschichte. Abendland und Morgenland haben sich in der Vergangenheit gegenseitig beeinflusst, Kultur- und Geistesgeschichte sind miteinander verzahnt, wie es bereits Johann Wolfgang von Goethe im „West-Östlichen Diwan“ schrieb:

„Wer sich selbst und andere kennt, Wird auch hier erkennen: Orient und Okzident; Sind nicht mehr zu trennen.“

Dr. phil. Markus FiedlerDr. phil. Markus Fiedler ist Autor von mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt Islam in Europa.

 

 

 


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Marina04-10-17

"Handelt es sich somit um eine Abwehrreaktion angesichts der so sichtbar anders gekleideten und lebenden Muslime im Alltag, da der Islam und die Muslime wohl doch für eine Mehrheit in Deutschland die großen Unbekannten darstellen?"

Das trifft auf andere Religionen, wie z. B. das Judentum oder den Hinduismus, letztlich auch zu. Und auch sehr viele jüdische Frauen tragen Kopftücher, um ihre Haare zu bedecken.

https://en.wikipedia.org/wiki/Tichel





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