21.11.2018 Simon Jacob

Causa Asia Bibi – Befreit den Islam!


Die Protestler fordern die Todesstrafe für Asia Bibi.

Demonstranten fordern die Erhängung von Asia Bibi.

Die vom Tod bedrohte Asia Bibi gehört der christlichen Minderheit in Pakistan an. Sie hat, aufgrund umdefinierter und zum Machtmissbrauch umgedeuteter Blasphemie-Gesetze, angeblich den Propheten Mohammed beleidigt. Das ist etwas, das im islamisch geprägten Pakistan einem Kapitalverbrechen gleichkommt. Zunächst erwartete sie die Todesstrafe, sie wurde dann jedoch nach jahrelanger Haft freigesprochen, was wiederum den Zorn einer sunnitisch–puritanischen Sekte erweckte, welche - in der Minderheit und als geförderter Vasall des Westens - in den 1980ern gegen die UdSSR in Afghanistan kämpfte, einen Genozid an den Schiiten in Pakistan durchführte, die Ahmadiyya-Muslime zu Freiwild erklärte, den Sufi–Islam, dem die meisten Sunniten angehören, verachtet und nun am liebsten Asia Bibi hängen sehen möchte.

Doch fangen wir zunächst an einem Punkt an, welcher die Verkettung verschiedener Ereignisse zusammenbringen soll, die uns zur jetzigen Situation führten. Untermauert mit den faktischen Gegebenheiten, die es, wenn man sich der Thematik annimmt, zurückblickend zu beachten gilt.

In diesem Zusammenhang ist die Frage zu stellen, welchen Islam es in Pakistan überhaupt gibt. Bezogen auf meine vielen Reisen und den intensiven Austausch mit meinen Kontakten innerhalb der verschiedenen Strömungen des Islams, war ich doch recht überrascht über die Tatsache, dass trotz der immensen Diversität eine militante Minderheit den Ton im theologischen Diskurs vorgibt. Die Überraschung wich allerdings, als ich die Gründe für die ultra-halsstarrige Auslegung des Islams erkundete und einen stringenten Faden vorfand, der militärisch im Sinne der asymmetrischen Form der Kriegsführung in den letzten 100 Jahren immer wieder erkennbar war und zu der „Terrorkatastrophe“ führte, die die Welt bis heute plagt. Und sie wird weiterhin geplagt werden, wenn wir nicht endlich begreifen, dass kurzfristiges Profitdenken, Machtstreben und ein Freund–Feind-Denken unwillkürlich dazu führen werden, dass es zukünftig noch mehr Fälle wie die Causa „Asia Bibi“ geben wird.

Bereits nach der Unabhängigkeit des Landes war die Politik darum bemüht, die Quadratur des Kreises zu vollbringen. Der Versuch eine religiöse Doktrin, die die Übereinstimmung aller Gesetze mit den islamischen Quellen fordert, mit den demokratischen Maßstäben, auch eine nicht-islamische Religion frei ausüben zu können, in Einklang zu bringen, erzeugte im Rückblick eine diffuse Situation, die weder „Fisch“ noch „Fleisch“ ist. 1973 erhielt das Land zunächst eine Verfassung, die jedem Bürger das Recht zugesteht, an das zu glauben was er möchte, der Sekte anzugehören, der man angehören möchte, und sie schützt die Bürger vor der religiösen Besteuerung. Eben jene in der Verfassung verankerte Religionsfreiheit führt nun zum Konflikt mit einem religiösen Dogmatismus, dem sich ultra-halsstarrige Salafisten / Wahhabiten seit den 1980ern hingeben.

Im Zusammenspiel mit den Intentionen US-amerikanischer Interessen und der finanziellen und theologischen Unterstützung aus Saudi-Arabien empfing in jenem Jahrzehnt die stark wahhabitisch geprägte "Deobandi-Bewegung" eine immense Aufwertung, welche im Afghanistan-Krieg gegen die Sowjetunion zum Einsatz kam - und später zur Stärkung der Taliban, der Entstehung von Al–Qaida, zu den Anschlägen in Washington, New York und Shanksville am 11. September 2001 und dem Entstehen des sogenannten „Islamischen Staates“ führte. Der Bogen wird sich sicherlich zu möglichen Entstehungen weiterer Terrorgruppen im Nahen Osten, in Asien, auf dem indischen Subkontinent und in Afrika zukünftig weiter spannen lassen. Eine Entwicklung, die nicht von der Hand zu weisen ist und der man sich, mit Lösungskonzepten im Zentrum, wird stellen müssen.

Im Wettbewerb um die Wahrheit, Reinheit und Deutungshoheit über den wahren Islam kam es im Laufe der Zeit zwischen den einzelnen Fraktionen islamischer Prägungen immer wieder zu Auseinandersetzungen, bei denen Tausende Schiiten - man spricht hier auch vom „Völkermord“ an den Schiiten -, zahlreiche Sufis, Ahmadiyya-Muslime und auch Christen ums Leben gekommen sind. Anfangs zu Eigenzwecken durch den pakistanischen Geheimdienst gefördert, nach dem Afghanistankrieg verstärkt als Gegenpart zum schiitischen, aber panislamisch geprägten Iran genutzt, manifestierte sich die Dominanz der „Deobandi–Bewegung“ mit ihrer extrem intoleranten Auslegung der Scharia im Land.

Nach wie vor wird diese Bewegung unterstützt durch private Finanziers aus dem Mutterland des Wahhabismus, Saudi-Arabien, vor den Augen der Weltgemeinschaft. Die „Deobandi–Ideologie“, die als Minderheit einer Mehrheit das gesellschaftliche Leben vorschreibt, hat zum Beispiel ab dem Moment, an dem sie Einfluss gewann, durch die Einführung der „Hudud–Strafen“ salafistischer Prägung, das Trinken von Alkohol und außerehelichen Geschlechtsverkehr kriminalisiert und unter strenge Strafe gestellt. Ihre Scharia-Gerichte wurden eingeführt. Die Blasphemie-Gesetze, die ironischerweise Hasspredigern Einhalt gebieten sollten, wurden nun einem strengen Diktat untergeordnet, welches durch eben jene Gesetze eine Mehrheit gefügig macht, Bürger diskriminiert, Menschen in Angst und Schrecken versetzt, mehrheitlich davon Muslime, zum Tod an alle anders denkenden Muslimen, Christen, Atheisten und so weiter aufruft, da sie keine (wahren) Muslime sind und den Tod der Christin Asia Bibi fordert. Und als Krönung der ganzen Tragödie, die auf die gesamte muslimische Welt abfärbt, versagt das justiziable System in Pakistan, und die Regierung lässt sich erpressen.

Warum? Weil die Menschen Angst haben. Sie haben Angst vor einer gewaltbereiten, militanten und äußerst aggressiven wahhabitisch–salafistisch geprägten Bewegung, die im Afghanistan–Krieg der 1980er Jahre nützlich war und durch den Westen wie auch Saudi-Arabien gleichermaßen gefördert wurde. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie immer noch gefördert - durch private Geldströme aus dem saudischen Königreich, dessen religiöse Auslegung des Islams der des sogenannten „Islamischen Staates“ und der „Deobandi–Bewegung“ nicht unähnlich ist.

Was ist die Lösung? Wie kann man die Dominanz einer Minorität durchbrechen?

Indem man sich gegen sie stellt und nicht auf ihre Forderungen eingeht. Indem man seitens muslimischer Institutionen, angefangen in Saudi-Arabien, von Kairo bis nach Qom, aufsteht und sich in aller Deutlichkeit gegen die stellt, die gerade unter Muslimen Angst und Schrecken verbreiten und in dem man sich demonstrativ, unter den Augen der weltweiten Öffentlichkeit, sich für eine Christin einsetzt, die für eine Machtdemonstration über die Deutungshoheit des Islams missbraucht wird und Leid erfährt.

Ihr Leid ist auch das Leid der Bürger in Pakistan und weltweit derer, die muslimischen Glaubens sind und genug von der Unterdrückung durch die Fanatiker in der eigenen Religion haben, die sich aber dennoch nicht trauen, endlich eine Bewegung loszutreten, die den Gedanken der Freiheit im Islam aufgreift und daraus einer Weltanschauung macht, in der jeder frei und ohne Zwang glauben kann, was er will oder nicht will.

Das Überleben Asia Bibis in einem freien Pakistan ist gleichzusetzen mit der Befreiung aller Muslime, die sich von den Fesseln extremistischer Auslegungen losgelöst in einem selbstbestimmten Leben sehen möchten. Und das sind nicht wenige.

Dieses Recht steht ihnen, wie allen anderen Menschen weltweit, verbrieft durch die universellen Menschenrechte, zu.

Dieses Recht steht auch Asia Bibi zu!


Simon JacobSimon Jacob ist Buchautor, Politikberater und Vorsitzender des „Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland e.V. – ZOCD“. Im Rahmen des von ihm initiierten Projektes Peacemaker-Tour war er 2015/2016 als Friedensbotschafter des Zentralrats und freier Journalist im Nahen Osten unterwegs. In gut fünf Monaten legte Simon Jacob rund 40.000 km zurück und besuchte neben der Türkei, Georgien, Armenien und Iran auch die Krisengebiete in Nordsyrien und Nordirak. Seine Beobachtungen und Erfahrungen dokumentierte er in seinem Buch "Peacemaker - Mein Krieg. Mein Friede. Unsere Zukunft.", das im April 2018 im Herder Verlag erschienen ist.


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