Die Konformität des Islams mit Freiheit und Vernunft


Islam und Grundgesetz.

Koran und Grundgesetz.

Der Islam ist ein zentrales Thema des Bundestagswahlkampfs geworden. In dem wichtigen Fernsehduell zwischen der amtierenden Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem ärgsten Herausforderer Martin Schulz (SPD) dominierte das „Thema Islam“ im weitesten Sinne mehr als die Hälfte der Sendezeit.

Dies ist ein Novum in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Noch nie bestimmte der Diskurs über eine religiöse Minderheit einen Wahlkampf dermaßen. Schon längst gibt eine Mehrheit der Deutschen an, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Und laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage vom letzten Jahr halten 32 Prozent der Deutschen den Islam gar als unvereinbar mit dem Grundgesetz.

Ist dies aber tatsächlich der Fall? Eine Abhandlung über die Vereinbarkeit des Islams mit allen Artikeln und Werten des deutschen Grundgesetzes würde den Rahmen des vorliegenden journalistischen Artikels sprengen. Daher begnügt sich meine Wenigkeit im Folgenden mit der Frage nach der allgemeinen Vereinbarkeit des Islams mit dem wichtigsten Gut unseres Grundgesetzes, nämlich mit der Freiheit, und des Weiteren mit der allgemeinen Vereinbarkeit des Islams mit der Rationalität, welche die wichtigste geistige Grundlage der modernen deutschen Kulturgeschichte ist.

Das Recht auf Freiheit

Nach meinem Verständnis des Korans, des heiligen Buchs der Muslime und der wichtigsten Geistesquelle des Islams, kann ich Freiheit nicht allein als ein menschliches Recht verstehen, sondern der Mensch selbst ist Freiheit. Wenn man dem Menschen seiner Freiheit beraubt, hat man ihm seine Identität genommen, weil die Grenze der menschlichen Identität - im Vergleich zu anderen Lebewesen - diese Freiheit ist. Wenn dies so nicht im Koran erwähnt ist, dann deshalb, weil Freiheit etwas schlechthin Vorauszusetzendes ist - wie die Luft zum Atmen oder das Leben selbst. Freiheit ist keine politische Errungenschaft, sondern eine Notwendigkeit, die mit der menschlichen Identität einhergeht.

Wir lesen im Koran, dass kein Prophet Menschen zu einer bestimmten Idee zwingen und damit dessen Freiheit in Ketten legen darf: „Und er nimmt ihnen ihre Last hinweg und die Fesseln, die auf ihnen lagen.“ (Sure 87, Vers 157) Das bedeutet, dass Gott die Propheten entsandt hat, damit die Freiheit des Menschen gedeihen und bewahrt werden kann. Es war nicht die Absicht der göttlichen Botschaft, dass die Menschen untätig dasitzen und ihre innovativen Gedanken in Ketten legen. Ganz deutlich wird zudem gesagt: „Und du hast keine Gewalt über sie.“ (Sure 50, Vers 45) Das heißt: Du bist nicht Herrscher über den Willen der Menschen, so dass sie annehmen müssen, was du sagst. Du bist aber nicht nur kein Herrscher, du bist auch kein Vertreter der Menschen, sodass du für sie wählst oder nicht wählst: „Wir haben dich weder zu ihrem Hüter gemacht, noch bist du ihr Wächter.“ (Sure 6, Vers 107) Das heißt: Sie leben ja selbst und haben ihren eigenen Verstand. Du kannst ihnen die göttliche Botschaft kundtun, aber sie selbst müssen sich für oder gegen sie entscheiden!

Was aber geschieht, wenn sie ablehnen? „Kehren sie sich (vom Glauben) ab, so haben Wir dich nicht als deren Wächter entsandt.“ (Sure 42, Vers 48) Das heißt, dass du sie nicht bevormunden kannst: „Willst du also die Menschen dazu zwingen, Gläubige zu werden?“ (Sure 10, Vers 99) Niemals heißt der Koran Zwang gut, und es ist nicht die Absicht Gottes, dass Menschen um jeden Preis gläubig werden: „Und hätte dein Herr es gewollt, so hätten alle, die insgesamt auf der Erde sind, geglaubt.“ (Sure 10, Vers 99)

Ferner heißt es im Koran: „Und sprich: ‚Es ist die Wahrheit von eurem Herrn.’ Darum lass den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will.“ (Sure 18, Vers 29) Deshalb hat die Einschränkung der Freiheit des Menschen im Islam keine religiöse Rechtfertigung. Wie kann also die Ansicht vertreten werden, dass der Koran die Freiheit des Menschen beeinträchtigen will?

Wäre die menschliche Freiheit beim Beschreiten des Weges zur Selbsterkenntnis und Menschwerdung eine Gefahr, hätte Gott den Menschen durch den Propheten des Islams, Muhammad ibn Abdullah, und seinen legitimen Nachfolger davor gewarnt. Hierzu gibt es jedoch keine Anhaltspunkte in den islamischen Quellen. Dazu heißt es vielmehr: „Gib denn die frohe Botschaft Meinen Dienern; es sind jene, die auf das Wort hören und dem besten davon folgen.“ (Sure 39, Vers 17-18) Es wird demnach zur Erlangung von Wissen ohne Scheuklappen aufgerufen, und das Beste von all dem in Erfahrung gebrachten Wissen, Weisheiten und Anschauungen ist zu befolgen. Auch Ali ibn Abu Talib, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten und der erste Imam der Schiiten, betonte: „Der Mensch ist nicht als Gefangener auf die Welt gekommen, und die Menschen sind alle frei.“ Von dem sechsten Imam der Schiiten, Jafar ibn Muhammad, ist überliefert: „Die Menschen sind alle frei, außer jenen, die die Freiheit nicht wollen.“ Ali ibn Abu Talib hat überdies seinem Sohn einen Rat für alle Zeiten gegeben: „Sei niemals der gefangene Diener der anderen, denn Gott hat dich frei erschaffen!“

Wenn der Islam den Muslimen empfiehlt, die Kaaba zu umkreisen, das „Haus der Freiheit“ (Sure 22, Vers 29), dann ist diese rituelle Zeremonie eine Übung für den Muslim, dessen Gedanken einzig und allein um dieses Symbol der Freiheit kreisen sollen. Die Kaaba ist nur ein Zeichen, damit der Weg zum Ziel führt und das Ziel nicht verloren geht. Jeder Fortschritt im wissenschaftlichen, künstlerischen, ökonomischen, moralischen oder jedem anderen Bereich kann nur im Einklang mit der Freiheit realisiert werden. Wer dem Menschen Freiheit vorenthält, verhindert, dass die göttliche Veranlagung des Menschen realisiert wird. Die mangelnde Gedankenfreiheit in religiösen Gesellschaften würde den Glauben der Menschen zerstören und würde Werte wie Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit in Unwerte wie Zweigesichtigkeit und Heuchelei umwandeln.

Das Recht auf Vernunft

Die Suche nach der Wahrheit ist dem Menschen ein Grundanliegen, Denken und Reflexion sind seine besonderen Fähigkeiten. Im Koran lesen wir: „Wahrlich, als die schlimmsten Wesen gelten bei Allah die tauben und stummen, die keinen Verstand haben.“ (Sure 8, Vers 22) Entsprechend ist vor Gott der schlechteste Mensch jener, der nicht nachdenkt. In einer prophetischen Überlieferung heißt es, dass eine Stunde Nachdenken über den Sinn der Religion wertvoller sei als das jahrelange blinde Ausführen religiöser Rituale. In einer anderen Überlieferung heißt es weiter, dass der Mensch erst durch Denken seine menschliche Persönlichkeit entwickelt, oder wie es in einem persischen Gedicht heißt: „O Mensch, du bist reiner Gedanke, sonst bestehst du aus Knochen und Haut; wenn dein Gedanke einer Blume gleicht, bist du wie ein Garten, und wenn dein Gedanke einem Dorn gleicht, bist du wie Brennholz für den Ofen.“ Der Prophet des Islams hat daher treffend gesagt: „Wer keine Vernunft hat, hat keine Religion.“ Im Koran wird deshalb der Weg betont, der zu rationalem Denken und Vernunft führt. Je mehr die Religion diskutiert wird, desto mehr wird die göttliche Wahrheit manifest. Der Prophet sagte: „Wehe denen, die den Koran lesen, denn der aus einem problematischen Verständnis des Korans resultierende Schaden ist für den Gläubigen groß.“

Der Gelehrte Dschalal ad-Din ar-Rumi, den Martin Schulz (SPD) im Fernsehduell zitierte und den er sich eigentlich als Schlusssatz aufheben wollte, dichtete: „Schön gesagt hat es der Prophet: Ein wenig Verstand ist besser als Fasten und Gebet; denn das Wesentliche ist der Verstand, und die anderen zwei vervollständigt der Verstand.“ Grundlage der Offenbarung und der Entsendung von Propheten ist die Idee, dass Menschen von ihrer Vernunft Gebrauch machen. Mit welchem Recht sollte also das Denken unter Strafe gestellt werden? Die Stellung der Vernunft ist im Islam so hoch, dass maßgebliche islamische Theologen der Ansicht sind, dass der Islam jede Tat, die von der Vernunft gutgeheißen wird, als religiös gut bewertet. Wenn der Mensch also keine neuen Fragen stellen würde, würde man keinen Fortschritt erzielen. Die Vernachlässigung jener zutiefst menschlichen Fähigkeit kommt einer Isolierung der menschlichen Existenz gleich. Letztlich beweist jede gründliche Auseinandersetzung mit der Existenz der Vernunft ihre eigene Notwendigkeit. Es gibt daher keine rationalen Argumente gegen die Rationalität.

Abschließend ist zu sagen, dass es schier grenzenlose Möglichkeiten der Auslegungen des Islams gibt. Aber die Auslegung des Islams in Übereinstimmung mit Freiheit und Rationalität ist die naheliegendste und kommt dem prophetischen Verständnis des Islams - und damit dem Ur-Islam - am nächsten. Daher ist weniger der Islam zum Zwecke einer Konformität mit dem deutschen Grundgesetz zu reformieren, sondern eher das Islamverständnis einiger Muslime und Islamkritiker.
 

Razavi RadDr. phil. theol. Mohammad Razavi Rad ist spezialisiert auf Religionswissenschaft und Religionsphilosophie und ist Autor von mehreren Büchern, Publikationen und Aufsätzen und ist Direktor des Instituts für Human- und Islamwissenschaften in Hamburg.

 


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Dieter14-09-17

Wieder eine Fülle von "schönen" Zitaten aus dem Mekka-Koran, der leider durch den weniger schönen, intoleranten und Gewalt propagierenden Medina-Koran abgelöst wurde...

@Dieter12-12-17

Der Islam nach prophetischem Verständnis ist einerseits eine Religion, die zum Frieden einlädt, aber andererseits gegenüber Aggressoren wehrhaft ist. Diese Herangehensweise ist eine, die sich gänzlich mit dem Völkerrecht deckt. In diesem Sinne gibt es auch keinen Mekka- oder Medina-Koran, beide stehen nicht im Widerspruch, sondern ergänzen sich wie oben beschrieben. Aber ja natürlich, lässt sich jede Weltanschauung missbrauchen - auch Demokratie, Menschenrechte, Säkularismus, Kommunismus und so weiter.





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