30.10.2018 Ramon Schack

Ukraine: Mafia statt Euromaidan


Pro-westliche Protestler auf den Euromaidan in Kiew 2014.

Pro-europäische Demonstranten auf dem Maidan in Kiew während der "Revolution der Würde" im Jahr 2014.

Vor rund sieben Jahren logierte ich einige Nächte in einem Hotel der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Die ukrainische Hauptstadt - historisch die Mutter aller russischen Städte - bot dem Besucher in diesem Frühjahr 2011 sehr unterschiedliche Impressionen.

Auf dem Maidan waren die Orangen schon verschimmelt, nach denen die "Revolution" von 2004/2005 - eher sollte man von einem kurzlebigen Umsturzversuch sprechen - benannt worden war. Denn die politischen Führer von damals, allen voran der im Westen gefeierte Präsident Wiktor Andrijowytsch Juschtschenko, waren durch die Wahlen 2010 längst wieder von der Macht verdrängt worden. Und der gewählte neue, eher pro-russische Präsident Wiktor Fedorowytsch Janukowytsch sollte selbst einige Jahre später, im Februar 2014, durch einen abermals pro-westlichen Regime-Change seine Macht verlieren, nachdem er das angestrebte Assoziierungsabkommen mit der EU aussetzen ließ.

Gegen Abend setzte ich mich gerne an die Bar, um dabei mein Umfeld zu beobachten. In der Hotellobby lungerten Sicherheitsbeamte - schlecht getarnt als Geschäftsleute - neben grell geschminkten Huren, die dort nach Einbruch der Dunkelheit auf ihre potentiellen Kunden warteten und dabei ihre weiblichen Reize demonstrativ zur Schau stellten, herum. Merkwürdige Männer undefinierbarer Nationalität, die sich in exotischen Idiomen verständigten, tuschelten mit zusammengesteckten Köpfen. Die Atmosphäre war von einer beklemmenden Spannung geprägt.

"Sie sollten jetzt lieber gehen", raunte mir der Barkeeper zu, als zwei „Stiernacken“ neben mir Platz genommen hatten. "Das sind Angehörige der Mafia, der ukrainischen Mafia", fügte er leise - kaum hörbar - hinzu. Während ich meinen Drink leerte, musterte ich noch einmal die anwesenden Gäste. Ob an diesem Ort wirklich lukrative Geschäfte getätigt wurden, wagte ich zu bezweifeln. Dafür waren die Visagen doch zu grob, die Verhaltensweisen zu schmierig. Trotzdem nahm ich den Rat des Barkeepers an und begab mich auf mein Zimmer.

In jenen Tagen wurde in Kiew bei Gesprächen, die um den Einfluss der organisierten Kriminalität kreisten, regelmäßig der Namen eines Mannes genannt, der an der Schnittstelle zwischen Politik und Mafia als eine Art Pate angesehen wurde - ein gewisser Oleksandr Romanowytsch Onyschtschenko.

Heute, sieben Jahre später, vier Jahre nach dem Machtwechsel in Kiew - flankiert von dem neuen Kalten Krieg zwischen dem Westen und Moskau - ist Oleksandr Onyschtschenko wieder ins öffentliche Rampenlicht zurückgekehrt.

Onyschtschenko, zwischen 2014 und 2016 einer der engsten Mitarbeiter des amtierenden ukrainischen Präsidenten Petro Oleksijowytsch Poroschenko, lebt heute im Exil in den USA. Anfang des Jahres erschien seine literarische Abrechnung mit seinem Ex-Vorgesetzten in Form eines Tatsachenromans, der - wenn die Berichte nur ansatzweise der Wahrheit entsprechen - einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.

"Peter der Fünfte: Die wahre Geschichte des ukrainischen Diktators" heißt das Werk, in dem Onyschtschenko beschreibt, wie er im Auftrage Poroschenkos Abgeordnete bestechen ließ, um Mehrheiten im Parlament zu erlangen und wie er bei Oligarchen um Geld bettelte und dieses beiseite schaffte. In jenen zwei Jahren an der Seite des Präsidenten wurden die Oligarchen immer reicher, während die Bevölkerung weiter verarmte.

Bürgerkrieg, Wirtschaftskrise, bewaffneten Neonazis und Korruption sind das Kennzeichen der Amtszeit jenes Mannes, den Onyschtschenko heute "Diktator" nennt und der im Westen lange als demokratischer Hoffnungsträger gehandelt wurde. Würde Poroschenko von den Machthabern in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und der Europäischen Union (EU) nicht gestützt, wäre dieses Regime schon längst bankrott, der Präsident und seine Clique erledigt - so schreibt er es wütend in seiner Abrechnung.

Die Antwort aus Kiew ließ nicht lange auf sich warten. Präsident Poroschenko erklärte Onyschtschenko zum Staatsfeind Nr. 1 - nur dumm, dass dieser in den USA lebt, dem großen Bruder des Kiewer Regimes.

Der Staatsfeind hat unterdessen angekündigt, für die Wahlen im nächsten Jahr kandidieren zu wollen, während im Westen niemand mehr die ukrainische Regierung als demokratische Alternative zu loben wagt. Der 2014 großspurig verkündete Weg in die EU, welchen man der Ukraine allen Ernstes zu ebnen gedachte, scheint inzwischen verschlossen. Die Ukrainer verlassen ihr Land in immer größeren Ausmaßen.

Ob es sich bei Onyschtschenko um einen geläuterten Ex-Mafiosi handelt, darf bezweifelt werden. Spannend ist allerdings, wie man im Westen mit der Konstellation umzugehen gedenkt. Soll Onyschtschenko die Rolle eines ukrainischen Fethullah Gülen spielen?

Sicher ist auf jeden Fall, dass der Westen nicht nur im Nahen Osten auf korrupte und menschenverachtende Regime setzt und diese aufrüstet sowie unterstützt, sondern auch in Osteuropa - vor der eigenen Haustür. Man fragt sich, welche Werte wir eigentlich noch zu verkörpern gedenken. Auf jeden Fall nicht jene, die wir propagieren.

In diesen Wochen, wo in Norwegen - unmittelbar an der russischen Grenze - ein weiteres NATO-Großmanöver am stattfinden ist und unsere Bundeskanzlerin morgen auf Staatsbesuch in der Ukraine sein wird, darf auf diesen Skandal hingewiesen werden.


Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen. Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Porträt von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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