09.05.2018 Ramon Schack

Die westliche Unterwerfung vor Saudi-Arabien und die Möglichkeit seiner Truppenunterhaltung in Syrien


Vor seiner Präsidentschaft bezeichnete Donald Trump Saudi-Arabien als eine "hässliche reiche Braut" und eine "fette Milchkuh", die von den USA ausgesaugt werden müsse. Mit den geplanten Waffenverkäufen in dreistelliger Milliardenhöhe wird dieses Vorhaben wohl nachgegangen.

Während des Wahlkampfes bezeichnete Donald Trump Saudi-Arabien als eine "hässliche reiche Braut" und eine "fette Milchkuh", die von Washington ausgesaugt werden müsse. Mit den angekündigten Waffenverkäufen in dreistelliger Milliardenhöhe wird dieses Vorhaben wohl nachgegangen.

Nach seiner Tingeltangel-Tour durch Washington, London und Paris - flankiert von lukrativen Geschäften - unter anderem für die Rüstungsschmieden der USA, Großbritanniens und Frankreichs, versucht der Kronprinz und faktischer Machthaber Saudi-Arabiens, Mohammed Bin Salman, immer stärker Einfluss auf die Nahost-Politik der westlichen Staaten zu nehmen. Nicht ohne Erfolg.

Der französische Präsident Emmanuel Macron war sich nicht zu schade, seine Militärschläge gegen Syrien, aufgrund bisher nicht bewiesener Giftgasangriffe von Seiten des Assad-Regimes, in Paris im Beisein Bin Salmans zu verkünden.

Macrons Unterwerfung

Dabei sollte es gerade der Präsident Frankreichs besser wissen. Immerhin wurde das Hexagon - wie die Franzosen Ihr Land aufgrund seiner geographischen Ausprägung gerne zu nennen pflegen - in der jüngsten Vergangenheit Schauplatz blutiger Terroranschläge in Paris und Nizza, denen hunderte Menschen zum Opfer fielen, welche ideologisch inspiriert waren, von jenem radikalsunnitischen Islam, in seiner salafistischen Extremvariante, welche mit saudischen Geldern und saudischen Ideologen neben Erdöl in alle Welt exportiert wurde und wird.

Aber davon sprach Macron nicht, ebenso wenig von dem Verbrechen, welches die Saudis in Jemen mit den Waffen des Westens anrichten. Wenn der Präsident von Menschenrechtsverletzungen sprach, dann lediglich in Richtung Damaskus. Angesichts dieses Auftretens erscheint der Buchtitel des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq „Soumission" - „Die Unterwerfung"- von beklemmender Aktualität. 

Das Gleiche gilt natürlich für das Verhalten der britischen Premierministern Theresa May, von deren politischen Fähigkeiten sowieso überhaupt nichts zu halten ist, vor allem aber auch für US-Präsident Donald Trump. Kronprinz Bin Salman kann diesbezüglich unbesorgt sein, die Führer der sogenannten „Freien Welt" haben nicht vor, ihren Kurs zu ändern.

Schnelle Rendite dominiert über langfristige Sicherheitsinteressen, das Shareholder Value steht über dem Citoyen, nicht die Herrschaft des Volkes - die Demokratie - wird ausgeübt, sondern die Herrschaft des Geldes – die Plutokratie.

Bin Salmans Angebot

Demzufolge hat der saudische Kronprinz den USA angeboten, wohl wissend dass die US-Amerikaner sich schnell zurückziehen möchten, ein eigenes Truppenkontingent nach Syrien zu senden, natürlich alles ohne Absprache mit der Regierung in Damaskus.

Statt der 2.000 GIs, die im äußersten Nordosten Syriens, im ehemaligen Herrschaftsgebietes des sogenannten Islamischen Staates (IS), stationiert sind, sollen dort saudische Truppen die Region stabilisieren, also Truppen aus jenem Land, wo der IS einst ideologisch geboren wurde. Neben den Truppen Bin Salmans, sollen auch ägyptische und Soldaten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten mit von der Partie sein.

Zweifel an der Schlagkraft der saudischen Armee

Unter US-Militärs wird von diesem Plan, den Präsident Trump zunächst begeistert aufnahm, wenig bis gar nichts gehalten. Die militärischen Fähigkeiten der Saudis werden von US-Generälen generell in Zweifel gezogen, als Fallbeispiel wird Riads Aggression gegen Jemen zitiert, wo die Truppen des Kronprinzen nicht von der Stelle kommen - trotz modernster Aufrüstung durch den Westen und einer brachialen Vorgehensweise gegen das ärmere, schwächere und kleinere Nachbarland.

Auch hegt kein Experte einen Zweifel daran, dass im Falle einer Konfrontation mit seinem Erzrivalen Teheran, die Saudis den Iranern heillos unterlegen wären.

Die britische Tageszeitung „Guardian" zitiert diesbezüglich Experten, wonach die saudischen Truppen daher Söldner einsetzen würden, was sie zum Teil schon im Jenen praktizieren.„Ich bin sicher, dass die Saudis bereit sind, in Syrien bis zum allerletzten sudanesischen Soldaten zu kämpfen", ließ ein britischer Nahost-Experte daher zynisch verlautbaren.

Da trifft es sich gut, dass der Trump-Vertraute Eric Prince im Hintergrund die Strippen zieht. Prince ist der Gründer der berüchtigten amerikanischen Sicherheitsfirma Blackwater, die wie für keine andere das weltweite Söldnertum und die Privatisierung von Kriegen betreibt.

Das alles klingt wieder nach einer gefährlichen Schnapsidee, die neues Leid und Unheil hervorrufen wird und ist Ausdruck für die moralische Bankrotterklärung des Westens und seiner Verbündeten im Nahen Osten, im Jahr 17 des „War on Terror".

Der Aufruhr von 1979 und seine Folgen

Um noch einmal auf die militärischen Fähigkeiten der Saudis zu sprechen zu kommen. Im November 1979 kam es in dem Königreich zu einem Aufruhr, welcher in der Erstürmung der Heiligen Stätten von Mekka gipfelte. Die Heiligen Stätten wurden von Fanatikern besetzt. Als Motiv gaben die Aufrührer an, sich gegen die Prunksucht des Hauses Saud auflehnen zu wollen.

Hier wird die Story hochaktuell. Der Anführer war ein gewisser Juhayman al-Otaybi, der seinen Schwager Mohammed al-Qahtani als den unter sowohl Sunniten als auch Schiiten erwartenden Messias, den al-Mahdi, ausrief und der eine Menge von Mitstreitern um sich scharrte. Das Könighaus reagierte geschockt. Seit diesem Tag verfolgt man in Riad die Strategie, den wahhabitischen Gedankengut weltweit zu fördern, um von seinem Prunk- und Verschwendungssucht abzulenken.

Der weltbekannte Schriftsteller Salman Rushdie äußerte vor einigen Jahren, in einem Interview mit dem Verfasser dieses Artikels: „Mithilfe des enormen Wohlstands, den unsere Petro-Dollars brachten, haben die Saudis ihre sehr fundamentalistische Version des Islam verbreitet, die zuvor innerhalb der islamischen Welt nur den Status einer Art Sekte besaß. Dadurch - durch die Verbreitung der saudischen Form - hat sich die ganze Natur des Islam zum Nachteil verändert."

Wie der Aufruhr in Saudi-Arabien damals zu Ende ging?

Da die saudische Armee nicht in der Lage war, diese Revolte niederzuschlagen, wandte sich Riad verzweifelt an Paris und bettelte um den Einsatz der französischen Antiterror-Einheit der GIGN. So kam es dazu, dass „Ungläubige aus dem Abendland" den Hütern der Heiligen Stätten des Islams zur Seite standen, bis zur Vernichtung dieses frühsalafistischen Aufruhrs.

Aus der Perspektive der islamischen Geschichtsschreibung, hatte es seit dem 10. Jahrhundert, als die ketzerischen Qarmaten die heiligen Stätten heimsuchten, keine solche Entweihung mehr gegeben.

Seit jenem Tag, im November 1979, ist eine Rückkehr des Hauses Al-Saud zu einer fundamentalistischeren Interpretation der islamischen Gesetzgebung festzustellen. Seit jenem Tag kann man auch die militärischen Fähigkeiten der Saudis beobachten. In diesem Zusammenhang ist es als Warnung und Mahnung zu betrachten, was eines Tages geschieht, wenn ein ähnlicher Aufstand dort gelingen sollte, denn heute sind die Waffenkammern Riads prall gefüllt, mit den modernen Waffentechniken des Westens.


Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen. Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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SA09-05-18

In Iran werden indes diese Ereignisse anders gedeutet. Der Aufruhr von Mekka sei eine Verschwörung gewesen, um die zeitgleich vollzogene Revolution in Iran zu torpedieren - sehe sie doch den Mahdi als das eigentliche religiös-politischen Staatsoberhaupt vor, der, wenn er in Mekka erscheint, das amtierende religiös-politische Staatsoberhaupt absetzt.

Es sei daher nicht von ungefähr gewesen, dass der für die islamische Welt epochale Aufruhr fünf Tage nach Beschluss des Verfassungsentwurfs der vom Volk gewählten Verfassungsversammlung in Iran geschah - der genau diesen Mahdi-Passus vorsah - und am 4. Dezember endete - genau ein Tag nach dem Referendum und Annahme der Verfassung vom Volk.

Der iranische Revolutionsführer Ayatollah Rouhollah Khomeini höchstpersönlich habe dazu aufgerufen, sich nicht von den „getürkten Inszenierungen" in Saudi-Arabien beirren zu lassen und habe al-Qahtani als einen todeswürdigen „falschen Mahdi" bezeichnet.

Erst nach diesem Debakel, habe Saudi-Arabien damit begonnen, massiv den anti-schiitischen Wahhabismus in der sunnitschen Welt zu verbreiten, um die Revolution innerhalb der schiitischen Welt einzugrenzen und ihr nicht zu erlauben, auf die sunnitische Welt eine Ausstrahlungs- und Wirkkraft zu haben, nachdem der Versuch, die zu entstehende Islamischen Republik mit einem „falschen Mahdi" zu torpedieren, scheiterte.

Unabhängig davon, wie man die Besatzung Mekkas deutet, ist es keine Frage, das sie zeitgleich mit der Begründung der Islamische Republik in Iran geschah. Daher ist die Annahme, dass die darauffolgende massive Förderung des Wahhabismus als eine Reaktion auf die erste revolutionäre Republik in der Region vollzogen wurde und nicht auf den gescheiterten Aufruhr in Mekka, nicht fern der Wahrheit. Insbesondere wenn man weiß, dass einerseits die Saudis eine krasse Iran- und Schiaphobie haben und der Wahhabismus eben äußerst antischiitisch ist. Inwiefern der weltweite Export des Wahhabismus für Stabilität und Sicherheit im Innern sorgt, ist zudem sehr fraglich, denn die Besatzung Mekkas war ein innenpolitisches Phänomen, keine, die von außen zugetragen wurde und mit weltweitem Export an Wahhabismus zu begegnen ist. Den panislamischen Schiismus aus Iran hingen ist mit der Förderung des exklusiven Wahhabismus zu begegnen.

Persischer Golf12-06-18

Milchkuh trifft es sehr gut. Schon 1998 sagte Trump:

"Kuwait, they live like kings… and yet, they’re not paying. We make it possible for them to sell their oil. Why aren’t they paying us 25 percent of what they’re making? It’s a joke." https://www.huffingtonpost.com/entry/donald-trump-oprah-show_us_55b691b9e4b0074ba5a5a7a0

Im selben Interview fügte er hinzu:

"I don't know how your audience feels, but I think people are tired of seeing the United States ripped off. And I can't promise you everything, but I can tell you one thing, this country would make one hell of a lot of money from those people that for 25 years have taken advantage. It wouldn't be the way it's been, believe me." https://www.npr.org/2017/01/20/510680463/donald-trumps-been-saying-the-same-thing-for-30-years





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