18.09.2017 Sevinç Kuzuoğlu

Inwiefern ist Deutschenfeindlichkeit in der deutschstämmigen Mehrheitsgesellschaft Rassismus?


Diskriminierung oder Rassismus?

Pöbelei oder Rassismus?

Können Ausländer und Migranten (im Fachjargon „People of Color“) gegenüber der biodeutschen Mehrheitsgesellschaft (im Fachjargon weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft) rassistisch sein? Diese Frage erreichte ihren Höhepunkt, als 2010 die damalige Familienministerin Kristine Schröder (CDU) nach einer Berichterstattung über eine Berliner Schule, auf der deutschstämmige Mitschüler(innen) von Ausländern mit gegen Deutschstämmige gerichtete stereotypisch vulgären Ausdrücken beschimpft und beleidigt worden sind, als ein rassistisches Verhalten gegenüber Deutschen konstatierte. Auch heute noch - in Zeiten von Flüchtlings- und Integrationsdebatten - kommt dieser Einwand immer wieder auf. Dabei stellt sich die Frage: Ist dies überhaupt möglich? Sind verbale Ausdrucksweisen wie „Kartoffelfresser“ oder „deutsche Schlampen“ oder grundsätzlich deutschenfeindliche Diskriminierungen als Rassismus zu bewerten?

Abgesehen von der Tatsache, dass solche Beleidigungen und Diskriminierungen die Würde des Menschen verletzten, gelten sie in der Rassismusforschung überraschenderweise eben nicht als Rassismus. In Deutschland existieren - trotz der zahlreichen Menschen, die sich tagtäglich mit Rassismus in ihrer beruflichen sowie in ihrer politischen Arbeit auseinandersetzen, und der umfangreichen wissenschaftlichen Literatur - über Rassismus sowohl in der öffentlichen als auch in der veröffentlichten Meinung recht unbestimmte, schattenhafte sowie widersprüchliche Vorstellungen davon. Einer der Gründe dafür ist, dass der Rassismusbegriff aufgrund der deutschen Geschichte von dem ethnischen Rassendiskurs der Nationalsozialisten nachhaltig geprägt wurde und als Reaktion ein Gegenentwurf in den Köpfen entstanden ist, auf dessen Grundlage jegliche  ethnische Diskriminierungen als schlechthin rassistisch wahrgenommen wird.

Nach der in der Forschung anerkanntesten Rassismusdefinition von Birgit Rommelspacher setzt Rassismus allerdings voraus, dass er sich auf drei Wirkungsebenen abspielt: auf der Mikroebene (Subjektebene), auf der Mesoebene (Organisationen, Institutionen etc.) und auf der Makroebene (Wirtschaft, Politik, Soziales etc.). Demnach ist das, was Rassismus ausmacht, vor allem die Systematik. Es geht nach dieser Mehrheitsmeinung in der Rassismusforschung um die Markierung und Bewertung von Unterschieden, um Ungleichheiten zu legitimieren und damit den Primat zu bevorteilen:

Die Markierung hat die Funktion, sich von den Markierten abzugrenzen. In dieser Markierung sind unendliche Zuschreibungen vorhanden, die den Markierten zu dem Anderen konstruieren. Diese Zuschreibungen erfolgen über diverse Indikatoren, beispielsweise durch die Sprache, Kultur, Ethnizität, Migration - oder wie gegenwärtig zunehmend durch die Religion. Anhand der Indikatoren wird eine vermeintliche Gruppe konstruiert, die bestimmte Merkmale oder Eigenschaften zugeschrieben bekommt, welche als natürlich und somit unveränderlich gelten. Diese naturalisierten Eigenschaften werden als Gegensatz zu der eigenen Natur positioniert und hierdurch wird ein dichotomes Konstrukt des Wir und Ihr erstellt. Bis hierhin könnte man aber eine Deutschenfeindlichkeit ebenfalls als Rassismus einstufen.

Jedoch kommt noch der Faktor Bewertung hinzu: Die Abwertung der als anders konstruierten Gruppen mit negativen Eigenschaften wie rückständig, frauenfeindlich, terroristisch usw. geht mit der eigenen Aufwertung mit gegensätzlich-positiven Eigenschaften als emanzipiert, aufgeklärt und fortschrittlich einher. Einer solchen Logik liegt das oben genannte deterministische Kulturverständnis zugrunde. Kulturen werden als innerlich homogene, abgeschlossene und nach außen abgegrenzte Blöcke konzeptualisiert. Die statische Konstruktion von Kulturkreisen mit unvereinbaren Differenzen führt dann zur Kategorisierung und Klassifizierung von Menschengruppen. Diese Differenzierungen werden naturalisiert, unveränderlich und vererbbar gemacht, sowie homogenisiert, verallgemeinert und vereinheitlicht – und es wird auch polarisiert, sie werden als unvereinbar und verschieden dargestellt und dabei hierarchisch in eine Rangordnung gesetzt.

Nun, an dieser Stelle könnte ebenso manch ein kritischer Geist Widerspruch erheben und argumentieren, dass deutschenfeindliche Ausländer von derselben Logik unter anderen Vorzeichen ausgehen: Die Abwertung der als anders konstruierten Gruppe wird mit negativen Eigenschaften wie unrein, unmoralisch, ehrlos usw. zugeschrieben und geht mit der eigenen Aufwertung mit gegensätzlich-positiven Eigenschaften als rein, moralisch und ehrenhaft einher.

Der dritte und entscheidende Punkt allerdings disqualifiziert das Phänomen der Deutschenfeindlichkeit – zumindest in Deutschland – als Rassismus: Der Faktor Markierung und Bewertung ergibt für den Rassisten bzw. den Primat nur dann Sinn, wenn sie seine Bevorteilung zur Folge haben bzw. diese zementiert. Mit den fest verankerten zugeschriebenen Pseudo-Merkmalen und -Bewertungen sollen Herrschaftsansprüche legitimiert werden. Es geht also um die Legitimation der Ungleichheit. Daher kann Rassismus als eine „Legitimationslegende“ verstanden werden, um Privilegien zu bewahren. Wogegen nicht einmal auf der Mikroebene der Schule, die eingangs beschrieben worden ist, eine Deutschenfeindlichkeit zur Bevorteilung oder Bewahrung von Privilegien von deutschenfeindlichen Ausländern oder Migranten führt, zumal ihnen gegenüber beispielsweise das Schulpersonal mit weitreichenden Sanktionsmaßnahmen steht.

Die fehlenden Elemente der Bevorteilung und Bewahrung von Privilegien kategorisieren deutschenfeindliche Taten bestenfalls als einen Ausdruck der Gegenwehr eines systematisch Benachteiligten oder schlimmstenfalls den Täter als einen unverbesserlichen „Deutschenphoben“. Aber ein Rassist, was voraussetzt, dass er als Primat ein gesellschaftliches Machtverhältnis besitzt bzw. zur Mehrheitsgesellschaft gehört, ist er nicht: Es geht ihm nicht um die Legitimation und Zementierung der Ungleichheiten an Zugang zu Ressourcen der gesellschaftlichen Lebensbereiche wie zu Arbeit, Bildung oder Wohnung, sondern es ist der verzweifelte Versuch, gerade diese zu seinem scheinbaren Vorteil verächtlich zu machen.


Sevinc KuzuogluSevinç Kuzuoğlu
ist Sozialarbeiterin und forscht im Bereich des Rassismus.

 

 

 

 


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Khaled23-10-17

"Daher kann Rassismus als eine „Legitimationslegende“ verstanden werden, um Privilegien zu bewahren. Wogegen nicht einmal auf der Mikroebene der Schule, die eingangs beschrieben worden ist, führt eine Deutschenfeindlichkeit zur Bevorteilung oder Bewahrung von Privilegien von deutschenfeindlichen Ausländern oder Migranten, zumal ihnen gegenüber beispielsweise das Schulpersonal mit weitreichenden Sanktionsmaßnahmen steht. "

Dieser Satz ist ein einfacher cop-out aus der wahren soziologischen Schwierigkeit des Rassismusbegriffes, weil es einen völlig simplifizierten Begriff von Privilegien verwendet, nämlich einen, der an der Gesamtgesellschaft orientiert ist.

Wenn das Mobben von Deutschen einem soziales Kapital verschaffen kann innerhalb eines Freundeskreises, ist das nach dieser Rassismusdefinition auf der Mikroebene ebenfalls eine Form von Rassismus. Natürlich existieren darübergeordnete Ebenen, aber es gibt keinen Grund (außer einen ideologischen), die Applizierbarkeit deshalb zu leugnen. Wenn ein "Khaled" wie ich das Deutschsein von "Michael" als Begründungslegende nimmt, diesen zu mobben, erschafft (!) er damit im sozialen System seiner Klasse Privilegien - diese mögen flüchtig, neu aushandelbar, überschreibbar durch höhere Mächte sein sein,sie erfüllen dennoch in der Mikroebene diese Rassismusdefinition zur Gänze.

Damit will ich nicht sagen, dass Ausländer in Deutschland rassistisch sein können, sondern nur, dass die Rassismusdefinition problematisch ist.

Denn die Unterteilung in die gesellschaftlichen Ebenen ist eine willkürliche normative Festsetzung (wie der ganze Gesellschaftsbegriff überhaupt problematisch ist), der in der Theorie keinen geschlossenen Sinn macht.

Sevinç Kuzuoğlu17-11-17

Lieber Khaled,

bevor ich auf Ihre Argumentation eingehen kann, muss ich vorerst Verständnisfragen klären. Diese sind wie folgt:

Sie finden generell die Rassismusdefinition problematisch, weil Sie meinen, dass auch Ausländer und Migranten (People of Color) in Deutschland privilegiert sein können?
Privileg ist Ihrer Meinung nach ein Zustand, mit dem nicht nur die biodeutsche Mehrheitsgesellschaft in Deutschland (im Fachjargon weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft) in Verbindung gebracht werden sollten?
Daher ist dies ein Problem in der gesamten Definition?
Wiederum auf der anderen Seite widerspricht sich Ihr Beispiel!

Bitte um kurze Rückmeldung!

Viele Grüße
Sevinç Kuzuoğlu

Peter15-12-17

Seit die „Rassismusforschung“ sich von der ethnischen Rasse: Weißer-Farbiger, Hund -Katze „emanzipiert“ hat , hat sie ihren wissenschaftlichen Erkenntnisanspruch verloren. Was als Forschung daherkommt, ist oft nichts anderes, als an bestimmten missliebigen Erscheinungen, Verhaltensweisen festgemachte Negativwertung.

Jemanden als Rassist zu bezeichnen, ist heute zumeist keine wissenschaftlich-kognitive Personen/Sachverhaltsbenennung, sondern in einer gesellschaftlichen oder politischen Auseinandersetzung zum Kampfbegriff mutierte (Negativ-Denunziation).

Mit der Lösung des Rassismusbegriffs von verifizierbaren Fakten und seiner Verortung in bestimmten und beliebig bestimmbaren komplizierten Konstrukten wie Mikroebene, Messungsebene und Makroebene öffnete er sich beliebig bestimmbaren Relationen und Korrelationen und wurde damit zu einem Werte- oder Glaubenskonstrukt. Natürlich kann ein zu einer Minderheit gehörendes Individuum sich gegen Angehörige der Mehrheit bei einem völlig verwässerten Rassismusbegriff auch ein Rassist sein.

Der sich ALLAH in der Gewissheit mit Gott in der einzig wahren Religion verbunden fühlende Muslim weiß sich unter den ganz überwiegend mehrheitlich Ungläubigen in deren Land ihn Allahs Wille geführt hat überlegen (Mikroebene).
Er weiß, wenn er Allah gefällig lebt, wird er ins Paradies kommen, anders als die ungläubigen Christenhunde, diese Schweinefleischfresser, deren Frauen unzüchtige ehrlose Schlampen sind, und eines Tages den Weg in die ewige Verdammnis nehmen müssen.
Er gehört nach seiner Wahrnehmung zur überlegenen noblen Kaste der Berufenen im Lande der mehrheitlich Verdammten. Die positive Wertschätzung der eigenen Figur und Abwertung der anderen sind gegeben. Hierzu kommt es allein auf die Sicht des Betroffenen an.
Ob er nun ein Rassist oder nur ein „Deutschphober“ ist, soll nun von einem dritten Merkmal abhängen, seiner hierachischen Position in der Gesellschaft: Ist er allein entscheidender Unternehmensbesitzer, hat er Macht über die verachteten Christenhunde und die deutschen Huren in der Firma, die er gegenüberbei ihm beschäftigten Muslime durchaus benachteiligen kann. Ist der radikale Muslim nur Gebäudereiniger, kann er nicht mehr Rassist sein.

Schon seltsam kommt daher, weil der Rassist nach dem hier gewählten nicht wissenschaftlichen Konstrukt: Kapitalist, also Herrscher über die Produktionsmittel im weitesten Sinne sein muß. Kein Rassist wäre er dann, wenn es darauf wirklich ankäme z. B. nicht mehr der weiße Straßenfeger, der Schwarze für grundsätzlich dümmer als Weiße hält. Oder kann man hier auf das Herrschaftsmerkmal verzichten. Gibt es also verschiedene Rassismusdefinitionen je nach Sachlage?

Schon sehr komische Wissenschaft die „Rassismusforschung“.

Geist18-12-17

@PETER
Ein allein entscheidender Unternehmensbesitzer macht jemanden noch lange nicht zum Mitglied der Mehrheitsgesellschaft (Primat) - und genau darum geht es. Oder mit anderen Worten: Der Herrschaftsmerkmal muss alle Ebene durchdringen, Ihre Beispiele hingegen sind aus der Mikro- und Mesoebene, womit Rassismus nicht bestimmbar ist. Der in Ihrem Beispiel genannte weiße Straßenfeger in einer weißen Mehrheitsgesellschaft könnte ein Rassist sein, der muslimische Unternehmensbesitzer in derselben Gesellschaft hingegen nicht. Es ist nicht möglich, die Mikro- und Mesoebene abgetrennt von Makroebene zu betrachten. Die sind ja nicht von der Makroebene abgeschieden und entwickeln sich auch nicht unabhängig von ihr.

Sevinç Kuzuoğlu18-12-17

Lieber Peter,

ich gliedere meine Antwort nach der inhaltlichen Reihenfolge Ihres Kommentars, da Sie verschiedene Bereiche miteinander verbunden haben, ist es relevant, einzeln zu schildern. Sie haben insgesamt 6 Absätze geschrieben und genau danach richte ich mich und füge meine Antworten hinzu.

Zum 1. Absatz
Das Konzept „Race - Rasse“ kommt aus dem 16. und frühen 17. Jahrhundert. Diese wurde aus dem Tier und Pflanzenbereich auf Menschen übertragen. Der Begriff des Rassismus „Racism“ und somit auch Rassismusforschung ist erst danach entstanden – und zwar 1933 gegen die Pseudo-Lehre, die an die Existenz menschlicher „Rassen“ glaubt, um „Rassen“-Ideologien zu widerlegen. Wir haben es der Rassismusforschung zu verdanken, dass wir heute nicht an Pseudo-Rassentheorien glauben. Das heißt, sehr wohl hat die Rassismusforschung einen hohen wissenschaftlichen Erkenntnisanspruch und das permanent und hoch aktuell. Denn heute wird nicht mehr nach „Race“ selektiert aber sehr wohl nach Kultur, Religion, Sprache, durch angenommener oder tatsächlicher ethnischer Herkunft, durch die Staatsangehörigkeit, durch Aussehen usw.. Um mit einem bekannten Zitat zu antworten: „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch“ Theodor W. Adorno 1975, S:276f.

Zum 2. Absatz
Sowie viele Benennungen instrumentalisiert werden. Sowie viele Benennungen als Kampfbegriff in Bedeutung gesetzt werden, kann und wird die Benennungspraxis „Rassist“ auch als Kampfbegriff genutzt. Richtig. Was hat das nun aber mit der Rassismusforschung zu tun?

Zum 3. Absatz
Nein. Dieses habe ich in meinem Text ausführlich erklärt und das auch so ausgeführt, dass meine Ansicht sowie die Ansicht der Rassismusforschung klar zu verstehen ist. Eine kurze Historie aus der Rassismustheorie, um Ihre Verständnisfragen zu klären: In der Rassismusforschung beginnen wir mit der Frage: „Wer hat Rassismus erfunden?“ Die Antwort, die von verschiedenen Historiker_innen bestätigt wird wie zum Beispiel von Susan Arndt, lautet: Weiße in Europa waren es. Bei Rassismus als Glaube daran, dass Menschen nach Rassen unterteilt werden können, handelt es sich um eine aus Europa stammende Ideologie. Durch diese Beginnanalyse ist schon Mal bewiesen, dass das Phänomen des Rassisten ein weißes Phänomen ist. Bei entgegengesetzten Verhaltensweisen wird dann grundsätzlich von Diskriminierung gesprochen, aber auf keinen Fall von rassistischer Diskriminierung. So wie wir Mord vom Totschlag trennen, sollten wir auch rassistische Diskriminierung von Diskriminierung grundsätzlich trennen.

Zum 4. Absatz
Das sind klassische Beispiele und sehr wohl bekannt, die mit der Rassismusforschung in Deutschland wenig zu tun haben. Interessant zu beobachten, dass Sie vom generellen Rassismus zum Antimuslimischen Rassismus geraten sind. Kurze Erklärung dazu: Vom Antimuslimischen Rassismus sind sehr wohl auch Menschen betroffen, die schlicht weg als muslimisch markiert werden. Zu Ihrer Schilderung und Vorfälle zurück zu kommen. Woher wollen Sie denn wissen, ob der Mensch - ich zitiere Sie - „Christenhunde, deutsche Huren, Schweinefleischfresser“ Beleidigungen ausgesprochen hat, auch tatsächlich ein Muslim ist, geschweige - Ihre Worte - „Allah“ erkennt oder nicht? Es gibt bereits viele Forschungsarbeiten darüber, wo ziemlich klare Ergebnisse geliefert werden, dass viele Extremisten, die ihre Gewalt islamisch legitimieren, sehr wohl mit der markierten Religion, in diesem Fall „Islam“, wenig zu tun haben. Aber auch solch eine Lebensform und auch solche Argumentationen sind eben nicht Rassismus.

Zum 5. Absatz
Das ist nicht seltsam, sondern de facto. Abgrenzungsprozesse haben schon immer mit Zwangschristanisierung, Westen, Europa und Maßstab zutun. Schon bereits im 5. und im 4. Jahrhundert vor Christus. Eine kurze Erklärung dazu: Um Abgrenzungsprozesse zu legitimieren und im Kontext von Eroberungskriegen und Sklaverei kam es im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. zur Konstruktion einer kulturellen Differenz zwischen ‚Griechen’ und ‚Nicht-Griechen’, von ersteren
zumeist als „Barbaren“ bezeichnet. Um Kulturen geopolitisch zu verorten und zu hierarchisieren, spielten Klimatheorien eine entscheidende Rolle. Es ist dieses Paradigma, das die erste bekannte Theorie der Sklaverei rahmt, die Aristoteles im 4. Jh. v. Chr. in Politeia entwickelte. Aristoteles war als Lehrer Alexanders des Großen bestrebt, dessen Eroberungszüge sowie die griechische Ausgrenzungspraxis gegenüber den ‚Anderen’ philosophisch und politikberatend zu unterlegen. So argumentiert er etwa, dass Sklaverei naturgegeben und gerecht sei. Sogar hier ist wieder zu belegen und zurück zu Ihrem 1. Absatz. Menschen brauchen keine „Rassentheorien“, um Machtverhältnisse zu legitimieren. Aristoteles hat sich auf „Klimatheorien“ berufen. Er nannte die Menschen, die zum „Dienen“ gezwungen wurden „Menschen mit verbrannten Gesichtern“, sie seien wohl zum „Dienen erschaffen“. Damit ist wohl klar, wer gemeint war.

Zum 6. Absatz
Schon sehr komisch, dass Sie ein Problem mit der Rassismusforschung haben und zwanghaft eine allgegenwärtige Definition verursachen möchten.

Peter22-12-17

Sehr geehrte Frau Sevinç Kuzuoğlu,

Sie haben sich wirklich Zeit genommen, meinem Beitrag kritisch zu erwidern. Da fühlt sich meine Wenigkeit richtig ernst genommen.

Mich störte schon mal rein gefühlsmäßig Ihre anfängliche Festlegung bei Ihrer Rassismusdefinition das Merkmal Nummer drei: die Primatenfunktion der Herrschaftsmacht als sine qua non für die Einnahme einer Rassistenposition gegenüber einer inferioren Person.

I.
Ich machte mich auf zur Literaturrecherche und blickte zunächst bei Wikipedia in den Garten der Rassismusforschung. In dem langen Artikel hierzu stieß ich auf recht viele Rassismuspflänzchen, die sich alle mit unterschiedlichen Einfärbungen bemühten, dem Suchenden sich als die schönste zu präsentieren. Ein Pflänzchen mit Ihrer Definitionentrias und der letztlich entscheidenden Machtposition des Rassisten, wollte sich mir nicht zeigen, habe ich vielleicht auch übersehen.

Ich suche nicht zwanghaft nach einer Definition, sondern nach einem Begriff, der das Phänomen Rassismus, sei er gut (eine Schwarzenquote bei Stellenbesetzungen wäre doch gut oder?) oder schlecht, universell definiert, damit er einem nicht, je nach Situation ständig neu definiert werden muß, ja Wasser ist flüssig, auch mal Dampf oder auch Eis, alles H2O.

II.
Sage ich als weißer, die örtliche Polizei bestechender Massa im Kongo, die schwarzen Arbeiter in meiner Kupfermine wären wie alle Schwarzen faul und genetisch dumm, deswegen kriegten sie auch nur die Hälfte des Lohnes eines weißen Minenarbeiters, wäre ich Rassist. Wechsle ich den Ort, fahre in die USA und erzähle diese Geschichte beim KukuxKlan. Bin ich dann auch noch Rassist oder nur negrophober Schwadroneur oder erst dann, wenn ich meine Kupfermine verkauft habe?

III.
Sage ich hier in Deutschland ohne irgendeinen Kontakt zu Schwarzen, alle Schwarzen wären genetisch dumm, wäre ich nach Ihrer von Frau Rommelspacher bezogenen Definition kein Rassist. Da staunt der biodeutsche Michel, ist ja doll was die auf dem Campus alles entdecken, bin gar kein Rassist, nur „Neger“ sollte ich lieber nicht mehr sagen.

IV.
Schließlich wurde ich bei Wikipedia in den Fußnoten fündig:
https://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus#Rassismusdefinition_nach_Albert_Memmi

Fußnote 43: "Noch weiter zusammengefasst besteht der Rassismus aus drei wesentlichen Elementen:
1. dem Bestehen auf einem Unterschied,
2. dessen Benutzung als Mythos und
3. der Bequemlichkeit dieser Benutzung.“

Fußnote 45: „Man wird schließlich erst dann zum Rassist, wenn man auch den dritten Schritt tut: die Verwendung des Unterschieds gegen den anderen, mit dem Ziel aus dieser Stigmatisierung einen Vorteil zu ziehen.“

In der Schweiz machte ich einen interessanten Fund bei der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR:
http://www.ekr.admin.ch/themen/d376.html

"Obwohl zu Rassismus viel geforscht wird, gibt es noch keine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs «Rassismus». Die gebräuchlichste Definition stammt vom französischen Soziologen Albert Memmi:

'Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.' (Albert Memmi, 1992: Rassismus. Frankfurt a.M., S. 164)

Vier Elemente sind für rassistische Ideologien charakteristisch:

1. Konstruktion und Betonung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zwischen dem Rassisten und seinem Opfer
2. Wertung dieser Unterschiede zum Nutzen des Rassisten und zum Schaden des Opfers
3. Verallgemeinerung und Verabsolutierung dieser Unterschiede
4. Legitimierung einer Aggression oder eines Privilegs."

Nanu, dass deckt sich ja mit der von Ihnen Frau Rommelspacher zugeschriebene Definition bis auf ein Merkmal: Sie hat die „Aggression“ von Memmi einfach weggelassen. Warum wohl? Sie passt doch exzellent auf alle zuvor von mir beschriebenen verbalen Aggressionen gegen Schwarze und auch für die in Ihrem Artikel zu einem bloßen „deutschphoben“ Verhalten herabgestufte, aber keinesfalls als rassistische Attacke akzeptierten Aktion.

Warum können Frau Rommelspacher und vielleicht auch Sie Memmis „Aggressionselement“ nicht leiden?

Ich denke, es geht wie bei oft bei der „Erkenntnissuche“ bei Sozialwissenschaften anders als in Naturwissenschaften und auch in der Juristerei zu. Man hat ein Ziel vor Augen und auf das Ziel werden die Definitionen zugeschnitten. Will heißen: Frau Rommelspacher sieht mit ihren gütigen Augen in dem Minderheitsangehörigen den zu unterstützenden im weitesten Sinn behinderten Schwachen und deswegen darf er nicht Rassist sein. Diese Eigenschaft soll per Definitionem nur bei der im Besitz der Herrschaft mit Drangsalierungsmacht ausgestatteten Mehrheit anzutreffen sein.

Es ist wie beim Kuchenbacken. Man möchte eine schöne Kirschtorte haben, und da passt eben keine Mohrrübe rein. Es geht wohl dabei weniger um Rassismus-“Forschung“ als um positive Diskriminierung.

SA26-01-18

@Peter

Die Theorie von Rommelspacher ist universell definiert und muss nicht je nach Situation ständig neu definiert werden; lediglich die Betroffenen sind je nach Situation andere und so muss es auch sein.

Sie schreiben anschaulich: "Sage ich als weißer, die örtliche Polizei bestechender Massa im Kongo, die schwarzen Arbeiter in meiner Kupfermine wären wie alle Schwarzen faul und genetisch dumm, deswegen kriegten sie auch nur die Hälfte des Lohnes eines weißen Minenarbeiters, wäre ich Rassist."

Das kommt nach der Rommelspacher-Theorie darauf an, ob es sich um ein Land handelt, das systematisch Weiße bevorzugt. Solche Staaten in Afrika soll es zumindest gegeben haben.

Aber nach Memmi wäre diese Diskriminierung auch nicht Rassismus, weil die Komponente Aggression fehlt. :-)

Sie schreiben weiterhin: "Wechsle ich den Ort, fahre in die USA und erzähle diese Geschichte beim KukuxKlan. Bin ich dann auch noch Rassist oder nur negrophober Schwadroneur oder erst dann, wenn ich meine Kupfermine verkauft habe?"

Sie wären nach Rommelspacher und Memmi dann ein Rassist, wenn Sie als Weißer mit dieser Meinung in den USA systematisch bevorzugt werden - unabhängig davon, was mit Ihrer Kupfermine passiert. Allerdings stellt sich die Frage, inwiefern Rassisten in liberalen Staaten wirklich zum Primat gehören, wenn sie ihren Rassismus offenlegen. In liberalen Staaten werden ja Rassisten von der Mehrheitsgesellschaft offen angefeindet - zumindest bis zum neulichen Aufstieg und zur Salonfähigkeit der Rechten. Insofern trifft Rommelspachers Theorie ja nur auf Rassisten unter dem liberalen Deckmantel zu, sprich beispielsweise auf Sarrazin und den Islamkritiker.

Ich bin von der Theorie von Rommelspacher auch nicht ganz überzeugt, aber halte sie in Hinblick auf die Evolutionstheorie linguistisch für plausibel. (Rasse --> Primat --> Rassismus)





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