11.09.2019 Ramon Schack

Macron: Das Ende der westlichen Hegemonie über die Welt


Das Ende der westlichen Hegemonie bedeutet nicht das Schicksal vom Fall Roms zu erleiden.

Das Ende der westlichen Hegemonie bedeutet nicht gleich das Schicksal vom Fall Roms.

Der französische Staatspräsident Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron hielt kürzlich eine fulminante Rede über die außenpolitischen Ziele Paris, die bedauerlicherweise in der deutschen Öffentlichkeit kaum Beachtung fand.

Dieses mag einiges über den Zustand der deutsch-französischen Beziehungen aussagen oder aber auch am Niveau der geopolitischen Debatte im politischen Berlin begründet liegen, über deren Dürftigkeit sich man keine Illusionen machen sollte.

Diese Rede, welche eher einer umfassenden Analyse glich, war von einem ergreifenden Realitätssinn geprägt, wie er heute von den Staatsoberhäuptern des Westens eher eine Ausnahme ist.

Bei aller Oberflächlichkeit, die ihnen nachgesagt wird, sind die Franzosen - sobald es um die historische Perspektive geht - die profunderen Denker. Sie schließen dabei auch das kategorische Scheitern nicht aus, obgleich ihnen die Lust am Untergang fremd ist. In seinem literarischen Werk hat sich der französische Lyriker Paul Valery glücklicherweise nicht nur als Möchtegern-Politiker geäußert. Von ihm stammt die Definition Europas als einem "Kap Asiens". Er war es auch, der die düstere Feststellung traf, die allen Europäern, insbesondere den Deutschen und den Franzosen unter die Haut ging, sie zur Bündelung ihrer Energie veranlassen sollte: "Im Abgrund der Geschichte ist Platz für alle."  

Diese Tradition, die eigene Außenpolitik auf geopolitische Perspektiven und Erkenntnissen zu richten, geriet in der jüngeren Vergangenheit in Vergessenheit, besonders unter der unrühmlichen Amtszeit von François Gérard Georges Nicolas Hollande. Seit dem Amtsantritt Macrons, besonders seit Beginn dieses Jahres, scheint der Staatspräsident Frankreichs in der Außenpolitik erfolge zu suchen, die ihm innenpolitisch bisher nicht gelungen sind..

Paris sucht neue Bündnispartner und versucht die bundesdeutsche Hegemonie in Mittel- und Osteuropa, die von Berlin in keiner Weise für alle Akteure gewinnbringend genutzt wird, zu überwinden. Macron hat ausdrücklich angekündigt, sowohl zur Lösung der Krisen um den Iran als auch der Ukraine mit Russland verhandeln zu wollen. Der US-Präsident Donald John Trump warf Macron daraufhin vor, sich in die US-amerikanische Iran-Politik einmischen zu wollen, worauf der französische Außenminister barsch entgegnete, dass Paris keine Erlaubnis von Washington benötige, um mit Iran eigene Beziehungen zu pflegen.

Der französische Präsident orientiert sich hier anscheinend an gaullistischer Strategie. Charles André Joseph Marie de Gaulle, der wohl größte Staatsmann Frankreichs - vielleicht auch Europas - im 20.Jahrhundert, plädierte für ein starkes Europa, vom Atlantik bis zum Ural, unter Einschluss von Moskau.

Schon früh erkannte der General im Amt des Staatsmannes, dass diese Vision im schroffen Gegensatz zu der Strategie der USA stand. Als De Gaulle im März 1966 sich den Strukturen der Nordatlantikpakt-Organisation (NATO) entzog, liefen die Vorbereitungen für diesen Coup unter strengster Geheimhaltung.

De Gaulle hatte nur seine Außen- und den Verteidigungsminister eingeweiht. Erst unmittelbar hatten die übrigen Minister erfahren, dass Paris seine militärische Mitarbeit in der NATO beenden werde.

In einem Brief an den damaligen US-Präsidenten Lyndon Baines Johnson, erklärte der französische Staatsmann, dass Frankreich beabsichtige „seine volle nationale Souveränität auf seinem Territorium" wiederherzustellen und sich auch nicht mehr an der „integrierten Kommandostruktur des Bündnisses" zu beteiligen.

Paris zog daraufhin am 1. Juli 1966 seine Truppen unter NATO-Befehl zurück. Formell blieb das Land Mitglied des Bündnisses, aber das NATO-Hauptquartier war immerhin gezwungen, von Paris nach Brüssel umzuziehen und seine Truppenverbände größtenteils in die Bundesrepublik zu verlagern.

De Gaulle störte sich zunehmend an der angloamerikanischen Dominanz im Bündnis, das heißt der Herrschaft der USA, die bis heute anhält. Ob Macron über das gleiche Format verfügt, die gleiche Standhaftigkeit, ja das gleiche historische Sendungsbewusstsein, mag stark bezweifelt werden. Dafür ist der amtierende Präsident doch zu sehr ein Günstling der Banken und multinationalen Konzerne, um die sich De Gaulle nie scherte, ja von denen er eben so wenig hielt, wie vom US-Wirtschaftsmodell, welches heute unter dem Begriff „Globalisierung" weltweit vorherrschend ist.

Aber immerhin geht die Initiative Macrons in die richtige Richtung und könnte der Europäischen Union (EU) neue Perspektiven eröffnen, wenn Berlin bereit ist, den zugespielten Ball aufzufangen. Wenn; ja, wenn das Wörtchen „wenn" nicht wäre.

In der hier  eingangs  erwähnten Rede Macrons zur Außenpolitik und zur internationalen Ordnung weist der Präsident daraufhin, dass wir vermutlich am Ende der westlichen Hegemonie leben.

Ferner verweist das französische Staatoberhaupt darauf, dass seit dem 18. Jahrhundert der Westen ein globales System basierend auf seiner eigenen Hegemonie etabliert habe.

Zu Beginn sei das revolutionäre Frankreich der Führer des Westens gewesen, aber schon im 19. Jahrhundert, so Macron, aufgrund der industriellen Revolution, später in den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert, sei diese Führungsmacht erst an Großbritannien, dann an die USA übergegangen.

Macron erläutert, dass wir uns aktuell in einer neuen geopolitischen Ausgangslage befinden. Der Westen habe Fehler begangen; falsche Entscheidungen seien besonders durch die USA getroffen.

Macron macht deutlich, dass sich die geopolitischen Realitäten sich gegen den Westen entwickelten und das wir Zeugen einer Entwicklung seien, in der neue Mächte aufsteigen, deren Auswirkung von uns - dem Westen - lange Zeit in einer Mischung aus Narzissmus und  Fehleinschätzungen unterschätzt seien.

Der Präsident resümiert, dass wir, um diese Mächte anzuerkennen, zuerst nach China, dann nach Russland und Indien zu schauen haben, Länder deren Strategien in den letzten Jahren erfolgreicher gewesen seien als unsere.

Diese neuen Mächte seien nicht nur politische und ökonomische Mächte geworden und hätten damit nicht nur die internationale Ordnung durcheinander gewirbelt, sondern sie hätten auch die politische Ordnung und das politische Denken äußerst wirkungsvoll neu geformt. Die Herausforderung sei nun, Frankreich und Europa in dieser neuen konfliktreichen multipolaren Weltordnung als eine selbstständige balancierende Macht einzubringen und dazu gehöre blockfrei, flexibel und frei zu agieren.

Inwieweit Paris diese Version einer europäischen Emanzipation von den USA umsetzen wird und kann, wird sicherlich auch vom Agieren bzw. Bremsen Berlins abhängen.


Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen. Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Porträt von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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Kommentar11-09-19

Auch bemerkenswert: "We also need to rethink our economic and financial sovereignty. I spoke of Iran earlier. We can continue to defend our Iran agenda with pride. Why do we find ourselves in this situation? Because there is a de facto extraterritoriality of the dollar. Because our companies, even when we decide to protect them and take them forward, are dependent on the dollar. I am not saying that we need to fight the dollar, but we need to build real economic and financial sovereignty of the euro. And we have moved too slowly in this area as well. And what we need to build on is a strengthening, a greater integration of the Euro Area, a greater integration of financial markets of the Euro Area and stakeholders, and a capacity to build everything that truly establishes financial and monetary sovereignty. We are not there yet. And it is essential." https://franceintheus.org/spip.php?article9295





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