25.10.2018 Ramon Schack

Fukuyamas Identitätsfrage und was hält die Gesellschaft noch zusammen?


Werden Identitäten von Menschen zerlegt, wird die daraus ergebende Gemeinschaft entsprechend diversifiziert.

Werden Identitäten von Individuen in ihren Einzelheiten zerlegt, wird die daraus ergebende Gesellschaft entsprechend dividiert.

Im Sommer 1989 erschien in der Fachzeitschrift "The National Interest" ein Beitrag des im US-Außenministerium arbeitenden Politikwissenschaftlers Yoshihiro Francis Fukuyama, der weltweit für großes Aufsehen sorgte und sich wie ein Flächenbrand verbreitete.

Der Zeitpunkt für die Thesen Fukuyamas war äußerst günstig gewählt, der Lauf der Weltpolitik jener Tage schien ihn zu bestätigen. "Das Ende der Geschichte" lautete der Titel dieses Essays, in welchem der Autor (der zuvor bei der Pentagon nahe Denkfabrik RAND Corporation tätig war) das Debakel der sozialistischen Utopie, in diesem Fall der realsozialistischen sowjetischer Prägung, analysierte und zu dem Schluss kam, dass mit dem Erfolg der liberalen Ordnung die denkbaren ideologischen Alternativen erschöpft und der evolutionäre Prozess der Gesellschaftsform zum Abschluss gekommen sei.

Fukuyama bestätigte seine Thesen einige Jahre später. 1992, als er weiterhin für die US-Regierung beschäftigt war, erschien sein Buch "Das Ende der Geschichte", ja und es schien auch so, nach dem Untergang der UdSSR, dass sich nunmehr die liberale westliche Ordnung weltweit durchsetzen würde, da jedwede Alternative gescheitert sei. Doch der Politikwissenschaftler und  seine Anhänger irrten, sie irrten von Anfang an.

Heute sieht es nicht mehr nach dem Endsieg des Liberalismus, der totalen Verwestlichung der Welt aus. Im Gegenteil: Zwar löste der Markt die Planwirtschaft ab, aber statt freiheitlicher Demokratie erstarkte Oligarchie. Das westliche Ideal konkurriert heute mit dem Moskauer Modell der „gelenkten Demokratie" oder mit dem eines zunehmend konfuzianisch geprägten Staatsverständnisses Pekings. Aber auch im alten Westen halten Lobbyisten den Parlamentarismus im Griff, werden Bürger von Suchmaschinen und Geheimdiensten auf eine Weise überwacht, welche die Schreckensvisionen George Orwells bald eingeholt haben dürfte. Überall wachsen antiliberale Bewegungen heran. Sie offenbaren eine Kluft zwischen den politischen Eliten und der breiten Bevölkerung. Sie reagieren auf gesellschaftliche Konflikte. Wo Menschen mit dem Komplexen einer freien Welt nicht fertig werden, sehnen sie sich nach „bewährtem Vergangenen", nach „alter Übersichtlichkeit" zurück. Entladen sich politische Spannungen, fegen sie alte Ordnungen hinweg, stürzen Regierungen und tauschen Eliten aus. Sie schaffen Neues oder auch nur Anderes, nicht immer Ideales. Vielleicht hilft der Ökonom Joseph Alois Schumpeter das Phänomen besser zu verstehen, wenn er von „schöpferischer Zerstörung" spricht.

Ins Wanken geraten ist zum einen nach dem Kalten Krieg die entstandene liberale Weltwirtschaftsordnung, die sich auf die NATO, die westlichen Finanzinstitu­tio­nen und die volle Liberalisierung des Welthandels stützt. Nein, der Ostwind hat bisher nicht über den  Westwind gesiegt, so hatte es Mao Tse-tung einst prognostiziert - doch eine geopolitische Umstrukturierung ist ohne Zweifel feststellbar. Rund drei Jahrzehnte seit Mauerfall in Berlin, ist der chinesische Staatskapitalismus stärker als jemals zuvor. Flankiert vom wachsenden Wohlstand, einer aufsteigenden Mittelschicht, setzt die „sozialistische Marktwirtschaft" Chinas ganz auf die fortschreitende Globalisierung der Märkte, worunter in den meisten westlichen Ländern die verarbeitende Industrie zu leiden hat – vor allem auch die US-amerikanische, die Präsident Donald Trump in seiner ersten offiziellen Rede vor dem „Massaker" zu bewahren versprach.

Wir befinden uns in der seltsamen globalen Ausgangslage, dass die Volksrepublik China zu den Protagonisten des Freihandels avanciert, während die USA auf protektionistische Instrumente zurückgreift. Angesichts dieser für den Westen eher düsteren innen- und außenpolitischen Ausgangslage, hat sich der Verkünder des „Ende der Geschichte" wieder zu Wort gemeldet. Nachdem seine historische Prognose vom Ende der Geschichte sich in den Trümmern von 9/11 und dem darauffolgenden "Krieg gegen den Terror" verflüchtigte - dann 2008 im Rahmen der globalen Finanzkrise sich vollständig in Luft auflöste - klagt der Politikwissenschaftler, der mittlerweile an der forschungsstarken Standford-Universität lehrt, heute darüber, dass die Gesellschaft, er bezieht sich natürlich auf die westliche Gesellschaft, durch Identitätspolitik gefährdet ist. Diese Identitätspolitik, von Fukuayama als Tribalismus bezeichnet, führe zur Fragmentierung der Gesellschaften. Gemäß der Postulate von Multikulturalismus, Antirassismus, Feminismus und anderen Formen dieses Tribalismus beschreibe diese jedoch nicht einen geordneten Zustand des Zusammenlebens unterschiedlicher Gruppen in einer Gesellschaft und deren gemeinsames Streben nach dem Gemeinwohl. Vielmehr führe dieser Kult der Vielfalt zwangsläufig zur Balkanisierung, so Fukuyama.

Unabhängig davon, was man von dem neuen Versuch Fukuyamas halten mag, die Gesellschaft zu erklären und historische Prozesse vorherzusagen, so mag es doch lohnenswert sein darüber nachzudenken, angesichts  der Realitäten die Frage aufzuwerfen, was unsere Gesellschaften eigentlich zusammenhält, bzw. welche Entwicklungen den diagnostizierten Zustand erst herbeigeführt haben. Man wird diese Frage nicht befriedigend beantworten, wenn man die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen  außer Acht lässt, von denen unsere Epoche geprägt wird, vom Börsenkapitalismus, der nicht nur die alten Marktwirtschaften außer Kraft gesetzt hat, sondern auch Grenzen schleift, Waren und Dienstleistungen in Bewegung setzt und Menschen zum Wandern motiviert, beziehungsweise zwingt. Im Westen selbst hat die Frage nach Partizipation und Gerechtigkeit in den liberalen Demokratien, besonders nach der Finanzkrise 2008, einen neuen Höhepunkt entfacht. „Es wurde kein einziges Verfahren gegen jemanden aus den Führungsetagen des Finanzsektors eingeleitet", stellt der  britische Journalist John Lanchester diesbezüglich fest. Das Volk wählt, aber das Kapital entscheidet, nicht die Politik reagiert, sondern die Wirtschaft, so lautet das Urteil, einer wachsenden Anzahl von Wählern, über ihre liberalen Demokratien.  

Fukuyama widmet sich diesen Themen nicht, und verwechselt so Ursache und Wirkung der von ihm nicht zu Unrecht  festgestellten Entwicklung - aber die ökonomische Entmachtung des Staates findet bei ihm nicht statt. Die Beantwortung der Frage, was unsere Gesellschaften  zusammenhält, ist von ihm nicht zu erwarten. "Die Eliten haben ihre Schäfchen ins Trockene gebracht und die Risiken vollständig sozialisiert", erklärte der weltweit führende Rechtspopulist Stephen Kevin Bannon, früher selbst Investmentbanker bei Goldman Sachs. Und das ist das beunruhigende an der Zeit in der wir leben. Nämlich das solche  Aussagen von rechts getätigt werden, während die Linken sich in ihre Lebensstilenklaven zurückziehen oder schon zurückgezogen haben.


Ramon SchackRamon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zeit Online“, „Deutschland-Radio-Kultur“, „Telepolis“, „Die Welt“ und viele andere namhafte Publikationen. Ende 2015 wurde sein BuchBegegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack" veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer.


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Sabrina02-11-18

Ein sehr interessanter Beitrag. So etwas findet man nicht in der Tagespresse.





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