02.07.2018

Interview über Sexualität im Islam und Homosexualität in Iran


Im Folgenden wird ein Interview von Simon Jacob - unter anderem Politikberater, Publizist, Buchautor, Friedensaktivist und Vorsitzender des „Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland e.V. – ZOCD“ - mit Shayan Arkian - unter anderem Experte für iranische Politik und schiitische Theologie, Herausgeber von MultiPerspektivisch und Chefredakteur von IranAnders - über die unterschiedliche Stellung der Sexualität im sunnitischen und schiitischen Islam und rechtliche Stellung der Homosexualität in Iran wiedergegeben.

Simon Jacob: Lieber Shayan, es freut mich, dass du dir Zeit genommen hast, über ein spannendes, aber auch oft missverständliches Thema, nämlich Islam und Sexualität, ein Interview zu geben, worüber in jüngster Zeit viel publiziert wurde, aber oftmals pauschalisiert und undifferenziert.

Fangen wir also mit einer grundsätzlichen Frage an: Welchen Stellenwert hat Sexualität im schiitischen Islam?

Shayan Arkian: Ich hoffe, es wird ein spannendes Gespräch, insofern habe ich zu danken, Simon.

Aber zu deiner Frage: Sexualität hat im schiitischen Islam tatsächlich einen sehr hohen Stellenwert. Erst einmal ist festzuhalten, dass nach islamischer Vorstellung das Ziel der Menschen auf Erden ist, Gott durch Anbetung - die zur Vollziehung von guten Taten und zur Vermeidung von schlechten Taten führen soll - näherzukommen, um so auf den göttlichen Pfad vollkommen zu werden. Dies ist nach schiitischer Auffassung für Menschen, die verschiedene Fähigkeiten wie die Vernunft, aber auch Bedürfnisse wie den Trieb haben, nur mit einer gesunden Sexualität möglich. Mit gesunder Sexualität ist keine prüde Sexualität gemeint, im Gegenteil schließt nach schiitischer Logik eine gesunde Sexualität eine schamlose Sexualität unter Ehepartnern mit ein. Die Schamlosigkeit im Kontext der Sexualität unter Ehepartnern wird in der Tat in den religiös-autoritativen Überlieferungen der Schiiten befürwortend erwähnt. Des Weiteren werden grundsätzlich sexuelle Handlungen unter Ehepartnern als religiös sehr empfohlen bewertet und es gibt in dieser Hinsicht fast keinerlei Tabus. Die Wichtigkeit der Sexualität geht letztlich sogar so weit, dass selbst die Ehefrau die Ehe für nichtig erklären lassen kann, wenn der Ehepartner kategorisch außer Stande ist, mit ihr zu verkehren und dadurch verliert sie nicht einmal ihr Recht auf mindestens die Hälfte der Brautgabe.

Die ideelle Basis, die diesen besonderen Stellung der Sexualität zugrunde liegt, ist, dass nach schiitischer Ansicht im Akt die jeweiligen Seelen von Mann und Frau vollständig werden. Mann und Frau zögen sich gegenseitig an, weil ihnen ein Teil der Seele des anderen Geschlechts fehle und ihre Seelen begehren eben diesen fehlenden Teil. So werde erst im Akt ihre Seelen vollkommen und kommen somit Gott näher. Folgerichtig sei der Muslim nach dem Akt angehalten, die rituelle Vollkörperreinigung (im Fachjargon: Ghusl) zu vollziehen, wie man sie auch bei einem toten Muslim durchführe. Denn beide seien nach dieser Lesart des Islams auf die eine oder andere Weise zu ihrem Schöpfer zurückgekehrt. Nicht von ungefähr führen Schiiten an, werde in vielen Kulturkreisen eine Parallele zwischen Orgasmus und Tod gezogen, so wie auch in Frankreich, in der der Orgasmus bekanntlich mit dem "kleinen Tod“ ("La petite mort") beschrieben werde.

Simon Jacob: Hört sich sehr spannend an. Also dem Vernehmen nach gibt es einen unterschiedlichen Stellenwert der Sexualität zwischen der sunnitischen und schiitischen Auffassung?

Shayan Arkian: Die schiitische Theologie des Islams ist nach meinem Befund sexuell liberaler und freudiger als die derzeit vorherrschende normativ sunnitisch-islamische Geisteswelt, die weiterhin von dem Iraner Al-Ghazali - der sexuelle Enthaltsamkeit empfahl, um Gott näherzukommen - mit beeinflusst ist. Demgegenüber ist die vorherrschende normativ schiitisch-islamische Geisteswelt, besonders in Iran, von dem halb Araber und halb Berber Ibn Arabi mit beeinflusst, der besagt, dass die Liebe zu der Frau / dem Mann, die Voraussetzung für die Liebe zu Gott sei. Im Übrigen waren beide Denker Sunniten gewesen, daher kann man nicht pauschalisierend von unterschiedlichen sunnitischen und schiitischen Auffassungen zum Stellenwert der Sexualität sprechen, es gibt in jeder islamischen Konfession kleinere und größere Milieus, Denker und Strömungen, die etwas als das vorherrschende Mainstream anders sehen. In der sunnitischen Ideengeschichte gab es zudem immer ein Wechsel von vorherrschenden Anschauungen, Doktrinen und Lehren.

Simon Jacob: Du bist also nicht der Meinung, dass der sunnitische Islam prüde ist?

Shayan Arkian: Nein, das kann man so ohne Kontext nicht sagen. Im Vergleich zum Katholizismus ist das Sunnitentum doch allemal sexuell freudig und liberal. Ohnehin gehört der Islam zu den sexuellfreundlichen Religionen. Erlaube mir an dieser Stelle auf ein Faktum hinzuweisen, das unabhängig von Schiitentum und Sunnitentum ist und insgesamt die Sexfreudigkeit des Islams verdeutlicht sowie eine Schlussfolgerung nahelegt, die wohl kaum jemand so provokativ formulierte:

Bekanntlich gibt es im Koran - dem heiligen Buch aller Muslime und der wichtigsten Geistesquelle aller islamischen Konfessionen - die Verse über die Paradiesfrauen/-männer, die Gläubigen mit guten Werken als Lohn im Jenseits versprochen werden. So werden in diesen Versen für das Paradies beispielsweise mit Damen umworben, die als "heiß liebend" beschrieben werden, sie hätten "schöne, große Augen" und würden "wohlverwahrten Perlen" gleichen als ob "sie Rubine und Korallen wären" und zu guter Letzt werden sie gar anzüglich „mit schwellenden Brüsten“ beschrieben. Man könnte deshalb sagen, dass das über 1400-jährige alte und heilige Buch der Muslime vermutlich der Erfinder von Sex sells ist!

Simon Jacob: Ha! So habe ich es auch noch nicht gesehen. Aber gut, kommen wir noch einmal auf die besondere Stellung der Sexualität in der Schia. Ist denn vorehelicher Geschlechtsverkehr im schiitischen Islam denn etwa nicht nur verpönt, sondern tatsächlich auch verboten?

Shayan Arkian: Jeglicher Austausch von Erotik außerhalb der Ehe ist verboten, geschweige dem Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe. Das ist Konsens unter den schiitischen und sunnitischen Rechtsschulen und diese Bestimmung zielt unter anderem darauf ab, die Familie und Frau zu schützen, die an sich eher an stabilen Beziehungen interessiert ist als der Mann.

Allerdings gibt es im schiitischen Islam die Institution der Zeitehe, die in der islamischen Fachterminologie sogar Genussehe heißt, und unter jungen Menschen beliebt ist.

Die Rechtsfigur der Zeitehe hat Ähnlichkeiten zu anderen Eheformen in verschiedenen Ländern, zum Beispiel zu den „Komm- und Probenächten“ im deutschsprachigen Raum oder zum „handfasting“ in Schottland vor der Reformation und weitere Formen gab es im alten Japan usw.. Darüber hinaus hat sie Parallelen zu anderen vorgeschlagenen Eheformen von Denkern wie dem britischen Moralphilosophen Bertrand Russel, dem US-amerikanischen Sozialreformer Ben Lindsey, der nordamerikanischen Ethnologin Margaret Mead oder der Autorin Charlotte Buchow Homeyer. Dort laufen sie unter anderen Begriffen wie „Freundschaftsehe“, „Probeehe“, „individuelle Ehe“ oder „Versuchsehe“. Eine Gemeinsamkeit haben sie dennoch alle: eine vorher festgelegte zeitliche Begrenzung der Beziehung und die Auferlegung von Rechten und Pflichten. In diesem Kontext ist die persische Bezeichnung für außereheliche Beziehungen aufschlussreich: Sie lautet „rechtlose Beziehung“.

So kann man sagen, dass die Zeitehe der Versuch ist, die anfängliche Liebe oder Beziehung in einen geordneten Rahmen, worauf beide Partner sich einigen, zu bringen. Anders als in den fast sexuell-schrankenlosen Gesellschaften, in denen man außerhalb der Ehe zusammenkommen darf, wo von Anfang an keine Klarheit und Gewissheit über die jeweilige Stellung zueinander, über die Absicht des Gegenübers und über die Dauer der Beziehung herrscht, soll die Zeitehe sozusagen Fakten schaffen, damit von Anfang an keine falschen Erwartungen entstehen und böse Überraschungen verhindert werden.

Die Ehe lässt sich nach dieser Anschauung nicht von der lebenslänglichen Dauer her definieren, denn sonst wäre die Scheidung unbedingt verboten, was im Islam nicht der Fall ist. Stattdessen begründet sich die Ehe aufgrund von Rechten und Pflichten der Ehepartner zueinander und diese kann man bei der Zeitehe – im Vergleich zu der konventionalen Dauerehe – flexibler gestalten. Folglich ist in der Zeitehe es möglich, den Sinn und Zweck der Ehe vertraglich festzuhalten. Ebenso sind die Reglements über den Unterhalt, die Erbschaft und sogar über sexuelle Handlungen individuell bestimmbar.

Es ist daher nicht selten der Fall, dass junge Menschen, die im Prinzip einander heiraten wollen, aber aus finanziellen oder anderen Gründen noch nicht diesen Schritt wagen, eine „Zeitehe minus Geschlechtsverkehr“ abschließen – das heißt, alle anderen sexuellen Handlungen sind in der Zeitehe erlaubt, bis auf den letzten Schritt, der quasi von den Ehepaaren bis zur Hochzeitsnacht der Dauerehe aufgespart wird. Die Vertragsfreiheit der Zeitehe ermöglicht eine äußerst flexible Handhabung, von einer Art Verlobung ohne jeglichen Austausch von Erotik bis zu einer Genussehe, in der der Austausch von Sexualität klar und eindeutig im Vordergrund steht.

Simon Jacob: Ist die Zeitehe kulturell und gesellschaftlich geächtet?

Shayan Arkian: Die Zeit- oder Genussehe ist bedauerlicherweise in vielen Kreisen verpönt bis geächtet, obwohl der Klerus sie seit jeher unter anderem als Beweis für die Anpassungsfähigkeit und Universalität des Islams propagiert und sogar von schiitisch-islamischen Großgelehrten als ein religiös empfohlener Akt eingestuft wird! Hier ist also der Klerus – wie nicht so selten - fortschrittlicher als die einfachen Gläubigen und steht den jungen Menschen näher als ihre Eltern. Gerade unter den jungen schiitischen Muslimen im Westen, die mit der alltäglichen geballten Sexualität in der Öffentlichkeit konfrontiert werden, erfreut sich die Zeitehe als Abhilfe zunehmender Popularität. Es ist zu hoffen, dass wenn diese Generation das mittlere Alter erreicht, dies zu einem neuen Umgang mit der Zeitehe in der Community führt.

Simon Jacob: Im Westen wird die Zeitehe oft als Instrument zur Ausbeutung der Frauen oder gar als verschleierte Prostitution bezeichnet.

Shayan Arkian: Dieser Vorwurf ist für mich nicht einleuchtend und widerspricht all dem, wofür der Westen besonders steht, nämlich unter anderem für das Recht auf die sexuelle Lust der Frau. Ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn es die Zeitehe im Buddhismus oder gar Hinduismus geben würde, sie im Westen als eine fortschrittliche Errungenschaft hoch gefeiert worden wäre. Ergo ist dieser schwarzmalerische Blick auf die Zeitehe wohl eher dem machtpolitischen Kampf gegen den schiitischen Iran geschuldet als einer unvoreingenommenen Analyse.

Jedenfalls halten die Befürworter der Zeitehe die Anschuldigung, dass die Zeitehe als Instrument zur Ausbeutung der Frauen dient, für verfehlt, zumal die Zeitehe die Intention des Mannes offenbart - zwangsläufig mit der Bekanntgabe der Dauer der Zeit - und den Frauen, anders als in einer außerehelichen Beziehung, Rechte gibt. Dem Vorwurf der Prostitution wiederum wird damit begegnet, dass die Frau eine Zeitehe – und selbst eine Dauerehe - mit einem neuen oder anderen Partner erst nach mindestens zwei Regelblutungen bzw. nach mindestens 45 Tagen eingehen kann. Zudem gilt ein gezeugtes Kind innerhalb der Zeit- oder Genussehe in jedem Fall als eheliches Kind und der Vater ist per se zum Unterhalt verpflichtet, das heißt, wenn keine andere Vereinbarung im Ehevertrag geschlossen wurde, was in dieser Frage in aller Regel der Fall ist.

Simon Jacob: Homosexualität ist Bestandteil aller Gesellschaften. Wie handhabt man das allgemein im schiitischen Islam?

Shayan Arkian: Auch hier gibt es eine Besonderheit im schiitischen Islam. Zwar ist Homosexualität wie bei den meisten abrahamitischen Religionsgruppen verboten, aber interessanterweise war es gerade der Revolutionsführer der Islamischen Revolution in Iran, Ayatollah Ruhollah Khomeini, der erstmals eine Fatwa herausgab, wonach es Muslimen gestattet ist, ihr Geschlecht zu ändern. Während der Schahzeit drohte den Transvestiten in Iran noch die Todesstrafe. Heute ist aber der Iran das Land nach Thailand, in der die meisten Geschlechtsumwandlungen vollzogen werden, auch weil der Staat operative Eingriffe subventioniert.

Der Gedanke dahinter ist eine theologische Spitzfindigkeit, die wir auch vom Judentum kennen. Sie besagt, dass Gottes Religion vollkommen ist und auf diese Weise hat er alles Schlechte in seiner Religion verboten und alles andere, was in seiner Religion nicht für verboten erklärt wurde oder einfach unerwähnt ist, kann folglich nicht schlecht sein und ist daher erlaubt - andernfalls wäre seine Religion lückenhaft und dementsprechend nicht vollkommen. Nach diesem Konzept ist einerseits Homosexualität verboten, da diese in den für authentisch betrachteten islamischen Schriftquellen so erklärt wird, andererseits aber nicht die Geschlechtsumwandlung, da diese nach Auffassung der religiös-politischen Staatsoberhäupter in Iran nirgends im edlen Qur’an und in den Überlieferungen der Familie des Propheten sanktioniert bzw. erwähnt wird. Demnach sind Geschlechtsumwandlungen nicht nur erlaubt, sondern sie sind sogar zu subventionieren, um die verbotene Tat des Austauschs von Erotik unter gleichen Geschlechtern möglichst zu vermeiden.

Simon Jacob: Werden im schiitischen Iran Homosexuelle wegen ihrer sexuellen Neigung erhängt?

Shayan Arkian: Wenn Homosexuelle sich nicht für die Geschlechtsumwandlung entscheiden, sondern mit dem gleichen Geschlecht sich erotisch betätigen, dann kann dies unter Umständen zu einer strafrechtlichen Verfolgung führen.

Das heißt, die sexuelle Gesinnung alleine reicht nicht aus, die Tat muss ausgeführt werden und die Beweislast ist sehr hoch und komplex. So droht männlichen Homosexuellen die Todesstrafe, wenn ihre Penetration eindeutig von mindestens vier Zeugen, die zudem mehrere Voraussetzungen erfüllen müssen, mit eigenen Augen unmittelbar beobachtet wurde - und dies droht dem aktiven Part einzig und allein, wenn er unter anderem verheiratet ist. Bezeugen es zum Beispiel nur drei oder weniger, so werden diese wegen Verleumdung drakonisch bestraft und jegliche Ermittlungen gegen die Beschuldigten sind verboten!

In diesem Sinne beabsichtigt die Gesetzgebung, dass, wenn schon solch eine Tat stattfindet, sie diskret geschehen soll, um nicht die nötigen vier Zeugen zu haben. Und wenn sie doch einmal beispielsweise von drei oder weniger Personen bezeugt werden kann, dann werden diese sie wegen der drohenden schweren Strafe der Verleumdung nicht kundtun. Im Klartext soll die ausgelebte Homosexualität geheim bleiben, entweder weil sie in einer ausreichenden Diskretion stattfindet oder beispielsweise die drei oder weniger Zeugen nicht davon erzählen. Ziel des Ganzen ist, dass diese Sünde nicht durch erzählerische Verbreitung in der Gesellschaft salonfähig wird und damit an gesellschaftliche Abscheu verliert.

Simon Jacob: In den Medien kursiert aber immer wieder die Zahl von 4.000 hingerichteten Homosexuellen in Iran seit der Revolution von 1979

Shayan Arkian: Ja und einige erwähnen sogar die Zahl von 6.000. Das sind Zahlen, die wohl irgendwann von parteiischen Exil-Oppositionellen in die Welt gesetzt wurden und seitdem von unachtsamen Journalisten immer wieder ungeprüft abgeschrieben werden. Im Falle der Islamischen Republik Iran klappt das auch wunderbar, da sie keine gesellschaftliche Basis im Westen hat und damit auch keine nennenswerten Interessensgruppen in der hiesigen Politik, Medien und Kultur, woraus ein deutlich wahrnehmbarer Widerspruch entstehen würde, um solche blödsinnige Behauptungen unverzüglich und breitflächig als Räuberpistolen zu entlarven. Dies ist mitunter der zentrale und strukturelle Grund, warum der Iran-Diskurs in der westlichen Hemisphäre seit der Revolution von 1979 – mit wenigen Ausnahmen - ausgesprochen eintönig und defizitär ist.

Aber zurück zum Thema: Sowohl Amnestie International (AI) als auch Human Rights Watch (HRW) dementieren diese Zahlen. Es gibt eine Einhelligkeit darüber, dass die meisten Hinrichtungen in Iran aufgrund der Drogenkriminalität, die im Wesentlichen aus Afghanistan importiert wird, vollzogen werden (84 % der weltweiten Beschlagnahmungen von Opium findet nach UN-Angaben in Iran statt). Falls die oben genannten Zahlen stimmen sollten, dann wären in den letzten 37 Jahren in Iran aber mehr Homosexuelle hingerichtet worden als Drogenkriminelle. Dies ist jedoch absurd, zumal Homosexuelle den Ausweg der Geschlechtsumwandlung mit staatlicher Finanzierung haben, die Beweishürde für strafrechtliche Sanktionen auf homosexuelle Taten sehr hoch und komplex ist und lesbische Taten ohnehin nicht mit der Todesstrafe belangt werden. So beziffert selbst die exil-iranische Menschrechtsgruppe "Iran Human Rights" die Zahl der verhängten Todesstrafen in Iran, die im Zusammenhang mit der islamischen Sexualmoral stehen, mit nur einem Prozent.

Simon Jacob: Nach Orlando haben wir eine teils aufgeheizte Stimmung erlebt. Was wünschen Sie sich in so einer Situation?

Shayan Arkian: Auf jeden Fall wünsche ich mir, mehr zu differenzieren, namentlich zwischen den verschiedenen islamischen Schulen und Richtungen. Auch innerhalb des Sunnitentums gibt es Unterschiede. Insbesondere seit dem 20. Jahrhundert gibt es vermehrt progressive sunnitische Gelehrte und Gläubige, die zumindest in bestimmten gesellschaftlichen Situationen die Praktizierung der Zeitehe für möglich halten – auch wenn diese sich in dieser für ihre Community heiklen Frage noch wenig aus der Deckung trauen. Zudem ist anzuführen, dass erst kürzlich der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan öffentlichkeitswirksam eine transsexuelle türkische Sängerin zum Fastenbrechen im Monat Ramadan einlud und neben ihr speiste, Schulter an Schulter, gemeinsam am gleichen Tisch.

Erstmals veröffentlicht am 20.06.2016 bei Oanes Consulting Journalism. Aktualisiert am siehe oben rechts.


Keine Kommentare





* Bitte haben Sie Verständnis, dass die Redaktion Beiträge editiert oder nicht freigibt mit dem Ziel einen moralischen Austausch zu gewährleisten.