09.11.2017 Evan Andrews

Warum der berberische Gelehrte Ibn Battuta der größte Entdecker aller Zeiten ist


Der Entdecker Ibn Battuta auf einem Pferd und hinter ihm eine Karte über seine hinterlegten Reisen.

Der Entdecker Ibn Battuta auf einem Pferd und hinter ihm eine Karte über seine hinterlegten Reisen.

"Der berühmteste Reisende der Geschichte" ist ein Titel, der üblicherweise Marco Polo, dem großen venezianischen Wanderer, der im 13. Jahrhundert China besuchte, zugesprochen wird. Die von ihm zurückgelegte Strecke wird jedoch weit von der des muslimischen Gelehrten Ibn Battuta übertroffen. Letzterer mag außerhalb der Islamischen Welt wenig bekannt sein, verbrachte er doch die Hälfte seiner Lebenszeit damit, die weiten Landstriche der östlichen Hemisphäre zu durchqueren. Lediglich um seine Reiselust zu befriedigen, wagte er sich – oft unter Einsatz seines Lebens - in über 40 heutige Nationen und das zu Lande, mit dem Kamel oder zu Fuß und auf dem Seeweg. Als er nach 29 Jahren schließlich heimkehrte, hielt er seine Ausflüge und Exkursionen in dem umfangreichen Reisebericht Rihla fest.

Geboren in Tanger, Marokko, wuchs Ibn Battuta in einer Familie islamischer Richter heran. Im Jahr 1325 brach er mit 21 Jahren von seiner Heimat in den Nahen Osten auf. Er beabsichtigte, die Hajj (die muslimische Pilgerreise in die heilige Stadt Mekka) zu verrichten, und er wünschte, auf dem langen Weg das Islamische Recht zu studieren. "Ich brach alleine auf", so erinnerte er sich später, "weder begleitet von Mitreisenden, deren Begleitung mir Erheiterung bereiten könnte, noch mit einer Karawane, der ich mich anschließen könnte, sondern angetrieben von einem inneren, überwältigenden Impuls und einem Wunsch, den ich lang in meiner Brust gehegt hatte, diese glorreichen Heiligtümer aufzusuchen."

Ibn Battuta begann seine Reise alleine auf einem Esel, aber er schloss sich bald einer Pilgerkarawane an, die sich gen Osten durch Nordafrika schlängelte. Der Weg war felsig und wurde von Räubern heimgesucht und obendrein bekam der junge Battuta frühzeitig ein so hohes Fieber, sodass er gezwungen war, sich selbst an den Sattel festzubinden, um nicht zu kollabieren. Nichtsdestotrotz fand er bei einem Zwischenaufenthalt die Zeit, eine junge Frau zu heiraten - die erste von etwa zehn Frauen, die er auf seine Reisen letztendlich heiratete und von denen er sich wieder scheiden ließ.

In Ägypten studierte Battuta Islamisches Recht und tourte durch Alexandria und die Metropole Kairo, die er als "beispiellos in Schönheit und Pracht" beschrieb. Hiernach führte es ihn weiter in Richtung Mekka, wo er an der Hajj teilnahm. Seine Reisen hätten hier ein Ende finden können, aber mit der Beendigung der Pilgerfahrt beschloss er, die muslimische Welt bzw. das Dar al-Islam weiter zu bewandern. Battuta selbst führt an, dass es ein Traum - in dem ein großer Vogel ihn auf seine Schwingen nahm und "nach einem lang währenden Flug nach Osten dort zurückließ" - war, der ihn dazu antrieb. Ein heiliger Mann interpretierte diesen Traum so, dass Ibn Battuta die Welt durchziehen würde, und der junge Marokkaner strebte nunmehr die Erfüllung dieser Prophezeiung an.

Battutas kommende Jahre waren durchzogen von Reisen. Er gesellte sich einer Karawane bei und tourte durch Iran und Irak, und später wagte er sich noch weiter nördlich in das heutige Aserbaidschan. Nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Mekka trekkte er durch Jemen und unternahm eine Seereise zum Horn von Afrika. Von dort aus besuchte er zuerst die somalische Stadt Mogadischu, bevor er sich südlich des Äquators begab und die Küsten von Kenia und Tanzania erkundete.

Beim Verlassen Afrikas heckte Ibn Battuta einen Plan aus, nach Indien zu gelangen, um sich dort, so hoffte er, eine lukrative Stelle als Qadi, das heißt als islamischer Richter, zu sichern. Er folgte einer geschlängelten Route gen Osten, durch Ägypten und Syrien, bevor er in die Türkei segelte. Wie immer verließ er sich auf seinen Gelehrtenstatus, um in den muslimisch kontrollierten Ländern die Gastfreundschaft der Einheimischen zu erlangen. Und es geschah auf seinen Reisen oft, dass er mit Geschenken wie feiner Kleidung, Pferden und sogar Konkubinen und Sklaven überschüttet wurde.

Von der Türkei aus überquerte Battuta das Schwarze Meer und betrat den Herrschaftsbereich von Uzbeg, einem Khan der sogenannten Goldenen Horde. An dessen Hof war er willkommen, und später begleitete er eine der Frauen des Khans nach Konstantinopel. Battuta verweilte einen Monat in der byzantinischen Stadt, besuchte die Hagia Sophia und erhielt sogar eine kurze Audienz beim Kaiser. Da dies sein erster Aufenthalt in einer großen, nicht-muslimischen Stadt war, erstaunte ihn vor allem die Sammlung der "beinahe unzähligen" christlichen Kirchen innerhalb der Stadtmauern.

Als nächstes reiste Battuta weiter ostwärts durch die Eurasische Steppe, um via Afghanistan und den Hindukush nach Indien zu gelangen. Angekommen in Delhi im Jahr 1334, gelang es ihm, die erhoffte Stelle als Richter unter dem mächtigen Sultan Muhammad Tughluq zu erlangen. Battuta absolvierte die angenehme Tätigkeit für mehrere Jahre; er heiratete und wurde sogar Vater von mehreren Kindern. Mit der Zeit wurde er jedoch misstrauisch gegenüber dem launenhaften Sultan, der dafür bekannt war, seine Feinde zu verstümmeln und zu töten - gelegentlich durch Elefanten, die mit Schwertern an ihren Stoßzähnen bestückt wurden. Eine Gelegenheit zur Flucht bot sich schließlich im Jahr 1341 an, als der Sultan Battuta zu seinem Gesandten im mongolischen Hofe Chinas auserkoren hatte. Nach wie vor abenteuerlustig, brach der Marokkaner als Führer einer Karawane mit Sklaven und voll bepackt mit Geschenken auf.

Battutas Reise nach Südostasien erwies sich jedoch als das schlimmste Kapitel seiner Odyssee. Hindu-Rebellen schikanierten die Karawane auf ihrer Reise zur indischen Küste, woraufhin Battuta gar entführt und bis auf sein letztes Hemd ausgeraubt wurde. Er schaffte es danach zwar bis zum Hafen Kalikuts, doch am Vorabend der Seereise wurden seine Schiffe von einem heftigen Sturm erfasst und ins Meer hinaus getrieben, wo diese sanken, und viele aus seiner Gruppe ertranken.

Diese Kette an Katastrophen ließ Battuta sprichwörtlich gestrandet und entwürdigt zurück. Es grauste ihm, sich so beim Sultan blicken zu lassen. Stattdessen entschied er, sich auf eine Seefahrt nach Süden, zum Archipel der Malediven im Indischen Ozean, zu machen. Er blieb für ein Jahr auf den idyllischen Inseln, schlug sich den Bauch mit Kokosnüssen voll, ehelichte mehrere Frauen und verdingte sich abermals als islamischer Richter. Er wäre vielleicht länger auf den Malediven geblieben, doch nach einem Zerwürfnis mit den dortigen Herrschern setzte er seine Reise nach China fort. Nach einem Zwischenstopp auf Sri Lanka, fuhr er auf Handelsschiffen durch Südostasien. Vier Jahre nach dem Aufbruch aus Indien im Jahre 1345 erreichte er den umtriebigen chinesischen Hafen von Quanzhou.

Das mongolische China beschrieb Battuta als "das sicherste und vortrefflichste Land für Reisende", und er lobte dessen landschaftliche Schönheit, brandmarkte indes auch die Einheimischen als "Heiden" und "Ungläubige". Verstört durch die ungewohnten Riten und Praktiken hielt sich der fromme Reisende meist unter den örtlichen muslimischen Gemeinschaften auf und lieferte nur vage Beschreibungen von Metropolen wie Hangzhou, die er "die größte Stadt, die ich auf dem Angesicht der Erde gesehen habe", nannte. Historiker debattieren bis heute, wie weit er tatsächlich gekommen ist. Er dagegen gibt an, bis nach Peking im Norden gelangt zu sein und den berühmten Kaiserkanal überquert zu haben.

China markierte auch das Ende von Battutas Reisen. Indem er den Rand der damals bekannten Welt erreicht hatte, machte er schließlich kehrt und reiste nach Hause, nach Marokko, zurück. Im Jahr 1349 erreichte er schließlich Tanger. Seine Eltern waren bereits verstorben, und somit hielt ihn dort nichts lange auf - er machte daher noch einen Ausflug nach Spanien, bevor er sich auf eine jahrelange Exkursion durch die Sahara zum malischen Reich begab und dort Timbuktu besuchte.

Während seiner Abenteuer hat Battuta keine Aufzeichnungen gemacht, aber mit seiner Rückkehr nach Marokko im Jahr 1354 begann er auf Befehl des dortigen Sultans mit dem Zusammentragen seines Reiseberichts. Er verbrachte das nächste Jahr damit, seine Geschichte einem Schriftsteller namens Ibn Juzayy zu diktieren. Heraus kam dabei die mündlich überlieferte Geschichte namens "Ein Geschenk an diejenigen, die über die Wunder der Städte und des Reisens nachdenken", besser bekannt als die Rihla (Reisen). Das Buch war damals zwar nicht über alle Maßen beliebt, gilt aber heute als eines der anschaulichsten und umfangreichsten Schilderungen der Islamischen Welt des 14. Jahrhunderts.

Nach Vollendung der Rihla verschwand Ibn Battuta fast aus den Annalen der Geschichte. Es wird angenommen, dass er noch als Richter in Marokko tätig war und um das Jahr 1368 verstarb - viel mehr ist nicht bekannt. Es scheint, als sei der große Wanderer - nach einem Leben auf Reisen - letztendlich zufrieden an einem Ort verblieben.

Erstmals veröffentlicht am 20. Juli 2017 beim US-Fernsehsender HISTORY. Übersetzt von Susanna Hesse.


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